Aus einem aufgegebenen Projekt, 13

Das zweite Elend der Prekarität

Vor ein paar Jahren, etwa Mitte des Jahrzehnts, entdeckte sich die radikale Linke als Subjekt des Klassenkampfs – nicht als voranschreitende Intellektuelle, sondern als Bestandteil des Proletariats, das nun Multitude hieß. Man war nämlich selber prekär – lebte von dem Geld der Eltern, schlug sich durch als Projektemacher und wissenschaftliche Hilfskraft, als lumpenproletarischer Journalist oder schlicht als Student der Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften. Und man wurde dabei immer älter.
Kurz um: Man war prekär. Prekarität war das Signum der nicht mehr ganz so jungen und bereits zu altern beginnenden Intelligenz: unterfinanziert, auf Almosen angewiesen (das Geld meiner Eltern!), auf das Ab- und Durcharbeiten kurzfristiger Projekte geeicht, im Dienst eines großen Betriebes stehend (Uni, Theater, Verlage etc.pp.), der vor allem das sogenannte kulturelle Kapital der Prekären aufsaugte. Die Medien sprachen von der Generation Praktikum.
Dreh- und Angelpunkt in der Nabelschau der prekarisierten Intelligenz war ihr Selbstbewusstsein, die Tatsache dass man die Projektemacherei für gewöhnlich mit Begeisterung verfolgt –gilt sie doch als Versprechen auf die Zukunft (es kommt der Zeitpunkt, an dem sich das kulturelle Kapital in reales Geldeinkommen ummünzt) oder als Ausweis der sich selbst vervollkommnenden Persönlichkeit. Diese positive Besetzung der Prekarität sollte attackiert werden. Und zwar, damit haben wir den Fehler dieser Prekaritätsdebatte, aus der Perspektive der sich selbst vervollkommnenden Persönlichkeit. Kritisiert wurde an der Prekarität ihr positiver Schein, eingefordert die wahre Vervollkommnung. Die Kritik stand sich selbst im Wege. Anstatt das Persönlichkeitskonzept als das zu kritisieren, was es ist: als unmittelbaren Ausdruck des konsumwilligen, ebenso anpassungsbereiten wie diese Anpassungsbereitschaft produktiv gestaltenden bürgerlichen Subjekts, wurde seine Beschneidung durch den prekarisierten/prekären Job kritisiert. Eine Kritik aus der Perspektive der Festanstellung, nicht aus der der Selbstaufhebung des verbürgerlichten Proletariats.
Das Persönlichkeitskonzept ist freilich solipsistisch: Die Vervollkommnung der Persönlichkeit und mit ihr verknüpft die Antizipation des Umschlagpunkts von kulturellem Kapital in Einkommen ist immer nur bezogen auf eine Person, die die sich in der Konkurrenz bewährt und durchsetzt. Die Figur des Praktikanten, des Kulturarbeiters, des coolen Journalisten etc.pp. ist radikal asozial, da immer in der Bewegung der Vereinzelung begriffen. Die Vorstellung, diese könnten sich in eine gemeinsame Bewegung zu Wahrung und Durchsetzung ihrer Rechte (die schon längst durchgesetzt sind) zusammenschließen, ist absurd. Weil ihr Recht eben darin besteht, radikal als Einzelner sein Glück zu suchen. Der positive Bezug der Linken darauf (auf die Figur) hat nur deren schlechte Wirklichkeit reproduziert – das war, neben der augenscheinlichen materiellen Misere, ihr zweites Elend.