Aus einem aufgegebenen Projekt, 8

Gelbe Gewerkschaften, Rote Gewerkschaften

Gelbe Gewerkschaften stammen ursprünglich aus dem katholischen Teil der französischen Arbeiterschaft, einem reaktionären, auch antisemitischen Milieu, in dem Vorstellungen von der höheren Einheit von Arbeiter- und Kapitalisteninteressen kursierten: Läuft das Unternehmen gut, profitieren auch die Arbeiter; Streiks sind in letzter Konsequenz autodestruktiv.
Diesen Sätzen stimmt heute jeder Gewerkschaftsführer zu. Dennoch wäre es falsch, den DGB resp. die Einzelgewerkschaften als »gelb« ab zu tun. Tatsache ist, dass die gelben Gewerkschaften – in Frankreich, wie in Deutschland – von Anfang an ein Instrument des Kapitals waren, eine authentische Interessensvertretung haben sie niemals formulieren können (und wollen). Die Real-Ideologie der gleichberechtigten Sozialpartnerschaft, wie sie sich nach dem zweiten Weltkrieg – auch unter Mithilfe der westlichen Besatzungsmächte – institutionalisierte, hat nichts mit dieser Instrumentalisierung zu tun. Diese Ideologie ist in der Tat authentisch, stammt mitten aus den Reihen jener Gewerkschaften, deren Vorläuferorganisationen aus der Weimarer Republik als rot galten, die aber bereits einem Modell der »Wirtschaftsdemokratie« und des »organisierten Kapitalismus« (Hilferding) anhingen. Getrost kann man dies als Frühform der Sozialpartnerschaft bezeichnen.
Die Existenz des DGB hat die Existenz von gelben Gewerkschaften weitgehend überflüssig gemacht hat. Umgekehrt hat der DGB alles Recht der Welt, den Vorwurf, er sei doch längst gelb, von sich zu weisen. Denn – in einem Satz: Die deutsche Gewerkschaft ist kein Instrument der Klassenspaltung (das ist in der Tat die historische Mission der Gelben), sondern Ausdruck einer Klassenstabilisierung; sie bewahrt die Arbeiterklasse vor ihrem materiellen Untergang, um den Preis, Abhängigkeit der Arbeiter vom Kapital noch zu verfestigen. Der von einst linken Gewerkschaftstheoretikern attestierte »Doppelcharakter der Gewerkschaften« (Rainer Zoll) – einerseits: Vertretung der Arbeiterinteressen; andererseits: Partnerschaft mit dem Kapital – ist kein prekäres Gleichgewicht, dass sich unter großer Kraftanstrengung nach links hin kippen ließe. Es ist dieser Doppelcharakter, der die Stabilisierungsfunktion erst bedingt!
Gewerkschaften beziehen ihre Stärke gegenüber dem Kapital aus der Produktionsmacht, die sie repräsentieren (»Alle Räder stehen still …«). Aber diese Stärke realisiert sich erst, wenn die Gewerkschaft ihrem Verhandlungspartner signalisiert, dass sie die Produktionsmacht der Arbeiter unter Kontrolle hat. Nur dann, wenn sie für Ruhe in den eigenen Reihen sorgen kann und allzu aufmüpfige Proleten abserviert, wird sie als Verhandlungsmacht ernst genommen.

Nachtrag, 26.09.2009
Der Kollege Neoprene hat eine Unklarheit aufgespießt, worauf ich in seinem Blog schon reagiert habe. Der Kontinuität des Projektes wegen ergänze ich meine Erläuterung auch an dieser Stelle.

Der DGB hat die Existenz gelber Gewerkschaften dadurch überflüssig gemacht, dass er nicht selbst gelb geworden ist – also keine direkte Strategie zur Zerstörung von Solidarität und einheitlichen Kampforganisationen verfolgt –, sondern sein Appeasement ist aus der Dynamik der eigenen Geschichte zu begreifen. Die Pointe liegt darin, die Empörung des DGB über die wieder sprießenden gelben Gewerkschaften (die sich aber nach einer kleinen Offensive vor zwei, drei, vier Jahren – AUB bei Siemens! – übrigens nicht haben etablieren können) für voll zu nehmen und dabei zu zeigen, dass man nicht »gelb« sein muss, um kapitalkonservierend zu sein. Im Gegenteil: Die Heilige Allianz, in die der DGB eingebunden ist (gerade weil er sich als »Gegenmacht« versteht) und die er auch in sich verkörpert – insofern in seinen Einzelgewerkschaften von Christen bis Marxisten friedlich vereint kooperieren resp, kooptieren –, ist letztlich das brutalere Mittel der Klassenherrschaft.