Staat, Demokratie – Nachtrag

Zu unserem Eintrag »Die Demokratie & ich« passt ganz gut ein von Frank Schirrmacher kolportiertes Engels-Zitat:
»Das Wesen des Staates ist die Angst der Menschheit vor sich selbst.«
(Faz vom 11.10.2008, »Wie die Finanzkrise das Denken ändert«)
Ob der Marx-Kenner, langjährige FAZ-Redakteur und Schirrmacher-Protegé Dietmar Dath seinem Herausgeber souffliert hatte? Sei’s wie es sei. Schirrmacher, wer hätte auch anderes erwartet?, ist groß darin, diesem Satz – der, wie wir gleich sehen werden, bei Engels in einem ganz anderen Kontext steht – die Spitze zu nehmen und eine Staatsaffirmation draus zu machen. Schreibt doch Schirrmacher:
»Wer meint, dass die aktuelle Vernichtung der Grundvertrauens in die Rationalität ökonomischen Handelns ohne Folgen bleibt, wird sich spätestens bei den nächsten Wahlen getäuscht sehen. Über Nacht ist die Welt des Geldes fiktionalisiert worden. Die Flucht in die Verstaatlichung, die von den Banken selbst angeführt wird, ist der Bankrott der Metaphysik des Marktes. Jetzt, da völlige Unklarheit darüber herrscht, was ist und was nicht ist, kann nur der Staat noch dezionistisch verfügen, dass etwas und nicht vielmehr nichts existiert. Wenn je, dann gilt heute der Satz von Friedrich Engels: „Das Wesen des Staates ist die Angst der Menschheit vor sich selbst.“«

Engels attackiert freilich das Bürgetum und seine politische Agenda, und zwar jenes vermutlich revolutionäre Bürgertum, nach dem sich heute so viele ultraradikale Linker sehnen (wegen der sagenumwobenen freiheitlichen Werte des Westens und des Idee des Glücks, die wir selbstverständlich ausschließlich der amerikanischen Revolution zu verdanken haben):

»Wenn das Wesen des Staats, wie der Religion, die Angst der Menschheit vor sich selber ist, so erreicht diese Angst in der konstitutionellen und namentlich der englischen Monarchie ihren höchsten Grad. Die Erfahrung dreier Jahrtausende hat die Menschen nicht klüger, sondern im Gegenteil verwirrter, befangener, hat sie wahnsinnig gemacht, und das Resultat dieses Wahnsinnes ist der politische Zustand des heutigen Europas. Die reine Monarchie erregt Schrecken – man denkt an den orientalischen und römischen Despotismus. Die reine Aristokratie ist nicht weniger furchtbar – die römischen Patrizier und der mittelalterliche Feudalismus, die venezianischen und genuesischen Nobili sind nicht umsonst dagewesen. Die Demokratie ist fürchterlicher als beide; Marius und Sulla, Cromwell und Robespierre, die blutigen Häupter zweier Könige, die Proskriptionslisten und die Diktatur reden laut genug von den »Greueln« der Demokratie. Zudem ist es weltbekannt, daß keine dieser Formen sich je hat lange halten können. Was also war zu tun? Statt geradeaus vorwärtszugehen, statt von der Unvollkommenheit oder vielmehr Unmenschlichkeit aller Staatsformen den Schluß zu ziehen, daß der Staat selbst die Ursache aller dieser Unmenschlichkeiten und selbst unmenschlich sei, statt dessen beruhigte man sich bei der Ansicht, daß die Unsittlichkeit nur den Staatsformen anklebe, folgerte aus den obigen Prämissen, daß drei unsittliche Faktoren zusammen ein sittliches Produkt machen können, und schuf die konstitutionelle Monarchie.«
(Friedrich Engels, »Die Lage Englands«, 7-teilige Artikelserie im Vorwärts, 18.9.-19.10.1844, abgedruckt in MEW Bd.1, S. 571/572)