Archiv für Oktober 2009

Verfall und Freier Wille

Immer wieder blitzen in den Diskussionsfäden beim verehrten Neoprene grundsätzliche Fragen nach theoretischer Substanz und strategischem Auftreten des Gegenstandpunkts auf. Das führt meist weg von den ursprünglichen Anlässen der Threads – und umgekehrt: Weil viele Threads bei Neoprene überborden vor Debattenbeiträgen (gut so!) gehen auchg schon mal Beiträge unter.
Wir nehmen uns hier die Freiheit, einige unserer kritischen Beiträge zum Gegenstandpunkt zu dokumentieren. Sie sind dieser Diskussion entnommen. Die Beiträge sind für diesen Blog leicht überarbeitet. Die (Kritik an der) Marxistische(n) Gruppe ist auf diesem Blog immer wieder Gegenstand (sic) der Auseinandersetzung, siehe die Wolfram-Pfreundschuh-Rubrik sowie die grandiosen Karl-Held-Beobachtungen von Rainald Goetz und Peter Hacks. Dennoch ist das hier kein GSP-Watch. Dazu ist die Welt noch nicht klein genug. Bleibt noch nachzutragen, dass es Entgegnungen auf die Ausführungen gab (und Gegenentgegnungen – und natürlich auch eine Vorgeschichte) und dass die Debatte(n) weiter gehen. Komplett bei Neoprene dokumentiert.

Da gibt es ein Buch, das heißt »Das Proletariat« und es führt auf dem Titel die Unterzeile »Die große Karriere der lohnarbeitenden Klasse kommt an ihr gerechtes Ende«. Man wird nicht leugnen können, dass da, wo ein «Ende« steht, es auch einen Anfang geben muss, dass mithin in diesem Buch ein Prozess, ein Verlauf dargestellt wird – und der ist zeitlich. Wenn im menschlichen Leben ein Prozess als zeitlicher dargestellt wird, ich bin jetzt mal ganz allgemein, dann reden wir von Geschichtsbetrachtung.
Das Buch zeigt anhand verschiedener Stationen (Repression der Staatsmacht, gewerkschaftlicher Kampf, erste Sozialgesetzgebung, Faschismus, Vollendung des Sozialstaats) den Weg hin zum »gerechten Ende«. Das Ende ist die vollständige Integration, die vollständige Domestizierung, die vollständige Abhängigkeit, das vollständige Anhängsel-Sein im Bezug auf die Mega-Maschine StaatKapital. Man kann das »reelle Subsumtion« nennen (es gibt auch Marxisten, die von der Anthropomorphose des Kapitals – seiner buchstäblichen Menschwerdung – reden).
Dazu drei Anmerkungen:
1. Mein grundsätzlicher Vorwurf, dass der GSP im Ideologiekritischen verharrt, würde hier im Konkreten heißen, dass alle Fragen nach der Klassenzusammensetzung, nach den spezifischen Verläufen von Klassenkämpfen, nach dem Zusammenhang von Kapitalisierung der Landwirtschaft und Herausbildung eines reell subsumierten Proletariats, nach dem Zusammenhang von Krieg und Revolution, dass die Frage, warum es in bestimmten nationalen Krisensituationen einem Proletariat gelingt, sehr erfolgreiche Abwehrkämpfe zu führen (USA 30er Jahre), während in einer anderen nationalen Krisensituation (Deutschland zu Beginn der 30er Jahre) das Proletariat kampflos aufgibt etc.pp.– kurzum: dass alle Fragen nach dem Nitty Gritty Dirt noch nicht mal gestellt werden.
Ich weiß, ein GSP’ler wird immer darauf antworten: Das ist sachfremd! Das ist ein Gegenstandswechsel! Was haben die Ereignisse in den USA mit Deiner Situation zu tun! Das sind Wunschkonstruktionen!
Ich halte das für eine Art Immunisierungsstrategie: Wenn man den Ausschnitt aus der Wirklichkeit, die man begreifen will, immer kleiner wählt, dann kann man auch immer weniger falsch machen.
2. Wenn das »gerechte Ende« beschrieben wird, warum bringt denn eigentlich der GSP regelmäßig Gewerkschaftskritiken? Warum registrieren sie regelmäßig Klassenkampfaktionen und spießen deren »Fehler« auf? Oder anders: Warum dann noch diese subkutane Begeisterung, wenn, sagen wir, Lokführer dann doch mal kräftig auf den Putz hauen? Mit dem »gerechten Ende« ist doch alles schon gesagt, nicht wahr?
Tatsächlich gibt es NEBEN der großen Domestizierungsgeschichte noch etwas anderes: den freien Wille. Weil die Menschen über den freien Willen verfügen, sind sie in der Lage, Urteile zu treffen, es bleibt ihnen, um genau zu sein, nichts anderes übrig, als permanent Urteile zu treffen. Das ist die Chance, das Schlupfloch, der Ausweg, nein: der Königsweg des GSP. Das Proletariat mag total verdorben sein, jeder einzelne Proletarier ist aber – qua seines Willens – überzeugbar (vulgo: noch zu retten).
Wie das zusammengeht – dass das Proletariat seit 200 Jahren Minimum alles falsch macht, dass aber umgekehrt der GSP-Agitator sich jeden Morgen quasi aufs Neue die Chance bietet, dem Proletariat »einzuleuchten« –, bleibt das süße Geheimnis der freiwillig-unfreiwilligen Geschichtsschreiber.
3. Was mich zu folgenden Fragen führt: Warum hat es denn eigentlich vor fünfzig, vor achtzig, vor hundert Jahren keinen Gegenstandpunkt gegeben? Warum hat noch nicht mal Karl Marx wie Karl Held geschrieben? Gibt es vielleicht doch, um »Kosmo Poli« zu zitieren, eine »objektive Prozessualität«?
Ich fänd’s völlig ok, mit dem GSP auf der Grundlage, die er m.E. implizit schon längst akzeptiert, zu diskutieren: »So wie es heute aussieht, bleibt dem kommunistischen Agitator nichts anderes übrig, als sich so wie wir vom Gegenstandpunkt zu verhalten. Wir stehen überhaupt noch für die Existenz und die Möglichkeit kommunistischer Kritik im Zeichen vollendeter Subsumtion.« Darüber wollte man sich wirklich streiten! Aber dieser Streit setzte voraus, dass der GSP überhaupt den historischen Gehalt seiner Position reflektiert. Und ich vermute einfach mal, dass dieser Anspruch an den GSP bereits als üble Unterstellung abgetan wird.

Ergänzung: Nestor hatte bei Neoprene u.a. folgendes eingeworfen, was dann zu unten stehender Explikation führte.

»Wenn der GSP gar keine Hoffnung auf eine revolutionäre Situation hat, warum agitieren diese Leute überhaupt noch. Also machst du einen Widerspruch dingfest und meinst, im Grunde glaubt ihr doch auch an eine Tendenz zum Besseren, eine neue Revolutionierung des Proletariats! Die Antwort ist: So eine Situation muß man erst einmal herstellen. Deswegen agitieren wir, und nicht nur das Proletariat.«

Antwort: Ich habe vielmehr konstatiert, dass ganz unvermittelt der Verfallsgeschichte des rebellischen Proletariats der ewig strahlende Freien Willen gegenübersteht. Mit einem Satz wie: „So eine Situation muß man erst einmal herstellen.“ bestätigst Du nur diese Un-Vermittlung. Meine Güte, das „Proletariat“-Buch ist eine einzige Schilderung der Verunmöglichung dieser Situationen! DARÜBER kann man streiten, aber doch nicht darüber, dass immer alles frisch fröhlich weitergeht, wenn man nur will will will.

Von der sympathischen Halsstarrigkeit der alten Kommunisten: Volksfront, Antifaschismus, Klassenkampf im Faschismus revisited

»Als Führer der Kommunistischen Partei wurden Sie beschuldigt, die faschistischen Kräfte unterschätzt zu haben, weil Sie sie als eine bürgerliche Erscheinung unter anderen ansahen, den Faschismus also 1921 nicht energisch bekämpften, als es noch möglich war, ihn zu schlagen. Warum bekämpften Sie statt dessen vor allem die Sozialisten, Maximalisten, Reformisten, die potentielle Bündnispartner gegen den Faschismus waren?«

Amadeo Bordiga: »Unsere Strömung hat immer die These negiert, nach der man dem Faschismus einen aus der kommunistischen, maximalistischen und reformistischen Partei gebildeten Block entgegenstellen könne. Diese Tatsache bezieht sich nicht nur auf das Jahr 1921; wir haben die beiden aus der Mailänder Spaltung hervorgegangenen Parteien stets als gefährlichste Feinde angesehen, denn der Einfluss, den sie noch besaßen, war klar jeder revolutionären Vorbereitung abträglich (siehe »Römer Thesen« 1922, »Lyoner Thesen« 1926). Lenin hatte bereits 1919 in einem Telegramm an die Führer der siegreichen ungarischen Revolution den schweren Fehler kritisiert, der darin bestand, die ungarischen Sozialisten zur Regierungsbeteiligung aufzurufen, und er sah darin den Grund für das Scheitern der Revolution. Die italienischen Kommunisten lehnten jedes Bündnis mit den Sozialisten ab, sei es während des Kampfes um die Machteroberung, wie auch nach einem möglichen Erfolg in diesem Kampf. Kommen wir zur Bewertung des historischen Phänomens des Faschismus. (Ich sprach über dieses Thema auf den Moskauer Kongressen der Jahre 1922, ’24 und ’26.) Wir halten den Faschismus für eine der Formen – eine andere ist die Demokratie –, worin der bürgerliche Staat seine Herrschaft behauptet. […] Die Politik der »starken Hand«, die massive Unterdrückung der gepriesenen Rechte hat es schon oft gegeben, das Rezept stammt nicht von den Faschisten oder gar Mussolini. […] Wir teilten nicht die Theorie Gramscis und auch der Zentristen, die den Faschismus als Konflikt zwischen Agrar- und moderner Industrie- und Handelsbourgeoisie darstellten. Sicherlich kann man die Agrarbourgeoisie mehr der rechten Bewegung zuordnen, die Industriebourgeoisie mehr den Parteien der politischen Linken. Die faschistische Bewegung indes richtete sich nicht gegen einen der beiden Pole, sondern hatte das Ziel, die Erhebung des revolutionären Proletariats zu verhindern, das gegen die Erhaltung aller sozialen Formen privater Wirtschaft kämpfte. Wir sagen seit vielen Jahren und ohne im geringsten zu zögern, dass man den Feind Nr.1 nicht im Faschismus ausmachen kann, sondern dass das größere Übel der »Antifaschismus« darstellt, ein größeres Übel, als es der Faschismus verursachen könnte, trotz aller Schäbigkeit. Der »Antifaschismus« hatte einem Monster historisches Leben eingehaucht: nämlich einem großen Block, der die ganze Bandbreite der kapitalistischen Ausbeutung und seiner Nutznießer umfasst – von den großen Plutokraten bis hinunter zu den lächerlichen Scharen von Halb-Bourgeois, Intellektuellen etc.«

»Die letzten großen Streiks gab es im August 22, vor dem „Marsch auf Rom“. Hielten Sie zu diesem Zeitpunkt, wo der Faschismus bereits an der Schwelle zur Macht stand, den Streik für eine geeignete Waffe, um der Situation zu begegnen und hielten Sie die Revolution noch für möglich?«

Amadeo Bordiga: »Der letzte große Zusammenstoß zwischen proletarischen Gruppen und faschistischen, staatlich unterstützten Banden war in der Tat der große Streik vom August 1922. Die Kommunistische Partei hatte, sowohl in ihrer Propaganda als auch auf den internationalen Kongressen, schon klar ausgesprochen, dass sie die Strategie des Bündnisses zwischen verschiedenen politischen Parteien für falsch hielt und für die gewerkschaftliche Einheitsfront, die Objekt schwerwiegender Polemiken war, eintrat. Die Linie, uns keinem Bündnis-Komitee o.ä. zu unterwerfen, verließen wir niemals. Wir lehnten also jede politische Front oder Blockbildung ab, denn die daran beteiligten Parteien wären verpflichtet gewesen, sich dem zwangsläufig daraus hervorgehenden höchsten Befehlsorgan zu unterstellen; unsere Parteikräfte hätten so gezwungen sein können, auch in eine Richtung zu arbeiten, die im deutlichen Gegensatz zu unseren programmatischen Zielen stand – eine Sache, die für uns völlig inakzeptabel war. Eine politische Einheitsfront hätte zu einem, übrigens bereits zurückgewiesenen Bündnis mit Reformisten und Maximalisten geführt. Die gewerkschaftliche Einheitsfront dagegen hätte alle großen Gewerkschaftsverbände einbegriffen: die organisatorische und propagandistische Arbeit war in dieser Hinsicht bereits weit fortgeschritten (»Arbeitsbündnis«). Während der politische Block als parlamentarische Koalition zu der so genannten »Arbeiterregierung« (was wir, auch in Moskau, energisch bekämpften) führen musste, hätte die gewerkschaftliche Front die originär revolutionären und marxistischen Methoden des Streiks und des bewaffneten Bürgerkriegs anwenden können.
Kommen wir kurz zur Chronik jener bewegten Zeiten zurück. Während die rechten und opportunistischen Gruppen Druck ausübten, um das von uns abgelehnte Parteienbündnis zustande zu kriegen, berief die Eisenbahnergewerkschaft eine Versammlung von Vertretern aller Parteien und Gewerkschaften in Bologna ein. Zu dieser ziemlich suspekten Versammlung sandten wir keinen Repräsentanten der Partei, sondern einen Genossen, der die uns angehörigen gewerkschaftlichen Kräfte unter seiner Leitung hatte. Er brachte uns die erstaunliche Nachricht, dass die größte Gewerkschaft, der Allgemeine Gewerkschaftsbund, erklärt hatte, über kein Kommunikationsnetz zu verfügen, um den nationalen Generalstreik zu organisieren. Angesichts dieser Haltung, die unter aller Kritik war, bot unser Genosse gemäß den Anweisungen des kommunistischen Exekutivorgans an, unser illegales Netz für die Verbreitung des Streikaufrufs, den der Gewerkschaftsbund formulieren sollte, zur Verfügung zu stellen. Der Gewerkschaftsbund nahm unser Angebot wohlweislich an, da sonst die Durchführung des Streiks von kommunistischer Seite aus organisiert worden wäre.
Kurz darauf nahm die Bewegung in ganz Italien starke und militante Formen an und den, übrigens drastischen, Maßnahmen der gegnerischen Kräfte wurde massiv Widerstand entgegengesetzt. Einige Einheiten von Carabinieri-Regimentern wurden nach Ancona geschickt; bei Bari warfen mehrere Zerstörer der Kriegsmarine ihre Anker. Die die Stadt besetzt haltenden Arbeiterkräfte reagierten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und vollständiger Arbeitsniederlegung; der Zugverkehr, für die militärischen Bewegungen der Streit- und Polizeikräfte unentbehrlich, wurde lahmgelegt. Auf Parma, wo sich die Arbeiterviertel in Aufruhr befanden (Parma ist durch den Fluss desselben Namens geteilt), marschierten die Schwarzhemden, die unter dem Befehl des berühmten Mitglieds des Vierer-Kommandos, Italo Balbo, standen [faschistischer Führer, der 1922 den »Marsch auf Rom« organisierte und 1923 General der neugebildeten faschistischen Miliz wurde]. Kürzlich wurde daran erinnert, dass die mutigen Arbeiter von Parma zur Zeit der ersten Atlantiküberquerung [Lindbergh, Mai 1927] mit Riesenlettern folgende Apostrophe auf die Deiche schrieben: „Balbo, man hat den Atlantik überquert, aber nicht den Parma“. Der wenige Meter breite Fluss hatte gereicht, die arbeiterfeindlichen Kräfte zu stoppen. Dies und anderes zeigt, dass die Streikbewegung damals nicht nur möglich, sondern auch sehr schlagkräftig war. Die Faschisten, obwohl staatlicherseits unterstützt, konnten den proletarischen Ansturm nicht schwächen. Der »Marsch auf Rom«, im Oktober, war nicht Folge des militärischen Sieges, sondern eines parlamentarischen Manövers, und der zukünftige Duce konnte die befürchtete Verhängung des Belagerungszustandes umgehen: gegen den Willen seiner Generäle nahm der König davon Abstand. Es waren diese Manöver von ausgesprochen parlamentarischem Charakter, die die proletarische Revolution erstickten, andererseits aber auch die angebliche Revolution der Schwarzhemden ad absurdum führten.«

Aus einem Interview mit Amadeo Bordiga, das 1970, wenige Monate vor seinem Tod, geführt wurde.

Bordiga über die Entwicklung Russlands

Im Folgenden eine (Teil-)Zusammenfassung der wichtigen Schrift »Die ökonomische und die gesellschaftliche Struktur des heutigen Russland«, die Amadeo Bordiga 1957 Jahre abgeschlossen hatte und die wohl nur auf italienisch und in einer Teilübersetzung auf französisch vorliegt.
Die Zusammenfassung fertigte Christian Riechers 1971 an, der in den 70er Jahren wohl der einzige Wissenschaftler war, der den verfemten Bordiga in Deutschland vorstellte. Der Text von Riechers erhebt keinerlei Anspruch auf Originalität und ist als Vorarbeit eines großen Essays zu verstehen, der tatsächlich fünf Jahre später erstmals in einem der Bände des Jahrbuchs Arbeiterbewegung (Fischer Taschenbuchverlag) publiziert worden ist. Für unsere Zwecke ist der folgende Ausschnitt erst mal völlig ausreichend. Der Text wurde entnommen aus Christian Riechers, »Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus« (Münster 2009), S. 162ff.

Mittlerweile ist es kein Problem mehr, Bordiga in deutscher Sprache zu lesen. Überwiegend parteitaktische und strategische Schriften finden sich hier. Ein großes, umfassendes Übersetzungsprojekt ist vor kurzem hier begonnen worden. Die Übersetzungen sind schlanker und scheinen für unsere Augen und Ohren präziser. Dankenswertweise ist der alte Maulwurf direkt mit den Russland- und den Stalin-Schriften Bordigas gestartet.

Und hier der Text (alle Zitate stammen von Bordiga):

Die ersten ökonomischen Maßnahmen der Sowjetregierung zu Beginn des Bürgerkriegs halten sich für Bordiga im Rahmen dessen, was unter dem Kapitalismus möglich ist. Bordiga betont, daß zu Lebzeiten Lenins und nach ihm bis zur Niederlage der Linken 1928 im Großen und Ganzen die ökonomischen Debatten so geführt wurden, daß der kapitalistische Charakter der Sowjetökonomie nie geleugnet wurde. Der Übergang vom »Kriegskommunismus« zur NEP [Neue Ökonomische Politik] ist für B. eine Notwendigkeit, um die Ernährung der Städte durch das Land zu garantieren. Von der Einführung des Sozialismus in jener Zeit habe überhaupt nicht die Rede sein können, da durch die Verwüstungen des Bürgerkriegs 1920 die industrielle Produktion nur 1/7 der Produktion der Zarenzeit betrug. Der erste, vom Zarismus begründete Kapitalismus sei deshalb praktisch erloschen gewesen, mit der NEP beginnt die zweite eigentliche Phase des russischen Kapitalismus. Bordiga analysiert die Reden Lenins (über die Naturalsteuer) und Trotzkis zur Einführung der NEP und kommt zu dem Schluß, daß dort nicht vom Aufbau des Sozialismus, sondern von den ökonomischen Grundlagen des Sozialismus die Rede ist, die durch den Ausbau des Staatskapitalismus in der Industrie erst zu schaffen seien. Lenin spricht von einem Bündnis des Proletariats mit dem Staatskapitalismus gegen die Übermacht der kleinen Warenproduzenten, vor allem auf dem Land.

Nach dem Scheitern der erwarteten deutschen Revolution 1923 und nach dem Tode Lenins beginnen innerhalb der russischen Partei die heftigen Auseinandersetzungen um den neuen Kurs in Rußland. Bordiga spart in dieser seiner Darstellung die Auswirkungen auf die Diskussionen innerhalb der nichtrussischen Sektionen der Komintern (»Bolschewisierung«) aus, an denen er, auf der äußeren Linken stehend, einen hervorragenden Anteil hatte. Auch seine offene Parteinahme für die Positionen Trotzkis in den Jahren 1924 bis 1926 (B. wurde im November verhaftet, von den Faschisten in die Verbannung geschickt, 1930 aus der PCI ausgeschlossen) kommt nicht übermäßig zum Ausdruck. Ein bestimmender Grund dafür liegt darin, daß Bordiga die Auseinandersetzungen in der Partei nicht personalisiert, sondern daran mißt, in welchem Maße die einzelnen vertretenen Positionen kohärent marxistisch sind. Es ist wahrscheinlich auf seine eigenständige Position in den internationalen Debatten der Komintern zurückzuführen, die ihn nie zu einem Parteigänger der jeweiligen russischen Fraktionierungen machte, daß Bordiga nicht nur nicht die Stellung der ihm politisch näherstehenden Trotzki-Sinowjew-Kamenjew-Gruppe verabsolutiert, sondern auch Bucharin und die bolschewistische Rechte als konsequente Marxisten gegenüber Stalin trotz ihrer politischen Fehler rehabilitiert. Obwohl Bordiga wie Trotzki von der Unmöglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande überzeugt ist, gesteht er Bucharin zu, mit seinem Programm der Unterstützung des kulakischen Privatkapitalismus auf dem Land zwar einen kühnen und gewagten Kompromiß, aber immerhin einen Kompromiß auf Leninsche Art ins Auge gefaßt zu haben, ausgehend von seiner Auffassung, die Revolution außerhalb Russlands sei auf längere Zeit im Zurückweichen. Selbst Stalin gegenüber verfällt Bordiga nie in den Fehler eines »Retourkutschenstalinismus«, d.h. ihn als unbewussten Agenten des Kapitalismus hinzustellen, sondern er billigt ihm zu, dass er den ehrenwerten Traum gehabt habe, die kapitalistischen Staaten so erfolgreich gegeneinander ausspielen zu können, wie er es mit den Fraktionen innerhalb der KPdSU getan hat. Stalin war nur ein Programmklauer, der theoretisch gesehen nie eine eigene Position vortrat, gleichwohl aber trotz seines Eklektizismus bis zu seinem Tode immer wieder Anflüge orthodoxer Auffassungen sowohl innen- wie außenpolitisch hatte.

Mit dem Sieg des Stalinschen Zentrums über die Linke 1928 und der wenig später erfolgenden Ausbootung der Rechten sieht Bordiga, daß sich die Revolution von einer Doppelrevolution zu einer nur bürgerlichen Revolution (Ausdehnung der kapitalistischen Produktionsweise) »verkürze«, d.h. daß mit der Zerstörung der alten bolschewistischen Partei das russische Proletariat einer Konterrevolution zum Opfer gefallen sei. Die heutige Situation in Rufland sei aber nicht eine Konsequenz der NEP, sondern der Kehrtwendung auf politischem Gebiet und in der internationalen Position des russischen Staates.

Bordiga begnügt sich nun nicht damit, der Stalinschen These vom Aufbau einer sozialistischen Produktionsweise entgegenzuhalten, dies alles sei frommer Wunsch oder bewußte Lüge, in Wirklichkeit sei alles Kapitalismus, gleich dem, der auch in den traditionell kapitalistischen Ländern herrsche. Es geht ihm darum, die Besonderheit des russischen Kapitalismus zu analysieren, um sich »ein Bild der geschichtlichen Typen gesellschaftlicher Ökonomie zu machen, die im Rahmen des in Betracht gezogenen Landes vorhanden sind, und sich zu fragen, welche fortschrittlich sind und welche nicht«.

Im Gegensatz zu den meisten Autoren, die die Agrarsituation nur als Appendix der forcierten Industrialisierung sehen, stellt Bordiga diese in den Mittelpunkt seiner Darstellung. Er geht aus von Lenins Programm, der zur Zeit der NEP fünf Stufen der Produktion in Russland zusammenleben sah (1. patriarchalische Bauernwirtschaft auf naturalwirtschaftlicher Basis, 2 kleine Warenproduktion, 3. Privatkapitalismus, 4. Staatskapitalismus, 5. Sozialismus) und der vor allem auf die Eliminierung der zweiten, quantitativ in Rußland auf dem Lande vorherrschenden Stufe der kleinen Warenproduktion hinarbeitete. Bucharins Agrarprogramm zur Förderung des entwickelten Privatkapitalismus auf dem Lande hätte nach Bordiga zur Überwindung der zweiten Stufe, zur Akkumulation und technischen Rationalisierung führen können und der proletarische Staat hätte dann zu einem gegebenen Moment die agrarischen Privatkapitalisten enteignen können, um so die vierte Stufe des Staatskapitalismus zu erreichen. Stalins Lösung der Kolchosifizierung nennt Bordiga den schlimmsten Weg. Die Verschweißung des Familieninstituts mit der Produktionseinheit sei eine unterbürgerliche Formel. Für B. ist der Kolchos eine statische Form der Produktion, bestimmt durch den genossenschaftlichen und privaten Sektor, in dem es nicht zu einer massiven Kapitalakkumulation kommt, sondern zu seiner Verteilung unter die Genossenschaftsbauern (abzüglich der vorgeschriebenen Reinvestitionsquote). Die Kolchose ist eine kapitalistische Firma. Der Kolchosbauer ist einmal, gesellschaftlich betrachtet, selbstwirtschaftender Kleineigentümer, als Genossenschaftsbauer zugleich Lohnarbeiter und Unternehmensaktionär. Der juristische Eigentumstitel des Staates an Grund und Boden ist nur scheinbar. Zwar zahlt die Kolchose auch hohe Steuern, aber diese werden auch in den traditionellen kapitalistischen Staaten von den nominellen Grundeigentümern an den Staat entrichtet. Da aber die Steuern nicht die Höhe erreichen, um Grundrente genannt zu werden (in dem Falle wäre die Kolchose Pächter), kann die Kolchose als Kollektivunternehmen de facto als Grundeigentümer betrachtet werden. Die Mischform des Kolchos bleibt durch das Überwiegen des privatwirtschaftlichen Anteils an der Produktion (vgl. dazu Karl-Eugen Wädekin, Privatproduzenten in der sowjetischen Landwirtschaft, Köln: Verlag Wissenschaft und Politik, 1967), auf der zweiten Stufe Lenins, der kleinbäuerlichen Warenwirtschaft. Die ins Einzelne gehende Analyse dieser Produktionsform durch Bordiga kann hier nicht weiter ausgeführt werden. Die politischen und gesellschaftlichen Folgen sehen für B. so aus: die permanente Krise der russischen Landwirtschaft führt dazu, daß der sowjetische Staat zuungunsten des Industrieproletariats laufend den von diesen erzeugten Wert und Mehrwert aufs Land transportiert. Der Staat wird so von der gesellschaftlichen Mehrheit der kleinbürgerlich-kleinbäuerlichen Interessen abhängig und ist daher als natürlicher Klassenverbündeter der traditionellen kapitalistischen Staaten der ganzen Welt selbst dann anzusehen, wenn wie zu Stalins Zeiten sein Industriekapital nicht in die internationale Zirkulation eingeht. Die Bürokratie als »neue Klasse« anzusehen oder als einen hybriden Ersatz einer Bourgeoisie lehnt Bordiga ab. »Von den drei Klassen der bürgerlichen Modellgesellschaft von Marx bleibt die der Arbeiterklasse weiterhin die ausgebeutete Klasse. Die kapitalistische Klasse wird durch den Verwaltungsstaat repräsentiert, und zwar nicht als Kollegium seiner hochrangigen Funktionäre, sondern als Nachahmungskanal für die Kräfte des ausländischen bürgerlichen Kapitalismus. Die Klasse der Grundbesitzer hat keine minoritäre, sondern eine »populistische« Form angenommen in Gestalt eines Konsortiums bäuerlicher Konsortien, auf die eine hohe Grundrente zurückfließt, die vom Mehrwert abgeteilt wird, den das ausgebeutete und beherrschte Proletariat abgibt.«

Die angeblich auf den Sozialismus zurückgehenden außergewöhnlichen Daten der Bevölkerungsbewegung und -entwicklung und der Industrialisierungsindices entkräftet Bordiga durch einen historischen Vergleich mit den internationalen Statistiken. Die zunächst hohen Zuwachsraten erklären sich für ihn damit, daß es sich um einen jungen Kapitalismus handelt. Die Fünfjahrespläne haben dabei keine Wunder gewirkt, denn nach seinen Berechnungen hat es in den Jahren 1920 bis 1927, also vor dem 1. Fünfjahresplan einen sehr hohen durchschnittlichen Jahreszuwachsrhythmus von 37 Prozent gegeben, verglichen mit den Durchschnittswerten von 24 Prozent, 18,3, Prozent, 15 Prozent (1933-40), 13,8 Prozent (1946-50) bzw. 23 Prozent (1947-50), 13,8 Prozent (1951-55) der übrigen Jahre, die bereits eine fallende Tendenz klar aufweisen. Zu den hohen Rhythmen trägt bei, daß dieser spätentstehende Industrialismus auf einer besseren qualitativen Stufe der internationalen Technik aufbauen kann. Bordiga spricht hier von einem »Staatsindustrialismus«, denn von einem vollkommenen Staatskapitalismus könne in der SU keine Rede sein. Aber selbst im staatskapitalistischen Sektor sieht er eine abnehmende Tendenz. Der Staat sei durch sein Monopol in der Geldzirkulation zwar Kapitalist, jedoch kein Unternehmer. Die Tendenz zur Auftragsvergabe vonseiten des Staates an nichtstaatliche Unternehmensorganisationen ist steigend: 25 Prozent durchschnittlich während des 1. Plans, ist sie auf 81 Prozent während des 5. Plans angewachsen. Die Autonomie der Unternehmen gegenüber dem staatlichen Eingriff die 1965 durch die Wirtschaftsreformen sanktioniert wurde, sieht Bordiga bereits 1957 als unterirdische Tendenz im vollen Gange. Vertragsschließungen zwischen einzelnen Unternehmen für wechselseitige Belieferungen haben den Sinn, eine zusätzliche Profitmarge zu erzielen, die nicht durch die Hauptbücher des Staates läuft. Der faktische, damals noch nicht juristisch fixierte Unternehmensstatus bedeutet für ihn Verschwendung gesellschaftlicher Arbeit und Möglichkeiten zur Korruption der Arbeiterklasse und zur Hervorbringung einer Arbeiteraristokratie. Die umgreifende Ausdehnung des Vertragssystems heißt Vermietung des Staates an Unternehmensorganisationen, »die wahre Banden von Geschäftemachern sind«. Der Besitztitel für privaten Hausbesitz, der kein gesellschaftliches Überbleibsel, sondern ein verfassungsmäßig garantiertes Recht sei, die Möglichkeit seiner Vererbung seien nicht Ausdruck persönlichen, sondern familiären Eigentums, eine Transponierung des Kolchosnikmodells auf die städtische Bevölkerung. Das Weiterbestehen eines Steuersystems und seine Ausdehnung führe nicht allein den vorgeblichen Sozialismus ad absurdum, sondern sei ein weiteres Indiz dafür, daß die totale Verstaatlichung nicht allein nicht erreicht sei, sondern sich noch verlangsame. Das Verhältnis der direkten Steuern zu den indirekten (1/6 der indirekten) zeige, daß einmal auch die Arbeiter einer ähnlichen Regelung ausgesetzt sind wie in den traditionell kapitalistischen Ländern, zum andern, daß es dem Staat nur so möglich sei, die nicht ausgewiesenen dunklen Einkommen zu besteuern.

Bordiga bedient sich bei seinen Berechnungen nur der offiziellen russischen Zahlenangaben, die er in den meisten Fällen eher nach oben abrundet als sie – was durchaus legitim wäre – um ihre propagandistische Unwahrheitsmarge zu verkürzen. Das Gesamtbild der russischen Ökonomie, das dabei herauskommt, ist alles andere als schmeichelhaft, aber es ist das Bild, das sich auch aus den partiellen Eingeständnissen, die fortdauernd in der russischen Presse erscheinen, herauslesen läßt. Was ihn von der Mehrzahl der marxistisch orientierten westlichen Ökonomen unterscheidet, ist, daß er abstrakte Planmodellvorstellungen nicht als die Wirklichkeit nimmt, sondern vom ökonomischen Gesamtmechanismus ausgeht und von daher auch auf die gesellschaftlichen Folgen kommt. Anarchie der ökonomischen Produktion gibt es auch in Rußland, bedingt durch die Koexistenz verschiedener Wirtschaftsformen und durch das tendenzielle Abnehmen des Staatskapitalismus. Gesellschaftlicher Ausdruck dieser Anarchie ist nicht die vielberufene »Bürokratie«, sondern der gesellschaftliche »Kolchosianismus«, der auch die nichtagrarischen gesellschaftlichen Schichten befällt. Für Bordiga bedeutet dieses gesellschaftliche Phänomen nicht die Herauskristallisierung einer »neuen Klasse« kleinbürgerlicher Orientierung, »es ist nur eine Schicht hybrider Verkrustung, aufgesetzt auf Formen ökonomischen Einflusses und Machteinflusses des Kapitals … Die labilen und wirbellosen Formen des gesellschaftlichen Kolchosianismus folgen aufeinander auf dem Hintergrund des im Vordergrund stehenden Kampfes zwischen Kapital und Proletariat, sie treten mit großer Evidenz in allen historischen Phasen der Auflösung und Degeneration der Arbeiterbewegung auf.«

Bordiga: Der Sozialismus wird nicht aufgebaut!

… (der Ausdruck Aufbau des Sozialismus, mit dem so viel Schindluder getrieben wird, ist von erlesen kapitalistischer Güte; nicht nur, dass er nach voluntaristischer Philosophie stinkt, er entspricht auch dem wirklichen Moment der kapitalistischen Dynamik und seinem wirklichen Antrieb: Wichtig ist nicht, ein Haus zu bewohnen und zu nutzen, sondern es zu bauen, und ein Geschäft, das die Leistungsfähigkeit der Fabrik auf gleichem Niveau hält, lockt keinen hinterm Ofen hervor, sondern erst das Geschäft, Kapital in fortschreitender Akkumulation, in erweiterter Reproduktion, damit in einem neuen Geschäft anzulegen) …

Der Sozialismus wird nicht aufgebaut: Die Warenproduktion wird zerstört
Auch in kapitalistischer Zeit verwirklicht sich also ein gesellschaftlicher und nicht individueller Wert der Waren. Doch solange der Weg, die Wertquantität festzusetzen, aus persönlichen ökonomischen Handlungen resultiert, darunter die, einen Geldlohn für Arbeitszeit zu zahlen, wird ein falscher sozialer Wert erzeugt. Gerade wegen der auf allen Märkten geltenden grundsätzlichen Gleichheit kommt in diesem Wert nicht die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitsmühe zum Ausdruck. Berechenbar wird diese erst mit den wirklichen Daten der Produktion und einer nicht für den Markt bestehenden, dannzumal erstmals nicht „unbewussten und unabsichtlichen“ Produktion.
„Was die Gesellschaft, als Konsument betrachtet, zuviel zahlt für die Bodenprodukte, was ein Minus der Realisierung ihrer Arbeitszeit in Bodenproduktion bildet, bildet jetzt das Plus für einen Teil der Gesellschaft, die Grundeigentümer“ [MEW 25, S. 674].
Das Übel, sagt Marx hier, ist nicht, dass die Grundeigentümer, die Hände über den Bauch gefaltet, diese Differenz aufessen, sondern das Übel besteht darin, dass es, weil alle Werte durch das Marktgesetz und marktkonform bestimmt werden, unmöglich ist, die Unbewusstheit, die Anarchie, die Ohnmacht der gesellschaftlichen Organisation zu überwinden. Und solange der Warenvergleich auf dem Markt der Maßstab aller ökonomischen Handlungen ist, wird es unmöglich sein, vom Kapitalismus zur kommunistischen „Assoziation“ zu kommen.
Die Bedeutung der manchmal schwierigen Rententheorie Marxens besteht darin, dass sie die wesentliche Kritik des gesamten Kapitalismus beinhaltet. Um die Marktpreise als in der Produktion geschaffene Werte aufzuzeigen, reicht es nicht, die Empfänger der Gewinne, die aus der Differenz zwischen Preisen und Werten hervorgehen, zu beseitigen. Hingegen stimmt es, dass diese immer monströsere Verschwendung nicht aufhören wird, solange die Produktion und deren Berechnung ihre Grundlage in der Zirkulationssphäre der Waren und bei Anwendung des Wertgesetzes haben.
(…)

Quelle

Probleme der Bestimmung der Gesellschaftsform in der »Sowjetunion«

1. Wenn man sagt, dort hat Sozialismus geherrscht, wie ist das zu vereinbaren mit der Existenz von Warenproduktion, Geldverkehr, Spaltung der Gesellschaft in Klassen, der autoritär-administrativen Verwaltung der Gesellschaft? Und weiter: Wieso entwickelt sich aus einer siegreichen Arbeiterrevolution – in Tateinheit mit kriegsmüden, ausgehungerten Bauern –, ein autoritäres Regime, das sich zu einem hemmungslosen Akkumulationsmodell (»ursprüngliche sozialistische Akkumulation«) bekennt, und dieses »politisch« steuern will?
2. Wenn man aber sagt, dort hat sich nach der Oktoberrevolution der Kapitalismus durchgesetzt, wie ist diese Aussage zu vereinbaren mit der Abwesenheit der Kapitalisten- und Großgrundbesitzerklasse, mit der Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, mit der Aufhebung resp. Beschränkung bestimmter Geldfunktionen?

Das »russische Rätsel« besteht darin, dass jeder Weg, den wir in den zwei Punkten skizziert haben, in einen unaufhebbare Blockade führt: Es gibt unübersteigbare Barrieren, die ein Weitermachen mit einem dieser Ansätze unmöglich zu machen scheinen.
Marxisten haben in diesem Zusammenhang zu vier Lösungen gegriffen: 1. Eklektizismus – die »Sowjetunion« ist beides, kapitalistisch und sozialistisch; es handelt sich um eine Übergangsgesellschaft, deren Ziel durchaus offen ist: Sowohl die Möglichkeit einer politischen Revolution (im Überbau also) Richtung Sozialismus als auch die einer Restauration des Kapitalismus bestehen. 2. Rückgriff auf die Vergangenheit – die »Sowjetunion« als Fortsetzung des Zarenreiches (der halbasiatischen Despotie) mit anderen Mitteln. 3. Vorgriff auf die Zukunft – die »Sowjetunion« als Modell der Zukunft: Managergesellschaft, Herrschaft der technokratischen Bürokratie, des »bürokratischen Kollektivismus«; der Westen mit seinen bürokratisch-technokratischen Zügen gleicht sich dem Osten über kurz oder lang an. 4. Erschlichene Begrifflichkeiten – die »Sowjetunion« als Staatskapitalismus (der Staat übernimmt die Rolle der Kapitalistenklasse – aber wie soll das gehen, ohne dass der Staat dabei seine Rolle als Gesellschaftsplaner und -medium aufgeben würde?).

Alle vier Positionen haben was »für sich«, wie man so schön sagt, bei allen vier schleicht sich aber auch ein Unbehagen ein: Sie scheinen doch irgendwie von Wunschdenken, von äußerlichen Maßstäben, die an konkrete Wirklichkeit der »Sowjetunion« herangetragen werden, geprägt zu sein. Man sammelt sich Elemente zusammen, die z.B. dafür sprechen, dass es sich um eine Übergangsgesellschaft (und zwar eine an der Schwelle von Sozialismus ODER Kapitalismus) handelt. Das »russische Rätsel« bleibt.

Amadeo Bordiga schlägt nun vor, auf die Ausgangspunkte zurück zu kommen und, anstatt die Merkmale des Kapitalismus resp. des Sozialismus aufzurufen, zu fragen, WAS denn den Kapitalismus resp. den Sozialismus auszeichnet (und zwar im Prozess seiner historischen Entwicklung), WAS es bedeutet, wenn man sagt – Warenproduktion ist unvereinbar mit einer sozialistischen Gesellschaft. WAS stellt demnach die Ware für ein gesellschaftliches Verhältnis dar? Die Antwort Bordigas auf das russische Rätsel ist verblüffend einfach: Es ist Kapitalismus. Nicht mehr das Ob, sondern das Was steht im Mittelpunkt. Was heißt eigentlich Kapitalismus. Und die erste und entscheidende Antwort, die er in der Geschichte des Kapitalismus entdecket, lautet: Kapitalismus ist gleich Agrarrevolution – die Kapitalisierung der Landwirtschaft. Kapitalismus IST der Aufbau des Sozialismus (und nicht der Sozialismus ist Aufbau seiner selbst, wie im »Osten« seinerzeit suggeriert wurde).
Genau diese Kapitalisierung entdeckt Bordiga in den Akkumulationsprozessen der Sowjetunion.
(wird fortgesetzt)