Marx rekonstruieren (aber richtig!)

Nein, keine Sorgen. Hier folgt kein erkenntnisskeptischer Eintrag, der nachweisen will, dass Marx was ganz anderes gemeint hat bzw. das, was er hatte sagen wollen, irgendwie mangelhaft ausgedrückt hätte. Hier folgt vielmehr ein Vorschlag, wie ein unabhängig von den Intentionen und der Schreib-/Arbeitsweise des Autors zusammengekleisterter kanonisierter Text richtig wiederhergestellt werden kann, was vorab die Lektüre erleichtern und natürlich auch einen anderen Zugang – einen authentischeren – zum Werk ermöglichen soll. Dass man Marx heutzutage rekonstruieren muss, was im Rahmen der MEGA, der Marx-Engels-Gesamtausgabe philologisch ausgezeichnet passiert, hat nichts mit ihm, sondern mit seinen Nachlassverwaltern, den direkten wie den »geistigen«, zu tun.
Worum geht es?
Marx hatte 1844 mit dem Verleger Carl Leske die Schrift »Kritik der Politik und der Nationalökonomie«vereinbart. Marx hat diese Schrift bekanntlich nie beendet bzw. er hat niemals zu den vereinbarten Zeitpunkten die Manuskriptteile abgeliefert. Es dauerte zwanzig Jahre, bis er zumindest den ersten Band des KAPITAL herausbringen konnte. Marx’ legendäres Nicht-fertig-werden-können spiegelt sich in zig Anekdoten, spannender ist aber die Frage: Was hat er eigentlich geschrieben? Eike Kopf, einer der MEGA-Spezialisten zu DDR-Zeiten (als Professor ist er zwar längst abgewickelt, allerdings arbeitet er bis heute an der MEGA mit), ist sich sicher, dass der Text, den wir als »Ökonomisch-Philosophische Manuskripte« (1844) kennen, die Rohfassung der für Leske gedachten Schrift ist, mehr noch: einige Passagen aus »Die heilige Familie« stammen wohl aus der geplanten Leske-Schrift resp. aus dem Zusammenhang der »Ökonomisch-Philosophische Manuskripte«. Kopf hat sich das mit Hilfe u.a. von Briefaussagen von Marx und Engels erschlossen.
Die 1932 im Rahmen der ersten MEGA erstmalig publizierten Texte sind von Marx nicht als »Ökonomisch-Philosophische Manuskripte« betitelt worden, es handelt sich um eine Herausgeberentscheidung. Auch die Anordnung der Fragmente, ihre Unterteilung in einzelne Kapitel, das Einfügen von Überschriften etc.pp. geht nicht auf Marx, sondern auf seine Herausgeber zurück.
Dieser Anordnung folgen stillschweigend auch die MEW (Marx-Engels-Werke – hier Bd. 40 resp. Ergänzungsband 1); stillschweigend deshalb, weil der Leiter der ersten MEGA, David Rjazanov (einer der ganz großen Marx-Forscher seiner Zeit), 1938 von den Schergen Stalins ermordet wurde – also eine Unperson war, dessen Name nicht mal genannt werden durfte. Überhaupt war das gesamte erste MEGA-Team verfemt, man konnte also in der DDR wie in Russland ihre Arbeit nur fortsetzen bzw. an ihr anknüpfen, indem man die frühen Herausgeber verschwieg. Allein daran sieht man, dass Marx-Philologie kein Geschäft für Bücherwürmer und Erbsenzähler ist, sondern eine hochpolitische Veranstaltung.
Aber zurück zu den Manuskripten von 1844. Die zweite MEGA (seit 1976 – wird aktuell noch fortgeführt, mit einem Abschluss ist nicht vor 2030 zu rechnen) reproduziert abermals den alten MEGA- bzw. den MEW-Text, wenn auch modifiziert, stellt diesem aber eine chronologisch getreue zweite Variante der Darbietung zur Seite, sodass die Interessierten sehen können – WIE (in welcher Reihenfolge) Marx geschrieben hat und WAS er sich dabei gedacht hat.
Nun gab es damals – Ende der 1970er Jahre – eine sehr kluge, viel zu früh aus dem Leben geschiedene Marx-Forscherin namens Margaret Fay, die herausbekommen hatte, dass auch die zweite Text-Rekonstruktion nicht durchgehend befriedigend ist. Marx hat die von ihm parallel montierten Manuskript-Teile nämlich nicht linear geschrieben – beginnend mit der ersten Seite eine Heftes, endend mit der letzten –, sondern in einer Art Spiralbewegung (siehe auch die Darstellung der Textanordung, auf englisch, als Hypertext von Gary Tedman). Erst die Anordnung, wie sie Fay rekonstruiert hat, gibt den Blick auf den wirklichen Schreibprozess frei – und damit auf Marxens genüsslich-chaotische Arbeitsweise, aber auch auf Größe bestimmter Einflüsse und andere inhaltliche Schwerpunkte. So kann Fay detailliert zeigen, wie sehr Marxens Entfremdungstheorie von Adam Smith beeinflusst wurde bzw. sich einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Schotten verdankt.
Eike Kopf geht gewissermaßen noch einen Schritt weiter – er stellt sich nicht die Frage, wie die Manuskripte wirklich aussahen, sondern wie sie hätten aussehen können, wenn Marx sie im Hinblick auf ein Verlagsmanuskript gebündelt hätte. Das bleibt natürlich spekulativ – aber das Risiko lohnt sich. Denn die Fay-Rekonstuktion ist als Lektüre in praktisch-politischer Hinsicht kaum zu verwenden, das ist schließlich Grundlagenforschung. Ziel ist ja, auf Grundlage der MEGA eine neue Leseausgabe der Schriften von Marx und Engels zu generieren (zurzeit wird die MEW »renoviert«, mehr ist finanziell wohl nicht drin). Kopf hatte insofern Glück, weil er vor ein paar Jahren die chinesischen Marx-Herausgeber im Hinblick auf eine neue Werkausgabe beriet und dabei die Ergebnisse seiner MEGA-Studien einfließen lassen konnte.

Wir geben im Folgenden seinen Vorschlag zur, wie er strikt betont: inhaltlichen Textanordnung wieder. In Klammern die Seiten- und Zeilenangabe nach der »Zweiten Wiedergabe in MEGA² I. Abteilung/ 2. Band. [Dieser MEGA-Band samt separatem Anmerkungsapparat kostet antiquarisch zwischen dreißig und sechzig Euro. Wer die Anschaffung scheut, leiht sich den Band in der nächstliegenden Uni-Bib. aus und kopiert sich die entsprechenden Stellen.]

Vorrede (325.2 – 326.32); Arbeitslohn (327.2 – 338.21); Gewinn des Kapitals (338.22 – 351.8); Grundrente (351.9 – 363.14); [Entfremdete Arbeit und Privateigentum] (363.16 – 375.18); Ökonomen, vor allem A. Smith, über die Grundrente, Arbeit, industrielles Kapital, Gesellschaft, Teilung der Arbeit, menschliche Tätigkeit als Tätigkeit der Gattung Mensch (428.14 – 431.11); A. Smith, Ricardosche Schule und Quesnays Anhänger über den Zusammenhang des Privateigentums mit dem Subjekt, der Person und der Arbeit; Say, Skarbek, Mill und A. Smith über die Teilung der Arbeit, Austausch und Privateigentum (383.4 – 386.21); [Privateigentum und Kommunismus] der Gegensatz von Eigentumslosigkeit und Eigentum muß als Gegensatz von Arbeit und Kapital begriffen werden; sieben Gesichtspunkte zum Kommunismus als positiver Ausdruck des aufgehobenen Privateigentums, darunter als 6. Punkt [Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt] sowie Punkt 7 [Privateigentum und Bedürfnisse] (386.24 – 428.13); Teilung der Arbeit und Austausch (433.34 – 434.18); [Das Verhältnis des Privateigentums] (376.3 – 382.7); Kritische Randglosse Nr. 1 (Proudhon zur Entwicklung des Privateigentums) und II (Gegensatz von Proletariat und Privateigentum; weltgeschichtliche Rolle des Proletariats) aus »Die heilige Familie« (MWE, Bd.2, 32 – 34, 37/38); [Geld] (434.20. – 438.38).

(Quelle: Eike Kopf, »Zur Textkonstitution von Marx‘ Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844) und zu ihrem Zusammenhang mit der Schrift Die heilige Familie (1845)« in: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge, 1998, S. 203ff., Homepage)