Archiv für Januar 2010

Ein kluges Wort nur …

… und schon ist man Bordigist. Ah, ein billiger Scherz. Und ein unmöglicher dazu. Man kann ja gar kein Bordigist sein, nicht mal Amadeo Bordiga war einer. Man KONNTE ein Linkskommunist sein, aber das ist eine historische Figur des Arbeiterradikalismus – so historisch wie der Rätekommunist oder der Operaist. Vorbei. Aber man kann von diesem Radikalismus doch zumindest lernen, die Marxsche Kritik ihrem ursprünglichen Gehalt nach zu rekonstruieren und dabei nachzuweisen, dass die Rekonstruktion allein wegen der mannigfaltigen Verfälschungen und nicht wegen angeblich innerer Mängel der Kritik nötig ist.

Worum geht es? Um ein kleines Ärgernis. Der Blog Analyse, Kritik und Aktion hatte mit einem verlinkten Liedchen darauf hingewiesen, dass am 21. Januar 1921 »sich im toskanischen Livorno die italienische, kommunistische Partei (gründete). Ihr prominentestes Gründungsmitglied war Antonio Gramsci.« Das sind ein paar Fehler zu viel für zwei Sätzlein und provozierte einen Einspruch meinerseits.

Nein, liebe Leute, am 21. Januar 1921 gründete sich in Livorno keine Partei dieses Namens (Partito Comunista Italiano). Wohl aber eine PCd’I (Partito Comunista d`Italia) – eine kommunistische Parte von Italien. Eine kleine Verschiebung nur, aber mit großer Bedeutung. Denn das hieß, dass sich die italienischen Kommunisten als Sektion einer Weltpartei – der Komintern – verstanden, wohingegen die Namensänderung in PCI bereits die nationale Besonderung, den Zerfall der Komintern in nationale Einzelparteien, die gleichwohl moskauhörig waren, ausdrückt. Der Name PCI setzt sich folgerichtig auch erst in den 30er Jahren – nach der »Bolschewisierung«, der Unterwerfung unter die Doktrinen Stalins – durch.
Richtig vollpfostig wird es, wenn ihr schreibt, »prominentestes Gründungsmitglied war Antonio Gramsci«. Geht’s noch? Seit wann ist »prominent« eine ernst zu nehmende Charakterisierung eines Kommunisten? Hättet ihr doch wenigstens geschrieben »das theoretisch profilierteste, rhetorisch brillanteste etc.pp. Mitglied war … «. Auch das wäre schwach aus zwei Gründen: 1. wird durch solche Lobhudeleien der Mythos der großen Männer (Scheiß darauf!) gepflegt. 2. ist damit überhaupt noch nicht gesagt, zu welchem Zeitpunkt jemand als besonders prominent (theoretisch ausgezeichnet, praktisch hochbegabt etc.pp.) gilt/gegolten hat. Dass heutzutage Gramsci DIE Ikone des italienischen Kommunismus ist, d’accord. Aber damals (vor 90 Jahren)? Gramsci war ein bloß regional bedeutender Journalist, vor allem auf dem Gebiet der Kultur, als Theoretiker kaum profiliert. Sein Aufstieg verdankt sich der Intervention des sich (zunehmend bolschewisierenden) Komintern-Apparates, die gegen die »linkskommunistisch« dominierte Parteiführung intrigierte, und die in Gramsci einen dankbaren Strategen des nationalen Wegs zum Sozialismus fand.
Unumstrittener Denker und Stratege der Partei war bis 1923 Amadeo Bordiga (1889-1970), und der musste weg. Seine Schriften fassten den Linkskommunismus (das ist ein Feindbegriff, den die Fraktion um Bordiga nicht für sich beanspruchte, sondern der ihr aufgepappt wurde – in all den Jahren hat er sich allerdings verselbständigt, sodass sich immer wieder Militante positiv auf ihn bezogen haben) exemplarisch zusammen:
* Kritik der Demokratie (vor dem Hintergrund der bürgerlich-demokratischen Zerfallsgeschichte der II. Internationale);
* Kritik jeder Zusammenarbeit mit bürgerlichen Institutionen (die sogenannte »Invarianz des Marxismus«);
* Kritik des Antifaschismus (insofern er den Antikapitalismus zugunsten einer Bündnisstrategie zurückstellt und dabei das Gewaltpotential der »normalen«bürgerlichen Gesellschaft systematisch klein redet);
* Kritik jeder nationalen Besonderung (alle die Arbeiterbewegung betreffenden Fragen sind nur auf internationaler Ebene zu besprechen und zu lösen);
*Kritik der Glorifizierung der Oktoberrevolution (die zwar sozialistisch gewesen ist, die aber aus sich nicht in der Lage war, auch eine sozialistische Gesellschaft zu gestalten).
Mit diesem defaitistischen Kritikprogramm standen Bordiga & Co. ab 1922 diametral gegen die hauptsächlich von den russischen Revolutionären durchgedrückten Komintern-Beschlüsse, deren Konsequenz die Umgestaltung der Komintern zur Auslandsagentur russischer Staatsinteressen war.
So kommt es, dass Bordiga immer noch äußerst übel beleumundet ist, während völlig unreflektiert die Heiligsprechung Gramscis stattgefunden hat. [Dass es kleine Sekten gibt, die komplementär zum Rufmord an Bordiga einen regelrechten Kult um diesen entfacht haben, muss man als eine weitere Konsequenz aus der stalinistischen Isolierung verstehen. Es fällt offensichtlich schwer, angemessen nüchtern über ihn zu reden.]

Dieser Beitrag fand u.a. den Widerspruch des Bloggers Entdinglichung (dessen Verdienste als Meta-Archivar und Netz-Staubsauger linksradikaler Dokumente nicht bestritten werden sollen) – unsinnigerweise ein rein auf geschmacklicher Ebene angesiedelter:

»Ziehe gegenüber Bordiga in jedem Falle Gramsci (wie auch Terracini und sogar Togliatti) vor; Bordigas Invarianz-These stellt letztendlich einen vollkommen scholastischen und undialektischen Zugang zur marxistischen Theorie dar und bedeutet letztendlich das Herunterbeten „ewiger Wahrheiten“ und die Abkehr von einer praktisch-sinnlichen Herangehensweise an die jeweilige Realität … und was Bordiga speziell nach 1945 zum Faschismus geschrieben hat, ist nicht nur dumm sondern auch gefährlich … lebt und lest Gramscis Gefängnishefte!«

Letztendlich! Vollkommen! In jedem Fall!
Darauf folgende Antwort –

Es ist nett, wenn Du uns Deine persönlichen Vorlieben mitteilst. Aber wozu nur? Es geht um konkrete Positionen innerhalb der realen Bewegung der sozialen Kämpfe. Die Geschichte ist doch keine Würstchenbude, an der man sich seinen Kommunismus mit ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger nationalen Senf bestellen kann.
Bordigas Invarianz-These, das hatte ich bereits angedeutet, ist zu verstehen vor dem Hintergrund des Zerfalls der marxistischen Kritik im Zuge der II. Internationale (Revisionismus) und der III. (Stalinismus). Es liegt doch auf der Hand, dass sämtliche Marx-Verbesserer – egal ob Bernstein, Hilferding, Gramsci oder (ab einem gewissen Zeitpunkt) Castoriadis – einem wachsweichen Reformismus, sei’s explizit, sei’s implizit, Vorschub leisten. Demgegenüber auf dem ursprünglichen revolutionären Programm von Marx zu beharren und die Leute darauf hinzuweisen, doch erst einmal zur Kenntnis zu nehmen, was beim Alten eigentlich wirklich steht, ist eine vornehme Aufgabe. Dass es bei Bordiga einen groben, grobschlächtigen Zug gibt – keine Frage. Aber es geht ja darum, von Leuten etwas zu lernen, nicht sie nachzubeten.
Und „lebt und lest Gramscis Gefängnishefte“?! Man soll eine Schrift „leben“? Hallo? Noch dazu eine Schrift, die unter größter Not einer schrecklichen Realität abgerungen wurde, die in erster Linie eine Überlebenskrücke war und von der der Verfasser selbst wusste, dass er sie, „in Freiheit“, gründlich wird überarbeiten müssen? Lesen ok – aber leben??? Lass mal gut sein, jetzt wird’s esoterisch.

Leider wurde dann nicht weiter gestritten, man hätte dann nämlich direkt sich auf Aussagen von Bordiga (oder auch Gramsci) stü-t/r-zen können. Das soll wenigstens hier in Ansätzen nachgeholt werden:

Bordiga …
… über Dialektik:
Die Dialektik ist also ein Darlegungs- und Ausarbeitungswerkzeug und auch ein Instrument der Polemik und Didaktik; sie nützt einerseits zur Verteidigung gegen die von den traditionalistischen Methoden hervorgerufenen Denkfehler und sie versetzt uns andererseits in die Lage – was ziemlich schwer ist –, dass sich bei den zur Untersuchung vorliegenden Fragen nicht unbewusst auf Vorurteile gegründete willkürliche Daten einschleichen. Die Dialektik ist ihrerseits ein Reflex der Wirklichkeit und kann nicht aus sich selbst heraus die Wirklichkeit konstruieren oder erzeugen. Die Dialektik enthüllt niemals etwas aus sich selbst heraus, dennoch besitzt sie gegenüber der metaphysischen Methode einen riesigen Vorteil: sie ist dynamisch, während letztere statisch ist. Sie filmt die Wirklichkeit, statt sie zu fotografieren.

… über den (Anti-)Faschismus:
Wir halten den Faschismus für eine der Formen – eine andere ist die Demokratie –, worin der bürgerliche Staat seine Herrschaft behauptet. […] Die Politik der »starken Hand«, die massive Unterdrückung der gepriesenen Rechte hat es schon oft gegeben, das Rezept stammt nicht von den Faschisten oder gar Mussolini. […] Wir teilten nicht die Theorie Gramscis und auch der Zentristen, die den Faschismus als Konflikt zwischen Agrar- und moderner Industrie- und Handelsbourgeoisie darstellten. Sicherlich kann man die Agrarbourgeoisie mehr der rechten Bewegung zuordnen, die Industriebourgeoisie mehr den Parteien der politischen Linken. Die faschistische Bewegung indes richtete sich nicht gegen einen der beiden Pole, sondern hatte das Ziel, die Erhebung des revolutionären Proletariats zu verhindern, das gegen die Erhaltung aller sozialen Formen privater Wirtschaft kämpfte. Wir sagen seit vielen Jahren und ohne im geringsten zu zögern, dass man den Feind Nr.1 nicht im Faschismus ausmachen kann, sondern dass das größere Übel der »Antifaschismus« darstellt, ein größeres Übel, als es der Faschismus verursachen könnte, trotz aller Schäbigkeit. Der »Antifaschismus« hatte einem Monster historisches Leben eingehaucht: nämlich einem großen Block, der die ganze Bandbreite der kapitalistischen Ausbeutung und seiner Nutznießer umfasst – von den großen Plutokraten bis hinunter zu den lächerlichen Scharen von Halb-Bourgeois, Intellektuellen etc.

… über die »Invarianz« des Marxismus:
(These 9) Es sind just die Ideologen des Kapitalismus, die, nachdem sie die früheren Revolutionen als zur kapitalistischen hinführende gerechtfertigt haben, versichern, mit der letzten Revolution habe die Geschichte nun aber den Weg des graduellen Fortschritts, ohne weitere gesellschaftliche Katastrophen, eingeschlagen, denn die ideologischen Systeme hätten durch graduelle Entwicklung den Zustrom neuer Errungenschaften des theoretischen und angewandten Wissens absorbiert. Der Marxismus bewies den Trugschluss dieser Zukunftsvision.
(These 10) Auch der Marxismus ist keine Lehre, die sich jeden Tag durch neue Beiträge und „Ersatzteile“ – also durch Flickwerk! – formt und umformt, weil sie, wenn auch die letzte, doch noch eine der Doktrinen darstellt, die die Waffe einer unterdrückten und ausgebeuteten Klasse ist, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse umwälzen, umkehren muss und dabei Objekt tausendfacher konservativer Einflüsse der den feindlichen Klassen angehörenden traditionellen Formen und Ideologien ist.
(These 13) Gerade weil er der Suche nach „absoluter Wahrheit“ jeglichen Sinn abspricht und seine Doktrin nicht als Beleg des „Ewigen Geistes“ oder der abstrakten Vernunft, sondern als „Arbeitswerkzeug“ und „Waffe“ ansieht, verlangt der Marxismus – ob bei der stärksten Anspannung oder auf dem Höhepunkt des Kampfes – weder Werkzeug noch Waffe zwecks „Reparatur“ abzulegen, sondern als Partei die richtigen Werkzeuge und Waffen zu ergreifen, um sowohl im Krieg als auch im Frieden zu siegen.
(These 14) Eine neue Doktrin kann nicht zu einem x-beliebigen historischen Zeitpunkt auftauchen. Im Gegenteil: Es gibt bestimmte und genau charakterisierte – und auch höchst seltene – Epochen der Geschichte, in denen sie als blendender Lichtkegel auftauchen kann. Hat man den entscheidenden Augenblick nicht erkannt und das alles erhellende Licht nicht erblickt, wird man vergeblich zu den Kerzenstummeln greifen, mit denen pedantische Akademiker oder von ihrer Sache nicht überzeugte Kämpfer sich den Weg zu bahnen suchen.

Man sieht hier also die undialektischen Scholastik Bordigas in Reinform. Die ewigen Werte strahlen, und starke Strahlen sind ja bekanntlich nie ganz ungefährlich. Wir brechen hier die Debatte/ die Dokumentation ab und empfehlen wärmstens, das richtige Leben zu leben! (Erst recht in dieser Jahreszeit!)

Fürchtet euch vor den Netten!

»A Serious Man« von den Coen-Brüdern ist an bedrückenden Szenen nicht gerade arm, aber besonders bedrückend sind die wenigen Szenen, die im Büro des gebeutelten Helden Larry Gopnick spielen, also dort, wo sich die hässliche Seite seiner Arbeit als Mathematik-Dozent manifestiert (im Gegensatz zu seinen vor allem ihn selbst elektrisierenden Vorlesungen).
Gopnick, dessen soziales Leben sich schlagartig ungemein verkompliziert – der Film stellt diese Verknotung exemplarisch dar –, ist sich sicher, dass er an der Uni demnächst eine Festanstellung bekommt, er hofft es zumindest, na ja, eigentlich bangt er darum. Kurzum: Er befindet sich in einer prekären, abhängigen Situation, aus der er selbst nicht herauskommen kann. Die Berufungskommission ist im Film konsequenterweise unsichtbar, abstrakt, nur indirekt präsent. Beinahe jedenfalls.
Denn Gopnick kriegt in seinem Büro ab und zu Besuch von seinem Kollegen Arlen Finkle, auch er ein Dozent und offensichtlich Mitglied der berufenden Instanz. Auf geradezu diabolische Weise bestätigt Finkle dem zusehends entmutigten Gopnick seine Abhängigkeit – nicht durch Arroganz oder autoritäres Auftreten. Im Gegenteil. Finkle, ein verdruckst lächelnder Typ mit schlecht sitzendem Jackett und schlaffer Körperhaltung, also einer der nichts hermacht, ein Schwächling geradezu!, informiert Gopnick ganz höflich und nett über das, was ihn so betrifft. Z.B. dass jemand Schmäbriefe über ihn der Uni-Leitung hat zukommen lassen. Selbstverständlich spielen sie keine Rolle bei der Berufung. Aber nicht wegen der Schmähungen, sondern weil sie anonym sind. Und ja doch, die Briefe sind alle in makellosem, wohl formuliertem Englisch verfasst.
Wenn die Schmähungen keinen Einfluss auf die in Aussicht gestellte Festanstellung haben – warum spricht Finkle überhaupt von ihnen? Und wenn schon, warum spricht er über sie nicht im Modus des Skandalösen, sondern so, als würden sie tatsächlich ein Problem darstellen – und zwar ein Problem für Gopnick? Obwohl Finkle auf der Ebene des reinen Textes keine schlechten Nachrichten überbringt bzw. sie direkt relativiert (die Schmähbriefe sollen ja keinen Einfluss auf die Einstellung haben), hat er sein Gegenüber mit einem Wissen konfrontiert, das dieser nicht hat. Er hat ihm damit angedeutet, dass es ihnen – der Berufungskommission – obliegt, wie sie mit diesem Wissen umgehen. Sie könnten auch anders, wenn sie wollten. Und was sie genau wollen, das kriegt der Subalterne eben nie raus, das ist die Hierarchie des Büros. Die anderen Szenen mit Finkle sind dementsprechend: Er ist nett, verbindlich (wogegen aber seine ganze verkorkste Körpersprache steht), er bemüht sich, KEINEN Zweifel zu säen und sät ihn genau dadurch. Er ist, wenn man so will, der personifizierte Hintergedanke.
Das ist der Terror des Büros. Es gibt 17 Millionen Angestellte in Deutschland, zudem eine große Zahl von Menschen, die auf Angestellte angewiesen sind, mit ihnen kooperieren (müssen): Man stellt einen Antrag, wartet auf seine Gewährung und fürchtet seine Ablehnung.
Dass rumgebrüllt wird – gedemütigt, abgekanzelt, ignoriert und umgekehrt gekatzbuckelt und gekuscht wird: Das kennen wir. Aber was ist mit den Leuten in der Hierarchie über uns, die so schrecklich nett und höflich und verbindlich sind? Das sind diejenigen, denen man am allerwenigsten über den Weg trauen darf. Weil sie ausspielen, dass sie die Hierarchien, das Arbeitsregime nicht durch brutalistische, karftmeierische Umgangsformen zementieren (reproduzieren), sondern im Gegenteil die Umgangsformen ganz offen halten (es gilt allein die bürgerliche Konvention der Höflichkeit), und den Untergebenen/ den Konkurrenten umso stärker spüren zu lassen, dass sie ein strategisches Wissen haben, das der Untergebene/ der Konkurrent nicht hat.
Ein Verfalten, das »menschlich sauber« ist, ungemein effektiv und vor allem gnadenlos. Fürchtet euch vor den Netten!

Aus einem aufgegebenen Projekt, 14

Die Rolle der Linkspartei

Die Linkspartei akzeptiert fast alles, was der Nationalismus an Theoriephrasen bereithält: dass es in »unserer« Gesellschaft eine »soziale Balance« gibt (kann empfindlich gestört werden!) und sie eine »moralische Grundlage« hat (geht schnell mal verloren!). Die LINKE stellt keine einzige Forderung auf, die nicht irgendein SPD-Stratege auch schon mal in seinem Hirn gewälzt hat. Deshalb ist das Frohlocken der Vorstandes – »Die anderen Parteien beginnen zu reagieren, die Überschriften der Programme ändern sich, der Tonfall wird sozialer (…) All das zeigt: Links wirkt! Veränderung ist möglich!« – durchaus infantil: Die »Großen« tun vielleicht irgendwann das, was die »Kleinen« wollen, wenn die nur lange genug nörgeln.
Das Interessante ist also nicht die LINKE, sondern das, wofür sie steht, oder als Frage formuliert: Wie ist es um die Integrationskraft eines politischen Systems bestellt, wenn die einzige und ihrem Verständnis nach: radikale Opposition – eben die LINKE – sich peinlich genau an die Vorgaben des Systems hält? Diese Kraft ist einerseits sehr groß, bezieht sich andererseits aber auf einen zunehmend schrumpfenden Teil der deutschen Gesellschaft.
Die GRÜNEN konnten noch lauthals den »(System-)Ausstieg« proklamieren, das System hielt sie gut aus, und binnen 10 Jahren waren sie integriert. Heute will die Linkspartei – umgekehrt! – die anderen Parteien und das Establishment wieder in eine Sozialordnung zurückholen (die der 1970er Jahre), in der die LINKE streng über die soziale Balance wacht und moralische Integrität einfordert. Man kann das als Reaktion auf eine Gesellschaft verstehen, in der immer mehr Menschen erleben, dass für sie nie eine soziale Balance vorgesehen war, und in der sich die moralische Grundlage im Fahnenschwenken bei sportlichen Großereignisse ausdrückt. Im Klartext: Die LINKE ist der vorläufig letzte Versuch des geschäftsführenden Ausschusses der bürgerlichen Gesellschaft, positive Integration und zivilgesellschaftliche Identifikation mit dem Staat (wieder)herzustellen und abzusichern. Das zeigt einerseits, wie angepasst sich als marxistisch oder zumindest post-marxistisch verstehende Parteiaktivsten tatsächlich sind, und andererseits, wie »abgehängt« und ökonomisch degradiert ihr Klientel ist: Man will ihnen den Mindestlohn als Utopie verkaufen, und das ist entweder zynisch, weil die Parteistrategen auf die Anspruchslosigkeit der Lohnabhängigen spekulieren, oder verzweifelt, weil man als Linker keinen größeren Gestaltungsspielraum mehr zu entdecken vermag.
Dabei ist die Haltung vieler Parteistrategen durchaus realitätsnah sind: Wenn sie nämlich davon reden, dass Sozialleistungen kein Zuckerschlecken sind, sondern die Härten des Kapitalismus mildern. Aber kein Wort davon, dass Sozialpolitik seit jeher Kontrollmittel ist; dass der moderne Staat über seine Kassen und Versicherungen das Proletariat zu sortieren, zu spalten, nationalistisch anzuleiten verstand. Das Fehlen jeglicher Spur einer linken Sozialstaatskritik kann man nur so interpretieren, dass das Linksestablishment auf die Handhabung dieser Kontrollinstrumente selber nicht verzichten will. [Das Bedingungslose Grundeinkommen, das besonders linke Linkspolitiker fordern, ist weder Ausstieg aus dem kontrollierenden Sozialstaat noch einer aus dem Kapitalismus generell, sondern eine schlichte Verschiebung, in gewisser Hinsicht sogar eine Zementierung der Abhängigkeit. Ausführlicher haben wir uns dazu hier geäußert.]

Noch mal: Aus der Naturgeschichte der Sozialdemokratie

[Es folgt, wenn man so will, die Fortsetzung dieses Eintrags.]

(…)
Am 15. Juli 1927, zehn Uhr vormittags, kam wie gewöhnlich ein ›kommunistischer‹ Arzt zu mir in die Analysestunde. Er erzählte, daß ein Streik der Wiener Arbeiterschaft ausgebrochen wäre. Es hätte bereits einige Tote gegeben; die Polizei werde eben mit Waffen versehen, und die Arbeiter hätten bereits die innere Stadt besetzt. Ich brach die Sitzung ab und ging zum Schottenring, in dessen Nähe ich wohnte. In einer der Querstraßen befand sich die Polizeidirektion. Dort standen Massen von Polizei; sie bekamen Gewehre, die ihnen von Wagen herabgereicht wurden. Auf dem Schottenring marschierten lange Züge von Arbeitern in Arbeitskleidung, geschlossen, manche im Schritt, jedoch ohne Waffen, in Richtung Universität. Mir fielen die Ruhe in den Gesichtern und die ernste Entschlossenheit der Haltung auf. Sie sangen und schrieen nicht. Sie gingen stumm. Von der Universität her marschierten Schutzbundkolonnen in entgegengesetzter Richtung zum Donaukai. Zuschauer fragten, wohin sie marschierten. »In die Quartiere«, war die Antwort. Niemand verstand es. Hier breitete sich ein schwerer, bewaffneter Kampf zwischen Polizei und Betriebsarbeitern vor, und die seit Jahren gerade für solche Anlässe organisierte Schutztruppe der Arbeiterschaft ging in die Quartiere zurück? Eine Woche später war die Anschauung allgemein, daß der sozialdemokratische Schutzbund das später erfolgte Blutvergießen hätte verhindern können, wenn er einen Riegel vor der Polizei gezogen hätte. Wien verfügte unter dem sozialdemokratischen Gemeinderat über etwa 50000 Schutzbündler, die militärisch geschult waren. Wenn schon der Kampf nicht geführt werden sollte, so mußten doch die Arbeiter vor der Polizei geschützt werden. Was im sozialdemokratischen Parteivorstand vorging, wußte kein Mensch. Der erste Übersichtsbericht der SPÖ kam erst 24 Stunden später, am 16. Juli.

Ich berichte hier als einfacher Zuschauer von damals. Ich war unter den Zehntausenden von Zuschauern und Zielscheiben der Polizei. Die Wirklichkeit solcher Stunden und Tage des »Klassenkampfes« sieht anders aus, als sie in den offiziellen Berichten über Bürgerkrieg und Klassenkampf geschildert wird. In den berichten werden die Klassenkämpfe, der Theorie entsprechend, zwischen Kapitalisten und Arbeitern ausgekämpft. Auf der Straße laufen, schreien, schießen und sterben Menschen! Ich sah keine Kapitalisten auf den Straßen, dagegen Tausende und Abertausende von Arbeitern in uniform und solche ohne Uniform. Frauen, Kinder, Ärzte, Zuschauer. Der unauslöschliche Eindruck blieb: Hier kämpft seinesgleichen mit seinesgleichen! Die Polizei, die an diesen zwei Tagen 100 Menschen erschoß, war sozialdemokratisch organisiert. Die Arbeiterschaft war sozialdemokratisch organisiert. Der Schutzbund war sozialdemokratisch organisiert. Klassenkampf? Innerhalb derselben Klasse? In einer sozialistisch verwalteten Stadt? (…)

Ich ging mit der Menge zum Schottentor. Eine bewaffnete Abteilung von Polizisten marschierte zum brennenden Justizgebäude. Die Mannschaften, zum größten Teile sozialdemokratisch organisiert, sahen zu Boden. Die Polizeioffiziere gingen mit forciertem Schritt, als ob sie Peinliches zu Verbergen hätten. Überall standen Gruppen von Menschen jeden Berufs, Alters und Geschlechts herum, nicht nur Jugendliche, auch alte Frauen, Angestellte, kurz, Menschen, wie sie an einem gewöhnlichen Tage im Zentrum einer Großstadt sich finden. Viele riefen der Polizei zu: »Schießt nicht! Seid keine Idioten! Auf wen wollt ihr denn schießen?« Eine Gruppe am Wiener Bankverein schrie wütend: »Arbeitermörder, ihr seid doch selbst Arbeiter!« Die Köpfe der Polizei sanken noch tiefer. Ihre Gesichter zeigten Desorientierung. Die ersten Toten hatte es bereits gegeben. Die Erregung war ungeheuer. Doch Tausende und Abertausende waren nur unbeteiligte Zuschauer. Ich ging weiter zum Rathauspark. Da knallten Schüsse in der Nähe. Die Menge lief davon in Richtung Ring und verbarg sich in den Seitenstraßen. Nach einigen Minuten gingen sie langsam wieder vor, wie neugierige Kinder, bei denen Protest und Keckheit die Angst übertönen. Wenn die Menge läuft, dann fühlt man einen unwiderstehlichen Drang mitzulaufen. »Stehenbleiben«, riefen einige. »Wenn ihr davonlauft, schießt die Polizei nur um so mehr.« Im Park wurde weiter geschossen. Berittene Polizei stieß in die Menschenhaufen. Ambulanzen mit roten Fahnen kamen und fuhren mit Verwundeten und Toten davon. Es war keine regelrechte Straßenschlacht mit zwei feindlichen Lagern, sondern zehntausende von Menschen und Gruppen von Polizisten, die in die wehrlose Menge hineinschossen. Nur beim Justizpalais wurde regelrecht gekämpft. Wir sahen bald Flammen aufsteigen. Es hieß, daß einige Polizeiwachen gestürmt waren. Vier Polizisten waren beim Justizpalais erschlagen worden, gegenüber 100 toten Menschen aus der Menge. Zum Justizpalais kam man nicht durch, auch die Polizei nicht; so dicht war die Menschenmasse.

Einige Polizisten wurden der Uniform entkleidet und mußten in Unterhosen beschämt davonschleichen. Uniformen hingen symbolisch an Masten. Ich staunte über die Milde der Massen. Sie war stark genug, die wenigen Polizisten in Stücke zu reißen. Doch sie war friedlich und – humorvoll. Die Polizisten gingen unbehelligt, obgleich in der nächsten Nähe Menschen wie Hasen erschossen wurden, durch die Menge. Das war mir unverständlich. Wie konnte die Menge hier nur zuschauen und nichts, gar nichts unternehmen, um das Blutvergießen zu verhindern. »Sadismus der Masse«? Daß der Justizpalast brannte, wurde allgemein lebhaft begrüßt. Dieser »Bude« »geschah es schon recht«. Die Gerechtigkeit war ja doch nur für die Fürsten und die Reichen. Man schimpfte zwar und betrauerte die Toten; jedoch gab es keine Handlung, die man zielbewußt nennen konnte.

Der Justizpalais war von jungen Arbeitern besetzt. Sie hatte die Polizei vertrieben und warfen nur die Akten in einer heiligen Wut auf die Straße. Dort wurden sie in Brand gesetzt. Vom Schutzbund war nichts zu sehen. Der sozialdemokratische Bürgermeister Wiens, Seitz, führte selbst einen Löschwagen durch die Menge zum Justizpalais, doch er kam nicht durch. Die Menge wich nicht von der Stelle und ließ das Gebäude ruhig brennen. Hier und dort spielte sich das Töten wie automatisch ab. Wenn es einem Polizisten oder eine Gruppe von Polizisten paßte, dann schossen sie blind vor sich hin. Immer wieder fielen Menschen. So ging es stundenlang. Ich rannte nach Hause, um meiner Frau zu berichten. Sie glaubte es nicht. Das wäre einfach nicht möglich. So dachten sicherlich Hunderttausende in Wien an diesem Tage. Ich bat sie, sich augenscheinlich zu überzeugen, und ging mit ihr zur Universität. Wir standen zwischen dem Universitätsgebäude und dem Arkadencafé, mit uns eine Menge von etwa 300-400 Menschen. Alle besahen sich den Brand. Alle hielten es für eine gerechte Antwort auf den Freispruch der zwei Heimwehrfaschisten, die einen Arbeiter und einen Jungen grundlos erschossen hatten und nun freigesprochen worden waren. Das war nicht objektive Gerechtigkeit, sondern einfach Paktieren mit Mord. Am Rathaus, stand, etwa 200 Meter entfernt, eine Polizistenkette mit gesengten Gewehren. Wir sahen, wie sie sich allmählich in Bewegung setzte. Langsamen Schrittes kam sie näher. Ganz langsam! Als sie nur mehr etwa fünfzig Schritte von den nichtsahnenden Zuschauern entfernt war, trat der Kommandant zur Seite und gab Befehl zu schießen. Ich sah noch, wie einige Polizisten die Gewehrläufe hochhoben und in die Luft schossen. Doch viele schossen geradeaus in die Menge. Sie stob auseinander. Dutzende lagen am Boden. Es war nicht klar, ob tot, verwundet oder nur zum Schutze. Ich warf mich hinter einen Baum und zog meine Frau nach. Die Polizeikette stand nun in der Linie des Schottenrings. Sie schoß nicht mehr. Sie stand einfach da, wie vorher 200 Meter weiter weg. Ich hatte wieder das Empfinden: »sinnlose Maschinen«, sonst nichts. Stupid, blöde, ohne Sinn und Vernunft, ein Automatismus, der mal losgeht und mal nicht. Und davon wurden wir beherrscht. Das hieß damals »bürgerliche Ordnung«. Das regierte und schrieb vor, wen und wann ich lieben durfte, wen und wann nicht. Maschinelle Menschen! Der Gedanke kam ganz klar und unwiderleglich. Er hat mich seither nie mehr verlassen. Er war der Keim aller späteren Untersuchungen über den Menschen im Staat. Ein solcher Maschinenbestandteil war ich im Kriege gewesen. Genauso blind hatte ich, auf Befehl, ohne Denken, geschossen. »Knechte der Bourgeoisie«? Bezahlte Henker? Falsch! Nur Maschinen!

Einige dieser Maschinenmenschen hatten noch genügend Leben in sich, um sich zu schämen. Sie sahen weg oder schossen in die Luft. Lebendiges Leben schießt nicht blind, ohne zu wissen, wohin und weshalb. Dieses Schießen hatte zur Voraussetzung, daß das Leben in den Schießenden erstorben war. Daran ändert nichts, daß sich die Maschinen spontan bewegten. Die Bewegung war maschinell. Gäbe es diese Maschinen nicht, dann gäbe es keine Kriege.
(…)

Quelle: Wilhelm Reich, »Menschen im Staat«, Stroemfeld Verlag (nexus 24), Frankfurt/M. 1995 (im Original von 1939). Reich gab den obigen Schilderungen die Überschrift: »Ein praktischer Kurs in marxistischer Soziologie«.

Nachtrag: »Aber das Wichtigste wäre die Utopie einer Gesellschaft gewesen, in der dauerhaft öffentlich über das Geschehene geredet wird. Nicht über das Geschehene als abscheuliches System, mit dem man nichts zu tun hat, so wie die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution über den Zarismus geredet haben, sondern über die persönliche Teilhabe am Verbrechen, über das, was nicht mehr gutzumachen ist und nie mehr vergessen werden kann, und auch über die Alpträume.« Motto von Erhard Lucas zu seinem Buch. »Vom Scheitern der deutschen Arbeiterbewegung« (1983).

Aus einem aufgegebenen Projekt, 13

Das zweite Elend der Prekarität

Vor ein paar Jahren, etwa Mitte des Jahrzehnts, entdeckte sich die radikale Linke als Subjekt des Klassenkampfs – nicht als voranschreitende Intellektuelle, sondern als Bestandteil des Proletariats, das nun Multitude hieß. Man war nämlich selber prekär – lebte von dem Geld der Eltern, schlug sich durch als Projektemacher und wissenschaftliche Hilfskraft, als lumpenproletarischer Journalist oder schlicht als Student der Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften. Und man wurde dabei immer älter.
Kurz um: Man war prekär. Prekarität war das Signum der nicht mehr ganz so jungen und bereits zu altern beginnenden Intelligenz: unterfinanziert, auf Almosen angewiesen (das Geld meiner Eltern!), auf das Ab- und Durcharbeiten kurzfristiger Projekte geeicht, im Dienst eines großen Betriebes stehend (Uni, Theater, Verlage etc.pp.), der vor allem das sogenannte kulturelle Kapital der Prekären aufsaugte. Die Medien sprachen von der Generation Praktikum.
Dreh- und Angelpunkt in der Nabelschau der prekarisierten Intelligenz war ihr Selbstbewusstsein, die Tatsache dass man die Projektemacherei für gewöhnlich mit Begeisterung verfolgt –gilt sie doch als Versprechen auf die Zukunft (es kommt der Zeitpunkt, an dem sich das kulturelle Kapital in reales Geldeinkommen ummünzt) oder als Ausweis der sich selbst vervollkommnenden Persönlichkeit. Diese positive Besetzung der Prekarität sollte attackiert werden. Und zwar, damit haben wir den Fehler dieser Prekaritätsdebatte, aus der Perspektive der sich selbst vervollkommnenden Persönlichkeit. Kritisiert wurde an der Prekarität ihr positiver Schein, eingefordert die wahre Vervollkommnung. Die Kritik stand sich selbst im Wege. Anstatt das Persönlichkeitskonzept als das zu kritisieren, was es ist: als unmittelbaren Ausdruck des konsumwilligen, ebenso anpassungsbereiten wie diese Anpassungsbereitschaft produktiv gestaltenden bürgerlichen Subjekts, wurde seine Beschneidung durch den prekarisierten/prekären Job kritisiert. Eine Kritik aus der Perspektive der Festanstellung, nicht aus der der Selbstaufhebung des verbürgerlichten Proletariats.
Das Persönlichkeitskonzept ist freilich solipsistisch: Die Vervollkommnung der Persönlichkeit und mit ihr verknüpft die Antizipation des Umschlagpunkts von kulturellem Kapital in Einkommen ist immer nur bezogen auf eine Person, die die sich in der Konkurrenz bewährt und durchsetzt. Die Figur des Praktikanten, des Kulturarbeiters, des coolen Journalisten etc.pp. ist radikal asozial, da immer in der Bewegung der Vereinzelung begriffen. Die Vorstellung, diese könnten sich in eine gemeinsame Bewegung zu Wahrung und Durchsetzung ihrer Rechte (die schon längst durchgesetzt sind) zusammenschließen, ist absurd. Weil ihr Recht eben darin besteht, radikal als Einzelner sein Glück zu suchen. Der positive Bezug der Linken darauf (auf die Figur) hat nur deren schlechte Wirklichkeit reproduziert – das war, neben der augenscheinlichen materiellen Misere, ihr zweites Elend.