Archiv für September 2009

Die Abenteuer des absoluten Intellekts. Aus der Urgeschichte der MG

[Anmerkung Ofenschlot] Etwas versteckt findet sich auf der Seite des immer inspirierten Wolfram Pfreundschuh ein Eintrag, der aus seiner Sicht die Spaltung der AK-Fraktion reflektiert – jener Gruppe, die sich zum einen von den Roten Zellen München abgespalten hatte (1971) und aus der zum anderen sich ab Mitte der 70er Jahre die Marxistischen Gruppen herausschälten (sic! Irgendwann nur noch: Marxistische Gruppe; das ZK – wenn es im klassischen Sinne überhaupt ein solches gegeben haben sollte – firmiert heute als Redaktion der Zeitschrift Gegenstandpunkt; Peter Hacks definierte angesichts des Schrifttums der MG ZK als »Zentralkomputer«).
Pfreundschuh hat auf diesem Blog in den letzten Wochen eine große Rolle gespielt. Deshalb sparen wir uns eine neuerliche Einführung in sein Schaffen und verweisen auf unsere Subkategorie (siehe rechts) bzw. konkret auf diesen Eintrag.
»Geschichte ist kein Argument!« Auf diesen Satz sind die heutigen GSP-Adepten ganz besonders stolz – und auf ihren damit eng zusammenhängenden Kult der Voraussetzungslosigkeit. Indem Pfreundschuh zurück zu den Quellen geht und eine »Durcharbeitung« im besten Sinne leistet, kann er aber zeigen, wie sich der absolute Intellekt im Gewande kommunistischer Praxis sich überhaupt erst konstituiert hat. Gleichzeitig geht der Text über die Darstellung der Spaltung weit hinaus und bringt eine sehr wichtige Ausführung dazu, was eigentlich der Witz am Gebrauchswert ist.
Der folgende Text ist um einige Tippfehler bereinigt und ist ein später, aber doch genauer, treffender (vorläufiger!) Abschluss unserer MG-Kritik-Reihe.

Zur Spaltung der AK-Fraktion

Die Grundlage für das »Sozialistische Studium« war ziemlich pauschal die »Kritik der bürgerlichen Ideologie«, welche den Grund für die »Widersprüche der bürgerlichen Wissenschaft« hergeben sollte, dessen Begreifen die Studenten zum »Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft« agitieren wollte.

Die Praxis dieser Kritik hatte gezeigt, dass wir dabei die Studenten vor allem in ihrem intellektuellen Kritizismus, in ihrem »Eskapismus«, der sich durch linke Attitüde besonders gut leben lässt, nur bestätigten und weniger aus unkritischen Studenten antikapitalistische Wissenschaftler oder Kämpfer machten. Da fehlte viel von dem, was ich mir unter dieser Agitation eigentlich vorgestellt hatte. Eigentlich war mir grundsätzlich nicht klar, was eine Ideologiekritik anderes ergeben könnte als das Aufzeigen einer Unwahrheit, im besten Fall die Entlarvung einer Korruption. Gut. Haben wir entlarvt, haben wir gezeigt, dass da was unlogisch, widersprüchlich, unwahr, ja absurd ist: Was ist das anderes als die bloße Negation, Relativierung oder Aufhebung des bestehenden Forschungsansatzes. Das will doch jede Kritik! Was ist daran marxistisch? Der anschließende Schnellkurs in Ökonomie etwa? Das war doch lediglich eine unbezogene Entgegensetzung. Nein, das konnte es nicht sein. Es ging doch um was sehr substantielles: Um die Begründung von wissenschaftlicher Arbeit im Wissen um die geschichtliche Tatsache des Kapitalismus und seiner immanenten Verwertungslogik. Diese Logik kann nicht durch Wissenschaft bekämpf werden. Aber die Wissenschaft kann die Logik angreifbar machen, die all dem entgegensteht, was im Gesamtinteresse der Menschheit ist. Der Marxismus ist seit über 150 Jahren die Wissenschaft des Menschen vom Menschen. Und was machen wir hier? Soll das sozialistische Studium in eine marxistische Wissenschaftsarbeit führen oder die Studenten einfach von der Wissenschaft wegbringen, damit sie etwas »Vernünftigeres« machen – aber was?

Auch innerhalb der AK stellte sich den sensibleren Naturen die Frage, was unser »Sozialistisches Studium« eigentlich bringt. Der Zusammenhang marxistischer Studenten kann doch nicht darin liegen, in einem »herausgesetzten« Bereich des Kapitalismus die verselbständigten Kategorien anzuprangern und – ebenso herausgesetzt – den Kapitalismus als Grund für diese Selbständigkeit zu festzustellen! Das war doch nur noch die sich selbst genügsame »Herausgesetztheit«, der absolute Intellekt. Konnten wir überhaupt diese reine Kritik an der Verselbständigung des Denkens machen, ohne selbst daran zu arbeiten, sie aufzuheben, ohne also selbst wissenschaftlich und unmittelbar am Gegenstand unserer Wissenschaft zu arbeiten? Was macht diesen Bereich aus und was sind Studenten? Bereiten sie sich lediglich auf ihre Existenz vor und erwerben ihr Handwerkzeug an der Uni oder sind sie an der Wissenschaft selbst interessiert und wollen die Wissenschaft zu einem umfassenden Wissen entwickeln und im Akt der Emanzipation von sich und der Menschheit anwenden? Befriedigt die Universität lediglich die Lebensplanung von Studenten, das Bedürfnis innerhalb dieser Welt mit einem guten Job gut zurecht zu kommen?

Und geht es Marxisten darum, den Studenten die Illusion zu nehmen, dass sie damit ohne Bedingungen für Unterwerfungsleistung auskommen und sie deshalb an der Aufhebung dieser Bedingungen allgemein zu interessieren? Oder beziehen sich Marxisten auf das wissenschaftliche Interesse von Menschen, die ihre Selbstverwirklichung in der Verwirklichung des Menschseins umsetzen wollen und hierfür den Kapitalismus aufheben müssen? Für mich waren das abstrakte Pole von Fragen, die zu diskutieren wären, und es wurde auch in der AK von der Notwendigkeit einer »Fehlersuche« gesprochen. Aber die AK hielt das offenbar nicht aus. Die Position der Interessensfraktion, welche die wissenschaftliche Identität als Ausgangspunkt für marxistische Arbeit an der Uni ansah, wurde von der Politkommission ausgeschlossen, die mehrheitlich der Bedürfnisfraktion angehörte. Die AK war gespalten in eine AK I und eine AK II, die sich nach dem Ausschluss konstituierte.

In der RotzPsych [Roten Zelle Psychologie] hatten wir den Streit noch gar nicht bemerkt, da war er schon zu Ende. Also mussten wir ihn nachvollziehen und nannten uns die Gammafraktion. Diese bestand daraus, die Gründe des Streits und des Ausschlusses nachzuvollziehen oder auch schon in der Feststellung, dass diese Spaltung selbst der Fehler ist, den die AK hat und der sich jetzt forttreibt, weil Pole einer Fragestellung getrennt und damit die Frage zerstört worden war. Ging es bei diesem Streit etwa nur um die Alternative von besserer Handhabung der Existenzen und dem »dornenreichen Weg der Selbstverwirklichung« (Hegel), wenn wir uns zum Leben äußern? War das überhaupt noch Marxismus?

Die Papiere, die der Spaltung vorangingen und die wir jetzt vorgelegt bekamen, zeigten eine Art theoretische Zerrüttung von beiden Seiten, die mir den Atem verschlug. Ich war seit längerem Schulungsleiter von Ökonomieschulungen der AK und hatte mich mit dem »Kapital« von Karl Marx befasst. Plötzlich schienen die wesentlichsten Grundlagen hiervon wieder diskussionsbedürftig, so als ob sie noch niemals geklärt worden wären. Es wurde in einem Papier eines zentralen Ausschusses, dem Lohnausschuss, z.B. von den Anhängern des »Interessenstrangs« hervorgehoben, dass das Verhältnis von Arbeitskraft und Kapital ein Verhältnis des »freien Willens« der Warenbesitzer sei, wie es eben im Rechtssystem der bürgerlichen Gesellschaft auch erscheint. Es ist damit nicht mehr ein Verhältnis von Eigentum und Besitz, was die ökonomischen Bestimmungen ausmacht und den privaten Charakter der Aneignung gesellschaftlich wirksamer Kraft kennzeichnet. Hierfür wurde sogar Arbeitskraft und Arbeitslohn als wechselseitiges Eigentum zu gegenseitigem Nutzen gefaßt, also der Arbeitslohn als Gebrauchswert für den Arbeiter wie die Arbeitskraft als Gebrauchswert für das Kapital – Lohn als Gebrauchswert! Wie so was möglich war, kann ich mir nur so erklären, dass es da wohl eher um die Hegelsche Rechtsphilosophie als um deren Kritik durch Marx ging. Der Verdacht lag nahe, dass sich in der AK II Hegelianer herausgebildet hatten. Es war ein völlig voraussetzungsloses Denken, ja ein Denken, das auf seiner Voraussetzungslosigkeit ausdrücklich bestand und in Marx lediglich einen Vertreter einer vertrauenswürdigen Methode, also dem dialektischen Denken sah, mit dem alle gedachten Inhalte ebenso noch mal gedacht werden können – auf der Basis der »gleichberechtigten« Wahrheit, die Wahrheit des einen in der Wahrheit des anderen und ihrer Bestimmtheit wie Äußerlichkeit und dem Fürsichsein ihres Begriffs, vom Nichts, vom Sein und dem Werden. Nun, dort wollte man eben keine »Autoritäten«, es sollte um die reine Erforschung des Gegenstands gehen. Es wäre ja so abstrakt und allgemein wirklich nichts dagegen zu sagen gewesen – bis auf das, dass es eben nur so abstrakt und allgemein, also wie alles ist. Und das es die Logik himmelwärts ist, wenn man seine Voraussetzungen nicht denkt.

Verwunderlich war aber auch, wie schwach von der anderen Seite der AK dies abgewiesen wurde; eben wie ein falsches Verständnis vom »Preis der Arbeit«. Umgekehrt wurde dort eine andere elementare Aussage aufgehoben. In der Entgegnung zu den Leninisten hatten wir immer darauf bestanden, dass die kapitalistische Gesellschaft die Momente ihres Untergangs in sich selbst trage. Das bedeutet, dass der Entwicklungsstand der Produktivkräfte, die gesellschaftlichen Potenzen der Arbeit, die Momente einer klassenlosen Gesellschaft in sich tragen und dass es daher die Aufgabe von marxistischen Intellektuellen sei, ihren verborgenen Zusammenhang aufzudecken, weil dieser seiner ökonomischen Form voraus ist. Wesentlich daran war, dass der Kapitalismus also in Wirklichkeit schon überkommene Produktionsform ist, wie auch alle Lebensinhalte der bürgerlichen Gesellschaft, ihr wirklicher Reichtum im Organismus der Arbeit wie in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse, über sie selbst schon hinausweisen und der Kapitalismus als Schranke ihrer Entwicklung erlebt wird. So, wie es eben in allen frühen Schriften von Marx zu lesen ist, weil er sich dort ausdrücklich damit befasst hatte. In den »Philosophisch-ökonomischen Manuskripten« zeigt er, dass die ökonomische Form als anachronistisch gegenüber dem gesellschaftlichen Charakter ihrer Inhalte, den Zusammenhängen ihrer gesellschaftlichen Bezogenheit, ist und dass in einer ökonomischen Wissenschaft dieser Gehalt herausgearbeitet werden muss.

In der »Schulungsdikussion« wurde jetzt behauptet, dass der Gebrauchswert dem reinen stofflichen Dasein der Dinge schon per se gelte; dass also allen Güter über alle Gesellschaftsformen hinweg dieser Gebrauchswert zukäme, denen in der kapitalistischen Gesellschaft lediglich der Tauschwert unsinnigerweise aufgepfropft werde, so, als könne man ihn einfach abstreifen, wenn man nur wolle, so, als wäre er ein für den Menschen inneres Ding, das für jedes individuelle Leben genauso genügen würde, wie dem beliebten Robinson, wäre da nicht die ökonomische Form, die solche Idylle stört. Gegen solche »Robinsonaden« hatte sich aber Marx mit dem Argument gewandt, dass der Gebrauswert nicht dem stofflichen Dasein der Dinge alleine zukomme, nicht seine unmittelbar praktische Natur durch sich selbst sei. Er ist von Marx am Anfang des »Kapital« und in den »Grundrissen« und sonst wo immer als Gebrauchswert für andere, als Gebrauchswert in seiner gesellschaftlichen Beziehung auf andere, als Nützlichkeit zum Austausch, gefaßt, was alleine einer Gesellschaft zukommt, in der die Produzenten nicht mehr nur für ihren unmittelbaren Bedarf produzieren, sondern in ihrer Produktion schon eine gesellschaftliche Arbeitsteilung unterstellen. Ein Gebrauch für sich bedarf keiner Ökonomie, wäre ein romantisches Ding, was in einer ebenso romantischen Arbeitsweise – vielleicht mal während der Ferien auf dem Bauernhof – entstanden wäre. Jedenfalls wäre es kein Gebrauchswert. Romantische Vorstellungen hatte es vielleicht bei manchen Linken, besonders bei den »Alternativen«, gegeben, nicht aber in der industriellen Gesellschaft. Hier bestehen die Gebrauchswerte als Produkte eines arbeitsteiligen Prozesses, als Gebrauchswerte für andere, für die das Ding eben auch erzeugt wird, weil es getauscht werden soll und zugleich einen gesellschaftlichen Zusammenhang der Arbeitsteilung voraussetzt, wenn es eingetauscht wird, wenn und weil es also für das Bedürfnis anderer Menschen »passt«.

Es ist wichtig, den Gebrauchswert als gesellschaftlich bezogen aufzufassen, um Gesellschaft als den Inhalt der marxschen Ökonomie zu begreifen, die anders ist, als die Ansammlung von Individuen, die kultur- und weltlos am Gebrauch der Güter kleben und deshalb tauschen, weil sie es müssen, um sie zu bekommen. Warum machen sie es nicht selbst? Weil sie es beim Entwicklungsstand unserer Arbeit und Bedürfnisse gar nicht können, weil eben keine Geschichte dauerhaft rückwärts laufen wird, nur weil jemand da gerufen hat: Leute, hört auf mit dem Tausch, das macht Euch unglücklich, weil euch das entfremdet! Nein, die Nützlichkeit für den Tausch ist so real wie der Stuhl, das Auto, die Pizza oder der Fernseher. Dieser Begriff [ist] aus der Gesellschaft und erfasst die selbständige Nützlichkeit der Dinge, wenn sie den Markt verlassen haben. Er beschreibt, dass jedes Ding in seiner isolierten Nützlichkeit einen gesellschaftlichen Charakter hat, dem seine gesellschaftliche Form nur abstrakt, nämlich im Tauschwert, entspricht. Das besagt, dass auch der Zusammenhang der Dinge nicht wirklich besteht und dass er deshalb auch erst im Tausch in seiner Abstraktion als Werthaftigkeit der Dinge verwirklicht wird. Das wiederum besagt, dass es eine Aufarbeitung des konkreten Zusammenhangs geben muss, um die abstrakte ökonomische Form aufzuheben und dass beides ein und dieselbe Aufhebung als bewußter Akt geschichtlicher Menschen ist, die ihn vollziehen.
Der Arbeitsprozeß ist ökonomisch formbestimmt, wie er auch wirklich nur zergliederte Arbeit enthält, die lediglich »hinter dem Rücken der Produzenten« ihren gesellschaftlichen Zusammenhang findet. Eine Aufhebung des Kapitalismus kann nur dadurch wirklich geschehen, dass die Menschen die bisherige Entwicklung ihrer Sinne zu einem wirklichen Sinnzusammenhang bringen. Ein »Marxismus«, der sich nur als Kritik der ökonomischen Form versteht, hat mit Karl Marx so viel zu tun, wie ein Psychologe mit der Seele! Marx hatte nicht die Form als solche kritisiert. Sie war dem Stand der Entwicklung der Produktivkräfte geschuldet und zugleich im Widerspruch zu ihrer Entwicklung. Er hat die Politik zur Verewigung dieser Form bekämpft. Er hat die »Kritik der politischen Ökonomie« geschrieben!

Es war eine elementare Revision des Marxismus, die dem Revisionismus aller anderen politischen Gruppen seit Lenin entspricht. Nur die Auffassung, dass unser Leben in seinem Zusammenhang noch wirklich geschaffen werden muss, dass es das Verlangen hiernach enthält und deshalb seine Zergliederung erkennt, entspricht dem von Marx veröffentlichten Verständnis von Ökonomie und auch dem öfter erwähnten Verweis auf das gesellschaftliche System der Bedürfnisse, die sich zum »Sinn des Habens« (MEW EB I, S. 539) vereinseitigen. Das ist auch deshalb wichtig, weil es die Verselbständigung menschlicher Bedürfnisse wie der Kultur überhaupt involviert, also auch die Forschung hieran nötig macht (was ja von Marx in den Frühschriften und im »Kapital« mehrfach erwähnt ist).

Die Arbeiterbewegung unter dem Imperialismus: Vom Sozialismus zum Faschismus

Im modernen Krieg ist der Arbeiter als Produzent der Waffen und der Kriegsmittel so wichtig wie der Soldat, der sie anwendet und verbraucht. Das große Problem des modernen Krieges ist also, wie man ihn wirtschaftlich sichert, d.h. aber in erster Linie, wie man ihn arbeitspolitisch sichert. Die moderne Arbeiterbewegung hatte in ihren lokalen und Generalstreiks in Rußland (z.B. 1905), in Italien (z.B. 1904) und in Deutschland auch durch die mächtige Entfaltung der Gewerkschaften neue Energien der sozialen Organisation enthüllt, deren militärische Bedeutung jedem einsichtigen Kopf klar war und die für den Kriegsfallnutzbar zu machen jedem weitsichtigen Nationalisten und weitblickenden Militär als Aufgabe vor Augen stand. Die Aufgabe war unlösbar, solange die sozialistische und die gewerkschaftliche Bewegung dem Staate feindlich gegenübertraten. Der Staat mußte den Arbeitern näher kommen, und er tat dies auf sozialpolitischem Gebiet in Deutschland, wodurch tatsächlich eine Mehrheit der Gewerkschaften und der Sozialisten »staatsbejahender« wurde. Die deutsche Kriegswirtschaft war bekanntlich nicht nur durch Hindenburg und Ludendorff, sondern auch durch [Carl] Legien [sozialdemokratischer Gewerkschaftsführer, 1861-1920] charakterisiert. In den rückständigeren Ländern dagegen, wie in Rußland und Italien, war auch die überlieferte Staatsform zu überlebt, um die nationalen Kräfte vollkommen zu entfesseln. Hier mußte erst ein Staat errichtet werden, der die nationalen, menschlichen und materiellen Produktivkräfte wirklich entfesseln konnte. Es mußte also statt eines schwachen ein starker Staat geschaffen werden, und das war keine Aufgabe für liberale Parlamentarier, sondern nur eine für Gruppen, die sowohl sozialistisch waren, um die Arbeiter hinter sich her zu führen, als auch autoritär und diktatorisch genug, um einen starken Staat aufzurichten. Das trifft also sowohl auf den Faschismus wie auf den Bolschewismus zu. Zur Bildung der modernen totalitären Systeme führen also sowohl die äußeren soziologischen Bedingungen wie die Entwicklung der sozialistischen Gruppen selbst: an dem Punkte, wo sie sich treffen und schneiden, verstärken sie sich gegenseitig, durchdringen sich, um dann unter einer »nationalsozialistischen« Ideologie ein »faschistisches« System zu erzeugen.

Quelle: Willy Huhn, »Bilanz nach zehn Jahren« (1939), in: »Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus«, ça ira Verlag, Freiburg 2003.

Aus einem aufgegebenen Projekt, 8

Gelbe Gewerkschaften, Rote Gewerkschaften

Gelbe Gewerkschaften stammen ursprünglich aus dem katholischen Teil der französischen Arbeiterschaft, einem reaktionären, auch antisemitischen Milieu, in dem Vorstellungen von der höheren Einheit von Arbeiter- und Kapitalisteninteressen kursierten: Läuft das Unternehmen gut, profitieren auch die Arbeiter; Streiks sind in letzter Konsequenz autodestruktiv.
Diesen Sätzen stimmt heute jeder Gewerkschaftsführer zu. Dennoch wäre es falsch, den DGB resp. die Einzelgewerkschaften als »gelb« ab zu tun. Tatsache ist, dass die gelben Gewerkschaften – in Frankreich, wie in Deutschland – von Anfang an ein Instrument des Kapitals waren, eine authentische Interessensvertretung haben sie niemals formulieren können (und wollen). Die Real-Ideologie der gleichberechtigten Sozialpartnerschaft, wie sie sich nach dem zweiten Weltkrieg – auch unter Mithilfe der westlichen Besatzungsmächte – institutionalisierte, hat nichts mit dieser Instrumentalisierung zu tun. Diese Ideologie ist in der Tat authentisch, stammt mitten aus den Reihen jener Gewerkschaften, deren Vorläuferorganisationen aus der Weimarer Republik als rot galten, die aber bereits einem Modell der »Wirtschaftsdemokratie« und des »organisierten Kapitalismus« (Hilferding) anhingen. Getrost kann man dies als Frühform der Sozialpartnerschaft bezeichnen.
Die Existenz des DGB hat die Existenz von gelben Gewerkschaften weitgehend überflüssig gemacht hat. Umgekehrt hat der DGB alles Recht der Welt, den Vorwurf, er sei doch längst gelb, von sich zu weisen. Denn – in einem Satz: Die deutsche Gewerkschaft ist kein Instrument der Klassenspaltung (das ist in der Tat die historische Mission der Gelben), sondern Ausdruck einer Klassenstabilisierung; sie bewahrt die Arbeiterklasse vor ihrem materiellen Untergang, um den Preis, Abhängigkeit der Arbeiter vom Kapital noch zu verfestigen. Der von einst linken Gewerkschaftstheoretikern attestierte »Doppelcharakter der Gewerkschaften« (Rainer Zoll) – einerseits: Vertretung der Arbeiterinteressen; andererseits: Partnerschaft mit dem Kapital – ist kein prekäres Gleichgewicht, dass sich unter großer Kraftanstrengung nach links hin kippen ließe. Es ist dieser Doppelcharakter, der die Stabilisierungsfunktion erst bedingt!
Gewerkschaften beziehen ihre Stärke gegenüber dem Kapital aus der Produktionsmacht, die sie repräsentieren (»Alle Räder stehen still …«). Aber diese Stärke realisiert sich erst, wenn die Gewerkschaft ihrem Verhandlungspartner signalisiert, dass sie die Produktionsmacht der Arbeiter unter Kontrolle hat. Nur dann, wenn sie für Ruhe in den eigenen Reihen sorgen kann und allzu aufmüpfige Proleten abserviert, wird sie als Verhandlungsmacht ernst genommen.

Nachtrag, 26.09.2009
Der Kollege Neoprene hat eine Unklarheit aufgespießt, worauf ich in seinem Blog schon reagiert habe. Der Kontinuität des Projektes wegen ergänze ich meine Erläuterung auch an dieser Stelle.

Der DGB hat die Existenz gelber Gewerkschaften dadurch überflüssig gemacht, dass er nicht selbst gelb geworden ist – also keine direkte Strategie zur Zerstörung von Solidarität und einheitlichen Kampforganisationen verfolgt –, sondern sein Appeasement ist aus der Dynamik der eigenen Geschichte zu begreifen. Die Pointe liegt darin, die Empörung des DGB über die wieder sprießenden gelben Gewerkschaften (die sich aber nach einer kleinen Offensive vor zwei, drei, vier Jahren – AUB bei Siemens! – übrigens nicht haben etablieren können) für voll zu nehmen und dabei zu zeigen, dass man nicht »gelb« sein muss, um kapitalkonservierend zu sein. Im Gegenteil: Die Heilige Allianz, in die der DGB eingebunden ist (gerade weil er sich als »Gegenmacht« versteht) und die er auch in sich verkörpert – insofern in seinen Einzelgewerkschaften von Christen bis Marxisten friedlich vereint kooperieren resp, kooptieren –, ist letztlich das brutalere Mittel der Klassenherrschaft.

Hegel über die deutsche Linke

Sie stehen als Individuen mit ihren subjektiven Zwecken der Liebe, Ehre, Ehrsucht oder mit ihren Idealen der Weltverbesserung dieser bestehenden Ordnung und Prosa der Wirklichkeit gegenüber, die ihnen von allen Seiten Schwierigkeiten in den Weg legt. Da schrauben sich nun die subjektiven Wünsche und Forderungen in diesem Gegensatze ins Unermeßliche in die Höhe; denn jeder findet vor sich eine bezauberte, für ihn ganz ungehörige Welt, die er bekämpfen muß, weil sie sich gegen ihn sperrt und in ihrer spröden Festigkeit seinen Leidenschaften nicht nachgibt, sondern den Willen eines Vaters, einer Tante, bürgerliche Verhältnisse usf. als ein Hindernis vorschiebt. Besonders sind Jünglinge diese neuen Ritter, die sich durch den Weltlauf, der sich statt ihrer Ideale realisiert, durchschlagen müssen und es nun für ein Unglück halten, daß es überhaupt Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat, Gesetze, Berufsgeschäfte usf. gibt, weil diese substantiellen Lebensbeziehungen sich mit ihren Schranken grausam den Idealen und dem unendlichen Rechte des Herzens entgegensetzen. Nun gilt es, ein Loch in diese Ordnung der Dinge hineinzustoßen, die Welt zu verändern, zu verbessern oder ihr zum Trotz sich wenigstens einen Himmel auf Erden herauszuschneiden: das Mädchen, wie es sein soll, sich zu suchen, es zu finden und es nun den schlimmen Verwandten oder sonstigen Mißverhältnissen abzugewinnen, abzuerobern und abzutrotzen. Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit, und erhalten dadurch ihren wahren Sinn. Denn das Ende solcher Lehrjahre besteht darin, daß sich das Subjekt die Hörner abläuft, mit seinem Wünschen und Meinen sich in die bestehenden Verhältnisse und die Vernünftigkeit derselben hineinbildet, in die Verkettung der Welt eintritt und in ihr sich einen angemessenen Standpunkt erwirbt. Mag einer auch noch soviel sich mit der Welt herumgezankt haben, umhergeschoben worden sein, zuletzt bekommt er meistens doch sein Mädchen und irgendeine Stellung, heiratet und wird ein Philister so gut wie die anderen auch; die Frau steht der Haushaltung vor, Kinder bleiben nicht aus, das angebetete Weib, das erst die Einzige, ein Engel war, nimmt sich ungefähr ebenso aus wie alle anderen, das Amt gibt Arbeit und Verdrießlichkeiten, die Ehe Hauskreuz, und so ist der ganze Katzenjammer der übrigen da.

Quelle: G.W.F. Hegel: Vorlesungen zur Ästhetik, hg. v. Friedrich Bassenge, Bd. 1, Frankfurt/M. o. J., S. 567f.
Dank an C aus K für den Hinweis!

Staat, Demokratie – Nachtrag

Zu unserem Eintrag »Die Demokratie & ich« passt ganz gut ein von Frank Schirrmacher kolportiertes Engels-Zitat:
»Das Wesen des Staates ist die Angst der Menschheit vor sich selbst.«
(Faz vom 11.10.2008, »Wie die Finanzkrise das Denken ändert«)
Ob der Marx-Kenner, langjährige FAZ-Redakteur und Schirrmacher-Protegé Dietmar Dath seinem Herausgeber souffliert hatte? Sei’s wie es sei. Schirrmacher, wer hätte auch anderes erwartet?, ist groß darin, diesem Satz – der, wie wir gleich sehen werden, bei Engels in einem ganz anderen Kontext steht – die Spitze zu nehmen und eine Staatsaffirmation draus zu machen. Schreibt doch Schirrmacher:
»Wer meint, dass die aktuelle Vernichtung der Grundvertrauens in die Rationalität ökonomischen Handelns ohne Folgen bleibt, wird sich spätestens bei den nächsten Wahlen getäuscht sehen. Über Nacht ist die Welt des Geldes fiktionalisiert worden. Die Flucht in die Verstaatlichung, die von den Banken selbst angeführt wird, ist der Bankrott der Metaphysik des Marktes. Jetzt, da völlige Unklarheit darüber herrscht, was ist und was nicht ist, kann nur der Staat noch dezionistisch verfügen, dass etwas und nicht vielmehr nichts existiert. Wenn je, dann gilt heute der Satz von Friedrich Engels: „Das Wesen des Staates ist die Angst der Menschheit vor sich selbst.“«

Engels attackiert freilich das Bürgetum und seine politische Agenda, und zwar jenes vermutlich revolutionäre Bürgertum, nach dem sich heute so viele ultraradikale Linker sehnen (wegen der sagenumwobenen freiheitlichen Werte des Westens und des Idee des Glücks, die wir selbstverständlich ausschließlich der amerikanischen Revolution zu verdanken haben):

»Wenn das Wesen des Staats, wie der Religion, die Angst der Menschheit vor sich selber ist, so erreicht diese Angst in der konstitutionellen und namentlich der englischen Monarchie ihren höchsten Grad. Die Erfahrung dreier Jahrtausende hat die Menschen nicht klüger, sondern im Gegenteil verwirrter, befangener, hat sie wahnsinnig gemacht, und das Resultat dieses Wahnsinnes ist der politische Zustand des heutigen Europas. Die reine Monarchie erregt Schrecken – man denkt an den orientalischen und römischen Despotismus. Die reine Aristokratie ist nicht weniger furchtbar – die römischen Patrizier und der mittelalterliche Feudalismus, die venezianischen und genuesischen Nobili sind nicht umsonst dagewesen. Die Demokratie ist fürchterlicher als beide; Marius und Sulla, Cromwell und Robespierre, die blutigen Häupter zweier Könige, die Proskriptionslisten und die Diktatur reden laut genug von den »Greueln« der Demokratie. Zudem ist es weltbekannt, daß keine dieser Formen sich je hat lange halten können. Was also war zu tun? Statt geradeaus vorwärtszugehen, statt von der Unvollkommenheit oder vielmehr Unmenschlichkeit aller Staatsformen den Schluß zu ziehen, daß der Staat selbst die Ursache aller dieser Unmenschlichkeiten und selbst unmenschlich sei, statt dessen beruhigte man sich bei der Ansicht, daß die Unsittlichkeit nur den Staatsformen anklebe, folgerte aus den obigen Prämissen, daß drei unsittliche Faktoren zusammen ein sittliches Produkt machen können, und schuf die konstitutionelle Monarchie.«
(Friedrich Engels, »Die Lage Englands«, 7-teilige Artikelserie im Vorwärts, 18.9.-19.10.1844, abgedruckt in MEW Bd.1, S. 571/572)