Ein kluges Wort nur …

… und schon ist man Bordigist. Ah, ein billiger Scherz. Und ein unmöglicher dazu. Man kann ja gar kein Bordigist sein, nicht mal Amadeo Bordiga war einer. Man KONNTE ein Linkskommunist sein, aber das ist eine historische Figur des Arbeiterradikalismus – so historisch wie der Rätekommunist oder der Operaist. Vorbei. Aber man kann von diesem Radikalismus doch zumindest lernen, die Marxsche Kritik ihrem ursprünglichen Gehalt nach zu rekonstruieren und dabei nachzuweisen, dass die Rekonstruktion allein wegen der mannigfaltigen Verfälschungen und nicht wegen angeblich innerer Mängel der Kritik nötig ist.

Worum geht es? Um ein kleines Ärgernis. Der Blog Analyse, Kritik und Aktion hatte mit einem verlinkten Liedchen darauf hingewiesen, dass am 21. Januar 1921 »sich im toskanischen Livorno die italienische, kommunistische Partei (gründete). Ihr prominentestes Gründungsmitglied war Antonio Gramsci.« Das sind ein paar Fehler zu viel für zwei Sätzlein und provozierte einen Einspruch meinerseits.

Nein, liebe Leute, am 21. Januar 1921 gründete sich in Livorno keine Partei dieses Namens (Partito Comunista Italiano). Wohl aber eine PCd’I (Partito Comunista d`Italia) – eine kommunistische Parte von Italien. Eine kleine Verschiebung nur, aber mit großer Bedeutung. Denn das hieß, dass sich die italienischen Kommunisten als Sektion einer Weltpartei – der Komintern – verstanden, wohingegen die Namensänderung in PCI bereits die nationale Besonderung, den Zerfall der Komintern in nationale Einzelparteien, die gleichwohl moskauhörig waren, ausdrückt. Der Name PCI setzt sich folgerichtig auch erst in den 30er Jahren – nach der »Bolschewisierung«, der Unterwerfung unter die Doktrinen Stalins – durch.
Richtig vollpfostig wird es, wenn ihr schreibt, »prominentestes Gründungsmitglied war Antonio Gramsci«. Geht’s noch? Seit wann ist »prominent« eine ernst zu nehmende Charakterisierung eines Kommunisten? Hättet ihr doch wenigstens geschrieben »das theoretisch profilierteste, rhetorisch brillanteste etc.pp. Mitglied war … «. Auch das wäre schwach aus zwei Gründen: 1. wird durch solche Lobhudeleien der Mythos der großen Männer (Scheiß darauf!) gepflegt. 2. ist damit überhaupt noch nicht gesagt, zu welchem Zeitpunkt jemand als besonders prominent (theoretisch ausgezeichnet, praktisch hochbegabt etc.pp.) gilt/gegolten hat. Dass heutzutage Gramsci DIE Ikone des italienischen Kommunismus ist, d’accord. Aber damals (vor 90 Jahren)? Gramsci war ein bloß regional bedeutender Journalist, vor allem auf dem Gebiet der Kultur, als Theoretiker kaum profiliert. Sein Aufstieg verdankt sich der Intervention des sich (zunehmend bolschewisierenden) Komintern-Apparates, die gegen die »linkskommunistisch« dominierte Parteiführung intrigierte, und die in Gramsci einen dankbaren Strategen des nationalen Wegs zum Sozialismus fand.
Unumstrittener Denker und Stratege der Partei war bis 1923 Amadeo Bordiga (1889-1970), und der musste weg. Seine Schriften fassten den Linkskommunismus (das ist ein Feindbegriff, den die Fraktion um Bordiga nicht für sich beanspruchte, sondern der ihr aufgepappt wurde – in all den Jahren hat er sich allerdings verselbständigt, sodass sich immer wieder Militante positiv auf ihn bezogen haben) exemplarisch zusammen:
* Kritik der Demokratie (vor dem Hintergrund der bürgerlich-demokratischen Zerfallsgeschichte der II. Internationale);
* Kritik jeder Zusammenarbeit mit bürgerlichen Institutionen (die sogenannte »Invarianz des Marxismus«);
* Kritik des Antifaschismus (insofern er den Antikapitalismus zugunsten einer Bündnisstrategie zurückstellt und dabei das Gewaltpotential der »normalen«bürgerlichen Gesellschaft systematisch klein redet);
* Kritik jeder nationalen Besonderung (alle die Arbeiterbewegung betreffenden Fragen sind nur auf internationaler Ebene zu besprechen und zu lösen);
*Kritik der Glorifizierung der Oktoberrevolution (die zwar sozialistisch gewesen ist, die aber aus sich nicht in der Lage war, auch eine sozialistische Gesellschaft zu gestalten).
Mit diesem defaitistischen Kritikprogramm standen Bordiga & Co. ab 1922 diametral gegen die hauptsächlich von den russischen Revolutionären durchgedrückten Komintern-Beschlüsse, deren Konsequenz die Umgestaltung der Komintern zur Auslandsagentur russischer Staatsinteressen war.
So kommt es, dass Bordiga immer noch äußerst übel beleumundet ist, während völlig unreflektiert die Heiligsprechung Gramscis stattgefunden hat. [Dass es kleine Sekten gibt, die komplementär zum Rufmord an Bordiga einen regelrechten Kult um diesen entfacht haben, muss man als eine weitere Konsequenz aus der stalinistischen Isolierung verstehen. Es fällt offensichtlich schwer, angemessen nüchtern über ihn zu reden.]

Dieser Beitrag fand u.a. den Widerspruch des Bloggers Entdinglichung (dessen Verdienste als Meta-Archivar und Netz-Staubsauger linksradikaler Dokumente nicht bestritten werden sollen) – unsinnigerweise ein rein auf geschmacklicher Ebene angesiedelter:

»Ziehe gegenüber Bordiga in jedem Falle Gramsci (wie auch Terracini und sogar Togliatti) vor; Bordigas Invarianz-These stellt letztendlich einen vollkommen scholastischen und undialektischen Zugang zur marxistischen Theorie dar und bedeutet letztendlich das Herunterbeten „ewiger Wahrheiten“ und die Abkehr von einer praktisch-sinnlichen Herangehensweise an die jeweilige Realität … und was Bordiga speziell nach 1945 zum Faschismus geschrieben hat, ist nicht nur dumm sondern auch gefährlich … lebt und lest Gramscis Gefängnishefte!«

Letztendlich! Vollkommen! In jedem Fall!
Darauf folgende Antwort –

Es ist nett, wenn Du uns Deine persönlichen Vorlieben mitteilst. Aber wozu nur? Es geht um konkrete Positionen innerhalb der realen Bewegung der sozialen Kämpfe. Die Geschichte ist doch keine Würstchenbude, an der man sich seinen Kommunismus mit ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger nationalen Senf bestellen kann.
Bordigas Invarianz-These, das hatte ich bereits angedeutet, ist zu verstehen vor dem Hintergrund des Zerfalls der marxistischen Kritik im Zuge der II. Internationale (Revisionismus) und der III. (Stalinismus). Es liegt doch auf der Hand, dass sämtliche Marx-Verbesserer – egal ob Bernstein, Hilferding, Gramsci oder (ab einem gewissen Zeitpunkt) Castoriadis – einem wachsweichen Reformismus, sei’s explizit, sei’s implizit, Vorschub leisten. Demgegenüber auf dem ursprünglichen revolutionären Programm von Marx zu beharren und die Leute darauf hinzuweisen, doch erst einmal zur Kenntnis zu nehmen, was beim Alten eigentlich wirklich steht, ist eine vornehme Aufgabe. Dass es bei Bordiga einen groben, grobschlächtigen Zug gibt – keine Frage. Aber es geht ja darum, von Leuten etwas zu lernen, nicht sie nachzubeten.
Und „lebt und lest Gramscis Gefängnishefte“?! Man soll eine Schrift „leben“? Hallo? Noch dazu eine Schrift, die unter größter Not einer schrecklichen Realität abgerungen wurde, die in erster Linie eine Überlebenskrücke war und von der der Verfasser selbst wusste, dass er sie, „in Freiheit“, gründlich wird überarbeiten müssen? Lesen ok – aber leben??? Lass mal gut sein, jetzt wird’s esoterisch.

Leider wurde dann nicht weiter gestritten, man hätte dann nämlich direkt sich auf Aussagen von Bordiga (oder auch Gramsci) stü-t/r-zen können. Das soll wenigstens hier in Ansätzen nachgeholt werden:

Bordiga …
… über Dialektik:
Die Dialektik ist also ein Darlegungs- und Ausarbeitungswerkzeug und auch ein Instrument der Polemik und Didaktik; sie nützt einerseits zur Verteidigung gegen die von den traditionalistischen Methoden hervorgerufenen Denkfehler und sie versetzt uns andererseits in die Lage – was ziemlich schwer ist –, dass sich bei den zur Untersuchung vorliegenden Fragen nicht unbewusst auf Vorurteile gegründete willkürliche Daten einschleichen. Die Dialektik ist ihrerseits ein Reflex der Wirklichkeit und kann nicht aus sich selbst heraus die Wirklichkeit konstruieren oder erzeugen. Die Dialektik enthüllt niemals etwas aus sich selbst heraus, dennoch besitzt sie gegenüber der metaphysischen Methode einen riesigen Vorteil: sie ist dynamisch, während letztere statisch ist. Sie filmt die Wirklichkeit, statt sie zu fotografieren.

… über den (Anti-)Faschismus:
Wir halten den Faschismus für eine der Formen – eine andere ist die Demokratie –, worin der bürgerliche Staat seine Herrschaft behauptet. […] Die Politik der »starken Hand«, die massive Unterdrückung der gepriesenen Rechte hat es schon oft gegeben, das Rezept stammt nicht von den Faschisten oder gar Mussolini. […] Wir teilten nicht die Theorie Gramscis und auch der Zentristen, die den Faschismus als Konflikt zwischen Agrar- und moderner Industrie- und Handelsbourgeoisie darstellten. Sicherlich kann man die Agrarbourgeoisie mehr der rechten Bewegung zuordnen, die Industriebourgeoisie mehr den Parteien der politischen Linken. Die faschistische Bewegung indes richtete sich nicht gegen einen der beiden Pole, sondern hatte das Ziel, die Erhebung des revolutionären Proletariats zu verhindern, das gegen die Erhaltung aller sozialen Formen privater Wirtschaft kämpfte. Wir sagen seit vielen Jahren und ohne im geringsten zu zögern, dass man den Feind Nr.1 nicht im Faschismus ausmachen kann, sondern dass das größere Übel der »Antifaschismus« darstellt, ein größeres Übel, als es der Faschismus verursachen könnte, trotz aller Schäbigkeit. Der »Antifaschismus« hatte einem Monster historisches Leben eingehaucht: nämlich einem großen Block, der die ganze Bandbreite der kapitalistischen Ausbeutung und seiner Nutznießer umfasst – von den großen Plutokraten bis hinunter zu den lächerlichen Scharen von Halb-Bourgeois, Intellektuellen etc.

… über die »Invarianz« des Marxismus:
(These 9) Es sind just die Ideologen des Kapitalismus, die, nachdem sie die früheren Revolutionen als zur kapitalistischen hinführende gerechtfertigt haben, versichern, mit der letzten Revolution habe die Geschichte nun aber den Weg des graduellen Fortschritts, ohne weitere gesellschaftliche Katastrophen, eingeschlagen, denn die ideologischen Systeme hätten durch graduelle Entwicklung den Zustrom neuer Errungenschaften des theoretischen und angewandten Wissens absorbiert. Der Marxismus bewies den Trugschluss dieser Zukunftsvision.
(These 10) Auch der Marxismus ist keine Lehre, die sich jeden Tag durch neue Beiträge und „Ersatzteile“ – also durch Flickwerk! – formt und umformt, weil sie, wenn auch die letzte, doch noch eine der Doktrinen darstellt, die die Waffe einer unterdrückten und ausgebeuteten Klasse ist, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse umwälzen, umkehren muss und dabei Objekt tausendfacher konservativer Einflüsse der den feindlichen Klassen angehörenden traditionellen Formen und Ideologien ist.
(These 13) Gerade weil er der Suche nach „absoluter Wahrheit“ jeglichen Sinn abspricht und seine Doktrin nicht als Beleg des „Ewigen Geistes“ oder der abstrakten Vernunft, sondern als „Arbeitswerkzeug“ und „Waffe“ ansieht, verlangt der Marxismus – ob bei der stärksten Anspannung oder auf dem Höhepunkt des Kampfes – weder Werkzeug noch Waffe zwecks „Reparatur“ abzulegen, sondern als Partei die richtigen Werkzeuge und Waffen zu ergreifen, um sowohl im Krieg als auch im Frieden zu siegen.
(These 14) Eine neue Doktrin kann nicht zu einem x-beliebigen historischen Zeitpunkt auftauchen. Im Gegenteil: Es gibt bestimmte und genau charakterisierte – und auch höchst seltene – Epochen der Geschichte, in denen sie als blendender Lichtkegel auftauchen kann. Hat man den entscheidenden Augenblick nicht erkannt und das alles erhellende Licht nicht erblickt, wird man vergeblich zu den Kerzenstummeln greifen, mit denen pedantische Akademiker oder von ihrer Sache nicht überzeugte Kämpfer sich den Weg zu bahnen suchen.

Man sieht hier also die undialektischen Scholastik Bordigas in Reinform. Die ewigen Werte strahlen, und starke Strahlen sind ja bekanntlich nie ganz ungefährlich. Wir brechen hier die Debatte/ die Dokumentation ab und empfehlen wärmstens, das richtige Leben zu leben! (Erst recht in dieser Jahreszeit!)