Extreme conditions demand extreme responses!

Wir setzen unsere assoziative Reihe zum Thema Aneignung / Gegenwehr / Übergang fort und bringen eine Notiz des Linkskommunisten Christian Riechers, der schon hier und da auf diesem Blog mit Texten vorgestellt wurde. Man kann sagen, dieser Text schließt direkt an den Marx-Text über die Forderung der Nationalisierung von Grund und Boden an.
Deutlich wird, dass die Gegenseite immer schon im großen Maßstab denkt. Es gibt keinen Kapitalisten – keinen Funktionär des Kapitals, der nur bezogen auf seinen Betrieb, seine Betriebseinheit denkt, ganz im Gegensatz zu den (an ihre Arbeitsplätze gefesselten) Arbeitern und Angestellten. Er, der Funktionär, der Manager, muss sich in der Konkurrenz beweisen; er weiß, dass es dazu der Eingriffe des Staates bedarf; er weiß, dass es ein Mindestmaß an Solidarität in seiner Klasse geben muss, um sich kollektiven Aktionen der Arbeiter zu erwehren. Die Fragen nach der Staatsableitung, nach der Totalität der Gesellschaft, nach dem Klassenbewusstsein – sie stellen sich nicht, wenn man sie konsequent von der Gegenseite aus denkt: Die Gegenseite lebt das alles nämlich – sie setzt aus sich den Staat, konstituiert in ihrer gegenseitigen Verschlingung die Totalität der Gesellschaft, besitzt ein ausgeprägtes, jeden Elefanten neidisch machenden Gedächtnis von all den Niederlagen, die man den Abhängigen in den letzten Jahrhunderten zugefügt hat.
Dagegen kann nur eine gesamtgesellschaftliche Strategie der Abhängigen Aussichten auf Erfolg haben. »Capitalism is international and global – the anti-capitalist Struggle must be international and global« lautet bekanntlich die einfache, einleuchtende, tatsächlich invariante Grundformel des Kommunismus, die aus Gründen des einst aufoktroyierten Zwangs zur Sektenbildung »nur noch« die Formel der Links- und Rätekommunisten ist.
Die Formel liest sich so plakativ (wie es Formeln nun mal sind) und ist so locker dahin geschrieben – aber wenn dieser Satz stimmt – nicht abstrakt, sondern konkret –, dann ist er die Zündschnur zu einer Bombe: Denn hat sich die radikale Linke in den letzten Jahren nicht wieder auf einzelne Betriebsaktionen gestürzt? Galten nicht Selbstverwaltung und Rätedemokratie als der letzte Schrei? Das alles waren anfänglich notwendige Unternehmungen, um Abstand vom existenzialistischen Anti-Nationalismus (Antideutschismus) der 90er Jahre zu bekommen. Anfang des Jahrtausendes musste man sich ganz einfach auf den argentinischen Aufstand stürzen, um nicht im Zuge der 9/11-Kriegshysterie den Verstand zu verlieren.

Christian Riechers:
Die Notiz ist dem kürzlich erschienenen Auswahl-Band »Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus« entnommen (S. 329). Wir danken dem Herausgeber für die Abdruckerlaubnis. Die Kleinschreibung folgt dem Original. Inhaltliche Vorbemerkung: Der Seitenhieb »da ist kein rückübersetzen nötig« geht direkt gegen Gramsci, der ja bekanntlich den Marxismus in die jeweilige nationale Sprache, vulgo: in die jeweilige nationale Besonderheit rückübersetzen wollte unter Hinzuziehung der jeweiligen Nationalideologie des Bürgertums.

(…) Die leiter der produktion und der verwertung des werts stehen oberhalb der betriebe, die lohnarbeiter sind die betriebsgefangenen. Wenn sie dazu noch betriebsbefangen werden, wird ihre lage aussischtslos. Die leiter der betriebe sind unternehmer, betriebe sind stets teile größerer unternehmungen. Die unternehmer verfolgen die dinge, ihren profit, mit einer eigenen logik, sie machen politik im großen, wer betriebspolitik als gegenmachtler machen will, macht politik im kleinen, solange er innerhalb der schranken des betriebs machen will.

Ein beispiel diese politikmachens im großen zeigt Castronovos Giovanni-Agnelli-biographie. Agnelli verfolgt die politik »seines hauses«, ist ein großer europäischer »fordist«, er kämpft gegen seine eigenen mitkapitalisten, um sich dann wieder mit ihnen zu verbinden: gegen die arbeiter im betrieb, mit ihren vertretern gegen die faschisten, mit Mussolini und gegen die kamarilla der faschisten. Was am beispiel Agnellis sichtbar wird, ist eine unternehmenspolitik im wortsinne, nicht im hierzulande gebräuchlich abgegeriffenen sinne. Agnelli ist den lohnarbeitern ein gegner comme il faut, ein tycoon, mit allen wassern gewaschen. Ein derart lernfähiger mensch, daß man sich nicht genug fürchten kann, sollte man derartige leute mit spatzen bekämpfen, wo jene mehr als kanonen einsetzen können. Bei Agnelli werden die dinge noch deutlich mit namen genannt, er spricht die unverhüllte sprache der politischen ökonomie des großen kapitalismus. Da ist kein rückübersetzen nötig, da genügt aufmerksames hinhören. Die sprache und sein verhalten machen ihn den gewerkschaftsführern vertraut. Sie wollen als gewerkschaftsführer (was revolutionäres ausschließen soll) nicht mehr als er, sie möchten bestenfalls ihn auf ihrer seite haben, oder ihn weg und sich selbst an seine stelle, auf jeden fall aber dasselbe werk unverändert in den großen zügen fortführen. Sie können sich kein produzieren vorstellen, das ganz anders ist, von den unmittelbaren produzenten ausgehend.