Ein nachträgliche Würdigung zum 100. Geburtstag. Willy Huhn (1909-1970) gilt als Rätekommunist. Was immer das genau heißt. Huhn war in den letzten Jahren der Weimarer Republik Mitglied der Roten Kämpfer, einer linksradikalen Gruppe, in der alte Kader der KAPD mitgewirkt haben, die aber vor allem entristisch – innerhalb der SPD – zu wirken versuchte. Eben wegen dieser KAPD-Anbindung kann man Willi Huhn tatsächlich als Rätekommunisten bezeichnen.
Interessanter aber ist, dass dieser bemerkenswert störrische und stets kompromisslose Geist nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus versucht hat, (wieder?) Anschluss an die offizielle Arbeiterbewegung zu finden. Es galt, die totale Isolierung, die (nicht nur) Huhn in der Nazizeit durchgemacht hatte, zu durchbrechen – irgendwie. Er war eine zeitlang als (Volkshochschul-)Lehrer in Ostberlin und Gera tätig, war kurzzeitig KPD-, dann SED-Mitglied und ab 1948, mittlerweile in Westberlin, in der SPD, aus der er 1954 ausgeschlossen wurde. Er hatte in einer spektakulären Artikelserie die konterrevolutionäre Rolle der SPD während der Novemberrevolution 1918 herausgearbeitet – und in dieser Art von Konterrevolution schon das Vorspiel zum Nationalsozialismus entdeckt. Right on!
Im folgenden Text stellen wir Huhn als Didaktiker vor. Für die Ostberliner Zeitschrift pädagogik schrieb er 1946/47 eine dreiteilige Reihe „Einführung in den Marxismus“. Es handelt sich um eine Einführung anhand umfassender Rezensionen — kurioserweise stellt er hauptsächlich Werke von Plechanow (!) vor. Keinen Lenin, keinen Stalin. Und nur der Auftakt behandelt Schriften von Engels („Anteil der Arbeit an der Menschwerdung der Affen“) und Marx (Lohnarbeit und Kapital“). Dokumentiert wird hier der Abschnitt, der die Marx’sche Schrift zum Gegenstand hat.
Quelle: pädagogik, 1. Jg., Nr. 3, 1946, S. 186ff. Die eigentümliche Kleinschreibung folgt dem Original. „Lohnarbeit und Kapital“ zitiert Huhn nach der 1946 im Verlag Neuer Weg GmbH erschienenen Ausgabe.
Das erste dokument der auseinandersetzung von Marx mit der klassischen englischen ökonomie liegt heute wieder vor uns in der broschüre »Lohnarbeit und Kapital«, mit einer einleitung von Friedrich Engels. Diese arbeit wurde 1849 zum ersten male als eine reihe von leitartikeln in der »Neuen Rheinischen Zeitung« veröffentlicht, denen einige vorträge zugrunde lagen, die von Marx schon 1847 im Deutschen Arbeiterverein zu Brüssel gehalten wurden. Auch in dieser schrift finden wir wieder wertvolle aufschlüsse über das wesen des historischen materialismus im unterschied zum naturalistischen materialismus. In der arbeit, »in der produktion wirken die menschen nicht allein auf die natur, sondern auch aufeinander.« (S.25)
Dieses zusammenwirken der menschen in der arbeit bestimmt ihre gesellschaftlichen beziehungen zueinander, und »nur innerhalb dieser gesellschaftlichen beziehungen und verhältnisse findet ihre einwirkung auf die natur, findet die produktion statt« (ebd.). Diese sozialen arbeitsverhältnisse unterliegen aber einem geschichtlichen wandel, weil sich die stofflichen arbeitsmittel, die produktionskräfte im arbeitsprozeß verändern und entwickeln.
Gegenstand der untersuchung ist die letzte klassengesellschaft, die bürgerlich-kapitalistische. Marx enthüllt das geheimnis ihrer ökonomie, das gesetz ihrer geschichtlichen entwicklung. Er stellt und beantwortet die entscheidenden fragen: »Was ist der arbeitslohn? Wie wird er bestimmt? Wodurch wird der preis einer ware bestimmt?« Er zeigt, daß der Lohn einer arbeiters nicht ein anteil der arbeiters an der von ihm produzierten ware, sondern der teil schon vorhandener ware ist, mit dem der kapitalist eine bestimmte summe produktiver arbeitskraft kauft. Der arbeitslohn stellt also den preis der ware arbeitskraft dar. Diese ware arbeitskraft hat aber die fähigkeit, einen größeren wert erzeugen zu können, als sie selbst den kapitalisten gekostet hat. Dieser verfügt über den größeren wert, häuft ihn an und verwandelt ihn in das amchtmittel, das den arbeiter unter seine botmäßigkeit zwingt. Der arbeiter besitzt ja nichts als seine arbeitskraft; will er arbeiten – und er muß arbeiten, wenn er leben will –, so kann er das bloß an den rohstoffen und arbeitsinstrumenten, über die nur der kapitalist verfügt. Aber auch diese sind einst aus der erde gewonnen, von arbeitern geschaffen und dann vom kapitalisten angeeignet worden. Aus diesen rohstoffen, maschinen und lebensmitteln besteht das kapital, und sie werden dazu verwandt, um nach dem kauf der ware arbeitskraft neue materialien, neue arbeitsinstrumente und neue lebensmittel zu erzeugen. Das kapital besteht also aus produkten der arbeit, es ist »aufgehäufte arbeit« (S.25), so erkannten bereits die englischen ökonomen.
Marx aber fragt, durch welchen geschichtlichen vorgang sich aufgehäufte arbeit in kapital verwandeln konnte, und zeigt uns, daß die voraussetzung dafür die spaltung der gesellschaft in verschiedene klassen ist. Nur dadurch wird eine summe von waren, von tauschwerten zu kapital, daß die aufgehäufte ware »als selbständige gesellschaftliche macht, d.h. als sich erhält und vermehrt durch den austausch gegen die unmittelbare, lebendige arbeitskraft« (S.27). Die grundlegende voraussetzung des kapitals ist also die existenz des proletariats, jener klasse, die nichts besitzt außer ihrer lebendigen arbeitskraft. »Die herrschaft der aufgehäuften, vergangenen, vergegenständlichten arbeit über die unmittelbare lebendige arbeit macht die aufgehäufte arbeit erst zum kapital.« (ebd.)
Daraus ergibt sich die forderung, daß eine überwindung des kapitalismus nur durch die aufhebung dieser herrschaft der verdinglichten arbeitskraft über die lebendige arbeit möglich ist. Der produzent muß die verfügung über die produkte und produktionsmittel erkämpfen, d.h. er muß ein für allemal der herrschaft einer besonderen schicht der gesellschaft über die arbeit und ihre erzeugnisse ein ende machen. Es sei nur am rande bemerkt, daß sich aus der herrschaft der vergangenen arbeit über die gegenwärtige arbeit durch eine oberklasse, welche über die produktionsmittel verfügt, auch für das bewußtsein im kapitalismus eine vorherrschaft der vergangenheit über die gegenwart ergibt. Marx spricht an anderer stelle in diesem zusammenhang davon, daß die erkenntnis der gesellschaft für das bürgerliche denken immer erst »post festum« käme. Erst in dieser beleuchtung erhält der oft aufgeführte und selten richtig verstandene satz, daß das sein das bewußtsein bestimme, für die klassengesellschaft seinen eigentlichen sinn.
Die verfügung einer klasse von anordnenden und verwaltenden instanzen, früher von privaten kapitalisten, heute der leitenden wirtschaftsbürokratie der großen kapitalgesellschaften, über die produktion hat noch eine weitere wesentliche folge für die wissenschaftliche erkenntnis. Da diese verfügung eine solche über die sachlichen voraussetzungen der arbeit, über die gegenstände und »dinge«der produktion ist, spiegelt sich die kapitalistische wirtschaftsgesetzlichkeit als eine solche der gegenstände oder »dinge« im bewußtsein wider. Die klassische bürgerliche ökonomie verwandelt so die gesellschaftliche produktion in eine »zweite natur« und gelangt zu naturgesetzen der kapitalistischen ökonomie. Die bürgerliche gesellschaft wird im sinne der naturdefinition Immanuel Kants zu einer »existenz der dinge unter gesetzen«.
Es ist reizvoll zu beobachten, wie Marx bereits in dieser frühen ökonomischen arbeit die »verdinglichung« des bürgerlichen bewußtseins überwindet, indem er die angeblichen verhältnisse der ökonomischen gegenstände auf die gesellschaftlichen verhältnisse arbeitender menschen zurückführt. Z.b.: »Was ist ein negersklave? Ein mensch von der schwarzen rasse … Ein neger ist ein neger. In bestimmten verhältnissen wird er erst zum sklaven. Eine baumwollspinnmaschine ist eine maschine zum baumwollspinnen. Nur in bestimmten verhältnissen wird sie zu kapital. Aus diesen verhältnissen herausgerissen, ist sie so wenig kapital, wie gold an und für sich geld oder der zucker der zuckerpreis ist« (S.25). Doch diese hinweise mögen hier genügen und den leser verleiten, nun die kleine schrift selbst in die hand zu nehmen.