Archiv für März 2010

Noch ein eiliger Verweis

Texte, die schon länger an abgelegenen Orten des WWW vor sich hin mümmeln, scheinen den bienenfleißigen Internet-Archivaren nicht aufzufallen. Oder aber sie sind bereits kanonisiert, jeder kennt sie, jeder diskutiert sie, nur ich denke mal wieder: Mensch, warum redet eigentlich keiner über …
… über die Schwarzen Protokolle.
Die Schwarzen Protokolle sind – gerade auch in ihrer Verlaufsform – ein faszinierendes Dokument, einer marxistisch-libertären, anarchokommunistischen Strömung aus Westberlin. Sie waren ein schnell wirkendes Gegengift (man achte auf das Logo!) zum gruselig spießigen ML-Kult und zum ebenso unheimlichen RAF-Kult. Zwischen 1972 und 1977 erschienen 17 Ausgaben, von denen immerhin elf vom Papiertiger, einem real existierenden Berliner Archiv »der sozialen Bewegungen« (man kann da also richtig hingehen und recherchieren – irgendwie unfassbar im digitalen Zeitalter…), digitalisiert wurden.
Vorgängerblatt der Schwarzen Protokolle war das allzu kurzlebige Kompendium »Die soziale Revolution ist keine Parteisache« (erschien 1971 in bloß zwei Ausgaben), das sich ganz eng am klassischen Rätekommunismus (Cajo Brendel, Paul Mattick) orientierte. Der Titel der Zeitschrift nimmt Bezug auf eine gleichnamige antibolschewistische Polemik des Rätekommunisten Otto Rühle.
Die Schwarzen Protokolle knüpfen in ihren ersten vier Ausgaben unmittelbar an ihr Vorgängerblatt an, Schwerpunkt ist also die kommunistische Bolschewismuskritik, öffnen sich aber mit der fünften Ausgabe der bunten Welt des Libertären – zunächst in Form der Group Solidarity, einer situationistisch-linksradikalen Gruppe aus England um Maurice Brinton, von der sonst (leider!) kaum was nach Deutschland gedrungen ist.
Im Laufe der Jahre wurden die Protokolle hippiesker, feministischer, literarischer, surrealistischer, ausschweifender. Und man denkt sich so beim lesen: Es gibt vielleicht doch ein bisschen aus den westberliner 70er Jahren, was auch heute noch zu Rate ziehen könnte…

Hier einige Lese- und Einstiegsempfehlungen:

DIE BEFREIUNG DER ARBEIT
Kritik der bolschewistischen Theorie anhand einer
Analyse von Lenins Schrift „Über die
Naturalsteuer“ (aus Nr.1)

DER ÜBERGANG ZUM ÜBERFLUSS
Die ideologische Funktion des Begriffspaars „Überfluss und Mangel“ bei
Ernest Mandel (aus Nr.4 – Ernest Mandel war DER alternativ-leninistische Theoretiker der Nachkriegszeit, ungeheuer produktiv, belesen, eloquent, wenn man so will: der beste Schüler Trotzkis. Wo Mandel sprach, waren die Säle brechendvoll, ein marxistischer Popstar. Um so wichtiger die hier vorgelegte Kritik an Mandel, die ihm einen verdinglichten Sozialismus-Begriff nachweist.)

DIE SEXUELLE KONTERREVOLUTION: RUSSLAND
von Maurice Brinton, Group Solidarity, England (aus Nr.5)

As we see it (Wie wir es sehen)
As we don‘t see it (Wie wir es nicht sehen)
von GROUP SOLIDARITY, London (aus Nr.6 – ihr Grundlagenpapier)

DIE AUFLÖSUNG DER GESCHLECHTERROLLEN UND DIE GRENZEN DES
FEMINISMUS (aus Nr.7 resp. Nr. »124«)

DRITTE WELT: NATIONALE BEFREIUNGSBEWEGUNG ODER SOZIALISMUS?
Ein Artikel der Group Solidarity, London (aus Nr.7 resp. Nr. »124«)

DIE TYRANNEI IN STRUKTURLOSEN GRUPPEN
Ein Beitrag zu und aus der amerikanischen Frauenbewegung (aus Nr.8)

„Materialien zur systematischen historisch-materialistischen Ableitung des
PFANNKUCHENS AUS DEM ALLGEMEINEN BEGRIFF DES KAPITALS“ (aus Nr.11 – Der Text ist eine herrliche Persiflage des akademischen Marxismus, er stammt von »Barbara«, womit Barbara Sichtermann gemeint ist. Frau Sichtermann war ja mal einer der gewitztesten Marxistinnen, die wir hatten. Ich greife hier deshalb zum Superlativ, weil es wirklich ein Jammer ist, dass sie später bloß noch Fernsehkritiken und Mutter-Kind-Ratgeber verfasst hat.)

Rosa Luxemburg, bolschewisiert

Ohne selbst zu einem abschließenden Urteil über Dietmar Daths kürzlich erschienene Einführung in Leben und Werk Rosa Luxemburgs gekommen zu sein, dokumentieren wir hier einen erfrischenden Verriss, der – Überraschung! – nicht in der Jungen Welt oder in KONKRET und auch nicht in der AK erschien, sondern … in der TAZ. Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn, und das Korn ist in diesem Fall eben jener Text von Felix Baum, den man aus einigen Debatten in der Jungle World und der Phase 2 kennen sollte.
Dath darf alles – darin sind sich Linke und fast das gesamte Feuilleton einig. »Wer diese Biografie über Rosa Luxemburg liest, braucht nie wieder eine zweite«, faselte eine Johanna Schmeller in der WELT (!), ein Urteil, das zwingend voraussetzt, dass man die maßgeblichen Luxemburg-Biographien von Paul Frölich und John Peter Nettl nicht kennt und selbstverständlich auch nicht die wichtigen Studien von Raya Dunayevskaya, Tony Cliff und Norman Geras.
Dass Linke für gewöhnlich wild entschlossen sind, Dath zu bewundern, geht schon irgendwie in Ordnung, schließlich macht es (fast) immer Spaß Dath zu lesen, und außerdem will man ja selbst auch gerne das sein, was Dath seit einigen Jahren ist: superdick im Geschäft, eine Person des öffentlichen Lebens, hofiert von Kluge, Schirrmacher und Gremliza (bemerkenswerte Koalition!). Bewunderung geht aber immer auf Kosten des Reflexionsvermögen, und in diesem Sinne ist der Baum’sche Verriss eine kleine »Hallo Wach!«-Pille. [Das letzte Wort zu Lenin ist freilich auch noch nicht gesprochen, Genosse!]

Bolschewistisch retouchiert
Um Rosa Luxemburg soll es gehen, doch die heimliche Hauptfigur ihrer Biografie, die Dietmar Dath gerade veröffentlicht hat, heißt Lenin. Gegen die landläufige Verharmlosung Luxemburgs zu einer guten Demokratin, die eigentlich nur die Freiheit der Andersdenkenden im Sinn gehabt habe, bietet Dath eine bolschewistische Luxemburg auf, die sich mit dem russischen Revolutionsführer in allen wichtigen Fragen einig und ansonsten im Unrecht gewesen sei.
Luxemburgs Polemik gegen den bolschewistischen Kult der Parteidisziplin taucht ebenso wie ihre Kritik der russischen Revolution nur am Rande auf und wird sorgsam retouchiert. Beispielsweise war der autoritäre „Nachtwächtergeist“ nicht eine mögliche Entwicklung, vor der sie „Angst“ (Dath) hatte, sondern dieser, so schien ihr, lag Lenins „Ultrazentralismus … in seinem ganzen Wesen“ immer schon zugrunde. Auch hatte sie keineswegs behauptet, der Reformismus komme „nur im Westen“ (Dath) vor, sondern sie kritisierte Lenins bürokratische Illusion, diesen „durch ein Organisationsstatut von der Arbeiterbewegung fernzuhalten“. Überhaupt erwärmt sich Dath für den verblichenen Staatssozialismus und bewundert Lenin für die „immerhin siebzig Jahre währende Destabilisierung der kapitalistischen Geschäftsgrundlagen“ – als hätte irgendetwas die Arbeiterklasse im Westen stärker an die Verhältnisse gekettet als die schaurige Karikatur der befreiten Gesellschaft im Osten.
Dath wertet Stalins Urteil über Luxemburgs Eingriffe in die russischen Debatten als „historisch zutreffend“ und dessen Gedonner gegen die „organisatorische und ideologische Schwäche“ der westeuropäischen Linken vor 1914 als „nicht eben leicht von der Hand zu weisende Erinnerung ans Schicksal Luxemburgs und Liebknechts“. Weniger konziliant zeigt sich Dath gegenüber den antiautoritären Strömungen der alten Arbeiterbewegung. Den Rätekommunisten Anton Pannekoek, der die Bedeutung aufklärerisch wirkender Organisationen nie bestritt, kanzelt er als „doktrinären Spontaneisten“ ab. Den Linksradikalen hält er im Geiste staatsmännischer Verantwortungsethik vor, sich an Bewegungen zu orientieren, die „gescheitert sind und also keine Gelegenheit bekamen, mit der Macht irgendetwas Verwerfliches anzustellen“. Dieses Lied kennt man von der DKP; es ist die ins Politische gewendete Rede des Spießers an die Jugend, sie möge doch erst mal Arbeiten gehen, also sich die Hände schmutzig machen, bevor sie herumnörgelt.
Die Eroberung der Staatsmacht war Alpha und Omega der alten Arbeiterbewegung, der auch Luxemburg verhaftet blieb. Ob ihr Denken nur auf einen demokratischeren Staatssozialismus zielte oder ihre Schriften etwas bieten, das für die Aufhebung des Kapitals heute, unter anderen Bedingungen, von Belang wäre, ist eine Frage, die Dath nicht einmal zu stellen vermag.
Felix Baum

Antikommunist. Liberal. Und natürlich Rassist, Ehrensache!

In der aktuellen Jungle World ist ein Band mit (Kurz-)Erzählungen von Marko Martin besprochen. Der Autor wird so charakterisiert:
»Marko Martin ist Antikommunist, doch ist er kein Rechter, sondern ein Liberaler, auch wenn das Wort „liberal“ dank einer merkwürdigen Partei heute so einen hässlichen Beiklang hat. Für sein eigentliches Umfeld wiederum ist er wahrscheinlich sogar ein Linker.«
Was der Rezensent Jörg Sundermeier zu erwähnen vergessen hat: Marko Martin ist auch ein Meister der kleinen imperialistisch-rassistischen Miniatur. So fielen ihm zur jüngsten Naturkatastrophe in Haiti, die eine durch und durch soziale ist, folgende – ja klar: ketzerische, kühn gegen den Mainstream stehende, lupenrein liberale – Zeilen ein:

»Ist es herzlos, jetzt im Augenblick der größtmöglichen Katastrophe die Frage zu wagen, weshalb ausgerechnet Haiti, immerhin bereits 1804 unabhängig geworden, zu einer Art Vorhölle werden konnte? Experten sagen, dass erdbebentaugliche Bauweise (wie etwa im rationalen Costa Rica seit den Fünfzigerjahren Usus) ein Massensterben verhindert hätte. Auch weisen sie darauf hin, dass ein Land, welches seine Bodenschätze nicht nutzt und stattdessen Wälder abholzt, zur perfekten Einflugschneise für Hurrikans wird. Weshalb jedoch dieser empörende Mangel an Vorausschau?
Kolonialismuskritiker führen gern die Vokabel von der „Entfremdung“ bzw. der „Zerstörung organisch gewachsener Kultur“ im Mund, um jede Dritte-Welt-Abstrusität zu erklären. Was aber, wenn die Haitianer, zu 90 Prozent homogene Nachfahren afrikanischer Sklaven, auf geradezu furchterregende Weise „authentisch“ geblieben sind, Täteropfer ihres obskurantistischen Voodoo-Kultes, der jedes abgewogene Moralsystem vitalistisch unterminiert? Von Mario Vargas Llosa stammt der strenge, im Grunde jedoch mitfühlende Satz: „Wichtige Elemente einer sogenannt autochthonen Kultur müssen verschwinden, will man die Existenz der in ihr Lebenden retten.“«

Es stimmt, dass Haiti seine Bodenschätze nicht genutzt hat, das haben stets andere für die Bevölkerung gemacht. Die entscheidende Zerstörung der haitianischen Flora geht etwa auf die amerikanische Besatzung (1915-1934) zurück, die Besatzer veranlassten eine Reduzierung des Baumbestandes von 60 auf 20 Prozent, um großflächige Sisal-Plantagen anzulegen. (Lustig auch, dass Martin als Gegenbild zu Haiti Costa Rica einfällt und nicht etwa das benachbarte Kuba, wo bei Sturmwinden erheblicher Sachschaden entsteht, aber für gewöhnlich kein Mensch physisch zu Schaden kommt.)
Den anderen Dreck – von wegen: 90 Prozent homogene Nachfahren afrikanischer Sklaven – mag man kaum kommentieren, vielleicht trotzdem der Hinweis darauf, dass die Sklavenbevölkerung von Saint Domingue so heterogen war, dass sie ihre eigene Sprache – Creole – erfunden hat. Auch die synkretistischen Voodoo-Rituale sind vor diesem Hintergrund kaum als »authentisch« anzusehen. Und wenn wir schon von Moral reden, dann bitte so — aus dem Voodoo stammt nämlich auch folgender Satz (heute noch auf der ein oder anderen Scheißhaustür bei Ford oder Opel zu lesen): Wenn Arbeit etwas Schönes wäre, hätten die Reichen sie den Armen nicht überlassen.
Man kann sagen: Es hat im 20. Jahrhundert kein Massaker auf Haiti gegeben, dass die USA nicht entweder selbst initiiert haben oder doch zumindest politisch in Auftrag gegeben und abgesichert haben. Aristide, wie korrupt, eitel und letztendlich fatal seine Politik auch immer gewesen sein mag, ist in den Jahren vor dem zweiten Putsch gegen ihn ökonomisch regelrecht stranguliert worden, auch von der EU, aber doch hauptsächlich von den USA. Es ist absurd, den Opfern des Imperialismus vorzuwerfen, sie wären eben dies: Opfer. »Logisch« geht das nur, wenn man sie zu, mindestens, »Täteropfern« erklärt (ein tolles Wort; reserviert aber ausschließlich wohl für Neger; man stelle sich das Alarmgeschrei vor, jemand würde die israelische Politik als Produkt von »Täteropfern« bezeichnen) und dies aus einer »Dritte-Welt-Abstrusität« herleitet.
Und noch was: Haiti ist nicht »immerhin bereits 1804 unabhängig geworden«. Die Passivform ist verräterisch. Die Sklaven Saint Domingues haben sich in einer Revolution und dann in einem äußerst brutalen Befreiungskrieg, den Napoleon ihnen aufgezwungen hat, unabhängig erklärt. Das ist ein Unterschied, nicht wahr?
Dieser kleine Kommentar von Martin ist kein großer, kein wichtiger Text. Aber der Dreck quillt durch die Ritzen. Und die Tradition der Verleugnung, Verdrängung, des Verächtlichmachens und des Kleinredens der haitianischen Revolution – die ist wirklich groß.

Erinnert werden soll noch an dieser Stelle an Georges Anglade, einem der wichtigsten zeitgenössischen (Exil-)Schriftsteller Haitis, der am Tag des Erdbebens zusammen mit seiner Frau in seinem einstürzenden Haus erschlagen wurde. Einige seiner Werke, »Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?«, »Das Lachen Haitis, Ein Mosaik in 90 Lodyans«, liegen auch auf Deutsch vor. Angalde schrieb vor zwei Jahren in der NZZ angesichts der Food-Riots auf Haiti über das Nationalheiligtum Haitis, dessen »Opferung« man als Symbol des eliminatorischen Neoliberalismus betrachten muss:

»Haiti hat sein eigenes und besonderes Signal, das anzeigt, dass man ganz unten angekommen ist. Ein Signal, das sich trotz all den Greueln, welche die Geschichte des Landes seit der Gründung der Kolonie Santa Domingo im 18. Jahrhundert überschatteten, bis in die jüngste Zeit noch niemals, absolut niemals manifestiert hat. Ich meine damit die Zerstörung des haitianischen Wunderbaums, des Mangobaumes, der den Menschen auf der Insel heiliger ist als den Indern ihre Kühe.
Nach dreihundert Jahren ist der Mangobaum, den Generation nach Generation verehrt und gehegt hat, der letzte Überlebende der zerstörten haitianischen Flora. Man könnte fast sagen, dass es bisher ein Sakrileg war, die Axt an einen dieser Bäume zu legen, die den Menschen alljährlich die fünfmonatige Hungerzeit überbrücken helfen. Während rund hundertfünfzig Tagen – zwischen der Saatperiode im Mai und der Erntezeit im November – sind es zwei, drei Mangos pro Tag und Person, die den nagenden Hunger stillen. Das ergibt drei Milliarden Mangos pro Jahr: eine gewaltige Anzahl, von Bäumen geerntet, die wachsen, wo immer ein Baum wachsen kann; von Bäumen, die zu fällen ein wenig schnelles Geld und die Gewissheit künftigen Hungers bedeutet.
Trotzdem sieht man seit zwei Jahren, was man in Haiti nie zuvor sah: Planken aus dem rotem Holz des Mangobaums, die am Straßenrand für Bauzwecke feilgeboten werden. Klafterweise Mangoholz, für die Öfen der Destillerien bestimmt. Säcke mit Kohle aus Mangoholz, zu Haufen getürmt, um auf die in Richtung Port-au-Prince fahrenden Camions verladen zu werden.
Die Regierung war taub für sämtliche schrillenden Alarmglocken – obwohl der haitianische Staatspräsident, der Premierminister, der Vorsitzende des Senats, der Landwirtschaftsminister und sein Staatssekretär allesamt ausgebildete Agronomen sind. In den Menschen wuchs das Gefühl, dass man sich „dort oben“ über ihren Hunger mokierte; und weil dieses Gefühl berechtigt war, trugen sie ihre Wut auf die Straße.«

Nachtrag: Das wichtigste Buch zur haitianischen Revolution, wenn auch in Details überholt, nämlich „Die schwarzen Jakobiner“ von C.L.R. James, über den wir demnächst ausführlicher erzählen, findet sich hier.

Kritik des Zwecks

Der englische Schriftsteller, Kunsthistoriker, Künstler und – last not least – militante Marxist John Berger hat vor anderthalb Jahren einen auch für seine Verhältnisse überaus zornigen Essay vorgelegt: »Mit Hoffnung zwischen den Zähnen. Berichte von Überleben und Widerstand« (Wagenbach Verlag, Berlin 2008; das original erschien 2007). Im Mittelpunkt steht der Kampf der palästinensischen Subalternen gegen die israelische Besatzungsmacht, »die Haltung unbesiegter Verzweifelung«, wie Berger die Innenseite oder auch den subjektiven Faktor dieses Kampfes nennt. Berger ist ein Meister der genauen Beobachtung, jeder, der bloß einen seiner kunsthistorischen Essays gelesen hat, weiß, dass diese Beobachtungsgabe ihn zu seinen legendären assoziativen Höhenflügen erst befähigt. Berger ist kein Schwafler. Aber er weiß natürlich um seine Könnerschaft, und diese Selbstsicherheit lässt seine Miniaturen haarscharf an der Grenze zur Eitelkeit und zum Kitsch entlangschrammen. Leider ist »Mit Hoffnung zwischen den Zähnen« aus diesem Grund nicht uneingeschränkt zu empfehlen, seine Betrachtungen etwa zu Arafat geraten doch allzu ambivalent. Niemals stilisiert er Opfer und Täter zu den konkret-empirischen Zeitläuften enthobenen Figuren, aber die Gabe der genauen Beobachtung schützt trotzdem nicht vor idealistisch-holzschnitzartigen Wirklichkeitseinschätzungen.
Es geht aber hier streng genommen gar nicht um Berger, sondern um eine wirklich schöne Passage aus seinem Buch, in der sich eine Kritik des Zwecks verbirgt.
Die Frage, in der ein oder anderen Form schon zigtausendfach in linken Debatten gewälzt, ist: Bewertet man eine soziale Bewegung nach dem Zweck, den sie sich selbst stellt oder danach, was in (und mit) der Bewegung in ihrem Verlauf passiert – wie sich durch sie die sozialen Beziehungen bereits im Kampf ändern? Oder dichotomisch formuliert: Ist eine Bewegung Essig, wenn sie nicht einen, sagen wir: absoluten, nicht zu vereinnahmenden, die Gesellschaft radikal transzendierenden Zweck verfolgt? Oder gibt es eine Radikalität in der Situation, im jeweils aktuellen Handeln, die die Gesellschaft mehr erschüttert (und die Bewegung dabei über sich hinauszutreiben hilft) als jedes Programm? Die (poitive/negative) Beantwortung dieser Fragen hat Rückwirkungen auf das, was wir unter Bewegung verstehen, was sie wirklich ist. Kein leichtes Spiel.

John Berger:

Kämpfe gegen Ungerechtigkeit, Kämpfe ums Überleben, Kämpfe für Selbstachtung und Menschenrechte sollen nie nur im Hinblick auf ihre unmittelbaren Forderungen, ihre Organisationen oder ihre historischen Konsequenzen betrachtet werden. Sie können nicht auf ’Bewegungen’ reduziert werden. Eine Bewegung bezeichnet eine Masse von Menschen, die sich kollektiv auf ein bestimmtes Ziel hinbewegen und dieses Ziel entweder erreichen oder verfehlen. Eine solche Definition übergeht oder übersieht jedoch die zahllosen persönlichen Optionen, Begegnungen und Erkenntnismomente, all die Opfer, neuen Sehnsüchte, Kümmernisse und schließlich auch Erinnerungen, die zwar mit der Bewegung entstanden sind, strenggenommen aber nur beiläufig mit ihr zu tun haben.
Das Versprechen einer Bewegung ist ihr künftiger Sieg; die Versprechungen der bewegenden Momente am Wegrand sind dagegen unmittelbar. Zu solchen Momenten – ob lebenssichernd oder tragisch endend – auch die Erfahrung von Freiheit durch Handeln. (Freiheit ohne Handeln gibt es nicht.) Solche Momente sind transzendent – das, was Spinoza »ewig« nannte – wie kein historisches ’Resultat’ es jemals sein kann, und sie sind zahlreich wie die Sterne in einem sich ausdehnenden Universum.
Nicht jede Sehnsucht führt zur Freiheit, aber Freiheit ist die Erfahrung einer Sehnsucht, die als solche angenommen und bewusst gewählt wird, um ihr unbeirrt zu folgen. Der Sehnsucht geht es nie um den bloßen Besitz einer Sache, sondern um die Veränderung eines Zustands. (…)

Entmischendes, trennendes Denken. (Basisbanalitäten)

Irgendwo in einer der zahlreichen Israelkritik- und Finkelstein-Diskussionen bei Rhizom hat jemand gepostet, dass Israelsolidarität – jene unbedingte und kategorische – sich mittlerweile zum geistigen Wehrdienst entwickelt.
Der Satz trifft es ganz gut: Denn der Wehrdienst ist eine Übung in unbedingtem Gehorsam – und in Eigenverantwortlichkeit und Selbstbewusstsein: Soldaten sind bekanntermaßen Staatsbürger in Uniform und sollen eben keine Tötungsmaschinen sein. Dass die schlimmsten Tötungsmaschinen freilich solche sind, die nicht nur qua Abrichtung wüten, sondern dass auch im Bewusstsein moralischer Überlegenheit tun, ist ein alter Hut. Schon Hegel hat in einer wenig gelesenen, aber sehr instruktiven Stelle seiner Rechtsphilosophie den Soldaten als die Synthese des bedingungslos Staatshörigen und des auf eigene Faust handelnden, draufgängerischen, kurzum: todesmutigen Bourgeois beschrieben (Hegel tat dies freilich in apologetischer Absicht).
So zeichnet sich der geistige Wehrdienst nicht nur durch die Verinnerlichung der Staatsräson aus, sondern auch durch die Selbstgewissheit, man sei ungeheuer nonkonformistisch, autonom gegenüber der dumpfen Barbarei seiner Umwelt und also intellektuell dieser Umwelt überlegen.
Die große Wut, die jemandem wie Moshe Zuckermann entgegenschlägt, liegt nicht darin begründet, dass er vielleicht an einer pro-palästinensischen Veranstaltung zuviel teilgenommen hat, sondern darin, dass er diesen geistigen Wehrdienst als deutsche Selbstbespiegelung beschreibt und kritisiert und in ihr ganz und gar nicht einen adäquaten Zugriff auf die israelisch-palästinensische Realität sieht. Das ist natürlich schockierend zu erfahren, dass der Nonkonformismus der Israelsolidarität kaum etwas anderes ist als die individualisierte Staatsräson, die Veredelung der staatsbürgerlichen Persönlichkeit – weswegen umgekehrt Zuckermann vorgeworfen wird, er sei einer der Selfhaters. Die Selbstbespiegelung wird dem Kritiker selbst unterstellt, der in seiner Kritik nur seinen Hass auf… sich selbst? sein »Volk«? »seine« Nation? … sublimiert.
[Dieser Isrealsolidarität entspricht komplementär eine idealistische Israelkritik, die sich aus der »Verantwortung der eigenen Geschichte gegenüber«, also auch aus einem Ehrgefühl, legitimiert – gerade als Deutscher könne man nicht weggucken, wenn … Idealistisch ist diese Kritik deshalb, weil ihr eine imaginierte Staatsräson – eigentlich müsste dieser Staat sich doch ganz anders gegenüber Israel verhalten – zugrunde liegt.]
Die Israelsolidarität – jene unbedingte und kategorische – zeichnet sich generell und durchgängig durch ein entmischendes, trennendes Denken aus. Nichts hängt mit nichts zusammen, Schuld hat immer das Opfer. Ein Zusammenhang zwischen Besatzung und Terror? Unmöglich! Relativierend! Verharmlosend! Die Gründe für den Terror müssen bei den Terroristen selber liegen – in ihrem Islam (galten die Palästinenser nicht noch vor zehn Jahren als die säkularste arabisch-muslimische Community?), ihrem Fellachentum, ihrer generell antiwestlichen Identität – was auch immer! Dass Leute, die sich immer noch als Marxisten, Kommunisten oder zumindest Ideologiekritiker sehen, dermaßen geistig selbstverstümmeln, indem sie das Denken in Zusammenhängen – das ist Dialektik, Baby! – kappen, wer hätte das einst für möglich gehalten? (Die Frage ist rhetorisch.)

Im Folgenden bringen wir einen etwas älteren Text (2002), der vor allem eins ist: nicht originell. Er ist auch nicht »komplex« und erst recht nicht selbstquälerisch. Er ist sehr einfach und zugänglich – weil die »Basisbanalitäten«, ein mittlerweile arg strapazierter Begriff, einfach und jedermann/frau zugänglich sind. Eigentlich.
Der Text stammt von Ton Veerkamp, einem evangelischen Theologen, der jahrzehntelang Studentenpfarrer in Berlin war, und der sich selbst als Kommunist und Marxist begreift. Er hat einige schöne Bücher und Pamphlete geschrieben (»Autonomie und Egalität. Ökonomie, Politik und Ideologie in der Schrift«, 1993; »Der Gott der Neoliberalen«, 2005) und ist Mitherausgeber von »Texte und Kontexte«, einem Periodikum für Bibel-Exegese. Die Bibel wird von ihm konsequent sozialgeschichtlich ausgelegt im Hinblick auf die Klassenkämpfe, die in ihren Erzählungen aufgespeichert sind.

[Editorischer Hinweis: Der Essay ist eigentlich zu umfangreich für einen Blog-Eintrag. Wer nicht scrollen will, kann ihn sich hier herunterladen, kommt aber nicht umhin, ans Ende der TuK-Seite zu scrollen.]

Ton Veerkamp
Welches Israel?
(Mai 2002)

(abgedruckt in: TuK 93/94 [1–2/2002], 102–107)

1. Einige palästinensischen Freunde aus Gaza sagten, sie lebten als Schüler vor 1987 »wie die Könige«; sie konnten sich frei bewegen, fuhren nach dem Sabbat nach Tel Aviv, mal, um dort Geld zu verdienen, mal, um sich dort zu amüsieren. Wahr an dieser Erinnerung ist, daß vor 1987 das Leben verhältnismäßig ruhig war. Unterhalb dieser Erinnerung lag die Realität, daß die Ökonomie aller besetzter Gebiete in einer katastrophalen Verfassung war. Das wachsende Heer – der Ausdruck ist hier richtig – jugendlicher Arbeitsloser war schon damals das Symptom großer gesellschaftlicher Labilität. Der Ausbruch von Gewalt war nur eine Frage der Zeit.

2. Die israelische Politik hatte für diese Gebiete keine Konzepte, wie fast immer, wenn einer Besetzermacht nur daran gelegen war, besetzte Gebiete ruhig zu stellen und/oder sie als Kolonisierungsraum zu nutzen. Die Rechten Israels waren prinzipiell nicht willens, gesellschaftliche Konzepte zu entwickeln, darin unterschieden sie sich nicht von den Rechten überall sonst. In Gesellschaften, wo wirtschaftliche und soziale Probleme zu steigender Kriminalität führten, haben die Rechten immer nur eine Antwort: Null Toleranz und wegschließen. Weder der Likud-Block und die Szene rechts von ihm noch Teile der Arbeiterpartei waren für die Vorstellung zu gewinnen, dass das Ziel israelischer Politik sein müßte, auch palästinensische Jugendliche in Lohn und Brot zu bringen und dafür die politische Voraussetzung eines ernsthaft unternommenen Friedensprozesses zu schaffen. Die erste Intifada (1987–1993) war die Quittung.

3. In der Periode der ersten Intifada haben die Menschen vieles lernen müssen. Die Palästinenser, daß Israel eine auf Dauer angelegte staatlich verfaßte politische Wirklichkeit sei, die man anzuerkennen habe. Die Israelis, daß es ein palästinensisches Volk gibt, das über unverzichtbare politische Rechte verfügt. Für Yizchak Rabin war dies nicht nur Lippenbekenntnis, sondern er handelte nach dieser Einsicht. Ab 1993/94 begann das, was man »Friedensprozeß« nannte. Rabin stellte die politischen Voraussetzungen des Friedens in den Vordergrund; ob er die sozial-ökonomische Komponente als gleichrangig behandelt hätte, läßt sich nicht sagen. Er wurde ermordet, bevor er sein Werk hätte vollenden können. Aber niemand kann im Ernst davon ausgehen, Frieden sei möglich, wenn ein paar Kilometer weiter die Zone aussichtsloser Armut beginnt.

4. Auch für die palästinensische Autonomiebehörde war die Armut der Menschen nicht das Hauptproblem. Ihre Anfälligkeit für Korruption wird nicht nur von Israelis kritisiert, und die sogenannte Terrororganisation »Hamas« hat sich der sozialen Probleme stärker angenommen. Sie hat die Sozialeinrichtungen gegründet, die die Arafatbehörde nicht eingerichtet hat, aber hätte einrichten müssen. Die Autonomiebehörde hat durch ihr innenpolitisches Versagen die Radikalen stark gemacht. Die Unfähigkeit, gar der Unwille, die Ökonomie als den eigentlich entscheidenden Faktor anzusehen, ist nationalen, nationalistisch ausgerichteten Bourgeoisien überall gemeinsam. Das gilt für Arafat, es gilt auch für den Zionismus, der zwar kein Rassismus, aber auf alle Fälle ein bürgerlicher Nationalismus ist und darum auch dessen typische soziale Blindheit an den Tag legt.

5. Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung hat die große und einmalige Chance, die ihr Rabin und Arafat eingeräumt hatten, wissentlich und willentlich nicht genutzt. Die Hetze gegen Rabins Politik in vielen Medien Israels bereitete den Nährboden für den Mord an Rabin. Die Bevölkerung Israels hatte die Wahl zwischen Peres, dem damaligen Erben Rabins, und der Reaktion in der Person Netanjahus; sie wählte mehrheitlich die Reaktion. Sie setzte ein beispielloses Bauprogramm für jüdische Siedlungen in den besetzten Gebieten in Gang und machte Arafat deutlich, daß für sie nur eins in Frage kam: Autonomie für eine Reihe von Gebieten, umgeben von jüdischen Siedlungen. Für die Sicherheit dieser Siedlungen wäre die israelische Armee zuständig, die dafür auch Bewegungsfreiheit in den Autonomiegebieten beansprucht. Wer das Autonomie nennen will, kann das tun; die meisten Menschen verstehen unter Autonomie freilich etwas anderes. Mit der Wahl Netanjahus war der Friedensprozeß eigentlich gestorben. Die gemäßigten Linken, die unter Ehud Barak eine Chance erhielten, müßten entweder die »vollendeten Tatsachen« Netanjahus aus der Welt schaffen, oder eine Politik ohne Profil und Konzept führen. Nicht die makabere Aktion Scharons, Ende September 2000 auf dem Tempelberg, sondern der Fehlschlag von Camp David einige Wochen früher war der Auslöser jener Tragödie, deren Zeugen wir heute sind. Clinton hätte nie die maßgeblichen Politiker nach Camp David einladen dürfen, bevor nicht das zu erzielende Abkommen unterschriftsreif gewesen wäre. Clinton hätte besser wissen können, denn der historische Handschlag Rabins und Arafats konnte 1993 nur deswegen zustande kommen, weil die Diplomatie im Vorfeld erfolgreich gearbeitet hatte. Die von Clinton grob fahrlässig geweckten Erwartungen brachen zusammen und damit alles, was seit 1992 mühsam ausgehandelt worden war und vielleicht, trotz Netanjahu und Barak, hätte gerettet werden können. Das Klima war inzwischen so sehr zugunsten der israelischen Reaktion umgeschlagen, daß Ehud Barak den Durchbruch, der in Taba, der Folgekonferenz nach dem Fehlschlag in Camp David, zum Greifen nahe war, nicht hätte absegnen können, ohne seine Chancen auf Wiederwahl endgültig begraben zu müssen. Seine Zurückhaltung hat ihm freilich ebenfalls nichts genützt.

6. Die israelische Gesellschaft ist zutiefst gespalten; es gibt kein homogenes Israel. Es gibt in Israel viele, die wissen, daß die Politik der Rechten eine Katastrophe auch für Israel bedeutet. Die Entscheidung der israelischen Rechten, Scharon mit der Regierungsbildung zu beauftragen, war eine Entscheidung für den Krieg. Sie war auch eine Entscheidung für den Terror, weil alle hätten wissen können, was kommen mußte. Scharon brauchte die Entfachung des Terrors, um nach dessen Zerschlagung sich als Retter des Vaterlandes gegen seine vielen Konkurrenten bei den Rechten durchsetzen zu können. Arafat meinte auf die Entfachung des Terrors angewiesen zu sein, um die Gegner im eigenen Lager in Schach halten und Israel vielleicht doch zu wirklichen Konzessionen zwingen zu können. Er hätte wissen müssen, daß die Reaktion des Terrors von Scharon genau eingeplant war. Es geht nicht um moralische Verurteilung, weder was die eine, noch was die andere Seite betrifft. Es geht allein um die Frage, welche Politik effektiv sei. Die Effektivität einer Politik mißt man daran, ob die Mittel, die sie einsetzt, zum Ziel, das sie sich setzt, führen oder nicht. Wenn das Ziel »Friede für Israel« gewesen sein soll, dann war die Politik Scharons ein verheerender Fehlschlag: Der Staat Israel wurde gegründet, um allen jüdischen Menschen, die wo auch immer in der Welt bedrängt und verfolgt werden, die Möglichkeit zu geben, an einen Ort gehen zu können, wo ihre Sicherheit nicht länger bedroht ist. Tatsächlich ist gerade in Israel ihre Sicherheit mehr bedroht als zur Zeit irgendwo sonst in der Welt. Die bedrohliche Situation wird nicht nur durch den Terrorismus der Feinde, sondern auch und nicht weniger durch die friedensunfähige, gar friedensunwillige Politik der heutigen israelischen Regierung verursacht. Wahrscheinlich war Scharons Ziel nur, die Autonomiebehörde, die PLO und deren Symbolgestalt Arafat zu vernichten. Scharon hat, trotz der Zahl der Toten, die bei den Palästinensern seit September 2000 in die Tausende, bei den Israelis in die Hunderte geht, auch dieses Ziel nicht erreicht. Das Ziel, daß die Palästinenser zu erreichen suchten, die Anerkennung ihrer Wünsche nach einer vollständigen Autonomie, scheint unerreichbarer als je zuvor, trotz oder wohl gerade wegen der exzessiven Anwendung des Mittels des Terrors. Politischen Realitätssinn gibt es wohl nur auf der Seite der Friedenskräfte Israels; denn nur Israel kann etwas bewegen. Nur Israel kann agieren (wie Rabin zeigte); Arafat kann nur reagieren.

7. Irgendwann, Frühjahr 1942, erschossen zwei junge Männer aus der Amsterdamer Straße, wo ich als Kind wohnte, die Brüder Jan und Gerard Verleun, einen Deutschen, seine Frau und ihr Dienstmädchen in ihrer Wohnung. Der Mann war leitender Angestellter Fritz Sauckels, Arbeitsdienstbeauftragter der Nazis und als solcher oberster Sklavenjäger im besetzten Europa. Die jungen Männer wurden verhaftet, gefoltert und als Terroristen hingerichtet. Nach dem Krieg wurden die sterblichen Reste der beiden ausgegraben, eingesargt und in unserer Pfarrkirche christlich begraben. Der Pfarrer hielt eine Ansprache, in der er diese jungen Männer als leuchtendes Beispiel für die katholische Jugend darstellte. Über ihre Tat denke ich jetzt etwas anders. Sie war grausam und sinnlos, denn die Sklavenjagd in den Niederlanden ging weiter, und die Ermordung dieser Deutschen hat furchtbare Repressalien nach sich gezogen. Aber damals stand das überhaupt nicht zur Debatte, die beiden Männer waren Helden und Martyrer, und ihr Gedenkstein im Turm der Kirche ist bis heute zu sehen. Terrorismus ist immer die Waffe militärisch hoffnungslos Unterlegener gewesen. Terrorismus ist Mord, aber nicht nur, Terroristen sind Mörder, aber nicht nur. Terror muß aufhören, aber auch das, was Terror verursacht. Die beiden Brüder Verleun hatten ein politisches Motiv, und ihr Gegner war ein eindeutig ausgewiesener politischer Feind. Aber dessen Frau? Das Dienstmädchen? Der israelische Tourismusminister war ein politischer Gegner, was dessen Tötung nicht rechtfertigt, aber die Motivation begreiflich machen kann. Wer aber sind die Leute, die in einem Supermarkt einkaufen, die auf einen Bus warten, in einem Restaurant essen oder einfach nur über die Straße gehen? Jedenfalls hat diese »Politik« genau in das Konzept Scharons gepaßt und dazu geführt, daß aus den knapp über 50% Anhängern der Rechten jetzt 80% geworden sind. Andererseits: hätte Israel friedliches Verhalten der Palästinenser honoriert? Scharon und wohl die Welt außerhalb Palästinas hätte gesagt: »Die sind ruhig. Wo ist das Problem?« War der Terror doch die einzige Option gewesen? Diese Fragen sind nicht rhetorisch.

8. Im September 1993 bin ich mit einer Gruppe van knapp zwanzig ausländischen Studierenden nach Polen gefahren, um die wirtschaftlichen Probleme der »Transformationsländer« zu studieren. Ich habe darauf bestanden, im Laufe dieser Reise nach Auschwitz zu fahren, gerade weil in der Gruppe Studierende aus Palästina waren. Nach dem Besuch des Lagers Birkenau sagte mir ein ziemlich radikaler palästinensischer Kommilitone: »Das was die Deutschen mit den Juden gemacht haben, das haben die Juden nicht mit uns gemacht.« Er hatte begriffen, daß auch ein Palästinenser nicht sagen kann: »Die Juden sind unsere Nazis!« Das war weniger unser Verdienst, als vielmehr der Tatsache geschuldet, daß durch den beginnenden Friedensprozeß Palästinenser für solche Einsichten empfänglich werden konnten. Jetzt, fast neun Jahre später, ist an solche Dinge nicht mehr zu denken.

9. Die politische Vernunft sagt uns, Israel müsse sich und könne sich ohne Selbstaufgabe aus den besetzten Gebieten vollständig zurückziehen, alle jüdischen Siedlungen dort aufgeben, der Teilung des Landes und der Stadt zustimmen und den so entstehenden Staat völkerrechtlich anerkennen. Sodann müssen beide Staaten der Tatsache Rechnung tragen, daß sie ihre kollabierenden (in den besetzten Gebieten kaum noch vorhandenen) Volkswirtschaften nur gemeinsam wiederaufbauen können. Die materiellen Verbesserungen für das Leben müssen schnell greifbar werden, indem beide Staaten die Bekämpfung der Armut zum Hauptziel ihrer Politik machen. Sonst geschieht, was in Südafrika nach der Beseitigung der Apartheid geschehen ist: die Gewalt des Krieges weicht der Gewalt einer ausufernden Privatkriminalität. Im Gegensatz zur politischen Vernunft wissen wir, daß es vorerst keinen autonomen palästinensischen Staat geben wird, der diesen Namen verdient; daß es nach einer möglichen, kurzen oder längeren Periode des Abflauens der Gewalt eine dritte Intifada geben wird; daß die Vereinigten Staaten kein vorrangiges Interesse an der Beseitigung, allenfalls an der Eindämmung des Konfliktes haben; daß die arabischen Staaten den Konflikt brauchen, weil er ihnen eine weltpolitische Rolle zusichert, die sie ohne ihn gar nicht spielen können. Wir wissen also: das Morden wird weitergehen. Kein Friede für Israel, weil kein Friede für Palästina, kein Friede für Palästina, weil kein Friede für Israel.

10. Von Christinnen und Christen wird ein vorbehaltloses Bekenntnis zu bzw. »bedingungslose Solidarität« mit Israel gefordert. Solidarisch muß man mit den jüdischen Menschen sein, wo sie auch immer leben. Bedingungslos muß man alle die bekämpfen, die bei uns aus welchen offenen oder verdeckten Gründen auch jüdische Menschen verachten, verfolgen oder gar töten. Aber solidarisch mit einem Israel, wie es Scharon und seine Gesinnungsgenossen auf der rechten Seite wollen, kann und will ich nicht sein, weil ich dann alle meine politischen Grundüberzeugungen, nicht selten an der Schrift der Juden geschult, aufgeben müßte. Zumal dieses Israel nicht »an Leib«, eher »an der Seele bedroht« ist. Die physische Existenz Israels stand vielleicht 1967 auf dem Spiel, oder 1973 bzw. 1991 – wo ich übrigens auch einige Zweifel habe –, aber sicher nicht 2002. Zu ungleich ist der Kampf. Israel verfügt über einen Militärapparat, der in der Region unschlagbar ist, inklusive Massenvernichtungswaffen aller Gattungen (A, B und C), über eine Bestandsgarantie seitens der Vereinigten Staaten von Nordamerika, und es sieht vorerst nicht danach aus, daß sich daran etwas ändern wird. Arafat und die palästinischen Menschen haben Flinten und Sprengstoff; niemand in der arabischen Welt hat für sie etwas anderes als nur fade Lippenbekenntnisse übrig. Arafat kann Israel nicht bedrohen. Aber die physische Existenz israelischer Menschen ist bedroht und so auch die Seele des Gemeinwesens Israel. Die ständige Angst, mit dem Terror leben zu müssen, ist ein Grund. Aber die immer tiefer gehende Militarisierung von Wirtschaft und Gesellschaft führt zu einer Art von kollektiver Deformation. Man kann die anderen nur als Feind wahrnehmen, nicht als potentielle Partner bei der Gestaltung eines gemeinsamen Lebens in einem kleinen Land. Für Scharon & Co. sind die Palästinenser, oder »die Araber«, Fremde, Feinde, Bedrohliches. Die Rechten oktroyiert ihre Weltsicht der Gesellschaft auf, propagiert sie als die einzige »realistische« Sicht der Dinge, schließt eine andere Sicht als gefährliche Illusion aus wird und blockiert jeden Ausweg aus dem wirtschaftlichen Desaster und jede Heilung der seelischen Verstümmelungen. Der einzige Ausweg ist der Friede und das hebräische Wort »Schalom« bedeutet neben »Friede« auch »Heilung«. »Mit Scharon wird es keinen Frieden geben« (Daniel Barenboim). Dies bedroht die Seele Israels.

11. Die Frage ist daher, mit welchem Israel man solidarisch ist, mit König Jojakim, dessen unsinnige Militär- und Bündnispolitik Jerusalem ins Verderben führte, oder mit dem Propheten Jeremia, der gegen diese Politik den Mund aufmachte? Mit Ariel Scharon oder mit der israelischen Friedensbewegung und solchen, die das Fenster zum Frieden geöffnet haben, wie Jizchak Rabin?

Die Zeitschrift Texte & Kontexte wurde unter anderem mit dem Ziel gegründet, den Antijudaismus in der christlichen Theologie, insbesondere in der Exegese, schonungslos zu bekämpfen. An dieser Zielstellung darf sich nichts ändern. Man darf aber nicht die Haltung einzunehmen, die der New Yorker Kardinal Spellman angesichts des amerikanischen Amoklaufs in Vietnam einnahm; er sagte: »Right or wrong: my country.« Man darf auch jetzt nicht sagen: »Right or wrong: Israel!« Die gegenwärtige Politik des Staates Israel – und die ist beileibe nicht identisch mit dem Judentum! – ist zu bekämpfen. Wo bleibt die offene und engagierte Unterstützung für die israelischen Friedenskräfte seitens jener Christen und Christinnen und ihrer Kirchen, die, wie der US-amerikanische Kongress »uneingeschränkte Solidarität« fordern? Wir haben all diese Jahre hindurch Tacheles geredet mit jenen palästinensischen Studierenden, die politischen Kampf mit Judenhaß verwechselten. Wer stellt die israelische Rechte und ihre Anhänger im Ausland zur Rede?