Aus einem aufgegebenen Projekt, 15

Katastrophenideologie – Ideologiekatastrophe

Zu dem ideologischen Wesen der Katastrophe gehört, dass das, was da Schlimmes hereinbricht, mitten unter uns passiert, aber nicht konstitutiv zu uns gehört: Wenn man die Tatsache, dass Menschen seelisches und körperliches Leid vor allem innerhalb der eigenen – christlichen oder muslimisch geprägten – Familie zugefügt wird, nicht als Katastrophe bezeichnen würde, sondern als ein Normalzustand, wäre der Focus der Kritik direkt auf die Familie als Sozialisationsinstanz gelenkt. Wenn die neoliberale* Propaganda – vom »Institut für Neue Soziale Marktwirtschaft« bis, ganz aktuell, Guido Westerwelle – getrommelt hat, dass jede organisierte Gegenwehr von Lohnabhängigen nur Besitzstandswahrung ist, Ausdruck von mangelnder Flexibilität und die Zukunft der großen Gemeinschaft schädigend, dann ist der kapitalistische Normalfall, dass Lohnabhängige sich organisieren und kollektiv die andere Seite schädigen müssen, um auf ihr Geld zu kommen, die Katastrophe.
Aus dieser Verkehrung des Verhältnisses von Normal- und Ausnahmezustand wird dann eine ideologische Formation, wenn unterschiedliche Phänomene zu einem Cluster gemeinschaftsschädigender Verhaltensweisen verknäult werden; Verhaltensweisen, die ursächlich nicht mehr auf die Gesellschaft – und ihre kapitalistische Produktionsweise – zurückgeführt werden, sondern umgekehrt diese Gesellschaft gefährden.
Diese Art von Verdinglichung kommt ganz ohne explizit biologistische Zuschreibungen/Zumutungen aus, weswegen es etwa den antimuslimischen Hetzern leicht fällt, sich, eine weiterer absurder Twist, als anti-rassistisch auszugeben: Geht es ihnen doch vorgeblich darum, dass arabisch-türkisch-kurdische Individuum aus den Klauen von Religion und Tradition zu befreien. Religion und Tradition gelten aber nicht als gesellschaftliche Mächte, und erst recht nicht als solche, die sich vor dem Hintergrund des weltumspannenden Kapitalismus materialistisch verstehen lassen, sondern als überzeitliche, übermächtige Erscheinungen – quasi als Naturerscheinungen.

* Neoliberalismus ist in erster Linie Propaganda.