Archiv für Januar 2010

Zu der Frage »… warum sich 99,9 Prozent der Muslime von 0,1 Prozent missbrauchen und als Geiseln nehmen lassen, ohne die kleine radikale Minderheit in Schranken zu weisen …« (Broder et al.)

Aus Anlass einer bemerkenswerten Kritik der Islamkritiker aus bürgerlicher Sicht.

Mal folgendes Gedankenexperiment: Ich bin katholisch getauft. Ich bin zwar schon länger aus der Kirche ausgetreten, aber: Taufe ist Taufe, ich entkomme also per definitionem nicht der katholischen Glaubensgemeinschaft. Und hat sie nicht tief mein Leben geprägt? Als Kind bin ich selbstverständlich in die Kirche gegangen, nicht zuletzt weil für uns Zugezogenen die Kirche in der kleinen Stadt ein echter Integrationskatalysator war. Meine Mutter ist immer noch in der Kirche aktiv.
Und jetzt in der Großstadt? Hat ein befreundetes Paar ihr Kindlein taufen lassen. Ich selbst nehme jeden christlichen Feiertag in Anspruch – weil ich da nämlich nicht zur Arbeit muss. Freitags essen wir Fisch – ein christlicher Brauch. Die Bibel steht im Bücherregal, nicht mal einen Meter von den MEGA-Bänden entfernt, und als ich gehört habe, es gebe eine umfangreiche Dokumentation der (versteckten) Bibelzitate bei Marx und Engels, habe ich mir das Buch sofort besorgt (Reinhard Buchbinder, »Bibelzitate, Bibelanspielungen, Bibelparodien, theologische Vergleiche und Analogien bei Marx und Engels«, Berlin 1976, übrigens eine wirklich tolle Fleiß-Arbeit!).
Wenn also irgendein katholischer Pfaffe sich mal wieder als Kinderficker betätigt hat, wenn IRA-Splittergruppen eine Autobombe zünden oder sich katholische Missionare in Afrika breitmachen, dann würde der islamische Henryk Broder um die Ecke und mich als Katholik – für jeden Außenstehenden, der diesen Tick hat, Menschen nach ihrer Religionszugehörigkeit zu sortieren, MUSS ich als Katholik erscheinen – hinterlistig fragen, warum ich mich eigentlich von den 0,1 Prozent schwarzen Schafen meiner Glaubensgemeinschaft in Geiselhaft nehmen ließe. Ob es vielleicht daran liege, dass der Unterschied zwischen Katholizismus als Religion der Versöhnung, als Haltung und als Terror nur ein gradueller sei? Dass ich in Wirklichkeit den Terror stillschweigend oder mit klammheimlicher Freude dulde?
Das Gedankenexperiment ist freilich absurd, weil jeder weiß, dass die objektiven Manifestationen »meines Katholizismus« für mein wirkliches Leben völlig unerheblich sind. Erst eine bestimmte verdinglichende Praxis verwandelt diese Manifestationen zu etwas Handfestem und verknüpft sie zu einem System, in dem ich schier ausweglos gefangen bin.
In Sachen Islamkritik ist diese »Systematisierung« allerdings erwünscht. Die Muslime, die hier wohnen, arbeiten, leben sind demnach nicht auch Muslime, sie sind es in erster Linie. Der Islam würde demnach nicht herangezogen, um sogenannten Ehrenmorden eine ideologische Rechtfertigung zu verleihen, er wäre ihre reale Motivation. Muslime sind also gewalttätig, weil sie Muslime sind. Nun weiß jedes Kind (leider!), dass Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Schwule und Lesben, Gewalt gegen Kinder, Hass auf Schwache und Abweichende etc.pp. keine Privilegien »der Muslime« sind. Das ist schon alles recht gleichmäßig in unserer bürgerlichen Gesellschaft verteilt. Aber nur bei »den Muslimen« ist der Glaube der Grund dafür, dass sie ihre Frauen knechten und ihre Kinder deformieren (während bei allen anderen Quälern soziale Faktoren im Vorderung stehen). Weil dieser Glaube so totalitär, so allumfassend, so gebieterisch sei.
Das Problem für unsere Islamkritiker dabei ist – und damit sind wir wieder beim Ausgangszitat –, dass die meisten Muslime natürlich friedfertig sind (wie die meisten anderen auch), und es ziemlich evident ist, dass sie ihre Friedfertigkeit unmittelbar aus ihrer Alltagspraxis begründen, dafür also keine Religion bedürfen. Nur deshalb kommen Broder & Co. auf die perfide rhetorische Frage »… warum sich 99,9 Prozent der Muslime von 0,1 Prozent missbrauchen und als Geiseln nehmen lassen, ohne die kleine radikale Minderheit in Schranken zu weisen . . .«. Wenn man den meisten Muslimen also nichts nachweisen kann, dann muss man ihnen zumindest eine Sippenhaftung andichten.
Unter liberalen Gesichtspunkten sähe eine gelungene Integration eines Muslims so aus, dass er sich einen Scheiß um irgendwelche Terroristen, die angeblich in seinem Namen bomben und morden, kümmert. So wie es doch längst Alltag ist, dass sich hierzulande nur die allerwenigsten Katholiken für das interessieren, was der Papst so von sich gibt. Genau diese gelungene Integration wäre aber für Broder & Co. gar keine, denn dadurch, dass sich die Mehrheit der Muslime nicht distanzierend zum Terror der Minderheit äußert, macht sie sich zum Komplizen – und zwar willentlich (denn die in eine rhetorische Frage gekleidete Forderung, sich nicht zum Komplizen zu machen, ist in dem Moment, in dem sie ausgesprochen wird, in der Welt).
Wenn aber der Muslim diesen Spruch akzeptiert, bestätigt er von sich aus die Abhängigkeit der Mehrheit von der Minderheit, bestätigt die Richtigkeit des Systems verabsolutierter Merkmale. Und macht sich dadurch erst recht verdächtigt. Wenn es so ist, wenn also die Distanzierung zu Tage fördert, dass die Minderheit die Mehrheit dirigiert und diese insgeheim jene duldet/fördert/bewundert, dann ist der Islam erst recht totalitär, denn dann erscheint auch die Distanzierung in einem ganz anderen Licht: nämlich als bloße Taktik der Ablenkung und Vertuschung. Damit die totalitäre Glaubensgemeinschaft, bereinigt um ein paar schwarze Schafe, ihrem nunmehr stillen, aber umso wirksameren Hass unbehelligt frönen kann.
So schließt sich das Wahnsystem der Islamkritik zu einem geschlossenen Weltbild.

Nachtrag. Zu dem Satz: Der Islam hat seine Aufklärung noch vor sich.
Welche Religion hätte das nicht? Bekanntlich ging es den Aufklärern nicht darum, ihre Religionen aufzuklären, sondern über sie aufzuklären, d.h. sie abzuschaffen. Die Aufklärung fand gegen die Religionen statt – immer und ausschließlich. Dass die Vorarbeiten zur Aufklärung einst innerhalb der Religionen ihren Anfang nahmen (Nominalismusstreit!), dass die Aufklärer häufig für sich (subjektiv) das Ziel einer Reformierung des Glaubens anstrebten, dass die Aufklärer als Kinder ihrer Zeit oft gar nicht anders konnten, als irgendwie zu versuchen, Gott in ihr System einzubauen, ändert nichts an der Opposition von Aufklärung und Glauben.
Judentum wie Christentum sind ihrem Selbstverständnis nach nicht aufgeklärt (Erkenntnis der Naturwissenschaft werden nur anerkannt, um sie auf höherer Ebene zu Gotteswundern zu verklären). Vielmehr haben sich die Pfaffen aller Religionen mit den für sie ungünstigen Umständen arrangieren müssen – praktisch (Anerkennung des Gewaltmonopols des bürgerlichen Staates), aber auch ideologisch (das Konstrukt des jüdisch-christlichen Abendlandes).

Marx rekonstruieren (aber richtig!)

Nein, keine Sorgen. Hier folgt kein erkenntnisskeptischer Eintrag, der nachweisen will, dass Marx was ganz anderes gemeint hat bzw. das, was er hatte sagen wollen, irgendwie mangelhaft ausgedrückt hätte. Hier folgt vielmehr ein Vorschlag, wie ein unabhängig von den Intentionen und der Schreib-/Arbeitsweise des Autors zusammengekleisterter kanonisierter Text richtig wiederhergestellt werden kann, was vorab die Lektüre erleichtern und natürlich auch einen anderen Zugang – einen authentischeren – zum Werk ermöglichen soll. Dass man Marx heutzutage rekonstruieren muss, was im Rahmen der MEGA, der Marx-Engels-Gesamtausgabe philologisch ausgezeichnet passiert, hat nichts mit ihm, sondern mit seinen Nachlassverwaltern, den direkten wie den »geistigen«, zu tun.
Worum geht es?
Marx hatte 1844 mit dem Verleger Carl Leske die Schrift »Kritik der Politik und der Nationalökonomie«vereinbart. Marx hat diese Schrift bekanntlich nie beendet bzw. er hat niemals zu den vereinbarten Zeitpunkten die Manuskriptteile abgeliefert. Es dauerte zwanzig Jahre, bis er zumindest den ersten Band des KAPITAL herausbringen konnte. Marx’ legendäres Nicht-fertig-werden-können spiegelt sich in zig Anekdoten, spannender ist aber die Frage: Was hat er eigentlich geschrieben? Eike Kopf, einer der MEGA-Spezialisten zu DDR-Zeiten (als Professor ist er zwar längst abgewickelt, allerdings arbeitet er bis heute an der MEGA mit), ist sich sicher, dass der Text, den wir als »Ökonomisch-Philosophische Manuskripte« (1844) kennen, die Rohfassung der für Leske gedachten Schrift ist, mehr noch: einige Passagen aus »Die heilige Familie« stammen wohl aus der geplanten Leske-Schrift resp. aus dem Zusammenhang der »Ökonomisch-Philosophische Manuskripte«. Kopf hat sich das mit Hilfe u.a. von Briefaussagen von Marx und Engels erschlossen.
Die 1932 im Rahmen der ersten MEGA erstmalig publizierten Texte sind von Marx nicht als »Ökonomisch-Philosophische Manuskripte« betitelt worden, es handelt sich um eine Herausgeberentscheidung. Auch die Anordnung der Fragmente, ihre Unterteilung in einzelne Kapitel, das Einfügen von Überschriften etc.pp. geht nicht auf Marx, sondern auf seine Herausgeber zurück.
Dieser Anordnung folgen stillschweigend auch die MEW (Marx-Engels-Werke – hier Bd. 40 resp. Ergänzungsband 1); stillschweigend deshalb, weil der Leiter der ersten MEGA, David Rjazanov (einer der ganz großen Marx-Forscher seiner Zeit), 1938 von den Schergen Stalins ermordet wurde – also eine Unperson war, dessen Name nicht mal genannt werden durfte. Überhaupt war das gesamte erste MEGA-Team verfemt, man konnte also in der DDR wie in Russland ihre Arbeit nur fortsetzen bzw. an ihr anknüpfen, indem man die frühen Herausgeber verschwieg. Allein daran sieht man, dass Marx-Philologie kein Geschäft für Bücherwürmer und Erbsenzähler ist, sondern eine hochpolitische Veranstaltung.
Aber zurück zu den Manuskripten von 1844. Die zweite MEGA (seit 1976 – wird aktuell noch fortgeführt, mit einem Abschluss ist nicht vor 2030 zu rechnen) reproduziert abermals den alten MEGA- bzw. den MEW-Text, wenn auch modifiziert, stellt diesem aber eine chronologisch getreue zweite Variante der Darbietung zur Seite, sodass die Interessierten sehen können – WIE (in welcher Reihenfolge) Marx geschrieben hat und WAS er sich dabei gedacht hat.
Nun gab es damals – Ende der 1970er Jahre – eine sehr kluge, viel zu früh aus dem Leben geschiedene Marx-Forscherin namens Margaret Fay, die herausbekommen hatte, dass auch die zweite Text-Rekonstruktion nicht durchgehend befriedigend ist. Marx hat die von ihm parallel montierten Manuskript-Teile nämlich nicht linear geschrieben – beginnend mit der ersten Seite eine Heftes, endend mit der letzten –, sondern in einer Art Spiralbewegung (siehe auch die Darstellung der Textanordung, auf englisch, als Hypertext von Gary Tedman). Erst die Anordnung, wie sie Fay rekonstruiert hat, gibt den Blick auf den wirklichen Schreibprozess frei – und damit auf Marxens genüsslich-chaotische Arbeitsweise, aber auch auf Größe bestimmter Einflüsse und andere inhaltliche Schwerpunkte. So kann Fay detailliert zeigen, wie sehr Marxens Entfremdungstheorie von Adam Smith beeinflusst wurde bzw. sich einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Schotten verdankt.
Eike Kopf geht gewissermaßen noch einen Schritt weiter – er stellt sich nicht die Frage, wie die Manuskripte wirklich aussahen, sondern wie sie hätten aussehen können, wenn Marx sie im Hinblick auf ein Verlagsmanuskript gebündelt hätte. Das bleibt natürlich spekulativ – aber das Risiko lohnt sich. Denn die Fay-Rekonstuktion ist als Lektüre in praktisch-politischer Hinsicht kaum zu verwenden, das ist schließlich Grundlagenforschung. Ziel ist ja, auf Grundlage der MEGA eine neue Leseausgabe der Schriften von Marx und Engels zu generieren (zurzeit wird die MEW »renoviert«, mehr ist finanziell wohl nicht drin). Kopf hatte insofern Glück, weil er vor ein paar Jahren die chinesischen Marx-Herausgeber im Hinblick auf eine neue Werkausgabe beriet und dabei die Ergebnisse seiner MEGA-Studien einfließen lassen konnte.

Wir geben im Folgenden seinen Vorschlag zur, wie er strikt betont: inhaltlichen Textanordnung wieder. In Klammern die Seiten- und Zeilenangabe nach der »Zweiten Wiedergabe in MEGA² I. Abteilung/ 2. Band. [Dieser MEGA-Band samt separatem Anmerkungsapparat kostet antiquarisch zwischen dreißig und sechzig Euro. Wer die Anschaffung scheut, leiht sich den Band in der nächstliegenden Uni-Bib. aus und kopiert sich die entsprechenden Stellen.]

Vorrede (325.2 – 326.32); Arbeitslohn (327.2 – 338.21); Gewinn des Kapitals (338.22 – 351.8); Grundrente (351.9 – 363.14); [Entfremdete Arbeit und Privateigentum] (363.16 – 375.18); Ökonomen, vor allem A. Smith, über die Grundrente, Arbeit, industrielles Kapital, Gesellschaft, Teilung der Arbeit, menschliche Tätigkeit als Tätigkeit der Gattung Mensch (428.14 – 431.11); A. Smith, Ricardosche Schule und Quesnays Anhänger über den Zusammenhang des Privateigentums mit dem Subjekt, der Person und der Arbeit; Say, Skarbek, Mill und A. Smith über die Teilung der Arbeit, Austausch und Privateigentum (383.4 – 386.21); [Privateigentum und Kommunismus] der Gegensatz von Eigentumslosigkeit und Eigentum muß als Gegensatz von Arbeit und Kapital begriffen werden; sieben Gesichtspunkte zum Kommunismus als positiver Ausdruck des aufgehobenen Privateigentums, darunter als 6. Punkt [Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt] sowie Punkt 7 [Privateigentum und Bedürfnisse] (386.24 – 428.13); Teilung der Arbeit und Austausch (433.34 – 434.18); [Das Verhältnis des Privateigentums] (376.3 – 382.7); Kritische Randglosse Nr. 1 (Proudhon zur Entwicklung des Privateigentums) und II (Gegensatz von Proletariat und Privateigentum; weltgeschichtliche Rolle des Proletariats) aus »Die heilige Familie« (MWE, Bd.2, 32 – 34, 37/38); [Geld] (434.20. – 438.38).

(Quelle: Eike Kopf, »Zur Textkonstitution von Marx‘ Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844) und zu ihrem Zusammenhang mit der Schrift Die heilige Familie (1845)« in: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge, 1998, S. 203ff., Homepage)