Aus einem aufgegebenen Projekt, 6

I
»Wahrhaft reich ist eine Nation erst, wenn statt zwölf Stunden nur sechs gearbeitet wird. Reichtum ist verfügbare Zeit und sonst nichts.«
Aus einem anonymen Pamphlet britischer Sozialisten, 1821

»Ein bis zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche ist der verträglichste Weg um die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland zu erhöhen und gleichzeitig das Einkommen der Beschäftigten zu sichern.«
Laurenz Meyer, 2000-2004 Generalsekretär der CDU

II
Die IG Metall hat 1984 die 35 Stunden Woche nur deshalb durchsetzen können, weil sie den Unternehmern eingeräumt hat, die tatsächliche Arbeitszeit von der rechnerischen zu trennen. So werden die 35 Stunden zu einem abstrakten Durchschnitt, der bloß in einem Monat, in einem Jahr, in zwei Jahren etc. erreicht werden muss. Die Realität sieht so aus, dass die Lohnabhängigen zwischen 40 und mehr Wochenstunden einerseits und Zwangsurlaub und Kurzarbeit andererseits eingeklemmt sind. Das (rein rechnerische) Mehr an Freizeit wird durch die (sehr konkrete) erhöhte Vernutzung der Arbeitskraft aufgefressen. Die Einführung der 35 Stunden Woche hat also nicht zu mehr Zeit-Souveränität der Lohnabhängigen geführt. Noch nicht einmal zum Rückgang der Arbeitslosigkeit. Auch wenn mit den 35 Stunden die tatsächliche Wochenarbeitszeit gemeint wäre, hätten schon Intensivierung, schnellere Verausgabung der Arbeitskraft, und Rationalisierung, ihre produktivere Anwendung, dafür gesorgt, dass sich die Anzahl der Beschäftigten nicht erhöhte.
Trotzdem kam die Forderung nach unbezahlter Mehrarbeit, wie sie bis unmittelbar vor Ausbruch der Finanzkrise herrschender Konsens war (Stichwort: Schröders Agenda 2010), einem Tabubruch gleich. Denn ganz gleich, wie »abstrakt« die 35 Stunden Woche real gewesen ist und wie oft sie »konkret« umgangen worden ist, bundesrepublikanischer gesellschaftlicher Konsens war über Jahrzehnte, dass »wir« in naher Zukunft weit weniger für den wachsenden Wohlstand arbeiten müssen.
Seinen Ursprung hat dieser Konsens in der Rezession Ende der 60er Jahre. Der Traum einer krisenfrei sich immer höher entwickelnden Marktwirtschaft zerplatzte. Was heute selbst dem WASG-Linken ungeheuerlich vorkommt, wurde damals in staatlichen und kommunalen Kommissionen diskutiert: dass die krisenanfällige Marktwirtschaft Elemente der Planung bräuchte, dass nicht nur der Staat, sondern auch die Arbeitswelt und die Reproduktionsbereiche – Wohnviertel, Schulen, Universitäten – demokratisiert werden müssten, dass bestimmte Bereiche der Produktion der Privatwirtschaft entzogen gehören, weil sie Belange der Allgemeinheit betreffen. Willy Brandt versprach »mehr Demokratie« zu wagen, und die Gewerkschaften propagierten die »Humanisierung der Arbeitswelt«, mehr Bildung für Arbeiter, Mitbestimmung, selbstbestimmtere Arbeitsprozesse – 1978 wurde die 35-Stunden-Woche als gewerkschaftsoffizielle Forderung manifest.
Die außerparlamentarische Linke entdeckte darin nur reformistisches Machwerk und sprach von »Sozialstaatsillusionen« und den »notwenigen Grenzen politischer Planung im Spätkapitalismus«. Ihr Kalkül: Kommt die nächste Krise, werden die halbgaren Projekte von SPD und DGB weggespült vom dann endlich erwachenden Drang revolutionärer Arbeitermassen. Die Krise kam (spätestens ab 1975), die Revolution blieb aus. Vielen Linken dämmerte es, dass es keinen zwangsläufigen Zusammenhang von Krise und Revolution gibt, und zogen den Schluss, dass die Revolutionstheorie mit ihrem Vertrauen in ein rebellisches Proletariat falsch sei: Der Kapitalismus verschwindet erst dann, wenn wir jetzt und hier Autonomie fordern, »aussteigen«, und das wahre Leben im falschen beginnen. Es war die Zeit der alternativen Ökonomie, und die Welle selbstverwalteter Betriebe rollte mächtig heran – von den ersten ökologischen Landwirtschaftsbetrieben bis zu den frisch ins Leben gerufenen Stadtzeitungen.
Dem Prinzip der Selbstverwaltung lag dabei nicht nur ein moralisches Postulat zugrunde, sondern auch ein ökonomisches Prinzip: »Labour hires capital«, Kapital, in Form von Geld, Maschinen oder Arbeitskräften, wird dem Kapitalmarkt, wo es ausschließlich gewinnbringend investiert werden muss, damit es sich als Kapital überhaupt erhält, entzogen. Selbstverwaltete Arbeit bedient sich des Kapitals, um eine an Gebrauchswerten und humaner Arbeitsweise orientierte Produktion zu realisieren. Mitten im Kapitalismus wird ein Stück Gemeinwirtschaft verwirklicht.
Die Entstehung selbstverwalteter Betriebe wurde aber auch auf der anderen Seite erfreut zur Kenntnis genommen. So kam Anfang der 80er Jahre ein vom damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth eingesetzte Kommission »Zukunftsperspektiven gesellschaftlicher Entwicklung« zu dem Schluss, dass immer mehr Arbeitszeit durch Automatisierung und Informationstechnologie eingespart werde. Als Kompensation wurde nicht eine gesamtgesellschaftliche Verkürzung der Arbeitszeit vorgeschlagen, sondern Teilzeitarbeit, Individualisierung und Flexibilität.
Prognosen aus dieser Zeit gingen davon aus, dass nach 1990 in den Industrienationen nur noch die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung eine feste, dauerhafte Anstellung habe. Heute sind in Deutschland zwar noch mehr als die Hälfte der Beschäftigungsverhältnisse so genannte Normalarbeitsverhältnisse, unbefristet und sozial sowie rechtlich abgesichert. Aber auch das ist eine abstrakte Größe wie die 35-Stunden-Woche. Sind doch die Tarifverträge, die die Normalarbeitsverhältnisse festschreiben, aufgeweicht: allein 2004 haben 35 Prozent aller Betriebe haben Öffnungsklauseln der Flächentarifverträge genutzt.
Vor 25 Jahren gab es noch keine Ich-AGs, Arbeitskraftunternehmer und keine Digitale Boheme – aber selbstverwaltete Betriebe, die mit linkem Background die Funktionen erfüllen, die den Ich-AGs zugeschrieben wird: Da selbstverwaltete Betriebe in der Regel chronisch unterkapitalisiert sind, sind sie gezwungen, auf Basis von Selbstausbeutung zu arbeiten und sich einem ständigen Innovationsdruck auszusetzen. Und da sie nicht in der Lage sind, Produkte in Massenproduktion herzustellen, müssen sie ständig neue Marktlücken finden. Sie stehen im Widerspruch, dass sie die Entwicklung der innovativen Produkte besser gewährleisten können als große Unternehmen – weil die selbstverwalteten Betriebe als kleine Einheiten und auf Basis von Selbstausbeutung und Erfindergeist arbeiten; aber kaum in der Lage sind, diese Produkte auch gewinnbringend herzustellen.
So wurden ihre innovativen Produkte regelmäßig aufgesogen: Ökofood, alternative Stromversorgung, die IT-Branche – jene Kinder der Selbstverwaltungswelle – sind längst industrialisiert. Die Vorstellung, dass jede Stadt eine eigene Kulturzeitschrift und Tipps, Terminen und Hintergrundberichten braucht, wird in den meisten Fällen von großen Verlagen realisiert.
Die alternativen Betriebe, angetreten, um eine selbstbestimmte Zeitökonomie zu verwirklichen, sind de facto kaum mehr als outgesourcte Forschungs- und Hochtechnologieeinrichtungen großer Unternehmen gewesen, billiger als Leiharbeitsfirmen und wendiger als die Firmenbürokratie. Sie übernehmen die Entwicklung neuer Produkte, sowie neuer Produktionsmittel und Distributionswege.
Auf dem Wege, Arbeitszeitverkürzung und Selbstbestimmung zu realisieren, haben sie das Gegenteil erreicht, weniger Zeitsouveränität durch einen fragmentierten Arbeitsalltag: Mag der Arbeitsplatz selbstverwaltet sein, die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge, in denen der alternative Betrieb eine Scharnierstelle einnimmt, sind es nicht. So verkehrt sich das Prinzip »labour hires capital« in sein Gegenteil. Diese Betriebe ließen sich fast reibungslos in die Umstrukturierung des Produktionsweise der letzten 25 Jahre einspannen: Mit den Ich-AGs hat die rot-grüne Regierung 2003 eine allgemeingesellschaftliche Form der Alternativökonomie etabliert. Der Lohnabhängige gilt in diesem Modell als »Arbeitskraftunternehmer«, was nach Souveränität klingt, aber doch nur den Zwang, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um von ihr leben zu können, verschleiernd auf die Spitze treibt. [Seit Sommer 2006 ist das Modell der Ich-AG durch einen so genannten Gründungszuschuss abgelöst worden.]
Die Zukunft der Arbeit, das ist dem gesellschaftlichen Bewusstsein über dreißig Jahre präsent gewesen, besteht darin, dass sie tendenziell verschwindet. Die explodierende Produktivität sorgt dafür, dass die disponible Zeit, die potenziell gesellschaftlich frei verfügbare Zeit, immer mehr zunimmt. Der Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise besteht darin, dass der gesellschaftliche Reichtum an freier Zeit als individuelles Elend erscheint: als Arbeitslosigkeit bzw. als intensivierte Vernutzung der Arbeitskraft von denjenigen, die noch arbeiten.
Die Hoffnungen der Alternativen und der Gewerkschaften bestand darin, die kapitalistische Ökonomie der Zeit gegen den Kapitalismus selbst auszuspielen. Eine Hoffnung, die darauf beruhte, dem Kapitalismus ein Beschäftigungs- bzw. ein soziales Gerechtigkeitsideal anzudichten.

III
»Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren stört, während es andererseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der notwendigen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen; setzt daher die überflüssige in wachsendem Maß als Bedingung – question de vie et de mort – für die notwendige. Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichtums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Wert als Wert zu erhalten. Die Produktivkräfte und gesellschaftlichen Beziehungen – beides verschiedne Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums – erscheinen dem Kapital nur als Mittel, und sind für es nur Mittel, um von seiner bornierten Grundlage aus zu produzieren. In fact aber sind sie die materiellen Bedingungen, um sie in die Luft zu sprengen.«
Karl Marx, »Grundrisse« (1857/58), zitiert nach der Ostberliner Ausgabe (Dietz Verlag) von 1953, S.593f. [Unmittelbar an diese Passage schließt das obige Zitat der britischen Sozialisten an.]