Archiv für November 2009

Modell Prinzip Projekt

Gestern in der TAZ ein Schwangesang auf Uli Hoeneß, den scheidenden / zum Präsident aufsteigenden Manager des FC Bayern München. In der Anmoderation des Textes der Abschlusssatz: »Das Prinzip Uli Hoeneß ist am Ende.«* Das PRINZIP Uli Hoeneß, wow! Hierin zeigt sich das ganze verdinglichende Geistesleben der Republik, aber was heißt Verdinglichung, es ist natürlich eine Verhunzung des Gegenstandes. Einerseits die Vergöttlichung des Individuums, des GROSSEN MANNES, der schicksalhaften/schicksalträchtigen Persönlichkeit. Andererseits ist dieses Individuum ein Ding. Ja, wirkt nur als Ding, strahlt nur als Ding. Denn Uli Hoeneß ist nicht am Ende, sondern das Prinzip (das er verkörpert). »Alle Idealismen sind Individualismen.« (A. Bordiga) Beides kommt in solchen Sätzen zusammen, die auf Nachfrage, aber hallo!, subtil ironisch gemeint sind (sie sind natürlich quasi gedankenlos runtergeschmiert, und irgendwo ganz hinten im Stamm-Groß-oder-Kleinhirn hat es gequakt: Bloch! Bloch! Bloch!): die Auflösung des Gesellschaftlichen in Einzelne, die Verhunzung der Einzelnen zu Dingen, beseelte Dinge zwar, aber das Beseelte rührt aus irgendeiner Übermacht, irgendeinem Überschuss her, das aus Uli Hoeneß, der einem jetzt schon ganz leid tut, ein Prinzip macht. Wenn man nur wüsste, was diese Übermacht, dieser superindividuelle Überschuss ist! Aber man will’s doch gar nicht wissen.

Auch gut:
Das Projekt Uli Hoeneß ist am Ende.
Die Methode Uli Hoeneß ist am Ende.
Auslaufmodell Uli Hoeneß.
Die Generation Uli Hoeneß dankt ab.

Kurzum –
Uli Hoeneß als Wille und Vorstellung. (Nichts – oder alles, je nach dem – gegen Schopenhauer, der war zumindest nah dran, was diesen »Überschuss« betrifft).

* Dieser Satz findet sich nur in der Printausgabe.

Die Depression im Spektakel: »Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einen gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann.«

Eine kleine Montage.

»Depression ist nach meiner Auffassung (…) eine Gefühlsverdopplung, also keine Erschöpfung durch Erwartungen, sondern eine Verstärkung ohnmächtiger Gefühle inmitten einer reichen Welt, worin Erschöpfung nicht nötig wäre. Menschen werden durch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen sie sich durchaus geborgen und ohne Druck erleben, durch ihre Gefühle, die ihnen entäußert wurden, selbst eingesperrt. Sie verfangen sich im Käfig ihrer Innenwelt, weil sie durch ihre Geborgenheit keine Außenwelt mehr erkennen können.« (aus einem lesenswerten, sozusagen brandaktuellen Interview mit Wolfram Pfreundschuh)

» … Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen. … Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einen gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudo-Welt, Objekt der bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Bildwelt wieder, in der sich das Verlogene selbst belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.« (Quelle)

Es ist ein »aufgelöste(r), unkenntlich gewordene(r) Widerspruch, der zu einer Abtötung der eigenen Gefühle führt, weil sie ihren wirklichen Sinn verlieren, in einer Verschmelzung zergehen und deshalb keine Gegensätze mehr erkennen. Ihre Umwelt vermittelt ein übermächtiges Selbstgefühl, weil sie dem Schein nach vollständige Selbstbestätigung ist, gegen welche die eigenen Empfindungen verloren gehen und in einen Brunnen fallen, worin sie keinen Ausweg mehr finden, und nur noch nach irgendeiner Erlösung drängen können. Es ist der Wahrnehmungszustand einer sich selbst bedrängenden Identitätslosigkeit, die mit Angst und Panik einhergeht.
Dass ein solcher Zustand gerade jetzt so medienwirksam wird, hängt wohl damit zusammen, dass einerseits in Krisenzeiten subjektive Bedrohungsgefühle objektiv verstärkt werden, wodurch eine öffentliche Gleichschaltung der Wahrnehmungen entsteht und alle in dasselbe Boot wirtschaftlicher und politischer Notwendigkeiten versetzt werden, die aber nicht der unmittelbaren Wahrnehmung in den persönliche Verhältnissen entsprechen. Es entsteht eine unerklärliche Differenz zu einer politischen Grundstimmung, die irgendwie unheimlich ist. Sie erstrebt ein Heim, in welchem sich die Menschen in die Lebenswelt eines geborgenen und also auch verborgenen Lebens zurückziehen können. Dort aber tritt dann die Kehrseite der Lebensbergung, der Selbstisolierung, als Problem der Selbstwahrnehmung in totaler Weise auf.
Geborgene Selbstwahrnehmung kehrt ihre Probleme nach innen, wird isoliert und wird selbst zur Lebenswelt. Dies führt zu Entleerung, Ödnis, Selbstverlust, was depressiv machen kann und, wenn es sich der Empfindung entzieht, auch schwere Depressionen auslöst.«

»… Das Spektakel stellt sich zugleich als die Gesellschaft selbst, als Teil der Gesellschaft und als Vereinigungsinstrument dar. Als Teil der Gesellschaft ist das Spektakel ausdrücklich der Bereich, der jeden Blick und jedes Bewußtsein auf sich zieht. Aufgrund dieser Tatsache, daß dieser Bereich abgetrennt ist, ist er der Ort des getäuschten Blicks und des falschen Bewußtseins; und die Vereinigung, die es bewirkt, ist nichts anderes als eine offizielle Sprache der verallgemeinerten Trennung.«

»Es (ist) wie die Gefangenschaft in ein Liebesprinzip, in welchem sich die Menschen in Wahrheit umso fremder werden, je mehr sie sich aneinander festhalten, aufeinander bauen.«

Aus einem aufgegebenen Projekt, 11

Der soziale Betriebskapitalismus

Sozialdemokraten sprachen in den 1920er Jahren vom »organisierten Kapitalismus« und meinten damit, dass im Zeitalter der Massen der Kapitalismus nicht mehr wildwüchsig und chaotisch, sondern planmäßig und im höchsten Maße intern strukturiert (untereinander verflochten/ aufeinander abgestimmt) sei. Das habe mit den Monopolisierungstendenzen zu tun und damit, dass die Monopole auf internationaler (globaler) Ebene gegeneinander wetteifern würden, was die Formierung der Massen – ihre Versorgung, Ausbildung, Aufrüstung, Ruhigstellung etc.pp. – erforderte. Irgendwann würde auf Grundlage dieser inneren Strukturierung das Privateigentum selbst zu einer vernachlässigbaren Größe im Produktionsprozess und die Frage der Sozialismus wäre schließlich eine der politischen Steuerung, der Beseitigung der letzten parasitären Elemente.

Diese Vorstellung ist gewiss falsch – allein schon historisch, weil der Kapitalismus nie so frei und anarchisch war, wie es die Organisationsfetischisten und Stamokapler gerne gesehen hätten, sondern immer schon ein Staatsprojekt war. Auch der reine Kapitalismus, wie er angeblich im Fall der USA vorliegen soll (vorgelegen haben soll), ist unmittelbar auf den Staat angewiesen gewesen: die Eroberung des Westens, die Ausrottung der Ureinwohner, der Krieg gegen die Südkonföderation, die Schlichtung des großen Farmerkriegs (galt damaligen US-Amerikanern gar als zweiter Bürgerkrieg), das Zerschmettern der ersten Arbeiterbewegung – das sind im 19. Jahrhundert keine privatkapitalistischen Angelegenheiten, sondern Staatsaktionen gewesen.

Die Vorstellung vom organisierten Kapitalismus ist aber auch systematisch falsch, weil die Krisentendenz des Kapitals »technisch« gelöst wird (der tendenzielle Fall der Profitrate träfe demnach nur auf vergleichsweise schwache Einzelkapitale zu), weil überhaupt der ganze Produktionsprozess mehr und mehr als technologisch-technokratischer Prozess verstanden wird und das eminent Soziale dabei verloren geht: Dass der Kapitalismus sich nicht über die gesellschaftliche Figur des Einzelkapitalisten, die mehr und mehr abdankt, definiert, sondern über die totale Verfügung über das hergestellte Produkt, also über den totalen Ausschluss der Arbeiter von ihrer Arbeit bei gleichzeitiger Maximalvernutzung ihrer Arbeitskraft.

Die sozialistischen Illusionen, die sich an den »organisierten Kapitalismus« hefteten, sind verflogen, hartnäckig hält sich aber – bis heute –, nämlich als Erbe der Sozialdemokratie UND des Faschismus, das Ideal des sozialen Betriebskapitalismus. Dieses Ideal ist älter als das sozialdemokratische Ideologem, ist gewissermaßen sein Vorbild und bezeugt darin die Abhängigkeit des Revisionismus von der bürgerlichen Ideologie. Das Ideal des sozialen Betriebskapitalismus – der gesellschaftspolitische Überschuss der sogenannten »wissenschaftlichen Betriebsführung« (Taylor et al.) – geht davon aus, dass man die Arbeiter durch Mitbestimmung, Betriebspatriotismus und Anerkennung ihrer Forderungen, sofern sie sich auf den Betrieb beschränken und keine politischen Flausen sind, zu besseren Leistungen motivieren könne. Diese Ideologie, dass Arbeiter und Unternehmer doch am gleichen Strang ziehen, besteht in ausgereifter Form seit etwa hundert Jahren. In Italien nannten sich die Nationalisten »Bourgeois der Arbeit«, in Amerika war es Henry Ford, der den Hass auf Spekulation und schnelle Gewinne pflegte, in Deutschland wurde über seine Autobiographie Mitte der 20er Jahre von Sozialdemokraten lebhaft diskutiert.

Das verlogene Konstrukt des sozialen Betriebskapitalismus entspricht der verlogenen Unterscheidung von »schaffendem« und »raffendem Kapital«. Selbstverständlich war Ford auch schon vor hundert Jahren ein durchkapitalisiertes Unternehmen, und die »Bourgeois der Arbeit« waren wenig später jene Faschisten, die nicht zögerten, streikende Arbeiter zusammenzuschießen.

Die Frage, warum sich diese Betriebsideologie bis heute halten konnte, lässt sich auf die Schnelle nur damit beantworten, dass ihre inneren Widersprüche gleichsam exterritorialisiert worden sind. Dieser Betriebskapitalismus funktioniert ganz und gar symmetrisch. So wie das Kapital hin und wieder irritiert auf widerspenstige Arbeiter starrt, die sich dem Ordnungsruf ihrer Gewerkschaft nicht sofort unterwerfen, so zeigen »die da unten« völlig entsetzt auf Geldwäscher, Steuerflüchtlinge und Spekulanten, die sich der Solidargemeinschaft entziehen. Beide Formen des Ausreißens nach unten (der wilde Streik) wie nach oben (die wilde Spekulation), die – Klartext – die inneren Widersprüche zum Ausdruck bringen, werden nicht geduldet. Sie gelten als staatsbürgerliche Verfehlung, als gemeinschaftsfremd und betriebsschädigend. Eben auch hier die entscheidende Rolle des Staates: das Ausmerzen des Gemeinschaftsfremden übernimmt seine überlegene Gewalt. Es ist der Staat, der souverän handelt und dadurch den moralischen Maßstab vorgibt.

»Von verlockend unmittelbarer Evidenz« Rainald Goetz referiert/reflektiert Karl Held, ›Die Psychologie des bürgerlichen Individuums‹

Vorspiel

Die Anwendung des historischen Materialismus auf die MG resp. den GSP, das ist natürlich nicht gern gesehen und wird bei den GSP-Adepten (die natürlich keine GSP-Adepten sind, sondern rein zufällig ganz zwangsläufig so sprechen/schreiben wie ein x-beliebiges GSP-Flugblatt) gerne als Hetze und leeres Geschimpfe abgetan. Trotzdem wird ganz ungeniert diskutiert. Gibt es eine schönere Bestätigung des freien Willens?
Also — bei Neoprene geht es hoch her. Ein GRZ Revisited sich nennender Beteiligter fasste die bisherige Debatte um, na, sagen wir es doch ruhig: die innere Struktur der MG (womit keine Oberflächlichkeiten à la Führungskader, ZK etc.pp. gemeint sind, sondern die Frage nach der Selbstverdinglichung im Kampf gegen das anthropomorphe Kapital) so zusammenfasste:

Eine Organisation, die den Anspruch hat, ihre Mitglieder mit den richtigen Argumenten zu versorgen, sie also »mündig« zu machen, und die viele dieser Mitglieder offensichtlich ratlos, SPRACHLOS, zurücklässt, wenn sie sich auf äußeren Druck hin auflöst (bzw. wenn sie den äußeren Druck »braucht«, um von inneren Schwächen nicht reden zu müssen), so eine Organisation ist für‘n Arsch. Es darf nicht sein, dass eine kommunistische Organisation ihre Kader geistig verkrüppelt zurücklässt.

GRZ – das erinnert Neoprene ganz richtig an die Bonner Gruppe Rheinische Zeitung, die, so hört man, sich Mitte der 70er Jahre dem Verschmelzungsprozess mit den Münchner Roten Zellen/AK-Fraktion, aus denen schließlich die MG hervorging, verweigerte – mit folgender Begründung:

Der Charakter dieser Revision des wissenschaftlichen Sozialismus wird deutlich, wenn man beachtet, daß der Weg zum revolutionären Subjekt, wie ihn die AK-Fraktion München [d.i. der spätere MG-Kern] der Arbeiterklasse vorschreibt, eigentlich nichts anderes ist als die Projektion des Weges des bürgerlichen Intellektuellen zum Sozialisten: sich zum theoretischen Verständnis der ganzen Bewegung heraufzuarbeiten. Erstaunlich ist diese charakterisierende Art von Revision nicht, zeigt sie als Intellektuellen-Revision doch gerade, wie sehr das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein derer prägt, die vermeinen, wenn sie sich auf den Kopf stellen, wäre auch der Marx/Engels’sche Satz umgestülpt.
(aus: Gruppe Rheinische Zeitung, „Akademischer Kommunismus. Die Politik des AK München“, Rheinische Zeitung Nr. 4/5, Bonn 1976, S.30)

Ein Kommentator namens ED hat es, den GSP’ler Spruch »Das Ablegen psychologischer bürgerlicher Übergänge ist einfach eine Konsequenz dessen, dass man Kommunist ist.« zum Anlass nehmend, vielleicht am besten ausgeführt:

Das hättest Du wohl gerne. Statt irgendwas abzulegen, waren die Leute Mitglieder einer Durchblickerorganisation, die ihr meist wackliges Selbstwertgefühl um ein paar Grade hob, so daß sie um so tiefer fielen, wenn sie wegen Nichtkonformität oder Auflösung ihren Organisationshalt verloren. Daß da ebenso bewusst wie erfolglos versucht wurde „bürgerliches“ Verhalten abzuschaffen, glaube ich Dir gerne. Man kann´s auch Psychoterror nennen (oder mit dem modernen Unwort, mobbing). Und damit keine Mißverständnisse aufkommen, ich unterstelle niemandem Absicht, eher halte ich es für eine unvermeidliche Konsequenz, wenn man versucht, um mal Hegel zu bemühen, die Abstraktion Kommunist an sich selbst in der bürgerlichen Wirklichkeit durchzusetzen. Da geht dann halt so manches kaputt, ohne daß man es schon vorher weiß oder danach merkt.

Wurde natürlich prompt als „leere Behauptung“ und „phantastische Spinnerei“ (interessanter Pleonasmus!) und aus dem »V(erfassungs)S(chutz)-Umfeld« stammend abgetan. Da muss aber jemand ganz schön um sich hauen.
Lucky Jumper, auf den die Diskussion im wesentlichen zurückgeht, hat es polemisch-ironisch so ausgedrückt:

Menschen bringen sich um, weil sie keine GSP-Kommunisten sind!

Im folgenden dokumentieren wir – Einschub: Eigentlich sollte das kommentarlos, als »Fundstück« oder kleine Handreichung, geschehen, aber weil die Diskussionen über die MG resp. den GSP an sich kein Ende nehmen, weder aktuell bei Neo noch in Zukunft auf anderen Blogs, ist dieser ganze Sermon vorgeschaltet worden – im folgenden dokumentieren wir also als zweiten Teil unserer Rainald-Goetz-über-die-MG-Reihe einen Besuch des Protagonisten aus Goetz’ Roman »Irre« (1983) auf einem Teach-In, auf dem Karl Held die »Psychologie des bürgerlichen Individuums« referiert. Die Pointe ist, dass Goetz diese materialistische Kritik auf die Veranstaltung oder genauer: auf die Angesprochenen selbst anwendet: die MG als große Sinn-Erzeugungsmaschine. [Zitiert nach der seitengleichen Ausgabe von 1994, S. 98/99, erschienen bei Suhrkamp.]

Rainald Goetz

Auch wenn man nicht alles sofort verstand, während Herr Doktor Karl Held sprach …ebenso hält den tagtäglich praktizierten Leistungsvergleich ein denkendes Subjekt nur aus, wenn es sich den dadurch vorgeschriebenen Weg zum Erfolg zu seinem Lebenszweck macht, sich dementsprechend nach seiner hierbei bewiesenen Tüchtigkeit beurteilt und sich auf deren offenkundiges oder zu Unrecht nicht offenkundig gewordenes Ausmaß dermaßen viel einbildet, daß es mit der Demonstration dieser Einbildung ganz folgerichtig beim Größenwahn landet. So hart der Weg zurück von der radikalen Alternativen eines bürgerlichen Selbstbewußtseins zu seinen funktionalen Betätigungsweisen ist, so wenig brauchen sich umgekehrt die Irrenhäuser um Nachschub aus der Welt des erfolgreichen Anstands zu sorgen. Die krampfhaften Versuche, den eigenen Geist zu Erfindungen in Sachen Weltanschauung anzustacheln, die jedem Gedanken spotten, dafür aber neu und originell sind, werden ebenso zu Schlagern der Buchmesse, wie sich sadistischer Mordbube, wenn er nur ausgefallen genug an seinen Opfern herumschnitzelt, der herzlichsten Aufmerksamkeit erfreuen kann. Und um der schieren Aufmerksamkeit willen, die sich bei jeder Extravaganz leicht einstellt, verfallen Jugendliche darauf, ihre Kleidung und Haartracht zum Siegel ihrer von der Masse abstechenden Lebenshaltung zu machen, und rennen dann als Popper oder Punker durch die Gegend, gehen in ihrer Selbstdarstellung so sehr auf, daß sie sich wechselseitig verprügeln, und beweisen damit, welchen Sinn sie exklusiv beanspruchen, einen Sinn – –
Sinn, dachte man, genau, einen Lebenssinn finden, eine Linie, anstelle dieser fahrigen Suchbewegungen, und man spürte in sich, wie schon so oft, eine Sehnsucht nach Teilhabe an diesem Durch- und Überblick den Doktor Karl Helds Worte zu versprechen schienen, Teilhabe, die zu gewinnen war durch Eintritt in jenen Verein, unter dessen Mitgliedern man hier saß, einer von einigen Hunderten, einer werden, dachte man, von den möglicherweise Tausenden, die durch hochangestrengte theoretische Arbeit die entsagungsvolle revolutionäre Praxis leisteten, belohnt wurden jedoch durch eben diesen Lebenssinn, Weltveränderung!, Sinn, von verlockend unmittelbarer Evidenz.

Muss auch mal wieder gesagt werden

Ein junger, gut aussehender Mann aus Barmen, wohlbegütert, sattelfest, äußerst sprachbegabt und ein Genie in militärischen Angelegenheiten, zudem groß in den Dingen der Liebe und von ausnehmender Freundlichkeit, was man von seinem besten Freund nun gerade nicht behaupten kann, spricht zu Dir:

Herr Heinzen bildet sich ein, der Kommunismus sei eine gewisse Doktrin, die von einem bestimmten theoretischen Prinzip als Kern ausgehe und daraus weitere Konsequenzen ziehe. Herr Heinzen irrt sich sehr. Der Kommunismus ist keine Doktrin, sondern eine Bewegung; er geht nicht von Prinzipien, sondern von Tatsachen aus. Die Kommunisten haben nicht diese oder jene Philosophie, sondern die ganze bisherige Geschichte und speziell ihre gegenwärtigen tatsächlichen Resultate in den zivilisierten Ländern zur Voraussetzung. Der Kommunismus ist hervorgegangen aus der großen Industrie und ihren Folgen, aus der Herstellung des Weltmarkts, aus der damit gegebenen ungehemmten Konkurrenz, aus den immer gewaltsameren und allgemeineren Handelskrisen, die schon jetzt zu vollständigen Weltmarktskrisen geworden sind, aus der Erzeugung des Proletariats und der Konzentration des Kapitals, aus dem daraus folgenden Klassenkampfe zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Der Kommunismus, soweit er theoretisch ist, ist der theoretische Ausdruck der Stellung des Proletariats in diesem Kampfe und die theoretische Zusammenfassung der Bedingungen der Befreiung des Proletariats.