Re-Writing re-written

Unruhe auf dem Planeten Blogsport. Zu Recht! Denn MPunkt und Communism (aka Negative Potential) sind … WEG. Schaut man auf den ohnehin äußerst bescheidenen Blog-Roll dieser Seite, fällt auf, dass dieser demnächst noch bescheidener wird.
[Der Schnickschnack dieser Seite steht eh vor einer größeren Renovierung.]
Dabei ist Communism Mitte Juli – wenige Tage vor seiner Abmeldung – noch einmal groß durchgestartet, als er einen einigermaßen unsäglichen Osten-Sacken-Kommentar ganz dezent reformulierte. Jeder Bezug Osten-Sackens auf den Islam, ersetzte Communism durch einen auf das Judentum.
Teile der Debatte um dieses Re-Writing findet man hier und hier. Der Original-Jungle-Text ist hier nachzulesen.

Kohleofen, Autor dieses Blogs, griff auf communism.blogsport in die Debatte um diesen Text ein und brachte einen längeren Beitrag. Weil Communism offensichtlich abgemeldet ist, ist auch dieser Beitrag futsch. Deshalb werden im Folgenden die Verfremdung und Kohelofens Diskussionsbeitrag (mehr eine Ergänzung resp. Explikation) dokumentiert.

Communism

Ein Messer gegen das Judentum

Nach dem rassistischen Mord an einer israelischen Frau in einem Dresdener Gerichtssaal ist von wachsendem Antisemitismus die Rede. Das nützt vor allem den reaktionären Vertretern des Judentums.

Dieser Tage beantwortet sich die häufig gestellte Frage, was denn der Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus sei, selbst: Wird ein vermeintlicher Ausländer in Deutschland von Nazis oder anderen Rassisten ermordet, so stehen jene, die um ihn trauern und gegen die Mörder demonstrieren, alleine da. Ist dagegen »Antisemitismus« im Spiel, wird die Tat im wahrsten Sinne des Wortes zur Chefsache. Dann nämlich nehmen sich ihrer so illustre Gestalten wie der israelische Präsident Shimon Peres, israelische Ministerpräsident Netanjahu, und Charlotte Knobloch von Zentralrat der Juden; also Leute, denen die Tat kein Wort wert gewesen wäre, handelte es sich bei dem Opfer nicht um eine Kippa tragende Jüdin.
Anfang der neunziger Jahre, als Nazis und andere stolze Deutsche noch äußerst erfolgreich Jagd auf Ausländer machten und Asylbewerberheime brannten, riefen Politiker und Medien zur Besonnenheit auf. Man müsse, so hieß es, die Täter verstehen und am besten das Asylrecht einschränken. Antirassisten war damals die Religionszugehörigkeit der Opfer noch herzlich egal.
Seit nun in einem Dresdener Gericht ein Aussiedler aus Russland die 32jährige Frau mit einem Messer tötete, nachdem er sie zuvor als »Terroristin« und »Zionistin« beschimpft hatte, wird nun das »erste Todesopfer eines antisemitischen Übergriffs in Deutschland« (Taz) herbeigeschrieben und damit die Deutungshoheit für den Fall an »Judentum-Experten«, die israelische Regierung und andere Vertreter des Judentums delegiert. Die nehmen den Auftrag nur allzu gerne an, bestellen den deutschen Botschafter in Tel Aviv ein, organisieren Demonstrationen vor den deutschen Botschaften in Tel Aviv und Washington und erklären die Ermordete zur »Märtyrerin«.
Derweil beklagt der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, die wachsende Judenfeindschaft in Deutschland, die sich vor allem gegen jene »Schwestern« richte, die eine Kippe tragen. Stefan Widmann, seines Zeichens Antisemitismus-Experte vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, meint: »Dieser Anschlag wurde möglicherweise atmosphärisch durch eine Hass-Szene im Internet vorbereitet und durch problematische Tendenzen unter bestimmten Intellektuellen, die bis in die Mitte der Gesellschaft reichen.« Entsprechend ermittelt nun auch Oberstaatsanwalt Christian Avenarius in Dresden, ob es sich um eine »antisemitische Tat« gehandelt habe.
Dabei entspricht der Messerstecher, soweit man etwas über ihn erfährt, fast perfekt jenem Sozialtypus, der immer dann entschuldigend ins Feld geführt wurde, als es noch darum ging, Motive bei rassistischen Gewalttaten zu erklären oder zu entschuldigen. Wenn aber das Opfer kein Asylbewerber aus Afrika, keine türkische Familie, die es nicht offensichtlich oder nur im Privaten mit der Religion hat, sondern eine offenbar gläubige Jüdin ist, dann verwandelt der Tatverdächtige sich zum Vollstrecker einer angeblich herrschenden Antisemitismus. Vor 15 Jahren dagegen hätte sich so mancher Politiker gefreut, einmal jene verwirrten Einzeltäter vor sich zu haben, die man nach den Morden in Mölln und Solingen eigens erfinden musste.
Hätte die Frau keine Kippa getragen, wäre sie etwa eine säkular ausgerichtete Migrantin gewesen – kein Mensch hätte den Vorwurf der Antisemitismus erhoben. Weil sie eine Kippe trug, ist sie zur »Märtyrerin« erhoben worden, und – zwischen Berlin und Tel Aviv ist man sich einig – das Messer, das sie tödlich traf, galt dem Judentum, nicht ihrer Person.

Kohleofen

Osten-Sacken – pure Heuchelei. Die Argumentation läuft so: Der Mord ist ganz schlimm. Aber losgelöst davon gibt es eine Instrumentalisierung durch diverse unappetitliche Diktaturen, obskure deutsche Islamverbände und dem von Osten-Sacken so gern gehassten linksliberalen Juste Milieu (Kennt jemand eigentlich dieses Milieu aus eigener Anschauung?). Diese unheilige Allianz schiebt nun zwischen Mörder und Ermordeten die Islamphobie: »… das Messer, das sie tödlich traf, galt dem Islam, nicht ihrer Person.«
Und was ist daran Heuchelei? Weil – das Re-writing des Artikels durch Communism hats ja demonstriert – bei jedem anderen Mordfall Osten-Sacken aber so was von todsicher das Prinzip und nicht den Einzelfall (»die Person«) hervorgehoben hätte. Wäre eine Brasilianerin ermordet worden – er hätte Rassismus gerufen; wäre es eine Jüdin gewesen – Antisemitismus; eine deutsche Frau – männlicher Chauvinismus. Nur wenn eine kopftuchtragende Muslimin ermordet wird, darf das nichts, aber auch gar nichts mit jenem Rassismus zu tun haben, der anti-islamisch politisiert worden ist.
Dass es Rassismus ist, leugnet Osten-Sacken gerade nicht. Aber er will die Deutungshoheit nicht abgeben. Man stelle sich vor, jemand würde bspw. in der Jungle World in einer Art grundehrlichen Naivität von antisemitischem Rassismus sprechen wollen oder von der Machtergreifung des deutschen Faschismus im Jahre 1933. Dann gäbe es aber ein Donnerwetter: Als ob der Antisemitismus mit (wird nicht ausgesprochen, muss man sich aber mitdenken: vergleichsweise harmlosem) Rassismus zu vergleichen wäre! Als ob man den massenmörderischen Nationalsozialismus auf die (wird nicht ausgesprochen, muss man sich aber mitdenken: vergleichsweise harmlose) Diktatur Mussolinis herunterbrechen könnte.
[Dass Mussolinis Truppen in Äthiopien in den 30er Jahren einen Vernichtungskrieg im »modernen« Sinne geführt haben, inkl. Giftgaseinsätze gegen die Zivilbevölkerung, und dass die Nazis für ihre Feldzüge gen Osten durchaus daran Maß genommen haben, geht bei dieser Feinfühligkeit, den NS UNBEDINGT vom Faschismus wegzudifferenzieren, verloren. Aber das nur nebenbei.]
Die Frage ist, warum läuft Osten-Sacken Sturm, wenn man im rassistischen Mord in Dresden eine explizit antiislamische Motivation entdeckt? Weil dann auch die Diktatoren und Despoten zwischen Kairo und Teheran applaudieren? Really? Seit wann lassen Antirassisten sich denn davon kirre machen? Seit wann hängt denn die Wahrheit ihrer Position vom Wohlwollen einer Staatsmacht ab? Instrumentalisierung von oben gibt es bei – im weitesten Sinne – politischen Morden IMMER. Wo ist denn der Übergang, dass aus einer Instrumentalisierung eines Verbrechens ein wirkliches Argument gegen den Befund, was denn die Motivation dieses Verbrechens war, wird?
Noch mal, warum läuft er Sturm? Weil in seiner Denke die Anerkennung des antiislamisch politisierten Rassismus dem vermeintlichen Appeasement gegen antiwestliche Einwanderhorden Vorschub leisten würde. Weil es schwer fällt, mehrheitlich islamisch geprägte Länder zu bombardieren, wenn es hinter der Heimatfront eine Öffentlichkeit gibt, die bereits sein könnte, auch Muslime als Opfer zu sehen.
Es ist doch genauso der Osten-Sacken, der instrumentalisiert. Die Heuchelei liegt darin, dass er dies als Anti-Instrumentalisierung ausgibt.