Habt Ihr schon einmal versucht, einem Kommunisten aus einem anderen Land diese Sichtweise nahezubringen?

Langweile gehabt. Auf dem Herd köchelte eine Kartoffelsuppe, das Kindchen war zu Bett gebracht, die Freunde entweder krank oder verschnupft. Rumgesurft. Dabei auf ein Flugblatt der Kölner Georg Weerth Gesellschaft gestoßen, das übliche, und doch, zum ersten Mal nach gefühlten hundert Jahren, über folgende Sätze gestolpert: »Jeder Kommunismus, der den Namen verdient, ist antideutsch. Und das impliziert vor allem die unbedingte Solidarität mit dem Staat Israel.« Dann eine Vision gehabt: Wenn irgendwo im Hinterland Chinas militant gestreikt wird, wenn indische Bauern bewaffnete Landbesetzungen vornehmen – wie will man diesen Leute, die in diesem Moment unzweifelhaft kommunistisch handeln (denn der Kommunismus ist eine »wirkliche Bewegung« und keine moralisch-existenzialistische Setzung mitteleuropäischer Assistenzwissenschaftler), wie will man also diesen Leuten verklickern, dass sie antideutsch sein müssen und unbedingte Solidarität mit Israel zu üben haben ? (Und was ist, wenn sie von Israel noch nicht einmal gehört haben, das Land ist schließlich klein und weit weg?) Oder muss größeres Geschütz aufgefahren werden und es bedarf einer weiteren zivilisatorischen Mission des Westens (»enduring freedom«)?

Dann fiel mir ein, jemand hat diese Fragen schon beantwortet, zumindest implizit. Und weil er denjenigen, die zivilisatorische Missionen des Westens als neue Form des globalen Klassenkampfes für sich entdeckt haben, einst nahestand, hat er sich die Mühe gemacht, noch mal, ein letztes mal, ganz von vorne anzufangen. Einzig deshalb wird diese Auseinandersetzung hier dokumentiert.
Die Rede ist von Bodo Schulze, der öffentlich nicht viel geschrieben hat (aber wenn, dann war es ganz ausgezeichnet) und der wohl hauptsächlich als Übersetzer arbeitet. Schulze war in den 80er und 90er Jahren in der ISF resp. ihrem Umfeld aktiv. Im Oktober 2002 klinkte sich Schulze in die 9/11th-Debatte der ISF mit einem offenen Brief ein, der, etwas versteckt, sich immer noch auf der Homepage der Freiburger Edelanarchisten findet. Der Brief wird im Folgenden bereinigt um einige Tippfehler und mit einer kleinen Auslassung dokumentiert, außerdem ist er der Übersicht halber in mehr Absätzen unterteilt als das Web-Original. Ergänzungen stehen in eckigen Klammern.

Offener Brief

Bodo Schulze

Liebe Leute,

seit einiger Zeit schon bin ich mit Eurer Ideologiekritik nicht mehr einverstanden. Weshalb, möchte ich versuchen hier darzulegen.

Blicke ich zurück, so stelle ich fest, daß die Differenz mit jeder weltpolitischen Krise größer wurde, beginnend spätestens mit dem Golfkrieg 1991. Habt Ihr damals noch versucht, den Spagat zu schaffen zwischen der Verurteilung des Angriffs auf den Irak als eines einerseits imperialistischen Kriegs und andererseits der unbedingten Notwendigkeit, Israel zu verteidigen, so ist das Einerseits seit den Anschlägen vom 11. September völlig weggerutscht. Israel avancierte zum Vorschein des Kommunismus im Stande seiner Unmöglichkeit.

Wie ist es möglich, daß Kommunisten einen kapitalistischen Staat zum Platzhalter ihrer Utopie erklären? Möglich ist dies nur durch die Vertauschung von Substanz und Akzidenz. Nur indem das Attribut „jüdisch“ zur Substanz erklärt wird – was ja auch die Antisemiten tun –, kann der Staat, an dem es haftet, zum Vorbeispielenden erklärt und für Umdeutungen ins Kommunistische verfügbar gemacht werden. Da solche Verkehrungen von Gegenstand und Eigenschaft an sich gegen alle Regeln der Vernunft, erst recht des Verstandes verstoßen und Euch die Kritik solcher Verkehrungen geläufig ist, stellt sich die Frage, aus welchem Grund Ihr Euch gleichwohl dazu bereitfindet. Israel – das heißt hier nicht der Staat, in dem Juden leben, sondern Juden, die sich als Staat konstituieren – Israel in diesem Verstand kann nur dann als die kommunistische Platzhalter-Substanz behauptet werden, wenn das, wogegen dieser Staat gegründet wurde, als das Anti des Kommunismus gilt: der Antisemitismus, die Judenvernichtung als Staatsprogramm. Dies wiederum impliziert, daß die antisemitisch verfaßte Totschlagsgesellschaft, auf die die Staatsgründung Israel reagierte, etwas substanziell anderes war als Kapitalismus, so wie es Jochen [Bruhn] prägnant formulierte: eine zwar „kapitalgeborene“, aber doch „kapitalentsprungene“ Gesellschaft. Wenn aber diese aus dem Kapital herausgesprungene Gesellschaft der Anti-Kommunismus ist, was ist dann das Kapital? Wie freundlich es einen auf einmal anguckt, schließlich gibt’s Schlimmeres, substanziell Schlimmeres. Doch sobald man näher zu ergründen sucht, worin denn nun jener vorgeblich grundstürzende Unterschied bestehe, löst sich alles in Nebel auf.

Vor Zeiten habt Ihr das an Horkheimer angelehnte Argument bemüht, die Vernichtung der Juden in der zweiten Weltkriegshälfte habe gegen die Regeln der instrumentellen Vernunft, das Mittel-Zweck-Kalkül verstoßen. Solches Kalkül mag die bürgerliche Handlungsrationalität wie immer rationalisierend beschreiben, das Kapital jedenfalls beschreibt es nicht, die sich in jeder Krise selbst widersprechende Verwertung des Werts beschreibt es nicht.

Dann war eine Zeitlang – diesmal in Anlehnung an Sohn-Rethel – davon die Rede, das Kapital habe sich nach dem Rationalisierungsboom Mitte der Zwanzigerjahre in einer Spirale nach unten in den Boden gebohrt, und dies und die NS-Antwort darauf mache das qualitativ Andere aus. Doch auf diese Schranke stieß das Kapital in allen hochkapitalisierten Ländern und konnte sie in allen diesen Ländern nur durch Rüstungsproduktion und deren Amortisierung im Krieg überwinden.

Dann wieder wurde das staatlich Geplante, zielbewußt Gewollte industrieller Menschenvernichtung als das herausragende Kriterium festgehalten. Ist es zielbewußter, Menschen zu vergasen als sie, wie heute noch, bei überquellenden Lebensmittellagern verhungern zu lassen? Ist das Anstößige die industrielle Vorgehensweise? Jede Gesellschaft tötet mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Ist es der selektive Charakter der Mordaktion? Nicht erst der kapitalistische Staat sucht sich seine Ersatzhandlungsopfer aus. Wo man hingreift, verflüchtigt sich der vorgebliche substantielle Unterschied ins Akzidentelle. Zum Schluß bleibt nur die Beschwörung des Behaupteten, die petitio principii oder der Strukturalismus eines Postone. Der allerdings macht die Sache auch nicht besser. Er verweist nur darauf, welche Geschichtsphilosophie im schlechten, von Euch immer kritisierten Sinn ihr Euch zurechtgelegt habt. An die Stelle des Grand Soir des Proletariats tritt die finstere Nacht der Judenvernichtung. Sie ist das Telos des Kapitals, nicht der Kommunismus.

Und jetzt, liebe Leute, wird mir ganz schwummrig, wie sich eins zum anderen fügt und Eure radikale Kapital- und Denkformkritik wie ein gigantisches Ablenkungsmanöver erscheint oder vielmehr als typisch intellektueller Umweg, um daraus die einzig mögliche Konsequenz zu ziehen: Wenn am Ende der Geschichte der staatlich organisierte Antisemitismus droht und wenn dies als das Andere des Kapitals imaginiert wird, wie anders wäre darauf zu reagieren, als durch die Verteidigung des Bestehenden gegen das Drohende? Nun aber freilich nicht in der generellen linksbürgerlichen Form des Demokratismus-Antirassismus-Antiantisemitismus, sondern in der speziellen antideutschen Form der Verteidigung des Staates derer, die dem Ende der Geschichte zum „Opfer“ fallen würden. Daß Ihr damit wohl den perfidesten Weg zur Versöhnung mit dieser Gesellschaft geht – den Weg über die ermordeten Juden –, mag ja noch angehen, schließlich sind die Toten tot, ihnen kann’s also egal sein. Aber die daraus folgende Hartherzigkeit, die Ihr allen Menschen gegenüber zeigt, die den angeblichen Rettungsmanövern für Israel zum „Opfer“ fallen, ist schon starker Tobak (obwohl es auch denen egal sein kann, welches Schicksal Ihr ihnen zugedacht habt).

Wo muß man stehen, um seine Sympathien so verteilen zu können? Wie wohl muß es einem in dieser Gesellschaft sein, wenn man zumindest einem Staat fähnchenschwingend die Stange halten kann (worauf sich die „Normalbürger“ ja ebenfalls beschränken, einem Staat die Stange zu halten). Merkt Ihr nicht, daß Ihr Gefahr lauft, nein: mitten drin seid in der Gefahr, zum Vexierbild der und des von euch Kritisierten zu geraten? Daß Ihr Euch solcherart wie ein „Geschöpf des Reichtums“ [Ulrich Enderwitz] aufführt, mag mir nicht so recht einleuchten. Schließlich „rollt Ihr nicht auf Gold“, wie die Franzosen sagen. Vielleicht sind diese Abwege einfach ein Resultat der Tatsache, daß Ihr die Ökonomiekritik zwar programmatisch im Munde führt, Euch faktisch aber ausschließlich in den luftigen Gefilden der Ideologie bewegt, wenn auch kritisch, eben ideologiekritisch. Wo aber bleibt die Kritik der aktuellen politischen Ökonomie? Sie führt als strukturalistischer Unterbau feuilletonistischer Ideologiekritik ein gar kümmerliches Dasein. Spezieller: Wo ist die Kritik der politischen Ökonomie des näheren und ferneren Ostens, die es Euch erlaubt, solch kategorische Urteile über die dortigen Bevölkerungen zu fällen. Wo ist Euer – wie man will – Kolonialismus-, Imperialismus- oder Neokolonialismusbegriff? Macht die strukturale Kapitalkritik ihn überflüssig? Ist also alles eins? Ist es dieses Einsein, das Euch verleitet, überall Kategorien anzulegen, die Ihr aus Eurer Analyse der deutschen Geschichte gewonnen habt? Ist es dieser deutsche Größenwahn, der Euch sagen läßt (…) der künftige Materialismus werde antideutsch sein oder er werde nicht sein? Habt Ihr schon einmal versucht, einem Kommunisten aus einem anderen Land diese Sichtweise nahezubringen? Und wenn ja, kamt Ihr Euch dabei nicht saublöd vor? War es euch zumindest ein wenig peinlich? Ich hoffe ja.

Beste Grüße, Bodo