Aus einem aufgegebenen Projekt, 3

Einleitung zu einer Auseinandersetzung mit »Herr Vogt«, einer Polemik, die Marx 1860 schrieb und unmittelbar darauf auch veröffentlichte (in England, aber in deutscher Sprache).

Dieses Werk ist sein mit Abstand am wenigsten rezipiertes: Es gibt überhaupt nur zwei deutsche Einzelausgaben, die erste erschien 1927, die zweite 1953 (Dietz, Ostberlin), immerhin – es gibt Übersetzungen ins englische, italienische, chinesische und serbokroatische. Sekundärliteratur: nahezu Fehlanzeige, vereinzelte Aufsätze, eine deutschsprachige Doktorarbeit (Günter Helmholz, Zur Geschichte der Entstehung des Werkes »Herr Vogt« von Karl Marx, Halle 1975).
»Herr Vogt« ist im Rahmen der MEW (Band 14) und der zweiten MEGA (erste Abteilung, Band 18) erschienen, ganz verschwunden ist es also nicht. Auch die einschlägigen Biographen (Mehring etc.) gehen auf Werk ein, behandeln es aber auch nicht mit der Dringlichkeit, die Marx der Schrift selbst beigemessen hat. »Herr Vogt« gilt als Werk seiner Zeit, das darüber hinaus ohne Relevanz für die Marxsche Ökonomie- und Politik-Kritik ist.
Aber kann es wirklich sein, dass es zwei Marx’ gibt? Einen Wissenschaftler und Forscher, der jahrzehntelang an seinem KAPITAL rumpuzzelt und einen Politiker, der, völlig losgelöst, so scheint’s, von der Kritik der Politischen Ökonomie sich in tagesbezogene Polemiken verrennt?

Am Anfang war es einfach nur die Neugier, mal in ein Werk reinzuschauen, das für Marx höchste Priorität besaß, dass für die meisten seiner Rezipienten noch nicht mal in den Rang einer Fußnoten-Erwähnung kommt. Sie hat sich gelohnt. »Herr Vogt« könnte, wenn man als Leser es denn wollte, von großer Bedeutung sein, die Demokratie- und Politik-Kritik Marxens herauszuarbeiten.

Nachdem hier bloß die, sagen wir, formalen Rahmenbedingungen einer Vogt-Lektüre geschildert wurden (wovon redet der Typ eigentlich?? Geduld, Geduld!), geht es in medias res.
Folgender Text stammt von 2007, ist fragmentarisch (vor allem zum Ende hin), war ursprünglich für eine gruppeninterne Diskussion gedacht und ist also hier um alle internen Bezüge gekürzt. Weitere Notizen zum »Vogt« werden wollen.

Es ist wirklich eine Ungeheuerlichkeit: Marx unterbricht für wenigstens ein Jahr die Arbeit am Kapital (er nimmt die Arbeit sogar erst wieder im Sommer 1861 auf)! Und zwar nicht wegen einer hochdotierten Auftragsarbeit, sondern fast schon wegen einer Posse: Der »Vogt« fängt damit an, dass Marx über einen Prozess berichtet, den er angestrengt hat und der niedergeschlagen wurde. Marx handelt auf eigene Rechnung. Er möchte mit einem bürgerlich-oppositionellen Politiker, Carl Vogt, abrechnen, der mitnichten der Sache des Fortschritts dient, sondern bei aller demokratischen Phraseologie reaktionären Absichten verfolgt und dabei etliche Gelegenheiten genutzt hat, über die wahren Oppositionellen (Marx) Lügen zu verbreiten, ja: ihnen handgreiflichen Schaden zufügt – Betreibung der Ausweisung Liebknechts aus der Schweiz etc.pp.
Marx zieht diese Abrechnung nicht abstrakt auf – also nicht à la: »Bürgerlicher Opposition – wie geht das?« –, sondern anhand konkreter Vorgänge, die mittlerweile 150 Jahre verblichen sind: Es gibt eine französisch-piemontesisch-russische Verschwörung gegen Österreich. Das Königreich Piemont will die italienische Vereinigung von oben, die Russen wollen die Vorherrschaft auf den Balkan, Frankreich will letztlich Preußen schwächen, um in den Besitz des Rheinlands zu kommen. Piemont bricht also einen Krieg gegen Österreich vom Zaun, um etwa Venedig zu erobern und vor allem aber, um Österreich entscheidend zu schwächen. Der Plan geht letztlich nicht auf, aber das ist für Marx, den diese militäranalytischen Angelegenheiten sowieso eher stressen, auch schon nebensächlich. Er will folgendes zeigen:

1. Der Krieg funktioniert nur auf Basis des Einigungsnationalismus. Indem Marx die reaktionären Absichten dieses Krieges analysiert, verabschiedet er sich von dem Konzept der nationalen Einigung als Voraussetzung demokratisch-aufgeklärter Politik, »Herr Vogt« ist eine Abrechnung mit seinen 48er Bündnispartnern.
2. Bonarpartismus ist kein auf Frankreich beschränktes Phänomen, sondern ein internationales, folglich muss man von einem Russo-Bonapartismus sprechen (und hier wird klar, warum ausgerechnet die Jugoslawen 1955 eine eigene »Herr Vogt«-Ausgabe veranstaltet haben).
3. Die alten 48er spielen dabei die Rolle des nützlichen Idioten –mehr noch: die des aktiven Intriganten! Das ist der Punkt, an dem der reale Herr Vogt seine Rolle zu spielen beginnt.

Marx macht diesen langen Umweg, um zu seiner Kritik bürgerlich-demokratischer Politiker zu kommen. Das lässt diese sehr zeitbezogene Schrift auf den ersten Blick so hermetisch erscheinen, aber man täuscht sich, wie folgendes Zitat schlagend demonstriert!

»Bonaparte möchte als der patriarchalische Wohltäter aller Klassen erscheinen. Aber er kann keiner geben, ohne der andern zu nehmen. Wie man zur Zeit der Fronde vom Herzog von Guise sagte, daß er der obligeanteste Mann von Frankreich sei, weil er alle seine Güter in Obligationen seiner Partisanen gegen ihn verwandelt habe, so möchte Bonaparte der obligeanteste Mann von Frankreich sein und alles Eigentum, alle Arbeit Frankreichs in eine persönliche Obligation gegen sich verwandeln. Er möchte ganz Frankreich stehlen, um es an Frankreich zu verschenken, oder vielmehr um Frankreich mit französischem Gelde wiederkaufen zu können, denn als Chef der Bande vom 10. Dezember muß er kaufen, was ihm gehören soll. Und zu dem Institute des Kaufens werden alle Staatsinstitute, der Senat, der Staatsrat, der gesetzgebende Körper, die Gerichte, die Ehrenlegion, die Soldatenmedaille, die Waschhäuser, die Staatsbauten, die Eisenbahnen, der état major der Nationalgarde ohne Gemeine, die konfiszierten Güter des Hauses Orléans. Zum Kaufmittel wird jeder Platz in der Armee und der Regierungsmaschine.«

Wenn man die historischen Bezüge (die im KAPITAL in die Fußnoten abgedrängt sind) etwas sortiert und sie sich dann ein wenig plausibilisiert resp. vergegenwärtigt, dann hat man die Umwandlung der Telekom in eine Aktiengesellschaft und die Propagierung der T-Aktie als Volksaktie und die Alternative zum Sparbuch vor Augen. Das ist jetzt sehr assoziativ, aber ich will damit sagen: Man findet Hinweise in Hülle und Fülle, wie populär-demokratische Politik bis heute funktioniert. Die »Transformation der Demokratie« – die führt ja schon der Marx vor!
»Herr Vogt« ist scharfsinnig, man sollte diese Polemik als Fortsetzung des 18. Brumaire lesen, nicht nur literarisch und werkimmanent, sondern inhaltlich – Marx‘ Politikkritik differenziert sich im Vogt weiter aus! Damit könnte man jetzt viele Neo-Marxologen von ihrer durch die KAPITAL-Lektüre Michael-Heinrich-Brille weglocken und sie zugleich frustrieren, denn das machts für sie wieder öde: Staatskritik und Ökonomiekritik stehen hier relativ unverbunden nebeneinander. Es gibt in der Tat keinen direkten Weg vom Vogt zum KAPITAL, und das, obwohl beide Werke in einen theoretischen Zusammenhang gehören. Das hat m.E. drei Gründe:
A) Biographische (Marx kam zu Lebzeiten nicht dazu, sein Buch vom Staat fehlt).
B) Theorieimmanente (seine verkürzte Hegel- Kritik von 1843, die er nicht revidiert, sondern: er setzt ja zu einer kompletten Neulektüre an und verfolgt mit ihr andere Absichten!)
C) Realhistorische (Entwicklung des Staatswesens – den Komplex Sozialstaat, parlamentarische Demokratie, Sozialpartnerschaft gab es damals noch nicht, Marx/Engels. haben den Staat als das analysiert, was er damals in erster und ganz ungeschminkt Linie war: eine Kriegsmaschine).