Rosa Luxemburg, bolschewisiert

Ohne selbst zu einem abschließenden Urteil über Dietmar Daths kürzlich erschienene Einführung in Leben und Werk Rosa Luxemburgs gekommen zu sein, dokumentieren wir hier einen erfrischenden Verriss, der – Überraschung! – nicht in der Jungen Welt oder in KONKRET und auch nicht in der AK erschien, sondern … in der TAZ. Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn, und das Korn ist in diesem Fall eben jener Text von Felix Baum, den man aus einigen Debatten in der Jungle World und der Phase 2 kennen sollte.
Dath darf alles – darin sind sich Linke und fast das gesamte Feuilleton einig. »Wer diese Biografie über Rosa Luxemburg liest, braucht nie wieder eine zweite«, faselte eine Johanna Schmeller in der WELT (!), ein Urteil, das zwingend voraussetzt, dass man die maßgeblichen Luxemburg-Biographien von Paul Frölich und John Peter Nettl nicht kennt und selbstverständlich auch nicht die wichtigen Studien von Raya Dunayevskaya, Tony Cliff und Norman Geras.
Dass Linke für gewöhnlich wild entschlossen sind, Dath zu bewundern, geht schon irgendwie in Ordnung, schließlich macht es (fast) immer Spaß Dath zu lesen, und außerdem will man ja selbst auch gerne das sein, was Dath seit einigen Jahren ist: superdick im Geschäft, eine Person des öffentlichen Lebens, hofiert von Kluge, Schirrmacher und Gremliza (bemerkenswerte Koalition!). Bewunderung geht aber immer auf Kosten des Reflexionsvermögen, und in diesem Sinne ist der Baum’sche Verriss eine kleine »Hallo Wach!«-Pille. [Das letzte Wort zu Lenin ist freilich auch noch nicht gesprochen, Genosse!]

Bolschewistisch retouchiert
Um Rosa Luxemburg soll es gehen, doch die heimliche Hauptfigur ihrer Biografie, die Dietmar Dath gerade veröffentlicht hat, heißt Lenin. Gegen die landläufige Verharmlosung Luxemburgs zu einer guten Demokratin, die eigentlich nur die Freiheit der Andersdenkenden im Sinn gehabt habe, bietet Dath eine bolschewistische Luxemburg auf, die sich mit dem russischen Revolutionsführer in allen wichtigen Fragen einig und ansonsten im Unrecht gewesen sei.
Luxemburgs Polemik gegen den bolschewistischen Kult der Parteidisziplin taucht ebenso wie ihre Kritik der russischen Revolution nur am Rande auf und wird sorgsam retouchiert. Beispielsweise war der autoritäre „Nachtwächtergeist“ nicht eine mögliche Entwicklung, vor der sie „Angst“ (Dath) hatte, sondern dieser, so schien ihr, lag Lenins „Ultrazentralismus … in seinem ganzen Wesen“ immer schon zugrunde. Auch hatte sie keineswegs behauptet, der Reformismus komme „nur im Westen“ (Dath) vor, sondern sie kritisierte Lenins bürokratische Illusion, diesen „durch ein Organisationsstatut von der Arbeiterbewegung fernzuhalten“. Überhaupt erwärmt sich Dath für den verblichenen Staatssozialismus und bewundert Lenin für die „immerhin siebzig Jahre währende Destabilisierung der kapitalistischen Geschäftsgrundlagen“ – als hätte irgendetwas die Arbeiterklasse im Westen stärker an die Verhältnisse gekettet als die schaurige Karikatur der befreiten Gesellschaft im Osten.
Dath wertet Stalins Urteil über Luxemburgs Eingriffe in die russischen Debatten als „historisch zutreffend“ und dessen Gedonner gegen die „organisatorische und ideologische Schwäche“ der westeuropäischen Linken vor 1914 als „nicht eben leicht von der Hand zu weisende Erinnerung ans Schicksal Luxemburgs und Liebknechts“. Weniger konziliant zeigt sich Dath gegenüber den antiautoritären Strömungen der alten Arbeiterbewegung. Den Rätekommunisten Anton Pannekoek, der die Bedeutung aufklärerisch wirkender Organisationen nie bestritt, kanzelt er als „doktrinären Spontaneisten“ ab. Den Linksradikalen hält er im Geiste staatsmännischer Verantwortungsethik vor, sich an Bewegungen zu orientieren, die „gescheitert sind und also keine Gelegenheit bekamen, mit der Macht irgendetwas Verwerfliches anzustellen“. Dieses Lied kennt man von der DKP; es ist die ins Politische gewendete Rede des Spießers an die Jugend, sie möge doch erst mal Arbeiten gehen, also sich die Hände schmutzig machen, bevor sie herumnörgelt.
Die Eroberung der Staatsmacht war Alpha und Omega der alten Arbeiterbewegung, der auch Luxemburg verhaftet blieb. Ob ihr Denken nur auf einen demokratischeren Staatssozialismus zielte oder ihre Schriften etwas bieten, das für die Aufhebung des Kapitals heute, unter anderen Bedingungen, von Belang wäre, ist eine Frage, die Dath nicht einmal zu stellen vermag.
Felix Baum