Verfall und Freier Wille

Immer wieder blitzen in den Diskussionsfäden beim verehrten Neoprene grundsätzliche Fragen nach theoretischer Substanz und strategischem Auftreten des Gegenstandpunkts auf. Das führt meist weg von den ursprünglichen Anlässen der Threads – und umgekehrt: Weil viele Threads bei Neoprene überborden vor Debattenbeiträgen (gut so!) gehen auchg schon mal Beiträge unter.
Wir nehmen uns hier die Freiheit, einige unserer kritischen Beiträge zum Gegenstandpunkt zu dokumentieren. Sie sind dieser Diskussion entnommen. Die Beiträge sind für diesen Blog leicht überarbeitet. Die (Kritik an der) Marxistische(n) Gruppe ist auf diesem Blog immer wieder Gegenstand (sic) der Auseinandersetzung, siehe die Wolfram-Pfreundschuh-Rubrik sowie die grandiosen Karl-Held-Beobachtungen von Rainald Goetz und Peter Hacks. Dennoch ist das hier kein GSP-Watch. Dazu ist die Welt noch nicht klein genug. Bleibt noch nachzutragen, dass es Entgegnungen auf die Ausführungen gab (und Gegenentgegnungen – und natürlich auch eine Vorgeschichte) und dass die Debatte(n) weiter gehen. Komplett bei Neoprene dokumentiert.

Da gibt es ein Buch, das heißt »Das Proletariat« und es führt auf dem Titel die Unterzeile »Die große Karriere der lohnarbeitenden Klasse kommt an ihr gerechtes Ende«. Man wird nicht leugnen können, dass da, wo ein «Ende« steht, es auch einen Anfang geben muss, dass mithin in diesem Buch ein Prozess, ein Verlauf dargestellt wird – und der ist zeitlich. Wenn im menschlichen Leben ein Prozess als zeitlicher dargestellt wird, ich bin jetzt mal ganz allgemein, dann reden wir von Geschichtsbetrachtung.
Das Buch zeigt anhand verschiedener Stationen (Repression der Staatsmacht, gewerkschaftlicher Kampf, erste Sozialgesetzgebung, Faschismus, Vollendung des Sozialstaats) den Weg hin zum »gerechten Ende«. Das Ende ist die vollständige Integration, die vollständige Domestizierung, die vollständige Abhängigkeit, das vollständige Anhängsel-Sein im Bezug auf die Mega-Maschine StaatKapital. Man kann das »reelle Subsumtion« nennen (es gibt auch Marxisten, die von der Anthropomorphose des Kapitals – seiner buchstäblichen Menschwerdung – reden).
Dazu drei Anmerkungen:
1. Mein grundsätzlicher Vorwurf, dass der GSP im Ideologiekritischen verharrt, würde hier im Konkreten heißen, dass alle Fragen nach der Klassenzusammensetzung, nach den spezifischen Verläufen von Klassenkämpfen, nach dem Zusammenhang von Kapitalisierung der Landwirtschaft und Herausbildung eines reell subsumierten Proletariats, nach dem Zusammenhang von Krieg und Revolution, dass die Frage, warum es in bestimmten nationalen Krisensituationen einem Proletariat gelingt, sehr erfolgreiche Abwehrkämpfe zu führen (USA 30er Jahre), während in einer anderen nationalen Krisensituation (Deutschland zu Beginn der 30er Jahre) das Proletariat kampflos aufgibt etc.pp.– kurzum: dass alle Fragen nach dem Nitty Gritty Dirt noch nicht mal gestellt werden.
Ich weiß, ein GSP’ler wird immer darauf antworten: Das ist sachfremd! Das ist ein Gegenstandswechsel! Was haben die Ereignisse in den USA mit Deiner Situation zu tun! Das sind Wunschkonstruktionen!
Ich halte das für eine Art Immunisierungsstrategie: Wenn man den Ausschnitt aus der Wirklichkeit, die man begreifen will, immer kleiner wählt, dann kann man auch immer weniger falsch machen.
2. Wenn das »gerechte Ende« beschrieben wird, warum bringt denn eigentlich der GSP regelmäßig Gewerkschaftskritiken? Warum registrieren sie regelmäßig Klassenkampfaktionen und spießen deren »Fehler« auf? Oder anders: Warum dann noch diese subkutane Begeisterung, wenn, sagen wir, Lokführer dann doch mal kräftig auf den Putz hauen? Mit dem »gerechten Ende« ist doch alles schon gesagt, nicht wahr?
Tatsächlich gibt es NEBEN der großen Domestizierungsgeschichte noch etwas anderes: den freien Wille. Weil die Menschen über den freien Willen verfügen, sind sie in der Lage, Urteile zu treffen, es bleibt ihnen, um genau zu sein, nichts anderes übrig, als permanent Urteile zu treffen. Das ist die Chance, das Schlupfloch, der Ausweg, nein: der Königsweg des GSP. Das Proletariat mag total verdorben sein, jeder einzelne Proletarier ist aber – qua seines Willens – überzeugbar (vulgo: noch zu retten).
Wie das zusammengeht – dass das Proletariat seit 200 Jahren Minimum alles falsch macht, dass aber umgekehrt der GSP-Agitator sich jeden Morgen quasi aufs Neue die Chance bietet, dem Proletariat »einzuleuchten« –, bleibt das süße Geheimnis der freiwillig-unfreiwilligen Geschichtsschreiber.
3. Was mich zu folgenden Fragen führt: Warum hat es denn eigentlich vor fünfzig, vor achtzig, vor hundert Jahren keinen Gegenstandpunkt gegeben? Warum hat noch nicht mal Karl Marx wie Karl Held geschrieben? Gibt es vielleicht doch, um »Kosmo Poli« zu zitieren, eine »objektive Prozessualität«?
Ich fänd’s völlig ok, mit dem GSP auf der Grundlage, die er m.E. implizit schon längst akzeptiert, zu diskutieren: »So wie es heute aussieht, bleibt dem kommunistischen Agitator nichts anderes übrig, als sich so wie wir vom Gegenstandpunkt zu verhalten. Wir stehen überhaupt noch für die Existenz und die Möglichkeit kommunistischer Kritik im Zeichen vollendeter Subsumtion.« Darüber wollte man sich wirklich streiten! Aber dieser Streit setzte voraus, dass der GSP überhaupt den historischen Gehalt seiner Position reflektiert. Und ich vermute einfach mal, dass dieser Anspruch an den GSP bereits als üble Unterstellung abgetan wird.

Ergänzung: Nestor hatte bei Neoprene u.a. folgendes eingeworfen, was dann zu unten stehender Explikation führte.

»Wenn der GSP gar keine Hoffnung auf eine revolutionäre Situation hat, warum agitieren diese Leute überhaupt noch. Also machst du einen Widerspruch dingfest und meinst, im Grunde glaubt ihr doch auch an eine Tendenz zum Besseren, eine neue Revolutionierung des Proletariats! Die Antwort ist: So eine Situation muß man erst einmal herstellen. Deswegen agitieren wir, und nicht nur das Proletariat.«

Antwort: Ich habe vielmehr konstatiert, dass ganz unvermittelt der Verfallsgeschichte des rebellischen Proletariats der ewig strahlende Freien Willen gegenübersteht. Mit einem Satz wie: „So eine Situation muß man erst einmal herstellen.“ bestätigst Du nur diese Un-Vermittlung. Meine Güte, das „Proletariat“-Buch ist eine einzige Schilderung der Verunmöglichung dieser Situationen! DARÜBER kann man streiten, aber doch nicht darüber, dass immer alles frisch fröhlich weitergeht, wenn man nur will will will.