Ein kleiner Schritt nur! Von der Subtilität des Determinismus

Der im Juni 2007 hochbetagt verstorbene holländische Rätekommunist Cajo Brendel, der letzte seiner Art, muss von einnehmendem Charakter gewesen sein. Streitlustig und dickköpfig, aber im richtigen Moment selbstironisch; sehr belesen; feurig engagiert und dennoch charmant. Weil Brendel bis wenige Jahre vor seinem Tod noch auf Vortragsreisen ging, haben verhältnismäßig viele aktive Genossen ihn erleben können, dementsprechend hoch angesehen war er – und erst recht war die Begeisterung »im Milieu« groß, als vor anderthalb Jahren eine repräsentative, klug ausgewählte und noch klüger aufbereitete Sammlung seiner wichtigsten Texte erschien: »Die Revolution ist keine Parteisache«.
Nun ist die Lektüre für jeden, der Brendel nicht kannte – und Genossen, die das Buch in, sagen wir, zwanzig Jahren erwerben (der Verlag garantiert die Lieferbarkeit, Ehrensache!), gehören ganz sicher zu jener Generation, die ihn nicht mehr hat kennenlernen können –, ein verwirrendes Erlebnis. Denn das gewöhnlich-spontane Politbewusstsein assoziiert mit dem konsequent partei-, gewerkschafts- und staatsfeindlichem Rätekommunismus doch wohl einen, na ja, bunten, offenen, undogmatischen, phantasievollen Marxismus (der Rätekommunismus wird durch die situationistische Brille betrachtet). Wie abschreckend ist demgegenüber der deterministische, strikt objektivistische, anti-individualistische, stolz doktrinäre Marxismus Brendels! Der Kern seiner Kritik an allem Parteigewese besteht denn auch darin, dass die kommunistische Partei, insofern sie den Gang der Geschichte durch Theorie Organisation Praxis meint beeinflussen (beschleunigen) zu können, gegen die– um es ganz abstrakt zu sagen – Gesetze der Geschichte verstößt und darin genuin bürgerlich ist: nämlich der Hybris des bürgerlichen Individuums entsprechend, kraft seiner von Staats wegen garantierten Autonomie, die sich alltagspraktisch im erwirtschafteten Geld manifestiert, stets als Herr und Meister des eigenen Schicksals zu wähnen (wo es sich doch genau umgekehrt verhält).
Wer bereit ist, den ebenso geradlinigen wie dornigen Denkweg Cajo Brendels mitzugehen, der stößt schließlich dahin vor, dass es Brendel nicht um die Naturgesetzlichkeit der kommunistischen Revolution ging, sondern um die Bestimmung der Grenzen jeglicher Strategie und daraus abgeleiteter Taktik. Die Gesetze der Geschichte – damit ist nicht die Unausweichlichkeit der Revolution behauptet, sondern die Erkenntnis, dass die Spontaneität der Massenaktion eben nicht vorhersagbar ist, erst hinterher kann man den Punkt des Ausbruchs bestimmen. Das ist die Einsicht in die Notwendigkeit, deren Derivat Handlungsfreiheit ist. »Nichtfatalistischer Determinismus in der Theorie kann jedenfalls heißen, vernünftige Zwecke zu formulieren und die zweckvollen von den zweckwidrigen Mitteln rigoros zu trennen.« (Christian Riechers)
Dies also, und das ist nicht wenig, kann man bei dem Holzhammermarxisten Brendel lernen – das Abklopfen hohler Stellen des eigenen Theoriefetischs, nämlich »… daß der marxistische Militant nicht mehr jemand ist, der zu überzeugen und zu belehren versteht, sondern jemand, der aus den Tatsachen zu lernen weiß, die dem Kopf des Menschen vorherlaufen, während dieser seit Jahrtausenden sie einzuholen versucht. Die ausgereifteste Auffassung des Determinismus hat nichts mit dem Passivismus gemeinsam, sondern erklärt, daß der Mensch handelt, bevor er hat handeln wollen, und will, bevor er weiß, warum er will, da der Kopf das letzte und am wenigsten sichere seiner Gliedmaßen ist.« Dieses Zitat stammt allerdings nicht von Brendel, der es sicherlich ohne mit der Wimper zu zucken unterschrieben hätte, sondern von Amadeo Bordiga. Bordiga, jener deterministische, strikt objektivistische, anti-individualistische, stolz doktrinäre Marxismus, gehört wie Brendel in den Zusammenhang des häretischen Marxismus, der seine Kraft aus strikter Orthodoxie bezieht. Beide trennt ein Abgrund – Bordiga ist glühender Vertreter der Avantgarde-Partei –, und es dürfte die größte theoretische Anstrengung heutiger Kommunisten sein, diesen Abgrund als Scheinproblem – wenn auch als REALES Scheinproblem – sich begreifbar zu machen. (Nein, es ist keine theoretische Anstrengung, die aktuelle Krise des Kapitalismus zu verstehen.)
Brendel, den wir in seinen Schriften als erstaunlich unsubtilen Schriftsteller erleben – im Gegensatz übrigens zum rhetorikverliebten Wortdrechsler Bordiga –, hat jedoch an einer entscheidenden Stelle einen Witz von so verblüffender Subtilität bewiesen, was seinen Determinismus doch in ein anderes Licht setzt.
1939 veröffentlichte im Pariser Exil der große Paul Frölich – Bremer Linker, KPD-Gründer, mit der Herausgabe der Werke Rosa Luxemburgs betraut, schließlich als »Abweichler« von den Bolschewisierern ausgeschlossen, unfreiwilliger-freiwilliger Dissident – seine Biographie Rosa Luxemburgs, das Standardwerk »Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat« (die letzte Ausgabe erschien 1990 beim Dietz Verlag Berlin). Jeder Kommunist, der den Namen verdiente, hat seinerzeit dieses Buch gelesen, so auch Brendel. Und 1965 gründet Cajo Brendel mit einigen Mitstreitern die (Monats-)Zeitschrift »Daad en Gedachte« (bis 1998). Daad en Gedachte! Tat und Gedanke! Ein einfacher Twist – ein kleiner Schritt nur. Das ist die Selbstkritik des autonomen Marxismus!