Die Arbeiterbewegung unter dem Imperialismus: Vom Sozialismus zum Faschismus

Im modernen Krieg ist der Arbeiter als Produzent der Waffen und der Kriegsmittel so wichtig wie der Soldat, der sie anwendet und verbraucht. Das große Problem des modernen Krieges ist also, wie man ihn wirtschaftlich sichert, d.h. aber in erster Linie, wie man ihn arbeitspolitisch sichert. Die moderne Arbeiterbewegung hatte in ihren lokalen und Generalstreiks in Rußland (z.B. 1905), in Italien (z.B. 1904) und in Deutschland auch durch die mächtige Entfaltung der Gewerkschaften neue Energien der sozialen Organisation enthüllt, deren militärische Bedeutung jedem einsichtigen Kopf klar war und die für den Kriegsfallnutzbar zu machen jedem weitsichtigen Nationalisten und weitblickenden Militär als Aufgabe vor Augen stand. Die Aufgabe war unlösbar, solange die sozialistische und die gewerkschaftliche Bewegung dem Staate feindlich gegenübertraten. Der Staat mußte den Arbeitern näher kommen, und er tat dies auf sozialpolitischem Gebiet in Deutschland, wodurch tatsächlich eine Mehrheit der Gewerkschaften und der Sozialisten »staatsbejahender« wurde. Die deutsche Kriegswirtschaft war bekanntlich nicht nur durch Hindenburg und Ludendorff, sondern auch durch [Carl] Legien [sozialdemokratischer Gewerkschaftsführer, 1861-1920] charakterisiert. In den rückständigeren Ländern dagegen, wie in Rußland und Italien, war auch die überlieferte Staatsform zu überlebt, um die nationalen Kräfte vollkommen zu entfesseln. Hier mußte erst ein Staat errichtet werden, der die nationalen, menschlichen und materiellen Produktivkräfte wirklich entfesseln konnte. Es mußte also statt eines schwachen ein starker Staat geschaffen werden, und das war keine Aufgabe für liberale Parlamentarier, sondern nur eine für Gruppen, die sowohl sozialistisch waren, um die Arbeiter hinter sich her zu führen, als auch autoritär und diktatorisch genug, um einen starken Staat aufzurichten. Das trifft also sowohl auf den Faschismus wie auf den Bolschewismus zu. Zur Bildung der modernen totalitären Systeme führen also sowohl die äußeren soziologischen Bedingungen wie die Entwicklung der sozialistischen Gruppen selbst: an dem Punkte, wo sie sich treffen und schneiden, verstärken sie sich gegenseitig, durchdringen sich, um dann unter einer »nationalsozialistischen« Ideologie ein »faschistisches« System zu erzeugen.

Quelle: Willy Huhn, »Bilanz nach zehn Jahren« (1939), in: »Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus«, ça ira Verlag, Freiburg 2003.