Rainald Goetz über Dr. Karl Held: »… mit jener Präzisierungswut, die in seinem schönen Kopf so schön umher tollt.«

Aus unserer beliebten Serie: »Dichten – wie geht das? Der Schriftsteller und die MG.«

Doch, doch, die MG übte einst einen großen Sog auf junge bürgerliche Intellektuelle aus, und wie das ist, wenn einer von ihnen eine heftige Affäre mit den Hohepriestern (mit DEM Hohepriester) des Marxismus hat, das bringt Rainald Goetz, letzter Großmeister des Kapitalistischen Realismus, unnachahmlich zum Ausdruck.
Im Folgenden dokumentieren wir einen Auszug aus seinem grandiosen Essay-Band »Hirn« (eine Zugabe zu seinem ebenso grandiosen Stücke-Band »Krieg«, Erstauflage 1986, Neuauflage 2003, erschienen bei Suhrkamp). Der Abschnitt beginnt auf S.95 und ist von uns leicht gekürzt worden. Wir schrieben das Jahr 1984:

Der General, Genannt Der Schwarze Papst

Zu lebenslänglichem Schweigen verurteilt wird auch der Marxist Harald Kuhn. Das ist ein kleiner dicker dummer bärtiger Student, der als sogenannter Fachschaftssprecher Philosophie und im Namen der dreifach gebenedeiten Marxistischen Gruppe (M »SJ« G) neulich zu einem Teach-In eingeladen hat, das den großartigen Titel hatte: Dummheit – Wie geht das?
Ich ging nämlich durch Münchens nächtliche Straßen (…) Da pfeilte mir durch den Augenwinkel ein hyperrotes Plakat ins Hirn, ich fuhr herum, sah, las, lachte auf, riß ab, und jetzt hängt es bei mir daheim, unterm Stuck, neben den Terroristen (…) und murmelt aus dem Hyperrot schwarz auf mich herunter: Teach-In. DUMMHEIT. Wie geht das?
Anderntags saß ich im Auditorium Maximum, denn eine Frage, die mich mehr plagt als diese, wird sich schwerlich finden lassen. Und was ich erhofft hatte geschah: Der schöne Hohepriester selbst, Doktor Karl Held, M »SJ« G, trat ans Mikrofon und begann mit wohl gesetzten Worten seine Rede und machte in wenigen Minuten diese beiden Argumente: 1. Dummheit ist Einsatz vorhandener Intelligenz, aber in einer Weise, die ihr selbst zuwider läuft. 2. Dummheit ist parteiliches Denken, denn wer parteilich denkt, konstruiert sich selbst dumme Gedanken.
Was ist daran so grandios? Am ersten, daß es mich wiedermal an Descartes erinnert hat, an den herrlichen Anfang von »Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, et chercher la vérité dans les sciences«, wo Descartes auf meine im Februar-SPEX unter dem Titel »Gewinner und Verlierer« öffentlich gemachte fatalistische IQ-Philosophie mit dem Argument antwortet: Der gesunde Verstand ist die bestverteilte Sache der Welt. Ich weiß ja nicht, ob es wirklich stimmt, aber gewißlich ist es viel schöner und menschenfreundlicher, sich die zahllosen Idioten, die mit ihrer Dummheit die Welt verseuchen, nicht als unheilbar vorzustellen, sondern im Gegenteil: als erziehbar, als Haber von ausreichend Vernunft, als Auch-Hirne, die man nur zu richtigem Gebrauch ihrer Vernunft überreden muß. Es ist dies eine Arbeitshypothese, die jeder, der eine bessere Welt will und dafür kämpft, lieben muß, weil sie ihn aus der Resignation reißt und tätig macht.
Am zweiten Heldschen Argument war das Wunderbare, daß es mir das wunderbare prächtige Hirn dieses Menschen bei der Arbeit vorgeführt hat. Man muß sich das ganz plastisch vorstellen: Als Held, als Hirn, als echter Philosoph, als marxistischer Denk-Krieger sitzt man vor den besten Mannen des von einem selbst gegründeten Vereins, und die heißen dann Doktor Fertl und Doktor Ebel oder Nochnichtdoktor Kuhn, und die sind von einer so pechschwarzen Dummheit, daß man sich als Held wohl dann und wann bestürzt fragt: Warum hilft mir von diesen Idioten keiner beim Denken? Warum nur plappern die mir alles so seltsam automatisch nach? Und in welcher noch viel schwärzeren Denkdüsternis mag der vielhundertköpfige Gefolgsrest von Gemeinen Soldaten seine tieftraurige dumpfe Marxistenexistenz fristen, wenn schon mein Generalstab, meine Ebels und Fertls, auf jede Frage nur immer wieder irgendeine Stanze des schmerzensreichen oder auch mal des segensreichen Rosenkranzes an mich hin beten? Wie kann denn das nur sein?
So mag es ein trauriges Heldsches Hirn sekundenweise durchzucken, dann weiß es wieder, daß sein Verein eine ganz normale revolutionäre Partei ist, nach den vernünftigen autoritären Kaderprinzipien Lenins vernünftig organisiert, nicht dazu da, Wahrheit zu erdenken, sondern durchzusetzen. Aber kein Gedankenblitz durch so ein Heldsches Hirn, der nicht irgendwo irgendwann ein kleines nicht unhelles Lichtlein hinterließe, so dieses Argument von der Dummheit als parteilichem Denken.
Nach zehn glücklichen hellen Held Rede Minuten trat besagter dicker dumpfer Harald Kuhn ans Mikrofon, um einmal mehr vorzuführen, deshalb erzähle ich das Ganze, wie sektiererisches Argumentieren vor zustimmend nickenden Sektenmitgliedern auftritt: als Nicht-Argumentieren. Dummheit – wie geht das? Genau so, wie hier vorgeführt. Und so mußte Held selbst immer wieder aufspringen, seinen Knecht fort drängen und selbst ergänzen, korrigieren, verbessern mit jener Präzisierungswut, die in seinem schönen Kopf so schön umher tollt.

Nachträge [Ofenschlot]
1. Harald Kuhn ist alive and kicking und ist bis zum heutigen Tage Teil des Redaktionskollektivs der Gegenstandpunkt-Weltmacht.
2. »SJ« ist die Abkürzung von Societas Jesu – die Gesellschaft Jesu: so der offizielle Namen der Jesuiten.
3. Theo Ebel hat keinen Doktortitel.
4. Tollerweise ist das Teach-In, bei dem Goetz im Publikum saß, auf argudiss online gestellt.
5. Es verhält sich so, wie von Goetz beschrieben: Held hellwach, engagiert, streitlustig; Kuhn bräsig, bemüht, die Witze auswendig gelernt.
6. Die zentralen Heldschen Sätze lauten korrekt wiefolgt:
a)»Dummheit ist Einsatz von vorhandener Intelligenz, der ihr zuwiderläuft.«
b)»Dummheit beruht darauf, dass das begründete Interesse am Gegenstand, über den man urteilt, über den man sich unterhält, mit dem man praktisch umgeht, ersetzt wird durch ein Vor-Urteil. Indem die prinzipielle Stellung eines mit Intelligenz begabten Menschen eingenommen wird, ohne dass sie vollstreckt ist.«
7. Verdammt, gibt’s nicht noch mehr von Goetz über Held? Gibt es. Demnächst mehr an dieser Stelle.