Über den Sozialismus sprechen

In der aktuellen Generation junger Linksradikaler gibt es eine interessante Diskrepanz. Einerseits wird geradezu genüsslich der universale Verblendungszusammenhang beschworen, der stumme Zwang der Verhältnisse ausgemalt, sich vor dem großen (Ware-Geld-Kapital-)Fetisch angstlustgefürchtet. Andererseits erklingt überlaut der Schrei nach Kommunismus. Dazwischen eine große Lücke. Die Revolution wird es schon richten, oder die Subversion, oder die Emanzipation. Man weiß es nicht so genau.
Schon die Frage nach der Revolution sorgt für heillose Verwirrung – ist sie vor allem ökonomisch (geht unmittelbar aus einer Streikbewegung hervor), also genuin anti-politisch? Oder ist sie vor allem politisch, zielt auf die Eroberung oder Zerstörung (je nach Geschmack) der Staatsmacht, um darüber Kontrolle über die ganze Gesellschaft zu bekommen? Tritt man einen Schritt zurück, fällt schon auf, wie sophistisch die Fragen sind. Es ist aber auch nicht damit getan, sich irgendwie dialektisch zu beruhigen, dass die Revolution halt beides sei – anti-ökonomisch und anti-politisch. Man muss das Kind schon beim Namen nennen: Diktatur des Proletariats. Gewiss eine Phrase, die keiner gerne mehr hört, weil – da kommt ja das schlimme D-Wort vor und unter Proletariat kann sich auch keiner mehr so richtig was vorstellen (stattdessen verwendet man, nicht falsch, aber doch verschämt, die Bezeichnung »Lohnabhängige«). Außerdem setzt das ja immer eines voraus: die Eroberung der Staatsmacht, um sie zerstören. Starke Worte, schmutzige Finger. Kurzum, kommt die Rede auf die Revolution und darauf, was diese mit ihren errungenen Resultaten anzufangen weiß, bewegt man sich auf vermeintlich vermintem Terrain. Nahe liegend, dass man die Sicherheit der Ideologiekritik und die Abstraktheit der totalen Befreiungssehnsucht sucht. Viel falsch machen kann man da wirklich nicht.

Wir brauchen also eine Strategiedebatte. Man muss raus aus der schlechten Dichotomie, einerseits sich vor dem Kapitalismus als das schwarze Loch der reellen Subsumtion zu fürchten, andererseits die explosive Produktivkraftentwicklung (die »große Industrie«) als unmittelbaren Vorschein des Kommunismus zu bejubeln. Aus dieser Perspektive ist alles rabenschwarz und grellbunt zu gleich, und das, pardon, gehört dann doch in die Abteilung Drogendelirium. Es passt aber auch ganz gut zu der Gleichzeitigkeit, in der wir von Konsumlust und Konsumekel geschüttelt werden.
Die schlechten Dichotomien setzen sich fort, wenn die einen vom Übergangsprogramm reden und sich das direkt leid mildernde Reformen ausmalen – das ist eine Spezialität der Trotzkisten, sie gaben die Fackel an die Grünen (historische Erben des 70er Jahre Spontitums) und diese an die (Post-)Autonomen weiter, wie die neolinksliberale Debatte um das Bedingungslose Grundeinkommen demonstriert – und sich die anderen (etwa der Gegenstandpunkt) jede Nachfrage, wie das denn wäre – mit dem Konzept einer sozialistischen Planwirtschaft für die eigene Sache zu agitieren, verbitten. Denn der Sozialismus ist nichts, was als Alternative im Warenangebot der Gesellschaftsentwürfe sich durchsetzen wird (ja, es noch nicht einmal könnte!). Wie gesagt, auf dieser abstrakten Ebene kann man wenig falsch machen.
Der Weg raus aus dieser Dichotomie heißt, die richtigen Fragen stellen. Etwa – wie bricht der Sozialismus (immer schön der Reihe nach, nicht wahr!?) in und nach der Revolution (das »in« und »nach« hat Trotzki, durchaus nicht falsch als permanente Revolution bezeichnet) mit dem Gesetz der kapitalistischen Reproduktion? Denn der Sozialismus verschluckt den Kapitalismus nicht einfach, noch sprengt ein vermeintlich sozialistischer Inhalt der kapitalistischen Produktivkräfte eine irgendwie verkrustete Hülle. Er setzt sich im Kampf durch. Das kapieren die Übergangsprogrammler nicht, weil sie vor dem Kampf den Kampf um Reformen schalten und sich, weil für sie der eine Kampf dem anderen gleich ist, bloß oberflächliche Rechenschaft darüber ablegen, was der soziale Inhalt dieser Reformen ist.

Erste Hinweise über den Bruch mit dem Kapitalismus, der auch ein Bruch mit den falschen Sozialismus/Kommunismus-Vorstellungen ist, findet man bei den Alten des 20. Jahrhunderts (damit ist die kleine Gruppe häretisch-orthodoxer Marxisten gemeint, immer wieder gerne als Steinzeit-Kommunisten denunziert). Amadeo Bordiga, einer dieser Alten, schreibt 1956 in seinem Dialog mit den Toten
»dass es nicht darum geht, den von jedem Arbeiter produzierten Mehrwert auf Null zu reduzieren, d.h. die bezahlte notwendige Arbeit mit der geleisteten Gesamtarbeit zusammenfallen zu lassen; das ist eine falsche Aussage über den Sozialismus und lediglich eine unhaltbare Version der noch individualistischen Wirtschaft. Wir verdeutlichten das mit Hilfe der groben Formulierung, dass der Sozialismus keineswegs den Mehrwert aufhebt, vielmehr gerade die notwendige, ›bezahlte‹ Arbeitszeit auf ein mögliches Minimum und schließlich auf Null herunterzudrücken sucht.
Die quantitative ökonomische Analyse zeigt, dass sich die Frage nicht um eine andere Einkommensverteilung dreht, sondern um die vollständige Vergesellschaftung der gesamten Arbeit und des gesamten Produkts zur gesellschaftlichen Befriedigung aller Bedürfnisse. (…)
Dieses offenbare, von 95 Prozent aller Sozialisten nicht begriffene Resultat deckt sich mit den Marx’schen Aussagen im Kapital: Je größer der nationale Reichtum (das Thema, worauf Adam Smith die mächtige Konstruktion der kapitalistischen ökonomischen Wissenschaft aufbaute) und je höher folglich das Nationaleinkommen, desto mehr ist die Arbeiterklasse geschlagen und vom Kapital geknechtet, und desto mehr wird das bei gleicher Arbeitsanstrengung dank Wissenschaft und Technik erhöhte Gesamtprodukt nicht so sehr zum großen Teil von den Kapitalisten persönlich und zum kleinen Teil von der Arbeiterklasse aufgebraucht (was sekundär ist), sondern durch die anarchischen und absurden Verhältnisse der kapitalistischen, individuell geleiteten Warenwirtschaft vergeudet.« (Quelle)

Vier Jahre zuvor, 1952, fasste Bordiga in seiner großen Auseinandersetzung/Abrechnung mit Stalin, der hier endlich mal ernst genommen wird!, das unmittelbare Programm der sozialistischen Revolution wie folgt zusammen – und damit sind wir in der Tat mittendrin (im Kampf um die Antworten auf die drängenden Fragen unserer Bewegung):

»Die kapitalistischen Staaten machen Pläne, die proletarische Diktatur wird Pläne machen. Aber der erste wahre sozialistische Plan (der als unmittelbarer despotischer Eingriff verstanden werden muss, siehe „Manifest“) wird endlich ein Plan sein zur Erhöhung der Produktionskosten, Kürzung des Arbeitstages, Desinvestition von Kapital, quantitative und vor allem qualitative Nivellierung der Konsumtion (die unter der kapitalistischen Anarchie zu neun Zehntel absurde Vergeudung von Produkt ist), weil nur so der ›betrieblichen Rentabilität‹ und den ›rentablen Preisen‹ beizukommen sein wird. Also ein Unterproduktionsplan zur drastischen Verringerung des Anteils der Kapitalgüter an der Produktion. Dem Reproduktionsgesetz wird sofort die Luft ausgehen, wenn es die Marxsche ›Abteilung II‹ (Produktion von Lebensmitteln) endlich schafft, die ›Abteilung I‹ (Produktion von Produktionsmitteln) knock-out zu schlagen. Jedenfalls hat uns das kapitalistische ›Konzert‹ schon zu lange das Trommelfell malträtiert.« (Quelle)

In diese Richtung bitte weiterdenken.