Kritik des Zwecks

Der englische Schriftsteller, Kunsthistoriker, Künstler und – last not least – militante Marxist John Berger hat vor anderthalb Jahren einen auch für seine Verhältnisse überaus zornigen Essay vorgelegt: »Mit Hoffnung zwischen den Zähnen. Berichte von Überleben und Widerstand« (Wagenbach Verlag, Berlin 2008; das original erschien 2007). Im Mittelpunkt steht der Kampf der palästinensischen Subalternen gegen die israelische Besatzungsmacht, »die Haltung unbesiegter Verzweifelung«, wie Berger die Innenseite oder auch den subjektiven Faktor dieses Kampfes nennt. Berger ist ein Meister der genauen Beobachtung, jeder, der bloß einen seiner kunsthistorischen Essays gelesen hat, weiß, dass diese Beobachtungsgabe ihn zu seinen legendären assoziativen Höhenflügen erst befähigt. Berger ist kein Schwafler. Aber er weiß natürlich um seine Könnerschaft, und diese Selbstsicherheit lässt seine Miniaturen haarscharf an der Grenze zur Eitelkeit und zum Kitsch entlangschrammen. Leider ist »Mit Hoffnung zwischen den Zähnen« aus diesem Grund nicht uneingeschränkt zu empfehlen, seine Betrachtungen etwa zu Arafat geraten doch allzu ambivalent. Niemals stilisiert er Opfer und Täter zu den konkret-empirischen Zeitläuften enthobenen Figuren, aber die Gabe der genauen Beobachtung schützt trotzdem nicht vor idealistisch-holzschnitzartigen Wirklichkeitseinschätzungen.
Es geht aber hier streng genommen gar nicht um Berger, sondern um eine wirklich schöne Passage aus seinem Buch, in der sich eine Kritik des Zwecks verbirgt.
Die Frage, in der ein oder anderen Form schon zigtausendfach in linken Debatten gewälzt, ist: Bewertet man eine soziale Bewegung nach dem Zweck, den sie sich selbst stellt oder danach, was in (und mit) der Bewegung in ihrem Verlauf passiert – wie sich durch sie die sozialen Beziehungen bereits im Kampf ändern? Oder dichotomisch formuliert: Ist eine Bewegung Essig, wenn sie nicht einen, sagen wir: absoluten, nicht zu vereinnahmenden, die Gesellschaft radikal transzendierenden Zweck verfolgt? Oder gibt es eine Radikalität in der Situation, im jeweils aktuellen Handeln, die die Gesellschaft mehr erschüttert (und die Bewegung dabei über sich hinauszutreiben hilft) als jedes Programm? Die (poitive/negative) Beantwortung dieser Fragen hat Rückwirkungen auf das, was wir unter Bewegung verstehen, was sie wirklich ist. Kein leichtes Spiel.

John Berger:

Kämpfe gegen Ungerechtigkeit, Kämpfe ums Überleben, Kämpfe für Selbstachtung und Menschenrechte sollen nie nur im Hinblick auf ihre unmittelbaren Forderungen, ihre Organisationen oder ihre historischen Konsequenzen betrachtet werden. Sie können nicht auf ’Bewegungen’ reduziert werden. Eine Bewegung bezeichnet eine Masse von Menschen, die sich kollektiv auf ein bestimmtes Ziel hinbewegen und dieses Ziel entweder erreichen oder verfehlen. Eine solche Definition übergeht oder übersieht jedoch die zahllosen persönlichen Optionen, Begegnungen und Erkenntnismomente, all die Opfer, neuen Sehnsüchte, Kümmernisse und schließlich auch Erinnerungen, die zwar mit der Bewegung entstanden sind, strenggenommen aber nur beiläufig mit ihr zu tun haben.
Das Versprechen einer Bewegung ist ihr künftiger Sieg; die Versprechungen der bewegenden Momente am Wegrand sind dagegen unmittelbar. Zu solchen Momenten – ob lebenssichernd oder tragisch endend – auch die Erfahrung von Freiheit durch Handeln. (Freiheit ohne Handeln gibt es nicht.) Solche Momente sind transzendent – das, was Spinoza »ewig« nannte – wie kein historisches ’Resultat’ es jemals sein kann, und sie sind zahlreich wie die Sterne in einem sich ausdehnenden Universum.
Nicht jede Sehnsucht führt zur Freiheit, aber Freiheit ist die Erfahrung einer Sehnsucht, die als solche angenommen und bewusst gewählt wird, um ihr unbeirrt zu folgen. Der Sehnsucht geht es nie um den bloßen Besitz einer Sache, sondern um die Veränderung eines Zustands. (…)