Aus der Naturgeschichte der deutschen Sozialdemokratie (Zur ewigen Mahnung!)

Der Revisionismus ist also keine Abweichung, sondern nur der Versuch, die sozialdemokratische Theorie mit ihrer unmarxistischen, reformistischen Praxis in Übereinstimmung zu bringen.
Dann litt aber der gesamte deutsche Sozialdemokratismus an einem schwerwiegenden inneren Widerspruch: als demokratische Partei und im politischen Gegensatz zur konstitutionellen Monarchie hatte sie eine besonders konsequente liberale Haltung einzunehmen; als eine in ihrem Wesen staatssozialistische Partei hatte sie aber gleichzeitig gegenüber der freien Wirtschaft und dem Bürgertum antiliberale Gedankengänge zu verteidigen! Außerdem trat im Laufe ihrer Geschichte noch ein weiterer Widerspruch hervor: als Partei war sie eine bürgerliche Organisationsform, und je mehr sie seit den [18]90er Jahren mit dem politischen Apparat Tuchfühlung erhielt und in den Verwaltungsapparat eindrang, und je mehr sich auf der anderen Seite die staatliche Bürokratie mit ihrer Unterstützung und Förderung sozialpolitischen und ökonomischen Aufgaben unterzog, mußte auch die Sozialdemokratie eine bürokratische Massenorganistion werden und den Charakter einer politischen Klassenbewegung verwischen. Sie wurde so das erst große geschichtliche Beispiel für die in der Neuzeit notwendig werdende Kunst, große Menschenmassen politisch zu organisieren und zu führen. Vor der offiziellen Verkündung des Führerprinzips, bei weitgehenden Zugeständnissen an die Führerideologie noch 1932/1933!, bewahrte sie eigentlich nur die Scheu vor einem radikalen Bruch mit ihren liberaldemokratischen Traditionen.
(Willy Huhn, Bilanz nach zehn Jahren (1929-1939), in: Ders., „Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus“, Freiburg 2003, S. 106f.)