Im Folgenden eine (Teil-)Zusammenfassung der wichtigen Schrift »Die ökonomische und die gesellschaftliche Struktur des heutigen Russland«, die Amadeo Bordiga 1957 Jahre abgeschlossen hatte und die wohl nur auf italienisch und in einer Teilübersetzung auf französisch vorliegt.
Die Zusammenfassung fertigte Christian Riechers 1971 an, der in den 70er Jahren wohl der einzige Wissenschaftler war, der den verfemten Bordiga in Deutschland vorstellte. Der Text von Riechers erhebt keinerlei Anspruch auf Originalität und ist als Vorarbeit eines großen Essays zu verstehen, der tatsächlich fünf Jahre später erstmals in einem der Bände des Jahrbuchs Arbeiterbewegung (Fischer Taschenbuchverlag) publiziert worden ist. Für unsere Zwecke ist der folgende Ausschnitt erst mal völlig ausreichend. Der Text wurde entnommen aus Christian Riechers, »Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus« (Münster 2009), S. 162ff.
Mittlerweile ist es kein Problem mehr, Bordiga in deutscher Sprache zu lesen. Überwiegend parteitaktische und strategische Schriften finden sich hier. Ein großes, umfassendes Übersetzungsprojekt ist vor kurzem hier begonnen worden. Die Übersetzungen sind schlanker und scheinen für unsere Augen und Ohren präziser. Dankenswertweise ist der alte Maulwurf direkt mit den Russland- und den Stalin-Schriften Bordigas gestartet.
Und hier der Text (alle Zitate stammen von Bordiga):
Die ersten ökonomischen Maßnahmen der Sowjetregierung zu Beginn des Bürgerkriegs halten sich für Bordiga im Rahmen dessen, was unter dem Kapitalismus möglich ist. Bordiga betont, daß zu Lebzeiten Lenins und nach ihm bis zur Niederlage der Linken 1928 im Großen und Ganzen die ökonomischen Debatten so geführt wurden, daß der kapitalistische Charakter der Sowjetökonomie nie geleugnet wurde. Der Übergang vom »Kriegskommunismus« zur NEP [Neue Ökonomische Politik] ist für B. eine Notwendigkeit, um die Ernährung der Städte durch das Land zu garantieren. Von der Einführung des Sozialismus in jener Zeit habe überhaupt nicht die Rede sein können, da durch die Verwüstungen des Bürgerkriegs 1920 die industrielle Produktion nur 1/7 der Produktion der Zarenzeit betrug. Der erste, vom Zarismus begründete Kapitalismus sei deshalb praktisch erloschen gewesen, mit der NEP beginnt die zweite eigentliche Phase des russischen Kapitalismus. Bordiga analysiert die Reden Lenins (über die Naturalsteuer) und Trotzkis zur Einführung der NEP und kommt zu dem Schluß, daß dort nicht vom Aufbau des Sozialismus, sondern von den ökonomischen Grundlagen des Sozialismus die Rede ist, die durch den Ausbau des Staatskapitalismus in der Industrie erst zu schaffen seien. Lenin spricht von einem Bündnis des Proletariats mit dem Staatskapitalismus gegen die Übermacht der kleinen Warenproduzenten, vor allem auf dem Land.
Nach dem Scheitern der erwarteten deutschen Revolution 1923 und nach dem Tode Lenins beginnen innerhalb der russischen Partei die heftigen Auseinandersetzungen um den neuen Kurs in Rußland. Bordiga spart in dieser seiner Darstellung die Auswirkungen auf die Diskussionen innerhalb der nichtrussischen Sektionen der Komintern (»Bolschewisierung«) aus, an denen er, auf der äußeren Linken stehend, einen hervorragenden Anteil hatte. Auch seine offene Parteinahme für die Positionen Trotzkis in den Jahren 1924 bis 1926 (B. wurde im November verhaftet, von den Faschisten in die Verbannung geschickt, 1930 aus der PCI ausgeschlossen) kommt nicht übermäßig zum Ausdruck. Ein bestimmender Grund dafür liegt darin, daß Bordiga die Auseinandersetzungen in der Partei nicht personalisiert, sondern daran mißt, in welchem Maße die einzelnen vertretenen Positionen kohärent marxistisch sind. Es ist wahrscheinlich auf seine eigenständige Position in den internationalen Debatten der Komintern zurückzuführen, die ihn nie zu einem Parteigänger der jeweiligen russischen Fraktionierungen machte, daß Bordiga nicht nur nicht die Stellung der ihm politisch näherstehenden Trotzki-Sinowjew-Kamenjew-Gruppe verabsolutiert, sondern auch Bucharin und die bolschewistische Rechte als konsequente Marxisten gegenüber Stalin trotz ihrer politischen Fehler rehabilitiert. Obwohl Bordiga wie Trotzki von der Unmöglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande überzeugt ist, gesteht er Bucharin zu, mit seinem Programm der Unterstützung des kulakischen Privatkapitalismus auf dem Land zwar einen kühnen und gewagten Kompromiß, aber immerhin einen Kompromiß auf Leninsche Art ins Auge gefaßt zu haben, ausgehend von seiner Auffassung, die Revolution außerhalb Russlands sei auf längere Zeit im Zurückweichen. Selbst Stalin gegenüber verfällt Bordiga nie in den Fehler eines »Retourkutschenstalinismus«, d.h. ihn als unbewussten Agenten des Kapitalismus hinzustellen, sondern er billigt ihm zu, dass er den ehrenwerten Traum gehabt habe, die kapitalistischen Staaten so erfolgreich gegeneinander ausspielen zu können, wie er es mit den Fraktionen innerhalb der KPdSU getan hat. Stalin war nur ein Programmklauer, der theoretisch gesehen nie eine eigene Position vortrat, gleichwohl aber trotz seines Eklektizismus bis zu seinem Tode immer wieder Anflüge orthodoxer Auffassungen sowohl innen- wie außenpolitisch hatte.
Mit dem Sieg des Stalinschen Zentrums über die Linke 1928 und der wenig später erfolgenden Ausbootung der Rechten sieht Bordiga, daß sich die Revolution von einer Doppelrevolution zu einer nur bürgerlichen Revolution (Ausdehnung der kapitalistischen Produktionsweise) »verkürze«, d.h. daß mit der Zerstörung der alten bolschewistischen Partei das russische Proletariat einer Konterrevolution zum Opfer gefallen sei. Die heutige Situation in Rufland sei aber nicht eine Konsequenz der NEP, sondern der Kehrtwendung auf politischem Gebiet und in der internationalen Position des russischen Staates.
Bordiga begnügt sich nun nicht damit, der Stalinschen These vom Aufbau einer sozialistischen Produktionsweise entgegenzuhalten, dies alles sei frommer Wunsch oder bewußte Lüge, in Wirklichkeit sei alles Kapitalismus, gleich dem, der auch in den traditionell kapitalistischen Ländern herrsche. Es geht ihm darum, die Besonderheit des russischen Kapitalismus zu analysieren, um sich »ein Bild der geschichtlichen Typen gesellschaftlicher Ökonomie zu machen, die im Rahmen des in Betracht gezogenen Landes vorhanden sind, und sich zu fragen, welche fortschrittlich sind und welche nicht«.
Im Gegensatz zu den meisten Autoren, die die Agrarsituation nur als Appendix der forcierten Industrialisierung sehen, stellt Bordiga diese in den Mittelpunkt seiner Darstellung. Er geht aus von Lenins Programm, der zur Zeit der NEP fünf Stufen der Produktion in Russland zusammenleben sah (1. patriarchalische Bauernwirtschaft auf naturalwirtschaftlicher Basis, 2 kleine Warenproduktion, 3. Privatkapitalismus, 4. Staatskapitalismus, 5. Sozialismus) und der vor allem auf die Eliminierung der zweiten, quantitativ in Rußland auf dem Lande vorherrschenden Stufe der kleinen Warenproduktion hinarbeitete. Bucharins Agrarprogramm zur Förderung des entwickelten Privatkapitalismus auf dem Lande hätte nach Bordiga zur Überwindung der zweiten Stufe, zur Akkumulation und technischen Rationalisierung führen können und der proletarische Staat hätte dann zu einem gegebenen Moment die agrarischen Privatkapitalisten enteignen können, um so die vierte Stufe des Staatskapitalismus zu erreichen. Stalins Lösung der Kolchosifizierung nennt Bordiga den schlimmsten Weg. Die Verschweißung des Familieninstituts mit der Produktionseinheit sei eine unterbürgerliche Formel. Für B. ist der Kolchos eine statische Form der Produktion, bestimmt durch den genossenschaftlichen und privaten Sektor, in dem es nicht zu einer massiven Kapitalakkumulation kommt, sondern zu seiner Verteilung unter die Genossenschaftsbauern (abzüglich der vorgeschriebenen Reinvestitionsquote). Die Kolchose ist eine kapitalistische Firma. Der Kolchosbauer ist einmal, gesellschaftlich betrachtet, selbstwirtschaftender Kleineigentümer, als Genossenschaftsbauer zugleich Lohnarbeiter und Unternehmensaktionär. Der juristische Eigentumstitel des Staates an Grund und Boden ist nur scheinbar. Zwar zahlt die Kolchose auch hohe Steuern, aber diese werden auch in den traditionellen kapitalistischen Staaten von den nominellen Grundeigentümern an den Staat entrichtet. Da aber die Steuern nicht die Höhe erreichen, um Grundrente genannt zu werden (in dem Falle wäre die Kolchose Pächter), kann die Kolchose als Kollektivunternehmen de facto als Grundeigentümer betrachtet werden. Die Mischform des Kolchos bleibt durch das Überwiegen des privatwirtschaftlichen Anteils an der Produktion (vgl. dazu Karl-Eugen Wädekin, Privatproduzenten in der sowjetischen Landwirtschaft, Köln: Verlag Wissenschaft und Politik, 1967), auf der zweiten Stufe Lenins, der kleinbäuerlichen Warenwirtschaft. Die ins Einzelne gehende Analyse dieser Produktionsform durch Bordiga kann hier nicht weiter ausgeführt werden. Die politischen und gesellschaftlichen Folgen sehen für B. so aus: die permanente Krise der russischen Landwirtschaft führt dazu, daß der sowjetische Staat zuungunsten des Industrieproletariats laufend den von diesen erzeugten Wert und Mehrwert aufs Land transportiert. Der Staat wird so von der gesellschaftlichen Mehrheit der kleinbürgerlich-kleinbäuerlichen Interessen abhängig und ist daher als natürlicher Klassenverbündeter der traditionellen kapitalistischen Staaten der ganzen Welt selbst dann anzusehen, wenn wie zu Stalins Zeiten sein Industriekapital nicht in die internationale Zirkulation eingeht. Die Bürokratie als »neue Klasse« anzusehen oder als einen hybriden Ersatz einer Bourgeoisie lehnt Bordiga ab. »Von den drei Klassen der bürgerlichen Modellgesellschaft von Marx bleibt die der Arbeiterklasse weiterhin die ausgebeutete Klasse. Die kapitalistische Klasse wird durch den Verwaltungsstaat repräsentiert, und zwar nicht als Kollegium seiner hochrangigen Funktionäre, sondern als Nachahmungskanal für die Kräfte des ausländischen bürgerlichen Kapitalismus. Die Klasse der Grundbesitzer hat keine minoritäre, sondern eine »populistische« Form angenommen in Gestalt eines Konsortiums bäuerlicher Konsortien, auf die eine hohe Grundrente zurückfließt, die vom Mehrwert abgeteilt wird, den das ausgebeutete und beherrschte Proletariat abgibt.«
Die angeblich auf den Sozialismus zurückgehenden außergewöhnlichen Daten der Bevölkerungsbewegung und -entwicklung und der Industrialisierungsindices entkräftet Bordiga durch einen historischen Vergleich mit den internationalen Statistiken. Die zunächst hohen Zuwachsraten erklären sich für ihn damit, daß es sich um einen jungen Kapitalismus handelt. Die Fünfjahrespläne haben dabei keine Wunder gewirkt, denn nach seinen Berechnungen hat es in den Jahren 1920 bis 1927, also vor dem 1. Fünfjahresplan einen sehr hohen durchschnittlichen Jahreszuwachsrhythmus von 37 Prozent gegeben, verglichen mit den Durchschnittswerten von 24 Prozent, 18,3, Prozent, 15 Prozent (1933-40), 13,8 Prozent (1946-50) bzw. 23 Prozent (1947-50), 13,8 Prozent (1951-55) der übrigen Jahre, die bereits eine fallende Tendenz klar aufweisen. Zu den hohen Rhythmen trägt bei, daß dieser spätentstehende Industrialismus auf einer besseren qualitativen Stufe der internationalen Technik aufbauen kann. Bordiga spricht hier von einem »Staatsindustrialismus«, denn von einem vollkommenen Staatskapitalismus könne in der SU keine Rede sein. Aber selbst im staatskapitalistischen Sektor sieht er eine abnehmende Tendenz. Der Staat sei durch sein Monopol in der Geldzirkulation zwar Kapitalist, jedoch kein Unternehmer. Die Tendenz zur Auftragsvergabe vonseiten des Staates an nichtstaatliche Unternehmensorganisationen ist steigend: 25 Prozent durchschnittlich während des 1. Plans, ist sie auf 81 Prozent während des 5. Plans angewachsen. Die Autonomie der Unternehmen gegenüber dem staatlichen Eingriff die 1965 durch die Wirtschaftsreformen sanktioniert wurde, sieht Bordiga bereits 1957 als unterirdische Tendenz im vollen Gange. Vertragsschließungen zwischen einzelnen Unternehmen für wechselseitige Belieferungen haben den Sinn, eine zusätzliche Profitmarge zu erzielen, die nicht durch die Hauptbücher des Staates läuft. Der faktische, damals noch nicht juristisch fixierte Unternehmensstatus bedeutet für ihn Verschwendung gesellschaftlicher Arbeit und Möglichkeiten zur Korruption der Arbeiterklasse und zur Hervorbringung einer Arbeiteraristokratie. Die umgreifende Ausdehnung des Vertragssystems heißt Vermietung des Staates an Unternehmensorganisationen, »die wahre Banden von Geschäftemachern sind«. Der Besitztitel für privaten Hausbesitz, der kein gesellschaftliches Überbleibsel, sondern ein verfassungsmäßig garantiertes Recht sei, die Möglichkeit seiner Vererbung seien nicht Ausdruck persönlichen, sondern familiären Eigentums, eine Transponierung des Kolchosnikmodells auf die städtische Bevölkerung. Das Weiterbestehen eines Steuersystems und seine Ausdehnung führe nicht allein den vorgeblichen Sozialismus ad absurdum, sondern sei ein weiteres Indiz dafür, daß die totale Verstaatlichung nicht allein nicht erreicht sei, sondern sich noch verlangsame. Das Verhältnis der direkten Steuern zu den indirekten (1/6 der indirekten) zeige, daß einmal auch die Arbeiter einer ähnlichen Regelung ausgesetzt sind wie in den traditionell kapitalistischen Ländern, zum andern, daß es dem Staat nur so möglich sei, die nicht ausgewiesenen dunklen Einkommen zu besteuern.
Bordiga bedient sich bei seinen Berechnungen nur der offiziellen russischen Zahlenangaben, die er in den meisten Fällen eher nach oben abrundet als sie – was durchaus legitim wäre – um ihre propagandistische Unwahrheitsmarge zu verkürzen. Das Gesamtbild der russischen Ökonomie, das dabei herauskommt, ist alles andere als schmeichelhaft, aber es ist das Bild, das sich auch aus den partiellen Eingeständnissen, die fortdauernd in der russischen Presse erscheinen, herauslesen läßt. Was ihn von der Mehrzahl der marxistisch orientierten westlichen Ökonomen unterscheidet, ist, daß er abstrakte Planmodellvorstellungen nicht als die Wirklichkeit nimmt, sondern vom ökonomischen Gesamtmechanismus ausgeht und von daher auch auf die gesellschaftlichen Folgen kommt. Anarchie der ökonomischen Produktion gibt es auch in Rußland, bedingt durch die Koexistenz verschiedener Wirtschaftsformen und durch das tendenzielle Abnehmen des Staatskapitalismus. Gesellschaftlicher Ausdruck dieser Anarchie ist nicht die vielberufene »Bürokratie«, sondern der gesellschaftliche »Kolchosianismus«, der auch die nichtagrarischen gesellschaftlichen Schichten befällt. Für Bordiga bedeutet dieses gesellschaftliche Phänomen nicht die Herauskristallisierung einer »neuen Klasse« kleinbürgerlicher Orientierung, »es ist nur eine Schicht hybrider Verkrustung, aufgesetzt auf Formen ökonomischen Einflusses und Machteinflusses des Kapitals … Die labilen und wirbellosen Formen des gesellschaftlichen Kolchosianismus folgen aufeinander auf dem Hintergrund des im Vordergrund stehenden Kampfes zwischen Kapital und Proletariat, sie treten mit großer Evidenz in allen historischen Phasen der Auflösung und Degeneration der Arbeiterbewegung auf.«