Noch mal: Aus der Naturgeschichte der Sozialdemokratie

[Es folgt, wenn man so will, die Fortsetzung dieses Eintrags.]

(…)
Am 15. Juli 1927, zehn Uhr vormittags, kam wie gewöhnlich ein ›kommunistischer‹ Arzt zu mir in die Analysestunde. Er erzählte, daß ein Streik der Wiener Arbeiterschaft ausgebrochen wäre. Es hätte bereits einige Tote gegeben; die Polizei werde eben mit Waffen versehen, und die Arbeiter hätten bereits die innere Stadt besetzt. Ich brach die Sitzung ab und ging zum Schottenring, in dessen Nähe ich wohnte. In einer der Querstraßen befand sich die Polizeidirektion. Dort standen Massen von Polizei; sie bekamen Gewehre, die ihnen von Wagen herabgereicht wurden. Auf dem Schottenring marschierten lange Züge von Arbeitern in Arbeitskleidung, geschlossen, manche im Schritt, jedoch ohne Waffen, in Richtung Universität. Mir fielen die Ruhe in den Gesichtern und die ernste Entschlossenheit der Haltung auf. Sie sangen und schrieen nicht. Sie gingen stumm. Von der Universität her marschierten Schutzbundkolonnen in entgegengesetzter Richtung zum Donaukai. Zuschauer fragten, wohin sie marschierten. »In die Quartiere«, war die Antwort. Niemand verstand es. Hier breitete sich ein schwerer, bewaffneter Kampf zwischen Polizei und Betriebsarbeitern vor, und die seit Jahren gerade für solche Anlässe organisierte Schutztruppe der Arbeiterschaft ging in die Quartiere zurück? Eine Woche später war die Anschauung allgemein, daß der sozialdemokratische Schutzbund das später erfolgte Blutvergießen hätte verhindern können, wenn er einen Riegel vor der Polizei gezogen hätte. Wien verfügte unter dem sozialdemokratischen Gemeinderat über etwa 50000 Schutzbündler, die militärisch geschult waren. Wenn schon der Kampf nicht geführt werden sollte, so mußten doch die Arbeiter vor der Polizei geschützt werden. Was im sozialdemokratischen Parteivorstand vorging, wußte kein Mensch. Der erste Übersichtsbericht der SPÖ kam erst 24 Stunden später, am 16. Juli.

Ich berichte hier als einfacher Zuschauer von damals. Ich war unter den Zehntausenden von Zuschauern und Zielscheiben der Polizei. Die Wirklichkeit solcher Stunden und Tage des »Klassenkampfes« sieht anders aus, als sie in den offiziellen Berichten über Bürgerkrieg und Klassenkampf geschildert wird. In den berichten werden die Klassenkämpfe, der Theorie entsprechend, zwischen Kapitalisten und Arbeitern ausgekämpft. Auf der Straße laufen, schreien, schießen und sterben Menschen! Ich sah keine Kapitalisten auf den Straßen, dagegen Tausende und Abertausende von Arbeitern in uniform und solche ohne Uniform. Frauen, Kinder, Ärzte, Zuschauer. Der unauslöschliche Eindruck blieb: Hier kämpft seinesgleichen mit seinesgleichen! Die Polizei, die an diesen zwei Tagen 100 Menschen erschoß, war sozialdemokratisch organisiert. Die Arbeiterschaft war sozialdemokratisch organisiert. Der Schutzbund war sozialdemokratisch organisiert. Klassenkampf? Innerhalb derselben Klasse? In einer sozialistisch verwalteten Stadt? (…)

Ich ging mit der Menge zum Schottentor. Eine bewaffnete Abteilung von Polizisten marschierte zum brennenden Justizgebäude. Die Mannschaften, zum größten Teile sozialdemokratisch organisiert, sahen zu Boden. Die Polizeioffiziere gingen mit forciertem Schritt, als ob sie Peinliches zu Verbergen hätten. Überall standen Gruppen von Menschen jeden Berufs, Alters und Geschlechts herum, nicht nur Jugendliche, auch alte Frauen, Angestellte, kurz, Menschen, wie sie an einem gewöhnlichen Tage im Zentrum einer Großstadt sich finden. Viele riefen der Polizei zu: »Schießt nicht! Seid keine Idioten! Auf wen wollt ihr denn schießen?« Eine Gruppe am Wiener Bankverein schrie wütend: »Arbeitermörder, ihr seid doch selbst Arbeiter!« Die Köpfe der Polizei sanken noch tiefer. Ihre Gesichter zeigten Desorientierung. Die ersten Toten hatte es bereits gegeben. Die Erregung war ungeheuer. Doch Tausende und Abertausende waren nur unbeteiligte Zuschauer. Ich ging weiter zum Rathauspark. Da knallten Schüsse in der Nähe. Die Menge lief davon in Richtung Ring und verbarg sich in den Seitenstraßen. Nach einigen Minuten gingen sie langsam wieder vor, wie neugierige Kinder, bei denen Protest und Keckheit die Angst übertönen. Wenn die Menge läuft, dann fühlt man einen unwiderstehlichen Drang mitzulaufen. »Stehenbleiben«, riefen einige. »Wenn ihr davonlauft, schießt die Polizei nur um so mehr.« Im Park wurde weiter geschossen. Berittene Polizei stieß in die Menschenhaufen. Ambulanzen mit roten Fahnen kamen und fuhren mit Verwundeten und Toten davon. Es war keine regelrechte Straßenschlacht mit zwei feindlichen Lagern, sondern zehntausende von Menschen und Gruppen von Polizisten, die in die wehrlose Menge hineinschossen. Nur beim Justizpalais wurde regelrecht gekämpft. Wir sahen bald Flammen aufsteigen. Es hieß, daß einige Polizeiwachen gestürmt waren. Vier Polizisten waren beim Justizpalais erschlagen worden, gegenüber 100 toten Menschen aus der Menge. Zum Justizpalais kam man nicht durch, auch die Polizei nicht; so dicht war die Menschenmasse.

Einige Polizisten wurden der Uniform entkleidet und mußten in Unterhosen beschämt davonschleichen. Uniformen hingen symbolisch an Masten. Ich staunte über die Milde der Massen. Sie war stark genug, die wenigen Polizisten in Stücke zu reißen. Doch sie war friedlich und – humorvoll. Die Polizisten gingen unbehelligt, obgleich in der nächsten Nähe Menschen wie Hasen erschossen wurden, durch die Menge. Das war mir unverständlich. Wie konnte die Menge hier nur zuschauen und nichts, gar nichts unternehmen, um das Blutvergießen zu verhindern. »Sadismus der Masse«? Daß der Justizpalast brannte, wurde allgemein lebhaft begrüßt. Dieser »Bude« »geschah es schon recht«. Die Gerechtigkeit war ja doch nur für die Fürsten und die Reichen. Man schimpfte zwar und betrauerte die Toten; jedoch gab es keine Handlung, die man zielbewußt nennen konnte.

Der Justizpalais war von jungen Arbeitern besetzt. Sie hatte die Polizei vertrieben und warfen nur die Akten in einer heiligen Wut auf die Straße. Dort wurden sie in Brand gesetzt. Vom Schutzbund war nichts zu sehen. Der sozialdemokratische Bürgermeister Wiens, Seitz, führte selbst einen Löschwagen durch die Menge zum Justizpalais, doch er kam nicht durch. Die Menge wich nicht von der Stelle und ließ das Gebäude ruhig brennen. Hier und dort spielte sich das Töten wie automatisch ab. Wenn es einem Polizisten oder eine Gruppe von Polizisten paßte, dann schossen sie blind vor sich hin. Immer wieder fielen Menschen. So ging es stundenlang. Ich rannte nach Hause, um meiner Frau zu berichten. Sie glaubte es nicht. Das wäre einfach nicht möglich. So dachten sicherlich Hunderttausende in Wien an diesem Tage. Ich bat sie, sich augenscheinlich zu überzeugen, und ging mit ihr zur Universität. Wir standen zwischen dem Universitätsgebäude und dem Arkadencafé, mit uns eine Menge von etwa 300-400 Menschen. Alle besahen sich den Brand. Alle hielten es für eine gerechte Antwort auf den Freispruch der zwei Heimwehrfaschisten, die einen Arbeiter und einen Jungen grundlos erschossen hatten und nun freigesprochen worden waren. Das war nicht objektive Gerechtigkeit, sondern einfach Paktieren mit Mord. Am Rathaus, stand, etwa 200 Meter entfernt, eine Polizistenkette mit gesengten Gewehren. Wir sahen, wie sie sich allmählich in Bewegung setzte. Langsamen Schrittes kam sie näher. Ganz langsam! Als sie nur mehr etwa fünfzig Schritte von den nichtsahnenden Zuschauern entfernt war, trat der Kommandant zur Seite und gab Befehl zu schießen. Ich sah noch, wie einige Polizisten die Gewehrläufe hochhoben und in die Luft schossen. Doch viele schossen geradeaus in die Menge. Sie stob auseinander. Dutzende lagen am Boden. Es war nicht klar, ob tot, verwundet oder nur zum Schutze. Ich warf mich hinter einen Baum und zog meine Frau nach. Die Polizeikette stand nun in der Linie des Schottenrings. Sie schoß nicht mehr. Sie stand einfach da, wie vorher 200 Meter weiter weg. Ich hatte wieder das Empfinden: »sinnlose Maschinen«, sonst nichts. Stupid, blöde, ohne Sinn und Vernunft, ein Automatismus, der mal losgeht und mal nicht. Und davon wurden wir beherrscht. Das hieß damals »bürgerliche Ordnung«. Das regierte und schrieb vor, wen und wann ich lieben durfte, wen und wann nicht. Maschinelle Menschen! Der Gedanke kam ganz klar und unwiderleglich. Er hat mich seither nie mehr verlassen. Er war der Keim aller späteren Untersuchungen über den Menschen im Staat. Ein solcher Maschinenbestandteil war ich im Kriege gewesen. Genauso blind hatte ich, auf Befehl, ohne Denken, geschossen. »Knechte der Bourgeoisie«? Bezahlte Henker? Falsch! Nur Maschinen!

Einige dieser Maschinenmenschen hatten noch genügend Leben in sich, um sich zu schämen. Sie sahen weg oder schossen in die Luft. Lebendiges Leben schießt nicht blind, ohne zu wissen, wohin und weshalb. Dieses Schießen hatte zur Voraussetzung, daß das Leben in den Schießenden erstorben war. Daran ändert nichts, daß sich die Maschinen spontan bewegten. Die Bewegung war maschinell. Gäbe es diese Maschinen nicht, dann gäbe es keine Kriege.
(…)

Quelle: Wilhelm Reich, »Menschen im Staat«, Stroemfeld Verlag (nexus 24), Frankfurt/M. 1995 (im Original von 1939). Reich gab den obigen Schilderungen die Überschrift: »Ein praktischer Kurs in marxistischer Soziologie«.

Nachtrag: »Aber das Wichtigste wäre die Utopie einer Gesellschaft gewesen, in der dauerhaft öffentlich über das Geschehene geredet wird. Nicht über das Geschehene als abscheuliches System, mit dem man nichts zu tun hat, so wie die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution über den Zarismus geredet haben, sondern über die persönliche Teilhabe am Verbrechen, über das, was nicht mehr gutzumachen ist und nie mehr vergessen werden kann, und auch über die Alpträume.« Motto von Erhard Lucas zu seinem Buch. »Vom Scheitern der deutschen Arbeiterbewegung« (1983).