Von der sympathischen Halsstarrigkeit der alten Kommunisten: Volksfront, Antifaschismus, Klassenkampf im Faschismus revisited

»Als Führer der Kommunistischen Partei wurden Sie beschuldigt, die faschistischen Kräfte unterschätzt zu haben, weil Sie sie als eine bürgerliche Erscheinung unter anderen ansahen, den Faschismus also 1921 nicht energisch bekämpften, als es noch möglich war, ihn zu schlagen. Warum bekämpften Sie statt dessen vor allem die Sozialisten, Maximalisten, Reformisten, die potentielle Bündnispartner gegen den Faschismus waren?«

Amadeo Bordiga: »Unsere Strömung hat immer die These negiert, nach der man dem Faschismus einen aus der kommunistischen, maximalistischen und reformistischen Partei gebildeten Block entgegenstellen könne. Diese Tatsache bezieht sich nicht nur auf das Jahr 1921; wir haben die beiden aus der Mailänder Spaltung hervorgegangenen Parteien stets als gefährlichste Feinde angesehen, denn der Einfluss, den sie noch besaßen, war klar jeder revolutionären Vorbereitung abträglich (siehe »Römer Thesen« 1922, »Lyoner Thesen« 1926). Lenin hatte bereits 1919 in einem Telegramm an die Führer der siegreichen ungarischen Revolution den schweren Fehler kritisiert, der darin bestand, die ungarischen Sozialisten zur Regierungsbeteiligung aufzurufen, und er sah darin den Grund für das Scheitern der Revolution. Die italienischen Kommunisten lehnten jedes Bündnis mit den Sozialisten ab, sei es während des Kampfes um die Machteroberung, wie auch nach einem möglichen Erfolg in diesem Kampf. Kommen wir zur Bewertung des historischen Phänomens des Faschismus. (Ich sprach über dieses Thema auf den Moskauer Kongressen der Jahre 1922, ’24 und ’26.) Wir halten den Faschismus für eine der Formen – eine andere ist die Demokratie –, worin der bürgerliche Staat seine Herrschaft behauptet. […] Die Politik der »starken Hand«, die massive Unterdrückung der gepriesenen Rechte hat es schon oft gegeben, das Rezept stammt nicht von den Faschisten oder gar Mussolini. […] Wir teilten nicht die Theorie Gramscis und auch der Zentristen, die den Faschismus als Konflikt zwischen Agrar- und moderner Industrie- und Handelsbourgeoisie darstellten. Sicherlich kann man die Agrarbourgeoisie mehr der rechten Bewegung zuordnen, die Industriebourgeoisie mehr den Parteien der politischen Linken. Die faschistische Bewegung indes richtete sich nicht gegen einen der beiden Pole, sondern hatte das Ziel, die Erhebung des revolutionären Proletariats zu verhindern, das gegen die Erhaltung aller sozialen Formen privater Wirtschaft kämpfte. Wir sagen seit vielen Jahren und ohne im geringsten zu zögern, dass man den Feind Nr.1 nicht im Faschismus ausmachen kann, sondern dass das größere Übel der »Antifaschismus« darstellt, ein größeres Übel, als es der Faschismus verursachen könnte, trotz aller Schäbigkeit. Der »Antifaschismus« hatte einem Monster historisches Leben eingehaucht: nämlich einem großen Block, der die ganze Bandbreite der kapitalistischen Ausbeutung und seiner Nutznießer umfasst – von den großen Plutokraten bis hinunter zu den lächerlichen Scharen von Halb-Bourgeois, Intellektuellen etc.«

»Die letzten großen Streiks gab es im August 22, vor dem „Marsch auf Rom“. Hielten Sie zu diesem Zeitpunkt, wo der Faschismus bereits an der Schwelle zur Macht stand, den Streik für eine geeignete Waffe, um der Situation zu begegnen und hielten Sie die Revolution noch für möglich?«

Amadeo Bordiga: »Der letzte große Zusammenstoß zwischen proletarischen Gruppen und faschistischen, staatlich unterstützten Banden war in der Tat der große Streik vom August 1922. Die Kommunistische Partei hatte, sowohl in ihrer Propaganda als auch auf den internationalen Kongressen, schon klar ausgesprochen, dass sie die Strategie des Bündnisses zwischen verschiedenen politischen Parteien für falsch hielt und für die gewerkschaftliche Einheitsfront, die Objekt schwerwiegender Polemiken war, eintrat. Die Linie, uns keinem Bündnis-Komitee o.ä. zu unterwerfen, verließen wir niemals. Wir lehnten also jede politische Front oder Blockbildung ab, denn die daran beteiligten Parteien wären verpflichtet gewesen, sich dem zwangsläufig daraus hervorgehenden höchsten Befehlsorgan zu unterstellen; unsere Parteikräfte hätten so gezwungen sein können, auch in eine Richtung zu arbeiten, die im deutlichen Gegensatz zu unseren programmatischen Zielen stand – eine Sache, die für uns völlig inakzeptabel war. Eine politische Einheitsfront hätte zu einem, übrigens bereits zurückgewiesenen Bündnis mit Reformisten und Maximalisten geführt. Die gewerkschaftliche Einheitsfront dagegen hätte alle großen Gewerkschaftsverbände einbegriffen: die organisatorische und propagandistische Arbeit war in dieser Hinsicht bereits weit fortgeschritten (»Arbeitsbündnis«). Während der politische Block als parlamentarische Koalition zu der so genannten »Arbeiterregierung« (was wir, auch in Moskau, energisch bekämpften) führen musste, hätte die gewerkschaftliche Front die originär revolutionären und marxistischen Methoden des Streiks und des bewaffneten Bürgerkriegs anwenden können.
Kommen wir kurz zur Chronik jener bewegten Zeiten zurück. Während die rechten und opportunistischen Gruppen Druck ausübten, um das von uns abgelehnte Parteienbündnis zustande zu kriegen, berief die Eisenbahnergewerkschaft eine Versammlung von Vertretern aller Parteien und Gewerkschaften in Bologna ein. Zu dieser ziemlich suspekten Versammlung sandten wir keinen Repräsentanten der Partei, sondern einen Genossen, der die uns angehörigen gewerkschaftlichen Kräfte unter seiner Leitung hatte. Er brachte uns die erstaunliche Nachricht, dass die größte Gewerkschaft, der Allgemeine Gewerkschaftsbund, erklärt hatte, über kein Kommunikationsnetz zu verfügen, um den nationalen Generalstreik zu organisieren. Angesichts dieser Haltung, die unter aller Kritik war, bot unser Genosse gemäß den Anweisungen des kommunistischen Exekutivorgans an, unser illegales Netz für die Verbreitung des Streikaufrufs, den der Gewerkschaftsbund formulieren sollte, zur Verfügung zu stellen. Der Gewerkschaftsbund nahm unser Angebot wohlweislich an, da sonst die Durchführung des Streiks von kommunistischer Seite aus organisiert worden wäre.
Kurz darauf nahm die Bewegung in ganz Italien starke und militante Formen an und den, übrigens drastischen, Maßnahmen der gegnerischen Kräfte wurde massiv Widerstand entgegengesetzt. Einige Einheiten von Carabinieri-Regimentern wurden nach Ancona geschickt; bei Bari warfen mehrere Zerstörer der Kriegsmarine ihre Anker. Die die Stadt besetzt haltenden Arbeiterkräfte reagierten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und vollständiger Arbeitsniederlegung; der Zugverkehr, für die militärischen Bewegungen der Streit- und Polizeikräfte unentbehrlich, wurde lahmgelegt. Auf Parma, wo sich die Arbeiterviertel in Aufruhr befanden (Parma ist durch den Fluss desselben Namens geteilt), marschierten die Schwarzhemden, die unter dem Befehl des berühmten Mitglieds des Vierer-Kommandos, Italo Balbo, standen [faschistischer Führer, der 1922 den »Marsch auf Rom« organisierte und 1923 General der neugebildeten faschistischen Miliz wurde]. Kürzlich wurde daran erinnert, dass die mutigen Arbeiter von Parma zur Zeit der ersten Atlantiküberquerung [Lindbergh, Mai 1927] mit Riesenlettern folgende Apostrophe auf die Deiche schrieben: „Balbo, man hat den Atlantik überquert, aber nicht den Parma“. Der wenige Meter breite Fluss hatte gereicht, die arbeiterfeindlichen Kräfte zu stoppen. Dies und anderes zeigt, dass die Streikbewegung damals nicht nur möglich, sondern auch sehr schlagkräftig war. Die Faschisten, obwohl staatlicherseits unterstützt, konnten den proletarischen Ansturm nicht schwächen. Der »Marsch auf Rom«, im Oktober, war nicht Folge des militärischen Sieges, sondern eines parlamentarischen Manövers, und der zukünftige Duce konnte die befürchtete Verhängung des Belagerungszustandes umgehen: gegen den Willen seiner Generäle nahm der König davon Abstand. Es waren diese Manöver von ausgesprochen parlamentarischem Charakter, die die proletarische Revolution erstickten, andererseits aber auch die angebliche Revolution der Schwarzhemden ad absurdum führten.«

Aus einem Interview mit Amadeo Bordiga, das 1970, wenige Monate vor seinem Tod, geführt wurde.