Antikommunist. Liberal. Und natürlich Rassist, Ehrensache!

In der aktuellen Jungle World ist ein Band mit (Kurz-)Erzählungen von Marko Martin besprochen. Der Autor wird so charakterisiert:
»Marko Martin ist Antikommunist, doch ist er kein Rechter, sondern ein Liberaler, auch wenn das Wort „liberal“ dank einer merkwürdigen Partei heute so einen hässlichen Beiklang hat. Für sein eigentliches Umfeld wiederum ist er wahrscheinlich sogar ein Linker.«
Was der Rezensent Jörg Sundermeier zu erwähnen vergessen hat: Marko Martin ist auch ein Meister der kleinen imperialistisch-rassistischen Miniatur. So fielen ihm zur jüngsten Naturkatastrophe in Haiti, die eine durch und durch soziale ist, folgende – ja klar: ketzerische, kühn gegen den Mainstream stehende, lupenrein liberale – Zeilen ein:

»Ist es herzlos, jetzt im Augenblick der größtmöglichen Katastrophe die Frage zu wagen, weshalb ausgerechnet Haiti, immerhin bereits 1804 unabhängig geworden, zu einer Art Vorhölle werden konnte? Experten sagen, dass erdbebentaugliche Bauweise (wie etwa im rationalen Costa Rica seit den Fünfzigerjahren Usus) ein Massensterben verhindert hätte. Auch weisen sie darauf hin, dass ein Land, welches seine Bodenschätze nicht nutzt und stattdessen Wälder abholzt, zur perfekten Einflugschneise für Hurrikans wird. Weshalb jedoch dieser empörende Mangel an Vorausschau?
Kolonialismuskritiker führen gern die Vokabel von der „Entfremdung“ bzw. der „Zerstörung organisch gewachsener Kultur“ im Mund, um jede Dritte-Welt-Abstrusität zu erklären. Was aber, wenn die Haitianer, zu 90 Prozent homogene Nachfahren afrikanischer Sklaven, auf geradezu furchterregende Weise „authentisch“ geblieben sind, Täteropfer ihres obskurantistischen Voodoo-Kultes, der jedes abgewogene Moralsystem vitalistisch unterminiert? Von Mario Vargas Llosa stammt der strenge, im Grunde jedoch mitfühlende Satz: „Wichtige Elemente einer sogenannt autochthonen Kultur müssen verschwinden, will man die Existenz der in ihr Lebenden retten.“«

Es stimmt, dass Haiti seine Bodenschätze nicht genutzt hat, das haben stets andere für die Bevölkerung gemacht. Die entscheidende Zerstörung der haitianischen Flora geht etwa auf die amerikanische Besatzung (1915-1934) zurück, die Besatzer veranlassten eine Reduzierung des Baumbestandes von 60 auf 20 Prozent, um großflächige Sisal-Plantagen anzulegen. (Lustig auch, dass Martin als Gegenbild zu Haiti Costa Rica einfällt und nicht etwa das benachbarte Kuba, wo bei Sturmwinden erheblicher Sachschaden entsteht, aber für gewöhnlich kein Mensch physisch zu Schaden kommt.)
Den anderen Dreck – von wegen: 90 Prozent homogene Nachfahren afrikanischer Sklaven – mag man kaum kommentieren, vielleicht trotzdem der Hinweis darauf, dass die Sklavenbevölkerung von Saint Domingue so heterogen war, dass sie ihre eigene Sprache – Creole – erfunden hat. Auch die synkretistischen Voodoo-Rituale sind vor diesem Hintergrund kaum als »authentisch« anzusehen. Und wenn wir schon von Moral reden, dann bitte so — aus dem Voodoo stammt nämlich auch folgender Satz (heute noch auf der ein oder anderen Scheißhaustür bei Ford oder Opel zu lesen): Wenn Arbeit etwas Schönes wäre, hätten die Reichen sie den Armen nicht überlassen.
Man kann sagen: Es hat im 20. Jahrhundert kein Massaker auf Haiti gegeben, dass die USA nicht entweder selbst initiiert haben oder doch zumindest politisch in Auftrag gegeben und abgesichert haben. Aristide, wie korrupt, eitel und letztendlich fatal seine Politik auch immer gewesen sein mag, ist in den Jahren vor dem zweiten Putsch gegen ihn ökonomisch regelrecht stranguliert worden, auch von der EU, aber doch hauptsächlich von den USA. Es ist absurd, den Opfern des Imperialismus vorzuwerfen, sie wären eben dies: Opfer. »Logisch« geht das nur, wenn man sie zu, mindestens, »Täteropfern« erklärt (ein tolles Wort; reserviert aber ausschließlich wohl für Neger; man stelle sich das Alarmgeschrei vor, jemand würde die israelische Politik als Produkt von »Täteropfern« bezeichnen) und dies aus einer »Dritte-Welt-Abstrusität« herleitet.
Und noch was: Haiti ist nicht »immerhin bereits 1804 unabhängig geworden«. Die Passivform ist verräterisch. Die Sklaven Saint Domingues haben sich in einer Revolution und dann in einem äußerst brutalen Befreiungskrieg, den Napoleon ihnen aufgezwungen hat, unabhängig erklärt. Das ist ein Unterschied, nicht wahr?
Dieser kleine Kommentar von Martin ist kein großer, kein wichtiger Text. Aber der Dreck quillt durch die Ritzen. Und die Tradition der Verleugnung, Verdrängung, des Verächtlichmachens und des Kleinredens der haitianischen Revolution – die ist wirklich groß.

Erinnert werden soll noch an dieser Stelle an Georges Anglade, einem der wichtigsten zeitgenössischen (Exil-)Schriftsteller Haitis, der am Tag des Erdbebens zusammen mit seiner Frau in seinem einstürzenden Haus erschlagen wurde. Einige seiner Werke, »Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?«, »Das Lachen Haitis, Ein Mosaik in 90 Lodyans«, liegen auch auf Deutsch vor. Angalde schrieb vor zwei Jahren in der NZZ angesichts der Food-Riots auf Haiti über das Nationalheiligtum Haitis, dessen »Opferung« man als Symbol des eliminatorischen Neoliberalismus betrachten muss:

»Haiti hat sein eigenes und besonderes Signal, das anzeigt, dass man ganz unten angekommen ist. Ein Signal, das sich trotz all den Greueln, welche die Geschichte des Landes seit der Gründung der Kolonie Santa Domingo im 18. Jahrhundert überschatteten, bis in die jüngste Zeit noch niemals, absolut niemals manifestiert hat. Ich meine damit die Zerstörung des haitianischen Wunderbaums, des Mangobaumes, der den Menschen auf der Insel heiliger ist als den Indern ihre Kühe.
Nach dreihundert Jahren ist der Mangobaum, den Generation nach Generation verehrt und gehegt hat, der letzte Überlebende der zerstörten haitianischen Flora. Man könnte fast sagen, dass es bisher ein Sakrileg war, die Axt an einen dieser Bäume zu legen, die den Menschen alljährlich die fünfmonatige Hungerzeit überbrücken helfen. Während rund hundertfünfzig Tagen – zwischen der Saatperiode im Mai und der Erntezeit im November – sind es zwei, drei Mangos pro Tag und Person, die den nagenden Hunger stillen. Das ergibt drei Milliarden Mangos pro Jahr: eine gewaltige Anzahl, von Bäumen geerntet, die wachsen, wo immer ein Baum wachsen kann; von Bäumen, die zu fällen ein wenig schnelles Geld und die Gewissheit künftigen Hungers bedeutet.
Trotzdem sieht man seit zwei Jahren, was man in Haiti nie zuvor sah: Planken aus dem rotem Holz des Mangobaums, die am Straßenrand für Bauzwecke feilgeboten werden. Klafterweise Mangoholz, für die Öfen der Destillerien bestimmt. Säcke mit Kohle aus Mangoholz, zu Haufen getürmt, um auf die in Richtung Port-au-Prince fahrenden Camions verladen zu werden.
Die Regierung war taub für sämtliche schrillenden Alarmglocken – obwohl der haitianische Staatspräsident, der Premierminister, der Vorsitzende des Senats, der Landwirtschaftsminister und sein Staatssekretär allesamt ausgebildete Agronomen sind. In den Menschen wuchs das Gefühl, dass man sich „dort oben“ über ihren Hunger mokierte; und weil dieses Gefühl berechtigt war, trugen sie ihre Wut auf die Straße.«

Nachtrag: Das wichtigste Buch zur haitianischen Revolution, wenn auch in Details überholt, nämlich „Die schwarzen Jakobiner“ von C.L.R. James, über den wir demnächst ausführlicher erzählen, findet sich hier.