Entmischendes, trennendes Denken. (Basisbanalitäten)

Irgendwo in einer der zahlreichen Israelkritik- und Finkelstein-Diskussionen bei Rhizom hat jemand gepostet, dass Israelsolidarität – jene unbedingte und kategorische – sich mittlerweile zum geistigen Wehrdienst entwickelt.
Der Satz trifft es ganz gut: Denn der Wehrdienst ist eine Übung in unbedingtem Gehorsam – und in Eigenverantwortlichkeit und Selbstbewusstsein: Soldaten sind bekanntermaßen Staatsbürger in Uniform und sollen eben keine Tötungsmaschinen sein. Dass die schlimmsten Tötungsmaschinen freilich solche sind, die nicht nur qua Abrichtung wüten, sondern dass auch im Bewusstsein moralischer Überlegenheit tun, ist ein alter Hut. Schon Hegel hat in einer wenig gelesenen, aber sehr instruktiven Stelle seiner Rechtsphilosophie den Soldaten als die Synthese des bedingungslos Staatshörigen und des auf eigene Faust handelnden, draufgängerischen, kurzum: todesmutigen Bourgeois beschrieben (Hegel tat dies freilich in apologetischer Absicht).
So zeichnet sich der geistige Wehrdienst nicht nur durch die Verinnerlichung der Staatsräson aus, sondern auch durch die Selbstgewissheit, man sei ungeheuer nonkonformistisch, autonom gegenüber der dumpfen Barbarei seiner Umwelt und also intellektuell dieser Umwelt überlegen.
Die große Wut, die jemandem wie Moshe Zuckermann entgegenschlägt, liegt nicht darin begründet, dass er vielleicht an einer pro-palästinensischen Veranstaltung zuviel teilgenommen hat, sondern darin, dass er diesen geistigen Wehrdienst als deutsche Selbstbespiegelung beschreibt und kritisiert und in ihr ganz und gar nicht einen adäquaten Zugriff auf die israelisch-palästinensische Realität sieht. Das ist natürlich schockierend zu erfahren, dass der Nonkonformismus der Israelsolidarität kaum etwas anderes ist als die individualisierte Staatsräson, die Veredelung der staatsbürgerlichen Persönlichkeit – weswegen umgekehrt Zuckermann vorgeworfen wird, er sei einer der Selfhaters. Die Selbstbespiegelung wird dem Kritiker selbst unterstellt, der in seiner Kritik nur seinen Hass auf… sich selbst? sein »Volk«? »seine« Nation? … sublimiert.
[Dieser Isrealsolidarität entspricht komplementär eine idealistische Israelkritik, die sich aus der »Verantwortung der eigenen Geschichte gegenüber«, also auch aus einem Ehrgefühl, legitimiert – gerade als Deutscher könne man nicht weggucken, wenn … Idealistisch ist diese Kritik deshalb, weil ihr eine imaginierte Staatsräson – eigentlich müsste dieser Staat sich doch ganz anders gegenüber Israel verhalten – zugrunde liegt.]
Die Israelsolidarität – jene unbedingte und kategorische – zeichnet sich generell und durchgängig durch ein entmischendes, trennendes Denken aus. Nichts hängt mit nichts zusammen, Schuld hat immer das Opfer. Ein Zusammenhang zwischen Besatzung und Terror? Unmöglich! Relativierend! Verharmlosend! Die Gründe für den Terror müssen bei den Terroristen selber liegen – in ihrem Islam (galten die Palästinenser nicht noch vor zehn Jahren als die säkularste arabisch-muslimische Community?), ihrem Fellachentum, ihrer generell antiwestlichen Identität – was auch immer! Dass Leute, die sich immer noch als Marxisten, Kommunisten oder zumindest Ideologiekritiker sehen, dermaßen geistig selbstverstümmeln, indem sie das Denken in Zusammenhängen – das ist Dialektik, Baby! – kappen, wer hätte das einst für möglich gehalten? (Die Frage ist rhetorisch.)

Im Folgenden bringen wir einen etwas älteren Text (2002), der vor allem eins ist: nicht originell. Er ist auch nicht »komplex« und erst recht nicht selbstquälerisch. Er ist sehr einfach und zugänglich – weil die »Basisbanalitäten«, ein mittlerweile arg strapazierter Begriff, einfach und jedermann/frau zugänglich sind. Eigentlich.
Der Text stammt von Ton Veerkamp, einem evangelischen Theologen, der jahrzehntelang Studentenpfarrer in Berlin war, und der sich selbst als Kommunist und Marxist begreift. Er hat einige schöne Bücher und Pamphlete geschrieben (»Autonomie und Egalität. Ökonomie, Politik und Ideologie in der Schrift«, 1993; »Der Gott der Neoliberalen«, 2005) und ist Mitherausgeber von »Texte und Kontexte«, einem Periodikum für Bibel-Exegese. Die Bibel wird von ihm konsequent sozialgeschichtlich ausgelegt im Hinblick auf die Klassenkämpfe, die in ihren Erzählungen aufgespeichert sind.

[Editorischer Hinweis: Der Essay ist eigentlich zu umfangreich für einen Blog-Eintrag. Wer nicht scrollen will, kann ihn sich hier herunterladen, kommt aber nicht umhin, ans Ende der TuK-Seite zu scrollen.]

Ton Veerkamp
Welches Israel?
(Mai 2002)

(abgedruckt in: TuK 93/94 [1–2/2002], 102–107)

1. Einige palästinensischen Freunde aus Gaza sagten, sie lebten als Schüler vor 1987 »wie die Könige«; sie konnten sich frei bewegen, fuhren nach dem Sabbat nach Tel Aviv, mal, um dort Geld zu verdienen, mal, um sich dort zu amüsieren. Wahr an dieser Erinnerung ist, daß vor 1987 das Leben verhältnismäßig ruhig war. Unterhalb dieser Erinnerung lag die Realität, daß die Ökonomie aller besetzter Gebiete in einer katastrophalen Verfassung war. Das wachsende Heer – der Ausdruck ist hier richtig – jugendlicher Arbeitsloser war schon damals das Symptom großer gesellschaftlicher Labilität. Der Ausbruch von Gewalt war nur eine Frage der Zeit.

2. Die israelische Politik hatte für diese Gebiete keine Konzepte, wie fast immer, wenn einer Besetzermacht nur daran gelegen war, besetzte Gebiete ruhig zu stellen und/oder sie als Kolonisierungsraum zu nutzen. Die Rechten Israels waren prinzipiell nicht willens, gesellschaftliche Konzepte zu entwickeln, darin unterschieden sie sich nicht von den Rechten überall sonst. In Gesellschaften, wo wirtschaftliche und soziale Probleme zu steigender Kriminalität führten, haben die Rechten immer nur eine Antwort: Null Toleranz und wegschließen. Weder der Likud-Block und die Szene rechts von ihm noch Teile der Arbeiterpartei waren für die Vorstellung zu gewinnen, dass das Ziel israelischer Politik sein müßte, auch palästinensische Jugendliche in Lohn und Brot zu bringen und dafür die politische Voraussetzung eines ernsthaft unternommenen Friedensprozesses zu schaffen. Die erste Intifada (1987–1993) war die Quittung.

3. In der Periode der ersten Intifada haben die Menschen vieles lernen müssen. Die Palästinenser, daß Israel eine auf Dauer angelegte staatlich verfaßte politische Wirklichkeit sei, die man anzuerkennen habe. Die Israelis, daß es ein palästinensisches Volk gibt, das über unverzichtbare politische Rechte verfügt. Für Yizchak Rabin war dies nicht nur Lippenbekenntnis, sondern er handelte nach dieser Einsicht. Ab 1993/94 begann das, was man »Friedensprozeß« nannte. Rabin stellte die politischen Voraussetzungen des Friedens in den Vordergrund; ob er die sozial-ökonomische Komponente als gleichrangig behandelt hätte, läßt sich nicht sagen. Er wurde ermordet, bevor er sein Werk hätte vollenden können. Aber niemand kann im Ernst davon ausgehen, Frieden sei möglich, wenn ein paar Kilometer weiter die Zone aussichtsloser Armut beginnt.

4. Auch für die palästinensische Autonomiebehörde war die Armut der Menschen nicht das Hauptproblem. Ihre Anfälligkeit für Korruption wird nicht nur von Israelis kritisiert, und die sogenannte Terrororganisation »Hamas« hat sich der sozialen Probleme stärker angenommen. Sie hat die Sozialeinrichtungen gegründet, die die Arafatbehörde nicht eingerichtet hat, aber hätte einrichten müssen. Die Autonomiebehörde hat durch ihr innenpolitisches Versagen die Radikalen stark gemacht. Die Unfähigkeit, gar der Unwille, die Ökonomie als den eigentlich entscheidenden Faktor anzusehen, ist nationalen, nationalistisch ausgerichteten Bourgeoisien überall gemeinsam. Das gilt für Arafat, es gilt auch für den Zionismus, der zwar kein Rassismus, aber auf alle Fälle ein bürgerlicher Nationalismus ist und darum auch dessen typische soziale Blindheit an den Tag legt.

5. Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung hat die große und einmalige Chance, die ihr Rabin und Arafat eingeräumt hatten, wissentlich und willentlich nicht genutzt. Die Hetze gegen Rabins Politik in vielen Medien Israels bereitete den Nährboden für den Mord an Rabin. Die Bevölkerung Israels hatte die Wahl zwischen Peres, dem damaligen Erben Rabins, und der Reaktion in der Person Netanjahus; sie wählte mehrheitlich die Reaktion. Sie setzte ein beispielloses Bauprogramm für jüdische Siedlungen in den besetzten Gebieten in Gang und machte Arafat deutlich, daß für sie nur eins in Frage kam: Autonomie für eine Reihe von Gebieten, umgeben von jüdischen Siedlungen. Für die Sicherheit dieser Siedlungen wäre die israelische Armee zuständig, die dafür auch Bewegungsfreiheit in den Autonomiegebieten beansprucht. Wer das Autonomie nennen will, kann das tun; die meisten Menschen verstehen unter Autonomie freilich etwas anderes. Mit der Wahl Netanjahus war der Friedensprozeß eigentlich gestorben. Die gemäßigten Linken, die unter Ehud Barak eine Chance erhielten, müßten entweder die »vollendeten Tatsachen« Netanjahus aus der Welt schaffen, oder eine Politik ohne Profil und Konzept führen. Nicht die makabere Aktion Scharons, Ende September 2000 auf dem Tempelberg, sondern der Fehlschlag von Camp David einige Wochen früher war der Auslöser jener Tragödie, deren Zeugen wir heute sind. Clinton hätte nie die maßgeblichen Politiker nach Camp David einladen dürfen, bevor nicht das zu erzielende Abkommen unterschriftsreif gewesen wäre. Clinton hätte besser wissen können, denn der historische Handschlag Rabins und Arafats konnte 1993 nur deswegen zustande kommen, weil die Diplomatie im Vorfeld erfolgreich gearbeitet hatte. Die von Clinton grob fahrlässig geweckten Erwartungen brachen zusammen und damit alles, was seit 1992 mühsam ausgehandelt worden war und vielleicht, trotz Netanjahu und Barak, hätte gerettet werden können. Das Klima war inzwischen so sehr zugunsten der israelischen Reaktion umgeschlagen, daß Ehud Barak den Durchbruch, der in Taba, der Folgekonferenz nach dem Fehlschlag in Camp David, zum Greifen nahe war, nicht hätte absegnen können, ohne seine Chancen auf Wiederwahl endgültig begraben zu müssen. Seine Zurückhaltung hat ihm freilich ebenfalls nichts genützt.

6. Die israelische Gesellschaft ist zutiefst gespalten; es gibt kein homogenes Israel. Es gibt in Israel viele, die wissen, daß die Politik der Rechten eine Katastrophe auch für Israel bedeutet. Die Entscheidung der israelischen Rechten, Scharon mit der Regierungsbildung zu beauftragen, war eine Entscheidung für den Krieg. Sie war auch eine Entscheidung für den Terror, weil alle hätten wissen können, was kommen mußte. Scharon brauchte die Entfachung des Terrors, um nach dessen Zerschlagung sich als Retter des Vaterlandes gegen seine vielen Konkurrenten bei den Rechten durchsetzen zu können. Arafat meinte auf die Entfachung des Terrors angewiesen zu sein, um die Gegner im eigenen Lager in Schach halten und Israel vielleicht doch zu wirklichen Konzessionen zwingen zu können. Er hätte wissen müssen, daß die Reaktion des Terrors von Scharon genau eingeplant war. Es geht nicht um moralische Verurteilung, weder was die eine, noch was die andere Seite betrifft. Es geht allein um die Frage, welche Politik effektiv sei. Die Effektivität einer Politik mißt man daran, ob die Mittel, die sie einsetzt, zum Ziel, das sie sich setzt, führen oder nicht. Wenn das Ziel »Friede für Israel« gewesen sein soll, dann war die Politik Scharons ein verheerender Fehlschlag: Der Staat Israel wurde gegründet, um allen jüdischen Menschen, die wo auch immer in der Welt bedrängt und verfolgt werden, die Möglichkeit zu geben, an einen Ort gehen zu können, wo ihre Sicherheit nicht länger bedroht ist. Tatsächlich ist gerade in Israel ihre Sicherheit mehr bedroht als zur Zeit irgendwo sonst in der Welt. Die bedrohliche Situation wird nicht nur durch den Terrorismus der Feinde, sondern auch und nicht weniger durch die friedensunfähige, gar friedensunwillige Politik der heutigen israelischen Regierung verursacht. Wahrscheinlich war Scharons Ziel nur, die Autonomiebehörde, die PLO und deren Symbolgestalt Arafat zu vernichten. Scharon hat, trotz der Zahl der Toten, die bei den Palästinensern seit September 2000 in die Tausende, bei den Israelis in die Hunderte geht, auch dieses Ziel nicht erreicht. Das Ziel, daß die Palästinenser zu erreichen suchten, die Anerkennung ihrer Wünsche nach einer vollständigen Autonomie, scheint unerreichbarer als je zuvor, trotz oder wohl gerade wegen der exzessiven Anwendung des Mittels des Terrors. Politischen Realitätssinn gibt es wohl nur auf der Seite der Friedenskräfte Israels; denn nur Israel kann etwas bewegen. Nur Israel kann agieren (wie Rabin zeigte); Arafat kann nur reagieren.

7. Irgendwann, Frühjahr 1942, erschossen zwei junge Männer aus der Amsterdamer Straße, wo ich als Kind wohnte, die Brüder Jan und Gerard Verleun, einen Deutschen, seine Frau und ihr Dienstmädchen in ihrer Wohnung. Der Mann war leitender Angestellter Fritz Sauckels, Arbeitsdienstbeauftragter der Nazis und als solcher oberster Sklavenjäger im besetzten Europa. Die jungen Männer wurden verhaftet, gefoltert und als Terroristen hingerichtet. Nach dem Krieg wurden die sterblichen Reste der beiden ausgegraben, eingesargt und in unserer Pfarrkirche christlich begraben. Der Pfarrer hielt eine Ansprache, in der er diese jungen Männer als leuchtendes Beispiel für die katholische Jugend darstellte. Über ihre Tat denke ich jetzt etwas anders. Sie war grausam und sinnlos, denn die Sklavenjagd in den Niederlanden ging weiter, und die Ermordung dieser Deutschen hat furchtbare Repressalien nach sich gezogen. Aber damals stand das überhaupt nicht zur Debatte, die beiden Männer waren Helden und Martyrer, und ihr Gedenkstein im Turm der Kirche ist bis heute zu sehen. Terrorismus ist immer die Waffe militärisch hoffnungslos Unterlegener gewesen. Terrorismus ist Mord, aber nicht nur, Terroristen sind Mörder, aber nicht nur. Terror muß aufhören, aber auch das, was Terror verursacht. Die beiden Brüder Verleun hatten ein politisches Motiv, und ihr Gegner war ein eindeutig ausgewiesener politischer Feind. Aber dessen Frau? Das Dienstmädchen? Der israelische Tourismusminister war ein politischer Gegner, was dessen Tötung nicht rechtfertigt, aber die Motivation begreiflich machen kann. Wer aber sind die Leute, die in einem Supermarkt einkaufen, die auf einen Bus warten, in einem Restaurant essen oder einfach nur über die Straße gehen? Jedenfalls hat diese »Politik« genau in das Konzept Scharons gepaßt und dazu geführt, daß aus den knapp über 50% Anhängern der Rechten jetzt 80% geworden sind. Andererseits: hätte Israel friedliches Verhalten der Palästinenser honoriert? Scharon und wohl die Welt außerhalb Palästinas hätte gesagt: »Die sind ruhig. Wo ist das Problem?« War der Terror doch die einzige Option gewesen? Diese Fragen sind nicht rhetorisch.

8. Im September 1993 bin ich mit einer Gruppe van knapp zwanzig ausländischen Studierenden nach Polen gefahren, um die wirtschaftlichen Probleme der »Transformationsländer« zu studieren. Ich habe darauf bestanden, im Laufe dieser Reise nach Auschwitz zu fahren, gerade weil in der Gruppe Studierende aus Palästina waren. Nach dem Besuch des Lagers Birkenau sagte mir ein ziemlich radikaler palästinensischer Kommilitone: »Das was die Deutschen mit den Juden gemacht haben, das haben die Juden nicht mit uns gemacht.« Er hatte begriffen, daß auch ein Palästinenser nicht sagen kann: »Die Juden sind unsere Nazis!« Das war weniger unser Verdienst, als vielmehr der Tatsache geschuldet, daß durch den beginnenden Friedensprozeß Palästinenser für solche Einsichten empfänglich werden konnten. Jetzt, fast neun Jahre später, ist an solche Dinge nicht mehr zu denken.

9. Die politische Vernunft sagt uns, Israel müsse sich und könne sich ohne Selbstaufgabe aus den besetzten Gebieten vollständig zurückziehen, alle jüdischen Siedlungen dort aufgeben, der Teilung des Landes und der Stadt zustimmen und den so entstehenden Staat völkerrechtlich anerkennen. Sodann müssen beide Staaten der Tatsache Rechnung tragen, daß sie ihre kollabierenden (in den besetzten Gebieten kaum noch vorhandenen) Volkswirtschaften nur gemeinsam wiederaufbauen können. Die materiellen Verbesserungen für das Leben müssen schnell greifbar werden, indem beide Staaten die Bekämpfung der Armut zum Hauptziel ihrer Politik machen. Sonst geschieht, was in Südafrika nach der Beseitigung der Apartheid geschehen ist: die Gewalt des Krieges weicht der Gewalt einer ausufernden Privatkriminalität. Im Gegensatz zur politischen Vernunft wissen wir, daß es vorerst keinen autonomen palästinensischen Staat geben wird, der diesen Namen verdient; daß es nach einer möglichen, kurzen oder längeren Periode des Abflauens der Gewalt eine dritte Intifada geben wird; daß die Vereinigten Staaten kein vorrangiges Interesse an der Beseitigung, allenfalls an der Eindämmung des Konfliktes haben; daß die arabischen Staaten den Konflikt brauchen, weil er ihnen eine weltpolitische Rolle zusichert, die sie ohne ihn gar nicht spielen können. Wir wissen also: das Morden wird weitergehen. Kein Friede für Israel, weil kein Friede für Palästina, kein Friede für Palästina, weil kein Friede für Israel.

10. Von Christinnen und Christen wird ein vorbehaltloses Bekenntnis zu bzw. »bedingungslose Solidarität« mit Israel gefordert. Solidarisch muß man mit den jüdischen Menschen sein, wo sie auch immer leben. Bedingungslos muß man alle die bekämpfen, die bei uns aus welchen offenen oder verdeckten Gründen auch jüdische Menschen verachten, verfolgen oder gar töten. Aber solidarisch mit einem Israel, wie es Scharon und seine Gesinnungsgenossen auf der rechten Seite wollen, kann und will ich nicht sein, weil ich dann alle meine politischen Grundüberzeugungen, nicht selten an der Schrift der Juden geschult, aufgeben müßte. Zumal dieses Israel nicht »an Leib«, eher »an der Seele bedroht« ist. Die physische Existenz Israels stand vielleicht 1967 auf dem Spiel, oder 1973 bzw. 1991 – wo ich übrigens auch einige Zweifel habe –, aber sicher nicht 2002. Zu ungleich ist der Kampf. Israel verfügt über einen Militärapparat, der in der Region unschlagbar ist, inklusive Massenvernichtungswaffen aller Gattungen (A, B und C), über eine Bestandsgarantie seitens der Vereinigten Staaten von Nordamerika, und es sieht vorerst nicht danach aus, daß sich daran etwas ändern wird. Arafat und die palästinischen Menschen haben Flinten und Sprengstoff; niemand in der arabischen Welt hat für sie etwas anderes als nur fade Lippenbekenntnisse übrig. Arafat kann Israel nicht bedrohen. Aber die physische Existenz israelischer Menschen ist bedroht und so auch die Seele des Gemeinwesens Israel. Die ständige Angst, mit dem Terror leben zu müssen, ist ein Grund. Aber die immer tiefer gehende Militarisierung von Wirtschaft und Gesellschaft führt zu einer Art von kollektiver Deformation. Man kann die anderen nur als Feind wahrnehmen, nicht als potentielle Partner bei der Gestaltung eines gemeinsamen Lebens in einem kleinen Land. Für Scharon & Co. sind die Palästinenser, oder »die Araber«, Fremde, Feinde, Bedrohliches. Die Rechten oktroyiert ihre Weltsicht der Gesellschaft auf, propagiert sie als die einzige »realistische« Sicht der Dinge, schließt eine andere Sicht als gefährliche Illusion aus wird und blockiert jeden Ausweg aus dem wirtschaftlichen Desaster und jede Heilung der seelischen Verstümmelungen. Der einzige Ausweg ist der Friede und das hebräische Wort »Schalom« bedeutet neben »Friede« auch »Heilung«. »Mit Scharon wird es keinen Frieden geben« (Daniel Barenboim). Dies bedroht die Seele Israels.

11. Die Frage ist daher, mit welchem Israel man solidarisch ist, mit König Jojakim, dessen unsinnige Militär- und Bündnispolitik Jerusalem ins Verderben führte, oder mit dem Propheten Jeremia, der gegen diese Politik den Mund aufmachte? Mit Ariel Scharon oder mit der israelischen Friedensbewegung und solchen, die das Fenster zum Frieden geöffnet haben, wie Jizchak Rabin?

Die Zeitschrift Texte & Kontexte wurde unter anderem mit dem Ziel gegründet, den Antijudaismus in der christlichen Theologie, insbesondere in der Exegese, schonungslos zu bekämpfen. An dieser Zielstellung darf sich nichts ändern. Man darf aber nicht die Haltung einzunehmen, die der New Yorker Kardinal Spellman angesichts des amerikanischen Amoklaufs in Vietnam einnahm; er sagte: »Right or wrong: my country.« Man darf auch jetzt nicht sagen: »Right or wrong: Israel!« Die gegenwärtige Politik des Staates Israel – und die ist beileibe nicht identisch mit dem Judentum! – ist zu bekämpfen. Wo bleibt die offene und engagierte Unterstützung für die israelischen Friedenskräfte seitens jener Christen und Christinnen und ihrer Kirchen, die, wie der US-amerikanische Kongress »uneingeschränkte Solidarität« fordern? Wir haben all diese Jahre hindurch Tacheles geredet mit jenen palästinensischen Studierenden, die politischen Kampf mit Judenhaß verwechselten. Wer stellt die israelische Rechte und ihre Anhänger im Ausland zur Rede?