Überraschung! Zinsen bringen Glück!

Was ist »die extremste Form des Glücksversprechens«? Guter Sex? Die Aussicht, alsbald von Heston Blumenthal bekocht zu werden (oder wahlweise einen rheinischen Sauerbraten – vom Pferd natürlich – serviert zu bekommen, schön mürbe, mit dicker brauner Soße und Dörrpflaumen, dazu zwei Klößen aus rohen Kartoffeln)? Ein Konzert mit (bitte ankreuzen) Maurizio Pollini, Vampire Weekend, Peter Brötzmann?
Falsch, es ist ein Büchergutschein für den Ca-Ira-Verlag.
Dummerweise gilt dieser Gutschein aber nur für die Erzeugnisse von Gerhard Scheit.
Scheit, der Henry Ford der Wertkritik, hat jetzt entdeckt und in der Jungle World ein für allemal niedergeschrieben, was die »extremste Form des Glücksversprechens« ist: Es ist das zinstragende Kapital, denn »es forciert den Reproduktionsprozess der Gesellschaft bis zur äußersten Grenze« und ist also die »Beschleunigung in „der Herstellung des Weltmarkts“ [Marx], der die falsche Einheit der Menschheit ist – absolut gleichgültig gegenüber Hunger und Elend, aber doch eine Einheit.«
Scheit verhält sich tatsächlich spiegelbildlich zu Henry Ford: War für den am Kapitalismus alles super – bis auf die Institutionen Kredit und Zins; so ist auch für Scheit am Kapitalismus alles super – bis auf die Ausbeutung. Die legitime Kreuzung aus Scheit und Ford heißt übrigens Joseph Ackermann, der es vielleicht nicht weiß, aber doch formvollendet vorführt, wie Kredit/Zins und Ausbeutung zusammengehören.
Um hier doch auf einer lustigen Note zu enden: Scheit scheint den Unterschied zwischen Konsumentenkredit und Kredit als Kapital nicht zu kennen. Jener ermöglicht mir, als freiem Bürger, die freie Welt – von Hybrid-Autos, Nintendo-Konsolen, Carhartt-Klanmotten bis zum aktuellen Spitzentitel aus dem Ca-Ira-Verlag (G. Scheit!) – ohne Umschweife ins eigene Heim zu holen; dieser hilft als das Schmiermittel der kapitalistischen Konkurrenz einen mörderischen Wettbewerb in Gang zu setzen, gegen den sich alle präkapitalistischen Formen der dumpfen Barbarei buchstäblich beschränkt ausnehmen.
Die Tatsache, dass das Kapital den Weltmarkt schafft, war zu Marxens Zeiten (vor 160 Jahren!) eine Neuigkeit. Sie heute noch als Neuigkeit zu verkaufen, kann eigentlich nur Teil einer neokonservativen Strategie sein, mit marxistoider Terminologie den Weltmarkt zu rechtfertigen (als ob es irgendwo noch präkapitalistische Formen der dumpfen Barbarei gäbe!).
Allenfalls bei Spätoperaisten und Weltsystem-Theoretikern mag der Weltmarkt noch ernsthaft und ohne Apologie bejubelt werden – weil sie davon ausgehen, dass das Kapital, mag es auch in den letzten Herrgottswinkel auswandern, auf eine Weltarbeiterklasse trifft, die zumindest potenziell in der Lage ist, sich zu wehren und in die Offensive überzugehen. Hiermit sei aber unser Arsch darauf gewettet, dass Scheit jene Weltarbeiterklasse, wenn er mal wieder über »die extremste Form des Glücksversprechens« schwadroniert, garantiert nicht im Sinn hat – nie hatte und auch nicht haben wird.