Pier Paolo Pasolinis Botschaft an die Studenten: »Als ihr euch gestern in Valle Giula geprügelt habt/ mit den Polizisten/ hielt ich es mit den Polizisten!«

Ausschnitte aus dem Poem Die KPI an die Jugend!!, erschienen in der Zeitschrift Nuovi Argomenti, Nr. 10, April-Juni 1968 (deutsche Übersetzung von Reimar Klein in: Pasolini, Ketzererfahrungen – »Empirismo eretico«, Schriften zu Sprache, Literatur und Film, München: Hanser Verlag 1979, S. 187ff.)

(…)
Die Journalisten aus aller Welt (mitsamt
denen vom Fernsehen)
lecken euch (wie man, glaube ich, immer noch sagt in der Sprache
der Uni) den Arsch. Ich nicht, Freunde.
Ihr habt Gesichter von Vatersöhnchen.
Die rechte Art schlägt immer durch.
Ihr habt denselben bösen Blick.
Ihr seid furchtsam, unsicher, verzweifelt
(ausgezeichnet!), aber ihr wißt auch, wie
man arrogant, erpresserisch und sicher ist:
kleinbürgerliche Vorrechte, Freunde.
Als ihr euch gestern in Valle Giulia geprügelt habt
mit den Polizisten,
hielt ich es mit den Polizisten!
Weil die Polizisten Söhne von armen Leuten sind.
Sie kommen aus Randzonen, ländlichen oder städtischen.
Was mich angeht, so kenne ich sehr wohl
die Weise, wie sie als Kinder oder Jungen gelebt haben,
die kostbaren tausend Lire, den Vater, auch er ein Junge geblieben
wegen des Elends, das keine Autorität verleiht.
(…)
Und dann seht, wie sie angezogen sind: wie Hanswürste
mit jenem groben Stoff, der nach Truppenverpflegung,
Schreibstube und Volk riecht. Schlimmer als alles natürlich
ist die psychologische Verfassung, auf die sie reduziert sind
(für vierzigtausend Lire im Monat):
kein Lächeln mehr,
keine Freundschaft mehr mit der Welt,
abgesondert,
ausgeschlossen (in einem Ausschluß ohnegleichen);
erniedrigt, weil sie ihr Menschsein verloren haben,
um Polizisten zu sein (gehaßt werden lehrt hassen).
Sie sind zwanzig, in eurem Alterm liebe Freunde und Freundinnen.
Gegen die Institution der Polizei sind wir uns selbstverständlich
einig.
Aber legt euch einmal mit der Justiz an, und ihr werdet sehen!
Die jungen Polizisten,
die ihr aus heiligem Bandentum (in vornehmer Tradition
des Risorgimento)
als Vatersöhnchen verprügelt habt,
gehören zur anderen Gesellschaftsklasse.
In Valle Giulia hat es also gestern ein Stück
Klassenkampf gegeben: und ihr, Freunde, (obwohl im
Recht) wart die Reichen,
während die Polizisten (im
Unrecht) die Armen waren. Ein schöner Sieg also,
der eure! In solchen Fällen
gibt man den Polizisten Blumen, Freunde.
»Popolo« und »Corriere della Sera«, »Newsweek« und »Monde«
lecken euch den Arsch. Ihr seid ihre Kinder,
ihre Hoffnung, ihre Zukunft: wenn sie euch tadeln,
bereiten sie sich bestimmt nicht auf einen Klassenkampf
gegen euch vor! Wenn überhaupt,
dann auf den alten inneren Kampf.
Für den, der als Intellektueller oder Arbeiter
außerhalb eures Kampfes steht, ist die Idee sehr belustigend,
daß ein junger Bourgeois einen alten
Bourgeois durchprügelt und daß ein alter Bourgeois
einen jungen Bourgeois ins Gefängnis schickt. Sachte
kehren die Zeiten Hitlers wieder: die Bourgeoisie liebt es,
sich mit eigenen Händen zu strafen.
(…)
Ihr besetzt die Universitäten,
aber nehmt einmal an, die gleiche Idee
käme jungen Arbeitern:
Würden dann
»Corriere della Sera« und »Popolo«, »Newsweek« und »Monde«
so großen Eifer zeigen
beim Versuch, ihre Probleme zu verstehen?
Würde die Polizei sich darauf beschränken, ein paar
Prügel einzustecken
in einer besetzten Fabrik?
Der Einwand ist banal;
und erpresserisch. Aber vor allem nutzlos:
denn ihr seid Bourgeois
und somit Antikommunisten.
(…)
Hört auf, an eure Rechte zu denken,
hört auf, die Macht zu fordern.
Ein reuiger Bourgeois hat auf all seine Rechte zu verzichten
und aus seiner Seele ein für allemal
die Idee der Macht zu verbannen. All das ist Liberalismus:
überlaßt es
Bob Kennedy.
Meister wird man durch Besetzung von Fabriken,
nicht von Universitäten: eure Schmeichler
(auch die kommunistischen)
sagen euch nicht die banale Wahrheit: daß ihr eine neue,
idealistische Sorte von Mitläufern seid, wie eure Väter,
wie eure Väter, nochmals, Kinder.
(…)

Nachbemerkung (Ofenschlot)
Überflüssig darauf hinzuweisen, wie viel Prügel (intellektueller Art) Pasolini für diese Zeilen einstecken musste – von links bis ganzlinks (das Poem ist im Original um einiges länger, und wir müssen uns hier entschuldigen, dass wir hier bloß einige pikante Stellen herausgepickt haben, es endet mit dem Aufruf, die Parteizentralen der kommunistischen Partei zu stürmen). In ihrer Wut auf Pasolini waren sich die Stalinodemokraten bemerkenswerterweise einig mit den Spontioperaisten. Haben die Ereignisse der damaligen Monate ihn nicht gründlich widerlegt? Folgte auf der Schlacht in der römischen Valle Giulia – ein Ereignis vergleichbar mit den Barrikaden vor der Sorbonne, der Besetzung der New Yorker Columbia University und den Osterruhen in deutschen Städten nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke – nicht der heiße Herbst, die große Verbrüder- und Verschwesterung der Studierenden mit den jungen Arbeitern?
Ja, aber Pasolini dachte tiefer, und wer heute nach Italien blickt, weiß, dass die Geschichte ihm Recht gegeben hat. Nur wäre dieser Sieg (à la »Ich habe es doch schon immer besser gewusst…«) zu wohlfeil für ihn. Der Kommunist Pasolini hat für seine Zeit geschrieben – und, natürlich, Filme gemacht –, nicht für irgendeine Zukunft.
Was er mit dem Poem bezwecken wollte, hat er selbst am besten in einer »Apologie« ausgeführt.
Zunächst weist er auf den provokatorischen Charakter des Poems hin: »Ich hoffe, daß der böse Wille meines guten Lesers die Herausforderung „annimmt“, handelt es sich doch um eine Provokation auf sympathetischer Ebene.« – und holt dann aus:

»»
Die entscheidende Frage ist aber, warum ich mich so provokatorisch gegen die Studenten gewendet habe (…).
Die ist der Grund: bis zu meiner Generation, sie noch einbegriffen, hatte die Jugend das Bürgertum als ein»Objekt« vor sich, als eine »getrennte« Welt (getrennt von ihnen, denn ich spreche natürlich von der ausgeschlossenen Jugend, ausgeschlossen durch ein Trauma – und als typisches Trauma können wir das des neunzehnjährigen Lenin nehmen, der zusehen mußte, wie sein Bruder von der Polizei gehenkt wurde). So konnten wir die Bourgeoisie objektiv betrachten, von außen (auch wenn wir in erschreckendem Maße mit ihr zusammenhingen durch Geschichte, Schule, Kirche, Angst). Wie die Bourgeoisie objektiv zu betrachten war, das zeigte uns, nach einem typischen Muster, jener »Blick«, den die nichtbürgerliche Welt auf sie richtete: die Arbeiter und die Bauern (der, wie sie später heißen sollte, Dritten Welt). Deshalb konnten wir, die jungen Intellektuellen vor zwei oder drei Jahrzehnten (die wir zugleich unseres Klassenprivilegs Studenten waren), antibourgeois auch außerhalb der Bourgeoisie sein: vermöge der Optik, die uns von den anderen (gleichviel, ob revolutionären oder revoltierenden) gesellschaftlichen Klassen geboten wurde.
Wir sind also herangewachsen mit der Idee der Revolution im Kopf: der Arbeiter- und Bauernrevolution (Rußland 1917, China 1949, Kuba, Algerien, Vietnam). Folglich konnten wir auch aus unserem traumatischen Haß auf die Bourgeoisie eine richtige Perspektive gewinnen, in die unser Handeln eingehen sollte: die Perspektive einer (wenigstens zum Teil, denn ein bißchen sentimental sind wir alle) nicht bloß geträumten Zukunft.
Für einen, der heute jung ist, stellt sich die Sache anders dar; für ihn ist es sehr viel schwerer, die Bourgeoisie objektiv, durch den Blick einer anderen sozialen Klasse zu betrachten. Denn die Bourgeoisie befindet sich auf dem Siegeszug, sie ist dabei, auf der einen Seite die Arbeiter und auf der anderen die Bauern der einstigen Kolonien zu Bürgern zu machen. Kurz, durch den Neokapitalismus wird die Bourgeoisie zur conditio humana schlechthin. Wer in diese Entropie hineingeboren wird, kann sich in keiner Weise mehr metaphysisch nach draußen versetzen. Sie ist vermutlich die letzte Generation, die noch Arbeiter und Bauern sieht, die folgende wird sich von nichts anderem mehr umgeben sehen als von bürgerlicher Entropie.
««

Es geht nicht um Rechthaberei, deshalb wäre es falsch zu fragen, was Pasolinis Poem und seine nachgeschobene Apologie uns heute noch zu sagen hätten oder von der überraschenden Aktualität (oder meinetwegen auch seiner »Zeitlosigkeit«) zu unken. Es verhält sich genau umgekehrt: Wie stellt sich eigentlich die Wirklichkeit dar, wenn man sie durch die Brille Pasolinis betrachtet? Erst aus dieser Perspektive erschließt sich die ganze Radikalität seiner Provokation.