Camatte lesen: Neue Marx-Lektüre? Alte Marx-Lektüre!

Einleitung: Dieses Jahr ist unter dem etwas dämlichen Titel »Das Kapital 1.1« das viel gerühmte, wenig gelesene ursprünglich unveröffentlicht gebliebene »VI. Kapitel« – die »Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses« (1864)– abermals erschienen. Der Text ist eine Auskoppelung aus der MEGA, der Marx-Engels-Gesamtausgabe, folgt also, entgegen früheren Ausgaben (Moskau 1933, Frankfurt/M. 1969, Ostberlin 1988), den höchsten wissenschaftlich-philologischen Standards. Angepriesen wird das Buch als Kurzzusammenfassung des zu Lebzeiten veröffentlichten Hauptwerks vom Verfasser Karl Marx himself.

Die Resultate sind natürlich »mehr«, sie sind auch das Scharnier zum zweiten Band und sie setzen eigene – entscheidende – Akzente, zentral ist die klare Herausarbeitung des Unterschieds von formeller und reeller Subsumption geworden. Marx beschreibt das total und damit auch totalitär werden der kapitalistischen Produktionsweise. Und damit liefert er selbst den Hinweis, warum er so gut wie gar nicht vom Kapitalismus spricht (sondern, wie gesagt, von der kapitalistischen Produktionsweise und – politisch gesehen – von der bürgerlichen Gesellschaft), warum aber eine Generation später ein herausragender Historiker wie Werner Sombart ganz selbstverständlich den Ausdruck Kapitalismus gebraucht (auf Sombart geht tatsächlich die Selbstverständlichkeit des Begriffes zurück, er hat »den Kapitalismus« populär gemacht): Weil Marx unter seinen Augen den Umschlag der Produktionsweise in eine allumfassende Gesellschaftsform beobachten konnte und Sombart diese Beobachtung bereits als geronnenes Resultat hinnahm.

Die Rezeption der Resultate ist bescheiden, die hochqualifizierte DDR-Philologie hat einiges geliefert, im Westen war es das Frankfurter Institut für Sozialforschung, das unter der Leitung von Gerhard Brandt bahnbrechende Forschungen zur inneren Struktur der deutschen Industrie in den 70er und 80er Jahren lieferte vorlegte und als zentralen Orientierungspunkt den Umschlag / die Umschlagsprozesse von formeller in reelle Subsumption entdeckte. [Brandt, der 1987 den Freitod wählte, stand mit seinem Forschungsteam, u.a. Christoph Deutschmann und Rudi Schmiede, für die spannendste Forschungsperiode des Frankfurter Instituts seit dem Stabwechsel von Carl Grünberg zu Max Horkheimer Anfang der 1930er Jahre, aber dies nur ganz am Rande.]

Nicht beachtet (Bewusst ignoriert? Dümmlichweise übersehen?) von den Hexenmeistern der Marx-Philologie – Michael Heinrich, Rolf Hecker, Hans-Georg Backhaus, Diethard Behrens – liegt aber seit 1976 zeitgleich auf französisch und italienisch ein (zwischen 1966 und 1974) geschriebener ausführlicher, sehr dichter und mit zahlreichen Verweisen auf die Realgeschichte versehener Kommentar zu den »Resultaten« vor. Seit 1988 gibt es auch eine englische Übersetzung, die ihrerseits seit geraumer Zeit online einzusehen ist. Seit ein paar Wochen kann man wissen, dass es auch eine deutsche Übersetzung gibt (2005, vom Übersetzer Andres Loepfe freigegeben, aber als Brouillon, als Rohstück, bezeichnet): »Capital et Gemeinwesen«, »Il Capitale totale«, »Capital and Community«, »Kapital und Gemeinwesen«.

Autor ist der Franzose Jacques Camatte, der in den 50er und 60er Jahren so etwas wie der Doyen des französischen Linkskommunismus gewesen ist, der sich dann aber radikal vom Sektenwesen und Ultraleninismus trennte, der also – in einem Satz –, um Kommunist bleiben zu können, sich vom Marxismus lossagen musste. Das kommt in den besten Familien vor und lässt sich auch bei alten Revolutionären beobachten, beim späten Karl Korsch etwa oder bei Marx selbst (»Ich bin kein Marxist.«), wahrscheinlich auch bei Anton Pannekoek und CLR James.
[Und was für ein Zufall – ES GIBT NATÜRLICH KEINE ZUFÄLLE –, dass es ein italienischer Linkskommunist war, nämlich Bruno Maffi, der wohl engste Mitarbeiter Amadeo Bordigas, der die Resultate 1969 erstmals ins Italienische übertrug!]

Camatte, mittlerweile wohl über achtzig Jahre alt und zurück gezogen, gleichwohl weiter schreibend in der französischen Provinz lebend, gilt einigen als Anarchoprimitivist, aber, na ja, man sollte das entspannt sehen, die Linke war schließlich immer dafür gut, sonderliche Null-Begriffe (»Marxismus-Leninismus«) sich einfallen zu lassen.

Wir dokumentieren, der Übersetzung Loepfes folgend, hier die Schlussbemerkungen aus »Kapital und Gemeinwesen«, in denen er auch auf die politischen Implikationen des Umschlags in die reelle Subsumption eingeht und die paradoxen Effekte erwähnt: »Gegenwärtig herrscht die Gesellschaft des Kapitals im Namen der Arbeit und nicht des Wertes.«

Für die Zukunft behalten wir uns vor, weitere Textschnipsel aus Camattes Oeuvre zu publizieren.

O-Ton Camatte

Wir möchten noch einmal kurz auf den Prozess der Integration des Proletariates in das Kapital zu sprechen kommen:

1. Das Kapital kapitalisiert das Proletariat, d. h. schafft bei diesem folgendes Verhalten: Das Proletariat beginnt sich als Kapital zu betrachten, das Früchte tragen muss. Die Arbeit ist eine Tätigkeit zum Erwerb und nur das. Dem entspricht die Anthropomorphose des Kapitals: das Kapital wird Mensch. Die Herrschaft des Kapitals wird folglich nicht nur natürlich: »Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt. Die Organisation des ausgebildeten kapitalistischen Produktionsprozesses bricht jeden Widerstand, die beständige Erzeugung einer relativen Überbevölkerung hält das Gesetz der Zufuhr von und Nachfrage nach Arbeit und daher den Arbeitslohn in einem den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals entsprechenden Weise, der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über die Arbeiter.« (MEW 23: 765).
Noch ist sie aber persönlich, diese von Marx beschriebene Herrschaft. Mit ihrer Unpersönlichwerdung und Verallgemeinerung scheint sie vollends zu verschwinden. Von diesem Punkt an wird das Kapital Apologet seines Hauptfeindes: der produktiven Arbeit, die Mehrwert erzeugt.
Unter der formalen Herrschaft war die produktive Arbeit, vom Arbeiter geformt, wesentliche Determinante des Lebens des Kapitals – und damit auch seine potentielle Negation. Diese Ambiguität trat im Arbeiter selbst an den Tag (siehe die »Grundrisse«).
Wo das Kapital totales Wesen geworden ist löst es diese Ambiguität auf und verwandelt sie in eine interne Trennung im Proletariat selbst: auf der einen Seite die qualitative Arbeit: das stabile Subjekt des Verwertungsprozesses, hierarchisch geschieden doch als intellektuelle Macht einig; auf der andern Seite in der Produktion die vollständige Enteignung der Arbeiter, deren Tätigkeit unbedeutend zu sein scheint, betrachtet man sie vom globalen Verwertungsgesichtspunkt. Es sind die Ersetzbaren, Unqualifizierten. Die Reste der klassischen Klasse sind abgetrennt und die Quantität geschaffenen Mehrwerts hört auf, den Grad der Entfremdung vom Kapital zu bilden.
Auf global gesellschaftlichem Niveau vervollständigt sich dieses Werk der Spaltung und Zerstörung durch die Enteignung einer wachsenden Masse von potentiell produktiven Proletariern, der Produktion selbst, ganz gemäß der unaufhaltsamen Tendenz des Kapitals, die Proportion notwendiger Arbeit im Verhältnis zur produktiven, mehrwertschaffenden Arbeit zu verringern (das ist Ausdruck der schrecklichen Niederlage des Proletariates 1914 – 1945, d. h. im Übergang zur realen Herrschaft des Kapitals).
Was irgendein Esel als Subproletariat bezeichnet, ist das absolute Proletariat, Produkt der beiden gegensätzlichen Bewegung, der Ver- und Entwertung. Die daraus entspringenden Kämpfe künden das Bedürfnis nach Kommunismus an.
In den USA springt diese Trennung der beiden Arbeiterkategorien in die Augen. Die produktiven Arbeiter, Subjekte des Kapitals, sind anderer Rasse und Nation als diejenigen entfremdeten-enteigneten Proletarier in und von der Produktion. Nach dem Sezessionskrieg hat sich das Proletariat nicht als Klasse konstituieren können.
Das Hochjubeln des Arbeiters wird zur Apologie des Kapitals und erzürnt die Proletarier, die zunehmend das Gesetz der Arbeit ablehnen.

2. Die Verallgemeinerung der Arbeit: (für das Kapital notwendiger Arbeit), auch wenn sie nicht produktiv ist, sondern zur Verwirklichung des Kapitals dient (die neue Mittelklasse), oder Tätigkeit zur Aufrechterhaltung des Prozesses darstellt. Man stellt Proletarisierung (Bildung von Reservelosen) bei abnehmender Proletarierzahl fest. D. h. das klassische Proletariat wird minoritär. Alle unterliegen der Arbeit, sind einer puren Abstraktion unterworfen (»Grundrisse«), zudem: wer nicht arbeitet, ist kein Mensch. Der Inhalt der Arbeit hat keine Bedeutung, es ist Bedrückung, Unterdrückung, um die bestehende Gesellschaft aufrecht zu erhalten, d. h. den Kapitalprozess zu unterhalten. Das Kapital muss seine ganze Schlauheit aufbringen, um das Individuum zu motivieren, in den infamen Teufelskreis einzusteigen: arbeiten um zu leben, leben um zu arbeiten.
Gegenwärtig herrscht die Gesellschaft des Kapitals im Namen der Arbeit und nicht des Wertes – die paradoxe Verwirklichung der ricardianischen Sozialisten, von Proudhon, aller die den Triumph der Arbeit forderten (IWW, Rätekommunisten, die trotzkistische und leninistische Pathologie etc.). Das war nicht das Ziel von Marx, für den es um den Sieg des Menschen ging. Sieg des Proletariates kann nur Negation des Proletariates bedeuten. In verhüllter Weise herrscht heute das Proletariat. In verhüllter Weise, denn augenscheinlich hält das Proletariat das Kapital aufrecht und verewigt es. Für Marx konnte das nur eine Übergangserscheinung sein, wo die Klasse für sich wird, um die Entwicklung des Kommunismus zu erleichtern.
Dank dem Faschismus ist das Kapital zur realen Herrschaft über die Gesellschaft gelangt, wo es unter dem Aspekt ‚Arbeit‘ herrscht. Der Faschismus war nötig, um die Macht des Proletariates zu zerstören. Also für das Kapital von vitaler Bedeutung. Damit ist das Hochjubeln des Proletariates, die Glorifikation der Arbeit durch die Faschisten verbunden (»Arbeit macht frei« stand am Eingangstor von Auschwitz). Was Wunder, dass sich die faschistische Sprache verallgemeinert hat, obwohl der Faschismus heute der Vergangenheit angehört.
Das Ergebnis der Totalbewegung ist eine universelle Klasse, ein zahlreiches Proletariat im Sinne von Menschen ohne Reserven (altes Proletariat und neue Mittelklasse). Universelle Klasse, da die Mehrzahl der Bevölkerung und mit keinem andern als einem menschlichen Anspruch. Das Kapital tut alles, um die Vereinigung dieser Klasse zu verhindern, sie in solche mit und solche ohne Arbeit zu spalten, in fremde und einheimische, die traditionellen Klassen und die neue Mittelklasse. Es wird verhindert, die klassenlosen Studenten als Mittelglieder zwischen Proletariern und neuer Mittelklasse wirken zu lassen.
Andrerseits kann es nicht um eine proletarische Einheitsfront handeln, denn die schwache Minderheit der wirklich revolutionären Proletarier steht außerhalb des Produktionsprozesses und bilden implizit den Kommunismus, während die Massen unmittelbar noch kein Interesse am Kommunismus haben. Nur aus Zusammenstössen kann die Reifung der Massen geschehen. Solche werden von einer Krise des Kapitals begünstigt.
Die Verweigerung der Arbeit, der Lohnarbeit, des Druckmittels der Kapitalisierung der Menschen und Verewigung des Kapitals, ist ein grundsätzliches Element der Vereinigung der universellen Klasse. Es geht nicht mehr darum, die alte proletarische Klasse wiederherstellen zu wollen. Das hieße dem Ziel, das Marx dem 19. Jahrhundert setzte, entgegen arbeiten wollen: die Zerstörung des Proletariates. »Recht auf Faulheit« von Paul Lafargue war in diesem Sinne das erste wesentliche Manifest der Wiederaneignung der menschlichen Tätigkeit, der Aneignung der Produkte der ganzen vergangenen menschlichen Tätigkeit.
In der Phase der formalen Herrschaft des Kapitals erschienen die Revolutionen im Innern der Gesellschaften. Von nun an geschieht das zunehmend außerhalb derselben. Die Gesamtheit der Menschen erhebt sich gegen die Totalität der kapitalistischen Gesellschaft: ein Kampf gegen das Kapital und gegen die Arbeit, zwei Aspekte derselben Wirklichkeit. Das heißt, das Proletariat muss gegen seine Herrschaft kämpfen, um sich als Klasse zerstören zu können – und damit das Kapital und die Klassen.
Ist der Sieg im Weltmaßstab gesichert, verschwindet die universelle Klasse, die sich im Verlauf eines weiten Prozesses vor der Revolution (in der Bildung ihrer Partei), im Kampf gegen das Kapital herauskristallisiert und die Gesellschaft auch psychologisch verändert hat, und wird Menschheit. Dann gibt es außerhalb von ihr keine Gruppe mehr, der Kommunismus entwickelt sich frei. Die Periodisierung unterer und oberer Kommunismus entfällt ebenfalls.