Fürchtet euch vor den Netten!

»A Serious Man« von den Coen-Brüdern ist an bedrückenden Szenen nicht gerade arm, aber besonders bedrückend sind die wenigen Szenen, die im Büro des gebeutelten Helden Larry Gopnick spielen, also dort, wo sich die hässliche Seite seiner Arbeit als Mathematik-Dozent manifestiert (im Gegensatz zu seinen vor allem ihn selbst elektrisierenden Vorlesungen).
Gopnick, dessen soziales Leben sich schlagartig ungemein verkompliziert – der Film stellt diese Verknotung exemplarisch dar –, ist sich sicher, dass er an der Uni demnächst eine Festanstellung bekommt, er hofft es zumindest, na ja, eigentlich bangt er darum. Kurzum: Er befindet sich in einer prekären, abhängigen Situation, aus der er selbst nicht herauskommen kann. Die Berufungskommission ist im Film konsequenterweise unsichtbar, abstrakt, nur indirekt präsent. Beinahe jedenfalls.
Denn Gopnick kriegt in seinem Büro ab und zu Besuch von seinem Kollegen Arlen Finkle, auch er ein Dozent und offensichtlich Mitglied der berufenden Instanz. Auf geradezu diabolische Weise bestätigt Finkle dem zusehends entmutigten Gopnick seine Abhängigkeit – nicht durch Arroganz oder autoritäres Auftreten. Im Gegenteil. Finkle, ein verdruckst lächelnder Typ mit schlecht sitzendem Jackett und schlaffer Körperhaltung, also einer der nichts hermacht, ein Schwächling geradezu!, informiert Gopnick ganz höflich und nett über das, was ihn so betrifft. Z.B. dass jemand Schmäbriefe über ihn der Uni-Leitung hat zukommen lassen. Selbstverständlich spielen sie keine Rolle bei der Berufung. Aber nicht wegen der Schmähungen, sondern weil sie anonym sind. Und ja doch, die Briefe sind alle in makellosem, wohl formuliertem Englisch verfasst.
Wenn die Schmähungen keinen Einfluss auf die in Aussicht gestellte Festanstellung haben – warum spricht Finkle überhaupt von ihnen? Und wenn schon, warum spricht er über sie nicht im Modus des Skandalösen, sondern so, als würden sie tatsächlich ein Problem darstellen – und zwar ein Problem für Gopnick? Obwohl Finkle auf der Ebene des reinen Textes keine schlechten Nachrichten überbringt bzw. sie direkt relativiert (die Schmähbriefe sollen ja keinen Einfluss auf die Einstellung haben), hat er sein Gegenüber mit einem Wissen konfrontiert, das dieser nicht hat. Er hat ihm damit angedeutet, dass es ihnen – der Berufungskommission – obliegt, wie sie mit diesem Wissen umgehen. Sie könnten auch anders, wenn sie wollten. Und was sie genau wollen, das kriegt der Subalterne eben nie raus, das ist die Hierarchie des Büros. Die anderen Szenen mit Finkle sind dementsprechend: Er ist nett, verbindlich (wogegen aber seine ganze verkorkste Körpersprache steht), er bemüht sich, KEINEN Zweifel zu säen und sät ihn genau dadurch. Er ist, wenn man so will, der personifizierte Hintergedanke.
Das ist der Terror des Büros. Es gibt 17 Millionen Angestellte in Deutschland, zudem eine große Zahl von Menschen, die auf Angestellte angewiesen sind, mit ihnen kooperieren (müssen): Man stellt einen Antrag, wartet auf seine Gewährung und fürchtet seine Ablehnung.
Dass rumgebrüllt wird – gedemütigt, abgekanzelt, ignoriert und umgekehrt gekatzbuckelt und gekuscht wird: Das kennen wir. Aber was ist mit den Leuten in der Hierarchie über uns, die so schrecklich nett und höflich und verbindlich sind? Das sind diejenigen, denen man am allerwenigsten über den Weg trauen darf. Weil sie ausspielen, dass sie die Hierarchien, das Arbeitsregime nicht durch brutalistische, karftmeierische Umgangsformen zementieren (reproduzieren), sondern im Gegenteil die Umgangsformen ganz offen halten (es gilt allein die bürgerliche Konvention der Höflichkeit), und den Untergebenen/ den Konkurrenten umso stärker spüren zu lassen, dass sie ein strategisches Wissen haben, das der Untergebene/ der Konkurrent nicht hat.
Ein Verfalten, das »menschlich sauber« ist, ungemein effektiv und vor allem gnadenlos. Fürchtet euch vor den Netten!