Ad Sarrazin

Ist eigentlich niemandem aufgefallen*, dass Thilo Sarrazin nicht nur davon gesprochen hat, wen er anzuerkennen gedenkt und wen nicht, dass er nicht nur über Kopftuchmädchen, türkische Wärmestuben, die geil wuchernde Unterschicht und die Eroberung Deutschlands durch die Türken qua höhere Geburtenrate räsoniert hat, sondern dass in dem Geplauder mit den Schöngeistern von Lettre International – übrigens exakt im Anschluss an seine Geburtenratenängste – auch dieser Satz fiel?

»Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.« (Hervorhebung Ofenschlot)

Sarrazin klärt also darüber auf, warum es eine Dummheit war, vor 70 Jahren die ganzen Juden umzubringen. Was hätte man alles mit ihnen anfangen können! Was hätten wir von ihnen, der wahren Übermenschenrasse, alles lernen können! Hätten wir dann den Zuzug all der Kopftuchtürken überhaupt nötig gehabt?

Sarrazin hat sich entschuldigt – nicht für diese Stelle, für die er, wie gesagt, gar nicht angegangen wurde –, und es wird gestreut, in dem Interview gehe es eigentlich um eine verquere Liebeserklärung an Berlin ausgedrückt in Ironie und Sarkasmus. Ganz offensichtlich handelt es sich bei der oben zitierten Passage um eine solche ironische Passage.
Sarrazins Menschensortiererei ist eigentlich ok, so entnehmen wir der Presse, weil sie – im Prinzip – stimmt. Er redet ja nur über überprüfbare Fakten, manchmal täuscht er sich, irgendein Faktum hat er nicht richtig überprüft, und dann ist die Menschensortiererei halt nicht ok. Um mehr geht es in dieser Auseinandersetzung nicht. Dass osteuropäische Juden wieder (?) als fundamental anders – in diesem Fall: besonders intelligent – gelten, ist bereits wieder einer dieser Fakten, die »für uns« stimmen. Oder doch zumindest als zärtlich-ironische Liebeserklärung durchgehen. Jeder Philosemitismus ist ein Antisemitismus.

* Gemeint ist hier die Presse, die aufgeklärte Öffentlichkeit, die übliche Erregungsmaschinerie, gemeint sind weniger die Blogs oder Foren – auch eine Öffentlichkeit, aber doch eher subkutan.