Nachttisch-Lektüre

Seit gut einem Jahr gibt es im Unrast-Verlag die Reihe »Dissidenten der Arbeiterbewegung«, deren Credo wie folgt lautet:

Die Reihe präsentiert Texte von theoretischen Praktikern und praktischen Theoretikern, die in der Arbeiterbewegung gegen ihren sozialdemokratischen oder marxistisch-leninistischen Mainstream opponiert haben. Die für die Autonomie der Arbeiterklasse gekämpft und dabei eine radikale Kritik von Partei- und Gewerkschaftskonzepten entwickelt haben. Die ihre Unversöhnlichkeit gegenüber Kapital, Nation und Staat nicht taktischen Erwägungen und strategischem Kalkül geopfert haben – vielmehr in taktischer Erwägung und strategischem Kalkül die Kumpanei mit kapitalistischer Verwertung und nationalstaatlicher Tyrannei entdecken. Es geht um Texte, die von vergangenen Kämpfen berichten und ihre meist katastrophalen Niederlagen analysieren. Mit ihren Folgen haben wir uns heute herumzuschlagen. Wer die Niederlagen begreifen will, kommt nicht darum herum, die historischen Kritiker zu befragen.

Drei Bände sind seit dem Frühjahr 2008 erschienen, an der medialen Vermittlung haperts noch, wie die seit geraumer Zeit ohne Inhalte dastehende Homepage demonstriert.
Ob die Reihenherausgeber es beabsichtigt haben oder nicht – mit diesen ersten Bänden haben sie die wesentlichen Strömungen der Dissidenz, WIE SIE SICH AUS DER ALTEN ARBEITERBEWEGUNG DER 20er JAHRE ENTWICKELT HAT, repräsentiert.
Der vor wenigen Jahren verstorbene Niederländer Cajo Brendel (»Die Revolution ist keine Parteisache«) ist der letzte authentische Vertreter des Rätekommunismus, er kommt geradewegs aus den Diskussionszirkeln um die Genossen Henk Canne-Meijer und Anton Pannekoek und hat am konsequentesten (quasi als letztes Glied der Kette) die Objektivität der Revolution und die Haltlosigkeit der Partei-Form herauszuarbeiten versucht. Brendel lehnt im Grunde jede Agitation der Arbeiter ab. Seine Schriften sind reine Selbstkritik der kommunistischen Intellektuellen, insofern sie jeden »subjektiven Faktor«, also den Voluntarismus, der vor der Durchführung einer Revolution die Schaffung eines antikapitalistischen, klassenkämpferischen Bewusstseins setzt, ablehnen. Brendel wird damit fast schon zur Karikatur des Rätekommunismus, weil er die Selbstkritik des linken (»aufklärerischen«) Intellektuellen in eine Art revolutionären Quietismus gipfeln lässt.
Raya Dunayevskaya vertritt den dissidenten Marxismus, wie er sich aus dem Trotzkismus heraus entwickelt hat (siehe dazu auch ihr früherer Weggefährte CLR James, aber auch die Anfänge der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie). Duna, kürzen wir sie so ab, knüpfte einerseits direkt an Trotzkis Arbeiterdemokratie-Konzept an und radikalisierte es zu einer Philosophie der Arbeiter-Selbstbefreiung (wobei, im Unterschied zu den Rätekommunisten, es bei Duna stets den vermittelnden, agitatorisch auftretenden, »einleuchtenden« Intellektuellen gibt); andererseits entwickelte sie Trotzkis Bürokratismus-These (die Sowjetunion als deformierter Arbeiterstaat) zu einer Staatskapitalismus-Theorie weiter, die sich als Ausdruck einer Fundamentalopposition gegen die SU und die Parteikommunisten verstand.
Der dritte in der Dissidentenreihe – Christian Riechers, um ihn soll es im Folgenden gehen, repräsentiert den Linkskommunismus, jene (unfreiwillig) häretische Tradition, die aus der linksradikalen Mehrheit der ganz frühen italienischen KP entstanden ist und für die Amadeo Bordiga exemplarisch steht. Dieser Linkskommunismus ist mitnichten konsistent, seit den 30er Jahren gab es aus dieser Fraktion mannigfaltige Kontakte zu trotzkistischen, rätekommunistischen und, sagen wir: »luxemburgistischen« und »korschistischen« Zirkeln. Dass es heute (immer noch/schon wieder) unzählige Gruppen und Grüppchen und Einzelpersonen gibt, die sich gegenseitig absprechen, im Namen der linkskommunistischen Häretik zu sprechen, hat genau damit zu tun.
Der 1993 allzu früh verstorbene Riechers macht jene Gruppensortierungs- und verhärtungsprozesse nicht mit, sondern arbeitet in seinen vor allem in den 70er und 80er Jahren ursprünglich für Seminare an der Hannoveraner Universität verfassten Schriften die entscheidende Linie heraus: Dass die alte Arbeiterbewegung an einer doppelten Zerstörung – einer von Außen (durch den Faschismus) und einer von Innen (durch den Stalinismus) – zu Grunde gegangen ist und dass diese Zerstörung bis heute wirkt. Der »Stalinismus« ist weder das kleinere Übel gewesen noch das einzig probate Mittel gegen die europaweite faschistische Generaloffensive seit 1922. Der Antifaschismus wird als in letzter Instanz affirmative Strategie zur rettung des liberal-bürgelichen Staates vor den Kräften, die dieser selbst auf den Plan gerufen hat, dechiffriert.
Konsequent spricht Riechers von »Der Niederlage in der Niederlage« und interpretiert den Marxismus als Theorie der Konterrevolution.
Hier wird ein Auszug aus einem Exposé präsentiert, das in voller Länge auf der Unrast-Seite nachzulesen ist, und offensichtlich den Zweck hat, für Buchvorstellungen zu werben. Es bringt aber dennoch die Stoßrichtung der Riechers-Anthologie ganz gut auf den Punkt.

Zur Überschrift dieses Blog-Eintrags »Nachttisch-Lektüre«. Tatsächlich liegt »der Riechers« auf dem entsprechenden Mobiliar des Autors. In den nächsten Wochen werden wir einige Lesefrüchte (zwischen Bandwurmsatz-Irrsinn und messerscharfer Präzision) aus diesem Band offerieren. Das Motto dieses Blogs stammt übrigens von Christian Riechers. Aber jetzt erst mal eine allgemeine Einführung in den Band.

»Nicht der Faschismus, wohl aber die Konterrevolution, die auf die russische Revolution folgt und von der der Faschismus nur ein Teil ist, ist eine internationale Erscheinung. Ziel der Konterrevolution ist, die Arbeiterklasse ihrer revolutionären Potenz zu berauben, sie als in sich zerfallende dem unterschiedlosen ›Volk‹ einzugemeinden.« — Im Mittelpunkt von Riechers’ Schriften steht die linkskommunistische Kritik am beginnenden Stalinismus und mehr noch: der Zusammenhang von Arbeiterbewegung und Faschismus. Faschismus, womit zunächst der italienische gemeint ist, analysiert Riechers als Ergebnis eines verloren gegangenen – und verloren gegebenen Klassenkampfes. Die Niederlage in der Niederlage – das ist das unselige Zusammenspiel von faschistischer Repression und stalinistischer Selbstaufgabe.
Sein Werk bietet für die heutige Linke zahlreiche Auswege aus eingefahrenen Debatten, die nicht über Apodiktik und Arroganz hinausgelangen: Christian Riechers ist äußerst misstrauisch gegen die Identifizierung von »Klasse« und »Partei«, überhaupt gegen jede Quasi-Teleologie, die einen naturwüchsigen Weg von der Arbeiterklasse zur Arbeiterbewegung und schließlich zur Arbeiterpartei beschreibt. Er lehnt den Singular ab und bevorzugt den Plural: Arbeiterbewegungen. Er grenzt ab: Arbeiterselbstbefreiungsbewegung gegen Arbeiterverwalterbewegung.
Er begeistert sich nicht für die zahlreichen Unternehmungen im 20. Jahrhundert, den Marxismus »schöpferisch weiterzuentwickeln«, dahinter verbirgt sich die Umwandlung des Marxismus zur Legitimationsideologie von Parteiapparatschiks, die den »Sozialismus in einem Land« aufbauen wollen.
Er lehnt die Ideologie der Trennungen ab. Jene Vorstellung, es gebe einen »richtigen Zeitpunkt« für den Klassenkampf und – davon getrennt – einen »richtigen Zeitpunkt«, an dem es gilt, auf den Klassenkampf zu verzichten und, um »Schlimmeres zu verhindern«, einen Burgfrieden mit der progressiven Bourgeoisie, vulgo: Volksfront, zu schließen.
Er weigert sich, dem Faschismus Originalität zuzusprechen, ihn als eigenständige Gesellschaftsformation jenseits des Kapitalismus zu verstehen; er weigert sich genauso, im Realsoz eine Übergangsgesellschaft (hin zum Sozialismus) oder einen deformierten Arbeiterstaat zu sehen.
Überhaupt ist ihm suspekt, hinter dem Kapitalismus noch so etwas wie »Gesellschaft« zu entdecken, Begriffen wie »Betrieb« oder »Technologie« oder »Produktion« bringt er keine Naivität entgegen, er sieht in ihnen keine neutralen Gefäße, mit bloß kapitalistischem Inhalt, keine notwendigen und keine kleineren Übel. »Werden dem Kapitalismus – wie es schon Herr Proudhon tat – dezisionistisch schlechte und gute Seiten zuerkannt, so mag es nicht Wunder nehmen, wenn schließlich immer weniger von ihm gesprochen wird.«
Dabei geht Riechers nie von abstrakten Bestimmungen und idealistischen Setzungen aus. Er ist immer mittendrin: Er befragt Ignazio Silones großes Werk über den Faschismus nach seinen historischen Voraussetzungen und politischen Implikationen. Er schildert die Hintergründe der hitzigen Debatten auf den frühen Komintern-Kongressen und macht sie dadurch anschaulich und wieder lebendig. Er arbeitet die subjektivistischen Voraussetzungen der Intellektuellen-Theorie Gramscis heraus. Er analysiert den italienischen Generalstreik gegen die Faschisten im August 1922.
Das alles schmeckt nach kommunistischer Orthodoxie – für Riechers ohne Zweifel ein Ehrentitel.