Archiv für Dezember 2009

Ein kleiner Schritt nur! Von der Subtilität des Determinismus

Der im Juni 2007 hochbetagt verstorbene holländische Rätekommunist Cajo Brendel, der letzte seiner Art, muss von einnehmendem Charakter gewesen sein. Streitlustig und dickköpfig, aber im richtigen Moment selbstironisch; sehr belesen; feurig engagiert und dennoch charmant. Weil Brendel bis wenige Jahre vor seinem Tod noch auf Vortragsreisen ging, haben verhältnismäßig viele aktive Genossen ihn erleben können, dementsprechend hoch angesehen war er – und erst recht war die Begeisterung »im Milieu« groß, als vor anderthalb Jahren eine repräsentative, klug ausgewählte und noch klüger aufbereitete Sammlung seiner wichtigsten Texte erschien: »Die Revolution ist keine Parteisache«.
Nun ist die Lektüre für jeden, der Brendel nicht kannte – und Genossen, die das Buch in, sagen wir, zwanzig Jahren erwerben (der Verlag garantiert die Lieferbarkeit, Ehrensache!), gehören ganz sicher zu jener Generation, die ihn nicht mehr hat kennenlernen können –, ein verwirrendes Erlebnis. Denn das gewöhnlich-spontane Politbewusstsein assoziiert mit dem konsequent partei-, gewerkschafts- und staatsfeindlichem Rätekommunismus doch wohl einen, na ja, bunten, offenen, undogmatischen, phantasievollen Marxismus (der Rätekommunismus wird durch die situationistische Brille betrachtet). Wie abschreckend ist demgegenüber der deterministische, strikt objektivistische, anti-individualistische, stolz doktrinäre Marxismus Brendels! Der Kern seiner Kritik an allem Parteigewese besteht denn auch darin, dass die kommunistische Partei, insofern sie den Gang der Geschichte durch Theorie Organisation Praxis meint beeinflussen (beschleunigen) zu können, gegen die– um es ganz abstrakt zu sagen – Gesetze der Geschichte verstößt und darin genuin bürgerlich ist: nämlich der Hybris des bürgerlichen Individuums entsprechend, kraft seiner von Staats wegen garantierten Autonomie, die sich alltagspraktisch im erwirtschafteten Geld manifestiert, stets als Herr und Meister des eigenen Schicksals zu wähnen (wo es sich doch genau umgekehrt verhält).
Wer bereit ist, den ebenso geradlinigen wie dornigen Denkweg Cajo Brendels mitzugehen, der stößt schließlich dahin vor, dass es Brendel nicht um die Naturgesetzlichkeit der kommunistischen Revolution ging, sondern um die Bestimmung der Grenzen jeglicher Strategie und daraus abgeleiteter Taktik. Die Gesetze der Geschichte – damit ist nicht die Unausweichlichkeit der Revolution behauptet, sondern die Erkenntnis, dass die Spontaneität der Massenaktion eben nicht vorhersagbar ist, erst hinterher kann man den Punkt des Ausbruchs bestimmen. Das ist die Einsicht in die Notwendigkeit, deren Derivat Handlungsfreiheit ist. »Nichtfatalistischer Determinismus in der Theorie kann jedenfalls heißen, vernünftige Zwecke zu formulieren und die zweckvollen von den zweckwidrigen Mitteln rigoros zu trennen.« (Christian Riechers)
Dies also, und das ist nicht wenig, kann man bei dem Holzhammermarxisten Brendel lernen – das Abklopfen hohler Stellen des eigenen Theoriefetischs, nämlich »… daß der marxistische Militant nicht mehr jemand ist, der zu überzeugen und zu belehren versteht, sondern jemand, der aus den Tatsachen zu lernen weiß, die dem Kopf des Menschen vorherlaufen, während dieser seit Jahrtausenden sie einzuholen versucht. Die ausgereifteste Auffassung des Determinismus hat nichts mit dem Passivismus gemeinsam, sondern erklärt, daß der Mensch handelt, bevor er hat handeln wollen, und will, bevor er weiß, warum er will, da der Kopf das letzte und am wenigsten sichere seiner Gliedmaßen ist.« Dieses Zitat stammt allerdings nicht von Brendel, der es sicherlich ohne mit der Wimper zu zucken unterschrieben hätte, sondern von Amadeo Bordiga. Bordiga, jener deterministische, strikt objektivistische, anti-individualistische, stolz doktrinäre Marxismus, gehört wie Brendel in den Zusammenhang des häretischen Marxismus, der seine Kraft aus strikter Orthodoxie bezieht. Beide trennt ein Abgrund – Bordiga ist glühender Vertreter der Avantgarde-Partei –, und es dürfte die größte theoretische Anstrengung heutiger Kommunisten sein, diesen Abgrund als Scheinproblem – wenn auch als REALES Scheinproblem – sich begreifbar zu machen. (Nein, es ist keine theoretische Anstrengung, die aktuelle Krise des Kapitalismus zu verstehen.)
Brendel, den wir in seinen Schriften als erstaunlich unsubtilen Schriftsteller erleben – im Gegensatz übrigens zum rhetorikverliebten Wortdrechsler Bordiga –, hat jedoch an einer entscheidenden Stelle einen Witz von so verblüffender Subtilität bewiesen, was seinen Determinismus doch in ein anderes Licht setzt.
1939 veröffentlichte im Pariser Exil der große Paul Frölich – Bremer Linker, KPD-Gründer, mit der Herausgabe der Werke Rosa Luxemburgs betraut, schließlich als »Abweichler« von den Bolschewisierern ausgeschlossen, unfreiwilliger-freiwilliger Dissident – seine Biographie Rosa Luxemburgs, das Standardwerk »Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat« (die letzte Ausgabe erschien 1990 beim Dietz Verlag Berlin). Jeder Kommunist, der den Namen verdiente, hat seinerzeit dieses Buch gelesen, so auch Brendel. Und 1965 gründet Cajo Brendel mit einigen Mitstreitern die (Monats-)Zeitschrift »Daad en Gedachte« (bis 1998). Daad en Gedachte! Tat und Gedanke! Ein einfacher Twist – ein kleiner Schritt nur. Das ist die Selbstkritik des autonomen Marxismus!

Wir haben auch Musik gehört

10 Alben für 2009 (in keiner bestimmten Reihenfolge)

Sunn O))) – Monoliths & Dimensions (Southern Lord)
Tortoise – Beacons of Ancestorship (Thrill Jockey)
The Embassadors – Coptic Dub (Nonplace)
Moritz von Oswald Trio – Vertical Ascent (Honest Jon’s)
Olaf Rupp / Michael Wertmüller – The Spectre of Genius (Jazzwerkstatt)
Tinariwen – Imidiwan Companions (Pias UK)
Fire! – You Liked Me Five Minutes Ago (Rune Grammofon)
Pontiak – Maker (Thrill Jockey)
Jim O’Rourke – The Visitor (Drag City)
Master Musicians of Bukkake – Totem One (Conspiracy)

Außer Konkurrenz, da völlig gaga:

Bob Dylan – Christmas In The Heart (Columbia/Sony)

Wieder entdeckt/ Neu gehört:

Joachim Kühn als Free Jazzer (Sounds of Feeling, 1969; Bold Music, 1970; Paris Is Wonderful, 1970)
Kraftwerk als Heavy-Metal-Combo (Live on Radio Bremen, 1971, Besetzung: Michael Rother, E-Gitarre; Klaus Dinger, Schlagzeug; Florian Schneider, Querflöte, Live-Elektronik. Das erstaunliche Dokument kann man u.a. hier anhören und bestaunen)
Henry Threadgill als Komponist (This Brings Us To, Vol. 1, 2009 [Pi Recoprdings])

Zu einem richtigen Arbeiterstaat/ Gehört ein richtiger Kartoffelsalat.

Richard Leising (1934-1997)

HOMO SAPIENS

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein
Es will auch sein Rettich und Eisbein.

Unsertäglichbrot genügt ihm nich
Er schreit nach seinem Brotaufstrich.

Von der Wiege bis zum Sarg
Einmal in der Woche Quark.

Mein Herr, wie wollen Sie Ihr Ei?
Mein Herr, ich will zwei.

Der Mensch braucht seine Freund schier
Da schuf der Mensch Bier.

Käse muß auch sein
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Er braucht zum Leben Ideale.
Aale.

Zu einem richtigen Arbeiterstaat
Gehört ein richtiger Kartoffelsalat.*

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein
Es müßte ganz schnell Kommunismus sein.

Richard Leising hat nicht viel geschrieben. Anders gesagt: Er hat sehr viel verworfen und nur wenig zum Druck freigegeben. Oder noch mal anders gesagt: Man ließ ihn nicht viel zum Druck freigeben. Denn Leising, Bürger der DDR und auch noch Kommunist (im Hauptberuf Lektor und Dramaturg), war dem Regime immer suspekt. Nur eine kleine Veröffentlichung gab es von ihm, der heimlichen Kultfigur der sächsischen Dichterschule (u.a. Volker Braun, Karl Mickel, Sarah und Rainer Kirsch, Adolf Endler), zu Lebzeiten der DDR – ein Lyrikband in der Reihe »Poesiealbum«, daraus ist oben stehendes Gedicht entnommen.
Später variierte Leising den Schluss: Er dichtete noch zwei Zeilen hinzu und änderte den letzten Vers:

Vom niedrigen Materialismus weg!
Man würzt seinen Senf mit Speck.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein
Aber es muß da sein.

* 1kg Kartoffeln , Mayonnaise, 2 Makrele(n), geräuchert, 2Bund Frühlingszwiebeln, Salz und Pfeffer , Zitronensaft.
Kartoffeln ungeschält kochen. Erkalten lassen, über Nacht stehen lassen, schälen und klein schneiden. Frühlingszwiebeln ebenfalls klein schneiden. Makrelen von Haut und Gräten befreien und zerkleinern. Alles mit Mayonnaise vermengen, mit Zitronensaft, Salz und Pfeffer abschmecken. Noch mal ein paar Stunden ziehen lassen.
[Das Kartoffelsalat-Rezept stammt allerdings nicht von Leising, sondern ist uns durch Karin und Axel mitgeteilt worden.]

Hass, Hetze und Verachtung

Für Rudi Dutschke (24.12.1979)

Sie hassen ihn immer noch. Es mögen lustige Filmchen oder langweilige Bücher über ihn erscheinen und trostlose Straßenabschnitte nach ihm benannt sein, aber sie hassen ihn immer noch.
„Auch Lichtgestalten der 68er wie Rudi Dutschke haben früh angefangen mit ihrem revolutionären Furor. Rudi war gerade 20, als er anfing. Mengele war 21, Heydrich 28, Speer 27″, so Tina Mendelsohn, Moderatorin der Fernsehsendung Kulturzeit (3Sat), im Frühjahr 2008 in ihrer Moderation eines Beitrags zu Götz Alys „Unser Kampf“. [Überlieferung durch Klaus Meschkat, „Die Moral der Renegaten“, in: Hawel/Heit/Kritidis/Anhalt, „Politische Protestbewegungen“, Hannover 2009, Offizin Verlag, S. 197]
Frau Mendelsohn ist der Aufforderung, sich zu entschuldigen, selbstverständlich nicht nachgekommen.

Extreme conditions demand extreme responses!

Wir setzen unsere assoziative Reihe zum Thema Aneignung / Gegenwehr / Übergang fort und bringen eine Notiz des Linkskommunisten Christian Riechers, der schon hier und da auf diesem Blog mit Texten vorgestellt wurde. Man kann sagen, dieser Text schließt direkt an den Marx-Text über die Forderung der Nationalisierung von Grund und Boden an.
Deutlich wird, dass die Gegenseite immer schon im großen Maßstab denkt. Es gibt keinen Kapitalisten – keinen Funktionär des Kapitals, der nur bezogen auf seinen Betrieb, seine Betriebseinheit denkt, ganz im Gegensatz zu den (an ihre Arbeitsplätze gefesselten) Arbeitern und Angestellten. Er, der Funktionär, der Manager, muss sich in der Konkurrenz beweisen; er weiß, dass es dazu der Eingriffe des Staates bedarf; er weiß, dass es ein Mindestmaß an Solidarität in seiner Klasse geben muss, um sich kollektiven Aktionen der Arbeiter zu erwehren. Die Fragen nach der Staatsableitung, nach der Totalität der Gesellschaft, nach dem Klassenbewusstsein – sie stellen sich nicht, wenn man sie konsequent von der Gegenseite aus denkt: Die Gegenseite lebt das alles nämlich – sie setzt aus sich den Staat, konstituiert in ihrer gegenseitigen Verschlingung die Totalität der Gesellschaft, besitzt ein ausgeprägtes, jeden Elefanten neidisch machenden Gedächtnis von all den Niederlagen, die man den Abhängigen in den letzten Jahrhunderten zugefügt hat.
Dagegen kann nur eine gesamtgesellschaftliche Strategie der Abhängigen Aussichten auf Erfolg haben. »Capitalism is international and global – the anti-capitalist Struggle must be international and global« lautet bekanntlich die einfache, einleuchtende, tatsächlich invariante Grundformel des Kommunismus, die aus Gründen des einst aufoktroyierten Zwangs zur Sektenbildung »nur noch« die Formel der Links- und Rätekommunisten ist.
Die Formel liest sich so plakativ (wie es Formeln nun mal sind) und ist so locker dahin geschrieben – aber wenn dieser Satz stimmt – nicht abstrakt, sondern konkret –, dann ist er die Zündschnur zu einer Bombe: Denn hat sich die radikale Linke in den letzten Jahren nicht wieder auf einzelne Betriebsaktionen gestürzt? Galten nicht Selbstverwaltung und Rätedemokratie als der letzte Schrei? Das alles waren anfänglich notwendige Unternehmungen, um Abstand vom existenzialistischen Anti-Nationalismus (Antideutschismus) der 90er Jahre zu bekommen. Anfang des Jahrtausendes musste man sich ganz einfach auf den argentinischen Aufstand stürzen, um nicht im Zuge der 9/11-Kriegshysterie den Verstand zu verlieren.

Christian Riechers:
Die Notiz ist dem kürzlich erschienenen Auswahl-Band »Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus« entnommen (S. 329). Wir danken dem Herausgeber für die Abdruckerlaubnis. Die Kleinschreibung folgt dem Original. Inhaltliche Vorbemerkung: Der Seitenhieb »da ist kein rückübersetzen nötig« geht direkt gegen Gramsci, der ja bekanntlich den Marxismus in die jeweilige nationale Sprache, vulgo: in die jeweilige nationale Besonderheit rückübersetzen wollte unter Hinzuziehung der jeweiligen Nationalideologie des Bürgertums.

(…) Die leiter der produktion und der verwertung des werts stehen oberhalb der betriebe, die lohnarbeiter sind die betriebsgefangenen. Wenn sie dazu noch betriebsbefangen werden, wird ihre lage aussischtslos. Die leiter der betriebe sind unternehmer, betriebe sind stets teile größerer unternehmungen. Die unternehmer verfolgen die dinge, ihren profit, mit einer eigenen logik, sie machen politik im großen, wer betriebspolitik als gegenmachtler machen will, macht politik im kleinen, solange er innerhalb der schranken des betriebs machen will.

Ein beispiel diese politikmachens im großen zeigt Castronovos Giovanni-Agnelli-biographie. Agnelli verfolgt die politik »seines hauses«, ist ein großer europäischer »fordist«, er kämpft gegen seine eigenen mitkapitalisten, um sich dann wieder mit ihnen zu verbinden: gegen die arbeiter im betrieb, mit ihren vertretern gegen die faschisten, mit Mussolini und gegen die kamarilla der faschisten. Was am beispiel Agnellis sichtbar wird, ist eine unternehmenspolitik im wortsinne, nicht im hierzulande gebräuchlich abgegeriffenen sinne. Agnelli ist den lohnarbeitern ein gegner comme il faut, ein tycoon, mit allen wassern gewaschen. Ein derart lernfähiger mensch, daß man sich nicht genug fürchten kann, sollte man derartige leute mit spatzen bekämpfen, wo jene mehr als kanonen einsetzen können. Bei Agnelli werden die dinge noch deutlich mit namen genannt, er spricht die unverhüllte sprache der politischen ökonomie des großen kapitalismus. Da ist kein rückübersetzen nötig, da genügt aufmerksames hinhören. Die sprache und sein verhalten machen ihn den gewerkschaftsführern vertraut. Sie wollen als gewerkschaftsführer (was revolutionäres ausschließen soll) nicht mehr als er, sie möchten bestenfalls ihn auf ihrer seite haben, oder ihn weg und sich selbst an seine stelle, auf jeden fall aber dasselbe werk unverändert in den großen zügen fortführen. Sie können sich kein produzieren vorstellen, das ganz anders ist, von den unmittelbaren produzenten ausgehend.