»Von verlockend unmittelbarer Evidenz« Rainald Goetz referiert/reflektiert Karl Held, ›Die Psychologie des bürgerlichen Individuums‹

Vorspiel

Die Anwendung des historischen Materialismus auf die MG resp. den GSP, das ist natürlich nicht gern gesehen und wird bei den GSP-Adepten (die natürlich keine GSP-Adepten sind, sondern rein zufällig ganz zwangsläufig so sprechen/schreiben wie ein x-beliebiges GSP-Flugblatt) gerne als Hetze und leeres Geschimpfe abgetan. Trotzdem wird ganz ungeniert diskutiert. Gibt es eine schönere Bestätigung des freien Willens?
Also — bei Neoprene geht es hoch her. Ein GRZ Revisited sich nennender Beteiligter fasste die bisherige Debatte um, na, sagen wir es doch ruhig: die innere Struktur der MG (womit keine Oberflächlichkeiten à la Führungskader, ZK etc.pp. gemeint sind, sondern die Frage nach der Selbstverdinglichung im Kampf gegen das anthropomorphe Kapital) so zusammenfasste:

Eine Organisation, die den Anspruch hat, ihre Mitglieder mit den richtigen Argumenten zu versorgen, sie also »mündig« zu machen, und die viele dieser Mitglieder offensichtlich ratlos, SPRACHLOS, zurücklässt, wenn sie sich auf äußeren Druck hin auflöst (bzw. wenn sie den äußeren Druck »braucht«, um von inneren Schwächen nicht reden zu müssen), so eine Organisation ist für‘n Arsch. Es darf nicht sein, dass eine kommunistische Organisation ihre Kader geistig verkrüppelt zurücklässt.

GRZ – das erinnert Neoprene ganz richtig an die Bonner Gruppe Rheinische Zeitung, die, so hört man, sich Mitte der 70er Jahre dem Verschmelzungsprozess mit den Münchner Roten Zellen/AK-Fraktion, aus denen schließlich die MG hervorging, verweigerte – mit folgender Begründung:

Der Charakter dieser Revision des wissenschaftlichen Sozialismus wird deutlich, wenn man beachtet, daß der Weg zum revolutionären Subjekt, wie ihn die AK-Fraktion München [d.i. der spätere MG-Kern] der Arbeiterklasse vorschreibt, eigentlich nichts anderes ist als die Projektion des Weges des bürgerlichen Intellektuellen zum Sozialisten: sich zum theoretischen Verständnis der ganzen Bewegung heraufzuarbeiten. Erstaunlich ist diese charakterisierende Art von Revision nicht, zeigt sie als Intellektuellen-Revision doch gerade, wie sehr das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein derer prägt, die vermeinen, wenn sie sich auf den Kopf stellen, wäre auch der Marx/Engels’sche Satz umgestülpt.
(aus: Gruppe Rheinische Zeitung, „Akademischer Kommunismus. Die Politik des AK München“, Rheinische Zeitung Nr. 4/5, Bonn 1976, S.30)

Ein Kommentator namens ED hat es, den GSP’ler Spruch »Das Ablegen psychologischer bürgerlicher Übergänge ist einfach eine Konsequenz dessen, dass man Kommunist ist.« zum Anlass nehmend, vielleicht am besten ausgeführt:

Das hättest Du wohl gerne. Statt irgendwas abzulegen, waren die Leute Mitglieder einer Durchblickerorganisation, die ihr meist wackliges Selbstwertgefühl um ein paar Grade hob, so daß sie um so tiefer fielen, wenn sie wegen Nichtkonformität oder Auflösung ihren Organisationshalt verloren. Daß da ebenso bewusst wie erfolglos versucht wurde „bürgerliches“ Verhalten abzuschaffen, glaube ich Dir gerne. Man kann´s auch Psychoterror nennen (oder mit dem modernen Unwort, mobbing). Und damit keine Mißverständnisse aufkommen, ich unterstelle niemandem Absicht, eher halte ich es für eine unvermeidliche Konsequenz, wenn man versucht, um mal Hegel zu bemühen, die Abstraktion Kommunist an sich selbst in der bürgerlichen Wirklichkeit durchzusetzen. Da geht dann halt so manches kaputt, ohne daß man es schon vorher weiß oder danach merkt.

Wurde natürlich prompt als „leere Behauptung“ und „phantastische Spinnerei“ (interessanter Pleonasmus!) und aus dem »V(erfassungs)S(chutz)-Umfeld« stammend abgetan. Da muss aber jemand ganz schön um sich hauen.
Lucky Jumper, auf den die Diskussion im wesentlichen zurückgeht, hat es polemisch-ironisch so ausgedrückt:

Menschen bringen sich um, weil sie keine GSP-Kommunisten sind!

Im folgenden dokumentieren wir – Einschub: Eigentlich sollte das kommentarlos, als »Fundstück« oder kleine Handreichung, geschehen, aber weil die Diskussionen über die MG resp. den GSP an sich kein Ende nehmen, weder aktuell bei Neo noch in Zukunft auf anderen Blogs, ist dieser ganze Sermon vorgeschaltet worden – im folgenden dokumentieren wir also als zweiten Teil unserer Rainald-Goetz-über-die-MG-Reihe einen Besuch des Protagonisten aus Goetz’ Roman »Irre« (1983) auf einem Teach-In, auf dem Karl Held die »Psychologie des bürgerlichen Individuums« referiert. Die Pointe ist, dass Goetz diese materialistische Kritik auf die Veranstaltung oder genauer: auf die Angesprochenen selbst anwendet: die MG als große Sinn-Erzeugungsmaschine. [Zitiert nach der seitengleichen Ausgabe von 1994, S. 98/99, erschienen bei Suhrkamp.]

Rainald Goetz

Auch wenn man nicht alles sofort verstand, während Herr Doktor Karl Held sprach …ebenso hält den tagtäglich praktizierten Leistungsvergleich ein denkendes Subjekt nur aus, wenn es sich den dadurch vorgeschriebenen Weg zum Erfolg zu seinem Lebenszweck macht, sich dementsprechend nach seiner hierbei bewiesenen Tüchtigkeit beurteilt und sich auf deren offenkundiges oder zu Unrecht nicht offenkundig gewordenes Ausmaß dermaßen viel einbildet, daß es mit der Demonstration dieser Einbildung ganz folgerichtig beim Größenwahn landet. So hart der Weg zurück von der radikalen Alternativen eines bürgerlichen Selbstbewußtseins zu seinen funktionalen Betätigungsweisen ist, so wenig brauchen sich umgekehrt die Irrenhäuser um Nachschub aus der Welt des erfolgreichen Anstands zu sorgen. Die krampfhaften Versuche, den eigenen Geist zu Erfindungen in Sachen Weltanschauung anzustacheln, die jedem Gedanken spotten, dafür aber neu und originell sind, werden ebenso zu Schlagern der Buchmesse, wie sich sadistischer Mordbube, wenn er nur ausgefallen genug an seinen Opfern herumschnitzelt, der herzlichsten Aufmerksamkeit erfreuen kann. Und um der schieren Aufmerksamkeit willen, die sich bei jeder Extravaganz leicht einstellt, verfallen Jugendliche darauf, ihre Kleidung und Haartracht zum Siegel ihrer von der Masse abstechenden Lebenshaltung zu machen, und rennen dann als Popper oder Punker durch die Gegend, gehen in ihrer Selbstdarstellung so sehr auf, daß sie sich wechselseitig verprügeln, und beweisen damit, welchen Sinn sie exklusiv beanspruchen, einen Sinn – –
Sinn, dachte man, genau, einen Lebenssinn finden, eine Linie, anstelle dieser fahrigen Suchbewegungen, und man spürte in sich, wie schon so oft, eine Sehnsucht nach Teilhabe an diesem Durch- und Überblick den Doktor Karl Helds Worte zu versprechen schienen, Teilhabe, die zu gewinnen war durch Eintritt in jenen Verein, unter dessen Mitgliedern man hier saß, einer von einigen Hunderten, einer werden, dachte man, von den möglicherweise Tausenden, die durch hochangestrengte theoretische Arbeit die entsagungsvolle revolutionäre Praxis leisteten, belohnt wurden jedoch durch eben diesen Lebenssinn, Weltveränderung!, Sinn, von verlockend unmittelbarer Evidenz.