Archiv für Juli 2009

Theo Ebel auf dem Konkret-Kongress (1993)

Mögen vom mittlerweile legendären Hamburger KONKRET-Kongress »Was tun? Über Bedingungen und Möglichkeiten linker Politik und Gesellschaftskritik«, 11.-13. Juni 1993, auch noch so wenig Impulse für einen tatsächlichen Neustart kommunistischer Kritik ausgegangen sein, in der Blogo-Sphäre ist er auf bizarre Weise en vogue. Vor allem kriegt man den Eindruck, es sei in erster Linie um einen Battle zwischen Karl Held auf der einen und Gremliza-Pohrt auf der anderen gegangen. Es stimmt, dass Held wohl eher unfreiwillig im Mittelpunkt des ersten Plenums »Nein, wir lieben dieses Land und seine Leute nicht« stand. Gezofft wurde sich aber hauptsächlich um die Rassismus-Thesen Christoph Türckes – aber das nur nebenbei. DIESE Kontroverse kennt heute keiner mehr.
In der Begeisterung über roaring Held ist allerdings untergegangen, dass sich noch ein anderer Gegenfunktionär des Spitzenstandpunkts unter den Referenten befand: Theo Ebel (auch Freerk Huisken trat auf dem Kongress auf; soweit ich informiert bin, hatte Huisken aber mindestens zu dieser Zeit Wert darauf gelegt, zwar die gleichen Ansichten mit der MG/dem GSP zu teilen, aber nicht selbst in der Organisation/der Redaktion tätig zu sein). Ebel, sonst als Agitator offensichtlich kaum (gar nicht?) unterwegs (siehe die Liste der Vorträge auf Argudiss), sitzt gemeinsam mit Georg Fülberth, Kurt Gossweiler, Robert Kurz und once more Wolfgang Pohrt auf dem Podium »Dritter Griff zur Weltmacht?«. Tja, damals durfte man noch das »I-Wort« verwenden – es wurde über Imperialismus und Deutschland als (zukünftige) imperialistische Großmacht gestritten. Und Ebel glänzt mit einem grundsätzlichen, klaren Statement, worin die Schwächen der – marxistischen – Erklärungsversuche des Imperialismus bestehen.
Ebels Redebeitrag wird im Folgenden dokumentiert. Weggelassen wurde eine längere Passage, in der er sich von seinen Vorrednern abgrenzt (»Robert Kurz muß sich die Frage stellen lassen, wo er eigentlich lebt.«).
Sein Beitrag findet sich in dem nur noch antiquarisch erhältlichen Kongress-Reader »Was tun?« (herausgegeben von Boris Gröndahl und Wolfgang Schneider, Hamburg 1994) auf den Seiten 78-81.

O-Ton Ebel.

Die ganze Schwäche aller Imperialismustheorien liegt darin, daß das Verhältnis des Kapitalismus, dieser Reichtumsquelle der Nationen, die ja jetzt überall auf der Welt gilt, zu den Staatsgewalten einfach nicht geklärt ist. Es gibt die beiden Extreme: Entweder werden alle Manöver einer Staatsgewalt einschließlich des Kriegs unmittelbar mit dem Nutzen fürs Kapital erklärt, oder die politischen Manöver haben gar nicht mehr mit der Reichtumsquelle zu tun. Ich will verdeutlichen, was ich für falsch halte an diesen Extremen, die gerade das Verhältnis des Kapitalismus als der Reichtumsquelle der Staaten zur Außenpolitik der Staaten nicht mehr erklären können.
Ich erinnere mich an die 70er Jahre, an den Vietnamkrieg. Blöd, wie wir damals noch waren, haben wir uns gefragt, was gibt es denn da für einen Rohstoff, was kann man denn da holen, warum führen die denn den Krieg da? Was hat denn das Kapital davon? Schließlich ist ein Schlaumeier hergekommen und hat festgestellt, daß es tatsächlich vor der Küste von Vietnam Ölvorkommen gibt. Was waren wir begeistert. Es hat nur nicht gestimmt. Anderes Beispiel. Selbst beim Falklandkrieg ist mir eine Spartakistin untergekommen, die auch schon wieder Öl entdeckt haben wollte auf den Falklandinseln, dabei gibt es da nur Schafe. Völlig absurd war das beim Falklandkrieg, wo die Ehre der englischen Nation angekratzt war, wo die den Krieg geführt hat, weil sie sich das mit Blick auf ihre imperialistische Stellung in der Welt nicht leisten konnte, weil sie sich erpreßbar macht, wenn sie das durchgehen lässt. An dieser Stelle unmittelbar den ökonomischen Nutzen zu suchen, das ist die eine extreme Seite einer falschen Imperialismustheorie. Das andere Extrem besteht darin, den Bezug zur Ökonomie gar nicht mehr zu sehen, den Zusammenhang ganz zu kappen und beispielsweise zu sagen, die Deutschen sind halt so. Das sind Leute, die streben nach Großmacht und reiten sich dabei immer in die Scheiße, das hat mit dem Kapitalismus gar nichts zu tun. Noch extremer ist die im bürgerlichen Lager sehr verbreitete Theorie, derzufolge ausländische Abenteuer gemacht werden, um das Volk nach innen zusammenzuschweißen, um von Widersprüchen im Inneren abzulenken.
Wie ist der wirkliche Zusammenhang? Wie kriegt man heraus, warum Staaten bis zum Krieg sich außenpolitisch so aufführen? Ein kurzer Hinweis aufs Innen, weil sich bereits da die Bedeutung der Gewalt für diese Produktionsweise zeigt. Kein Geschäft würde gehen, die Kapitalisten könnten zumachen, wenn nicht der Staat mit seiner Gewalt sowohl das Recht auf Eigentum garantieren würde wie auch die Konkurrenz der Kapitalisten untereinander. Dieses freie Konkurrenzgeschäft wäre ohne die staatliche Gewaltgarantie unmöglich. Erst recht nach außen. Es gibt keine Ware, die über die Grenze geht beim Warenexport, es gibt keinen Kapitalexport, ohne daß die Staatsgewalt diese Möglichkeit eröffnet bzw. die Zustimmung des fremden Willens einer anderen Staatsgewalt dazu vorhanden ist. Selbst der freie Weltmarkt ist ein Ergebnis des Einvernehmens dieser verschiedenen Staatsgewalten; und auch einen Multi gäb’ es nicht, wenn nicht die Staatsgewalt dahinter stecken würde. Der Weltmarkt – dahinter lauert an allen Ecken und Enden Gewalt. Weiter noch: Wenn es auf dem Weltmarkt Gewinner und Verliere gibt, Nationen, deren Währung schlecht dasteht, die schlechte Außenwirtschaftsbilanzen haben, dann merkt man, daß sie schon wissen, wie man sich dagegen wappnen muß, als Verlierer dazustehen, nämlich mit seiner Gewaltmaschinerie.
Es muß einfach erklärt werden, warum es eine Selbstverständlichkeit aller dieser kapitalistischen Staaten ist, soundsoviel an Reichtum in ihr Militärpotential zu stecken. Es muß erklärt werden, warum die Nationen so viel Wert darauf legen, außenpolitisch sich andere Nationen gefügig zu machen. Hier ist der Knackpunkt. Wenn es bei internationalen Geschäften, bei Ausnutzung von Reichtum, Land und Leuten anderer Nationen so sehr auf die Gewalt ankommt, die das absichert, die das erst eröffnet, dann trennen sich tatsächlich Außen- und Militärpolitik völlig von jeglicher Nutzenkalkulation, die da besagen würde, daß es auf den Profit ankommt, der damit gesteigert wird. Das führt wirklich ein Eigenleben.
Es stimmt, daß Imperialismus so etwas wie Machtpolitik pur ist. Daß es nicht darauf ankommt, was das Militär kostet, daß es da nicht darauf ankommt, was dabei unmittelbar fürs Kapital herausspringt. Diese Trennung ist die ganze Schwierigkeit. Das ist implizit und explizit in sämtlichen Referaten hier so gewesen, daß man sich daran abarbeitet und nicht rauskriegt, wie das Verhältnis ist, daß man den Zusammenhang nicht erklären kann, warum sich denn außenpolitische Gewalt von der kapitalistischen Grundlage und dem Geschäftsmäßigem trennt. Der Grund ist die Ökonomie, die Reichtumsquelle; die Form ist das Ausüben von Gewalt, das Streben danach, Einfluß zu haben, zuständig zu sein, andere Länder erpressen zu können, abhängig zu machen. Nur wenn der Zusammenhang so gefaßt wird, läßt sich erklären, daß es tatsächlich auf diesem Felde der politischen Konkurrenz, der militärischen Konkurrenz, ein Ideal gibt: nämlich Weltmacht zu werden. Alle anderen Nationen sich unterzuordnen, damit über die Unterordnung diese anderen Nationen zu benutzen sind. Da sind wir wieder beim Reichtum. Nur so ist zu erklären, daß die USA es ja tatsächlich schon verwirklicht haben, als Weltmacht eine ganze Weltordnung zu bestimmen und lauter supranationale Institutionen einzurichten zum eigenen Nutzen.
Wenn man das hat, dann kann man auch die Frage beantworten – das geht jetzt auf den deutschen Imperialismus –, was wollen die denn mit Europa, was haben die denn da sich vorgenommen. Ja, klar: gegenüber den USA nicht einfach eine ökonomische konkurrenzfähige Macht aufzustellen, sondern eine politische Macht. Das ist das Ziel gewesen, von Anfang an, eine politische Weltmacht aufzubauen und die Unterordnung unter die USA zu beenden. Zweiter Punkt: Was wollen denn die Deutschen in Jugoslawien? Da ist von Nutzen ökonomischer Art hinten und vorne nichts zu sehen. Alle Staaten erklären sich zuständig, und was findet statt? Ein Kampf um diese Zuständigkeit zwischen Deutschland und den europäischen Nationen und den USA. Nur so ist zu erklären, was da gegenwärtig abläuft. Oder: Was wollen denn die Deutschen in Somalia? Gibt es da was zu holen? Das ist ein Schritt der Deutschen, um in dem Ding »Weltordnung«, das während der Existenz der Russen zustandegekommen ist, weiter zu kommen und diese Weltordnung mitzubestimmen.
Ein letzter Punkt: die Wichtigkeit des Rückzugs, des selbständigen, freiwilligen Rückzugs der Russen als Gegner des westlichen Imperialismus. Alles, was unter der Konkurrenz zwischen den Systemen zustandegekommen ist, die westliche Weltordnung, wird gegenwärtig in Frage gestellt. Während der Existenz der Sowjetunion war die Konkurrenz der Nationen im Westen sistiert. Das ist jetzt vorbei, man merkt, daß die Nationen gegenwärtig dabei sind, sich aus diesen Bündnissen zu emanzipieren. Es gibt sie noch, das ist ja auch das Problem, aber die Nationen, die Deutschen vor allem, arbeiten sich daran ab, sich aus diesen Bündniszusammenhängen, aus dieser Unterordnung unter die USA zu emanzipieren.

Aus einem aufgegebenen Projekt, 3

Einleitung zu einer Auseinandersetzung mit »Herr Vogt«, einer Polemik, die Marx 1860 schrieb und unmittelbar darauf auch veröffentlichte (in England, aber in deutscher Sprache).

Dieses Werk ist sein mit Abstand am wenigsten rezipiertes: Es gibt überhaupt nur zwei deutsche Einzelausgaben, die erste erschien 1927, die zweite 1953 (Dietz, Ostberlin), immerhin – es gibt Übersetzungen ins englische, italienische, chinesische und serbokroatische. Sekundärliteratur: nahezu Fehlanzeige, vereinzelte Aufsätze, eine deutschsprachige Doktorarbeit (Günter Helmholz, Zur Geschichte der Entstehung des Werkes »Herr Vogt« von Karl Marx, Halle 1975).
»Herr Vogt« ist im Rahmen der MEW (Band 14) und der zweiten MEGA (erste Abteilung, Band 18) erschienen, ganz verschwunden ist es also nicht. Auch die einschlägigen Biographen (Mehring etc.) gehen auf Werk ein, behandeln es aber auch nicht mit der Dringlichkeit, die Marx der Schrift selbst beigemessen hat. »Herr Vogt« gilt als Werk seiner Zeit, das darüber hinaus ohne Relevanz für die Marxsche Ökonomie- und Politik-Kritik ist.
Aber kann es wirklich sein, dass es zwei Marx’ gibt? Einen Wissenschaftler und Forscher, der jahrzehntelang an seinem KAPITAL rumpuzzelt und einen Politiker, der, völlig losgelöst, so scheint’s, von der Kritik der Politischen Ökonomie sich in tagesbezogene Polemiken verrennt?

Am Anfang war es einfach nur die Neugier, mal in ein Werk reinzuschauen, das für Marx höchste Priorität besaß, dass für die meisten seiner Rezipienten noch nicht mal in den Rang einer Fußnoten-Erwähnung kommt. Sie hat sich gelohnt. »Herr Vogt« könnte, wenn man als Leser es denn wollte, von großer Bedeutung sein, die Demokratie- und Politik-Kritik Marxens herauszuarbeiten.

Nachdem hier bloß die, sagen wir, formalen Rahmenbedingungen einer Vogt-Lektüre geschildert wurden (wovon redet der Typ eigentlich?? Geduld, Geduld!), geht es in medias res.
Folgender Text stammt von 2007, ist fragmentarisch (vor allem zum Ende hin), war ursprünglich für eine gruppeninterne Diskussion gedacht und ist also hier um alle internen Bezüge gekürzt. Weitere Notizen zum »Vogt« werden wollen.

Es ist wirklich eine Ungeheuerlichkeit: Marx unterbricht für wenigstens ein Jahr die Arbeit am Kapital (er nimmt die Arbeit sogar erst wieder im Sommer 1861 auf)! Und zwar nicht wegen einer hochdotierten Auftragsarbeit, sondern fast schon wegen einer Posse: Der »Vogt« fängt damit an, dass Marx über einen Prozess berichtet, den er angestrengt hat und der niedergeschlagen wurde. Marx handelt auf eigene Rechnung. Er möchte mit einem bürgerlich-oppositionellen Politiker, Carl Vogt, abrechnen, der mitnichten der Sache des Fortschritts dient, sondern bei aller demokratischen Phraseologie reaktionären Absichten verfolgt und dabei etliche Gelegenheiten genutzt hat, über die wahren Oppositionellen (Marx) Lügen zu verbreiten, ja: ihnen handgreiflichen Schaden zufügt – Betreibung der Ausweisung Liebknechts aus der Schweiz etc.pp.
Marx zieht diese Abrechnung nicht abstrakt auf – also nicht à la: »Bürgerlicher Opposition – wie geht das?« –, sondern anhand konkreter Vorgänge, die mittlerweile 150 Jahre verblichen sind: Es gibt eine französisch-piemontesisch-russische Verschwörung gegen Österreich. Das Königreich Piemont will die italienische Vereinigung von oben, die Russen wollen die Vorherrschaft auf den Balkan, Frankreich will letztlich Preußen schwächen, um in den Besitz des Rheinlands zu kommen. Piemont bricht also einen Krieg gegen Österreich vom Zaun, um etwa Venedig zu erobern und vor allem aber, um Österreich entscheidend zu schwächen. Der Plan geht letztlich nicht auf, aber das ist für Marx, den diese militäranalytischen Angelegenheiten sowieso eher stressen, auch schon nebensächlich. Er will folgendes zeigen:

1. Der Krieg funktioniert nur auf Basis des Einigungsnationalismus. Indem Marx die reaktionären Absichten dieses Krieges analysiert, verabschiedet er sich von dem Konzept der nationalen Einigung als Voraussetzung demokratisch-aufgeklärter Politik, »Herr Vogt« ist eine Abrechnung mit seinen 48er Bündnispartnern.
2. Bonarpartismus ist kein auf Frankreich beschränktes Phänomen, sondern ein internationales, folglich muss man von einem Russo-Bonapartismus sprechen (und hier wird klar, warum ausgerechnet die Jugoslawen 1955 eine eigene »Herr Vogt«-Ausgabe veranstaltet haben).
3. Die alten 48er spielen dabei die Rolle des nützlichen Idioten –mehr noch: die des aktiven Intriganten! Das ist der Punkt, an dem der reale Herr Vogt seine Rolle zu spielen beginnt.

Marx macht diesen langen Umweg, um zu seiner Kritik bürgerlich-demokratischer Politiker zu kommen. Das lässt diese sehr zeitbezogene Schrift auf den ersten Blick so hermetisch erscheinen, aber man täuscht sich, wie folgendes Zitat schlagend demonstriert!

»Bonaparte möchte als der patriarchalische Wohltäter aller Klassen erscheinen. Aber er kann keiner geben, ohne der andern zu nehmen. Wie man zur Zeit der Fronde vom Herzog von Guise sagte, daß er der obligeanteste Mann von Frankreich sei, weil er alle seine Güter in Obligationen seiner Partisanen gegen ihn verwandelt habe, so möchte Bonaparte der obligeanteste Mann von Frankreich sein und alles Eigentum, alle Arbeit Frankreichs in eine persönliche Obligation gegen sich verwandeln. Er möchte ganz Frankreich stehlen, um es an Frankreich zu verschenken, oder vielmehr um Frankreich mit französischem Gelde wiederkaufen zu können, denn als Chef der Bande vom 10. Dezember muß er kaufen, was ihm gehören soll. Und zu dem Institute des Kaufens werden alle Staatsinstitute, der Senat, der Staatsrat, der gesetzgebende Körper, die Gerichte, die Ehrenlegion, die Soldatenmedaille, die Waschhäuser, die Staatsbauten, die Eisenbahnen, der état major der Nationalgarde ohne Gemeine, die konfiszierten Güter des Hauses Orléans. Zum Kaufmittel wird jeder Platz in der Armee und der Regierungsmaschine.«

Wenn man die historischen Bezüge (die im KAPITAL in die Fußnoten abgedrängt sind) etwas sortiert und sie sich dann ein wenig plausibilisiert resp. vergegenwärtigt, dann hat man die Umwandlung der Telekom in eine Aktiengesellschaft und die Propagierung der T-Aktie als Volksaktie und die Alternative zum Sparbuch vor Augen. Das ist jetzt sehr assoziativ, aber ich will damit sagen: Man findet Hinweise in Hülle und Fülle, wie populär-demokratische Politik bis heute funktioniert. Die »Transformation der Demokratie« – die führt ja schon der Marx vor!
»Herr Vogt« ist scharfsinnig, man sollte diese Polemik als Fortsetzung des 18. Brumaire lesen, nicht nur literarisch und werkimmanent, sondern inhaltlich – Marx‘ Politikkritik differenziert sich im Vogt weiter aus! Damit könnte man jetzt viele Neo-Marxologen von ihrer durch die KAPITAL-Lektüre Michael-Heinrich-Brille weglocken und sie zugleich frustrieren, denn das machts für sie wieder öde: Staatskritik und Ökonomiekritik stehen hier relativ unverbunden nebeneinander. Es gibt in der Tat keinen direkten Weg vom Vogt zum KAPITAL, und das, obwohl beide Werke in einen theoretischen Zusammenhang gehören. Das hat m.E. drei Gründe:
A) Biographische (Marx kam zu Lebzeiten nicht dazu, sein Buch vom Staat fehlt).
B) Theorieimmanente (seine verkürzte Hegel- Kritik von 1843, die er nicht revidiert, sondern: er setzt ja zu einer kompletten Neulektüre an und verfolgt mit ihr andere Absichten!)
C) Realhistorische (Entwicklung des Staatswesens – den Komplex Sozialstaat, parlamentarische Demokratie, Sozialpartnerschaft gab es damals noch nicht, Marx/Engels. haben den Staat als das analysiert, was er damals in erster und ganz ungeschminkt Linie war: eine Kriegsmaschine).

Aus einem aufgegebenen Projekt, 2

Stichwort zur Rationalisierung (2007)

Der Staat garantiert die Rationalisierung. Ausbeutung gibt es – das ist ein Fakt. Aber ab einem bestimmten Punkt seiner Entwicklung braucht der Kapitalismus den Staat, um bestimmte Szenarien in Gang zu setzen. Soll heißen: Der Staat gibt den Anstoß zur Rationalisierung, sie ist eine Wirkung des Staates. Die besten Beispiele sind nach wie vor die Verstaatlichung von Post und Eisenbahn vor 150 Jahren. Zu einer Zeit als ein Betrieb mit mehr als fünf Arbeitern bereits ein Betrieb mittlerer Größe ist, sind Eisenbahn und Post gigantische Unternehmen – auf sie geht ja das Wort »Betrieb« erst zurück! Der Triebriemen, der den Zusammenhalt und den reibungslosen Ablauf garantiert, der Betrieb als das soziale Neutrale (Gemeinwirtschaft), das den Kapitalismus wie den Sozialismus erst am Leben erhält. Die Tatsache, dass die herausragenden kommunistischen Rationalisierungskritiker der 20er Jahre wie Günter Reimann erst eindringlich die Brutalität kapitalistischer Rationalisierung zeigen und dann die wissenschaftliche Betriebsführung in der Sowjtunion bejubeln; dass Jakob Walcher in seiner Ford-Studie den Fordismus regelrecht zerlegt, aber dann – sozialistische POLITIKverhältnisse vorausgesetzt – der Rationalität jener wissenschaftlichen Betriebsführung einen emanzipatorischen Kern zubilligt, hat genau mit dieser Art Staatsgläubigkeit zu tun: Wenn wir die Staatsmacht innehaben, dann haben wir auch die Kontrolle über die Rationalisierung (oder abstrakter gesprochen: Dann haben wir auch die Kontrolle übers Geld, über den Wert, über die Verteilung der Arbeitsquanta). Dann drehen die Arbeiter das um – und nicht mehr kommandiert sie das Geld, sondern sie sind jetzt am Drücker.

Hinweise
Jakob Walcher, Ford oder Marx. Die praktische Lösung der sozialen Frage, Berlin: Neuer Deutscher Verlag, 1925.
Günter Reimann, Das deutsche »Wirtschaftswunder«. Taylor-System – Ford-Methoden – Der Raub an der Arbeitskraft – Die Entwicklung der deutschen Wirtschaftskrise – Aus deutschen Großbetrieben – Rationalisierung und Frauenarbeit (mit einem Beitrag Maria Seyring), Berlin: Vereinigung internationaler Verlagsanstalten, 1927.

Besser Schießen mit Hobbes, Marx und Freud

Verlagsankündigung ca ira, Sommer 2009:
»Gerhard Scheit, Der Wahn vom Weltsouverän. Zur Kritik des Völkerrechts«
Der Wahn untergräbt den westlichen Begriff des Souveräns wie er Israel als Widersacher des ewigen Friedens der Völker attackiert. Wenn dagegen der Judenstaat das Leben derer verteidigt, die unausgesetzt der antisemitische Haß bedroht, verteidigt er zugleich jenen Begriff. Es bleibt das Staunen, mit welcher Bestimmtheit die Erkenntnisse von Hobbes, Marx und Freud die Denunziation des Wahns explizieren können, die Israels Defense Forces täglich in die Praxis umsetzen müssen. Ihm verdankt sich dieses Buch.

Gestern in der FAZ:
Der Vorgesetzte habe den Palästinenser jedoch bis auf 20 Meter Entfernung herankommen lassen und dann erst den Scharfschützen den Schießbefehl erteilt. »Das ist der Eröffnungstreffer für den heutigen Abend«, habe er danach gerufen. Auf die Frage, weshalb er keine Warnschüsse erlaubt habe, erwiderte er: »Es ist Nacht, und das ist ein Terrorist.« Später hätten sie die Leiche untersucht und weder Waffen noch Sprengstoff gefunden, sagen die Soldaten, die den Vorfall miterlebten.

Die Herrschaft der vergangenen Arbeit über die gegenwärtige (Fortsetzung und Schluss)

Dritter (abschließender) Teil unserer kleinen Reihe. Nach einer Einführung von Willy Huhn und einem Hinweis von Günther Anders jetzt zum Abschluss ein literarischer Text von Volker Braun. Braun, Büchner-Preisträger von 2000, aber als Dramatiker, Essayist und selbst als Prosa-Autor nahezu verdrängt (allein als Lyriker ist er heute kanonisiert), ist in den letzten zwanzig Jahren dafür, dass er Marxist geblieben ist, von den Linken mit Ignoranz gestraft worden. Der folgende Text ist eine geschlossene Sequenz aus seinem „Hinze-Kunze-Roman“, der in den 70er/80er Jahren in Berlin auf dem Prenzlauer Berg spielt und die Erlebnisse und Verwicklungen des verdienten Funktionärs Kunze und seinem Fahrer Hinze berichtet. Braun konnte nach langem Gezeter tatsächlich in der DDR erscheinen lassen (1985), zeitgleich erschien er im Westen bei Suhrkamp.
Wer im folgenden genauer hinschaut, entdeckt natürlich, dass die Fabrikrealität, die Braun beschreibt, eine „realsozialistische“ gewesen ist. Das ist aber nicht das Entscheidende. Es liegt im Gegenteil — darin, dass dieser Text nahezu universell lesbar ist, also auch „unsere“ Fabrikrealität erfasst.
Der Hinze-Kunze-Roman, von Suhrkamp noch als lieferbar gemeldet, sei hiermit nachdrücklichst zur Lektüre empfohlen. Die folgende Passage stammt aus der Suhrkamp-Taschenbuch-Ausgabe von 1988, S.82ff. Der Text weist auch im Original keinerlei Absätze auf.

Der Kampf war seit langem im Gange. Als Hinze zum erstenmal die Fabrik betrat, war sie schon vom Getöse erfüllt, die Säle, die Büros, vom stummen Gemetzel. Hinze nahm es zunächst nicht wahr; er ging ahnungslos hinein, mit seinen schwachen kindlichen Gliedern, seinem Milchgesicht, seinen zwei linken Pfoten, nichts als Flausen im Kopf. Eine unbeschriebene Haut! Er wurde an eine alte Maschine gestellt, seinen Platz. Er atmete die ungewohnte Luft, Öl, Eisen, ein schwerer, erregender Geruch. Die Älteren sahn prüfend zu ihm her, ihrem Kameraden: wie würde er sich schlagen? Die Maschine, die Großmutter, klapprig und kaum noch zu beleidigen von seinen raschen ungelenken Händen, brachte ihm langsam die Griffe bei. Es war ein abgestumpftes aber im Grunde gemütliches Ding, das ihm nichtsdestoweniger auf die Sprünge und zum ersten Spaß half. Was herauskam am Schichtende lag unter der Norm, blanke aber ungenaue Teile: bis er seinen Ehrgeiz darein setzte, den gehörigen Berg Werkstücke hinzusetzen, auf den hier alles versessen war. Das war der Augenblick, in dem er in die Schlacht ging. Noch wußte er nicht, was er tat, wer hier gegen wen oder was antrat. Noch dachte er, daß er sich nur ausprobierte, daß er gegen sich selbst kämpfte, seine Müdigkeit früh um sechs, seine Unlust gegen elf, seine laweden Knochen. Er nahm es als Sport. Er ließ sich an die neueste Revolverdrehbank delegieren und versuchte, sie auszuholen wie die erfahrenen Dreher. Er beobachtete Form und Farbe des Spans, seine Zerrissenheit, die beschmolzene Schneide des Werkzeugs, das er in falschem Winkel oder bei zu hoher Drehzahl an das Eisen stellte. Er lernte die rasenden Zusammenhänge Schneidenwinkel Spantiefe Vorschub und Schnittgeschwindigkeit, die sein Gehirn ins Rotieren brachten und alles überflüssige Denken herausspritzten. Er mußte bei der Sache sein. Er wurde lebendig. Er mußte, was die Maschine hergab, aus sich selber holen bzw. sie riß es aus ihm heraus, einem ölverschmierten, schwitzenden, fröhlichen, besessenen Mann! Einem andern, den er nicht gekannt hatte, den er nicht vermutet hatte in seinem Fleisch, einem komischen kleinen Athleten, der den anderen Männern glich. Man grüßte ihn, die Hand an die Mütze, man steckte ihm die Zigarette ins Maul. Er hätte die Maschine umarmen mögen, aber er foppte sie bloß, er brachte sie auf Touren, rücksichtsvoll, zuvorkommend, aber bis zum letzten Effet. Hinter ihm und neben ihm lagen die fertigen Teile, Kurbelwellen, Walzen, stapelten sich auf Paletten, wurden fortgezogen und blieben in seinem Kopf, und kamen wieder auf weißen Listen, Stückzahlen, Sollmengen, an denen er gemessen wurde. Die sich drohend hinter ihm erhoben. Die ihm im Nacken saßen. Totes Zeug, das ihn nichts anging, von dem er abhängig war. Er wollte noch mehr davon über den Schlitten wirbeln, mit Lust und Tücke, die Maschine verstand nicht gut, er geriet in Wut. Sie zwang ihn zu immer denselben Bewegungen, die er spielerisch, wie ein Tänzer vollführte, oder wie ein Affe, am späten Vormittag, wie ein Idiot! Und zu denselben Gedanken im schwirrenden Kopf, die er vergessen konnte. Sie lief stur mit leisem Geheul, er stand, ein dressierter Dompteur, im Käfig. In schwarzen lächerlichen Schuhen am Betonboden festgelötet, seine Armstümpfe an der zerknitterten Brust. Eisenhaufen auf seinem Schädel. Seine Produkte. In diesen Momenten ahnte er, worum es hier ging. Das war kein Sport, das war grausamer Ernst. Diese lebendigen Leute hier, Spitzendreher, Bestarbeiter, standen im Krieg gegen tote Dinge, die sich anhäuften, das Vergangene, das Erloschene, das sich wie Lava in die Halle wälzte. Das Erschrecken über diese Entdeckung hätte Hinze vermutlich zerschmettert und zu der üblichen sechswöchigen Krankschreibung geführt, aber es kam immer Arm in Arm mit einer voluminösen Freude. Er stak hier nämlich nicht allein in dem Schlamassel, sie waren eine Truppe ausgelernte Haudegen. Auch wenn sie sich nicht ansahn, gezwängt an Dreh-, Bohr-, Fräsmaschinen und numerisch gesteuerten Fließreihen, oder zuhörten in dem Gerassel. Auch wenn sie im Wettbewerb standen sie beieinander. Wenn sie sich übertrafen, diese toten Dinge zu vermehren! sie machten alle den Buckel krumm, gegen die Gefahr lebendig begraben zu werden vor der Rente. Die langen und die Dünnen, die Deutschen und die Polen, die Weißen und die Gelben, in der gleichen Montur. Auch die Meister, in ihren zu engen Jacken, konnte man zu ihnen zählen: die noch auf das Werkzeug schauten und nicht nur auf das Endergebnis. Die Abteilungsleiter und die Direktoren kannte man flüchtig als anteilnehmende Personen, obwohl sie über dem Kampf zu stehn schienen oder die Fronten wechselten, mit ihren Tabellen und Rechenschiebern. Ihren Planziffern und rotweißen Losungen, die ihnen aus der Schnauze hingen. Am Monatsende wurden sie leicht zu Feinden, die, hinter den Ausschussstapeln, blödsinnig in die Menge schossen. Die Schlacht hatte offensichtlich ihre eigene Logik, die der Mensch erst begreifen mußte. Sie nagelte die Leute in die Maschinenstraßen oder hob sie in schwindelnde Büros, auf die Kommandoposten, wo sie mit lebendiger Stimme tote Sätze riefen. Hinze, einem harmlosen Mann, der freundlich zwischen den Standpunkten vermittelte, standen aufreibende Erfahrungen bevor. Zwar sah er die Zusammenhänge von Planauflage Eigeninitiative Wohlstand und Rationalisierung, die ihn vom Stuhl rissen in der Versammlung und selbstvergessen reden machten. Und es war ein Spaß, Vorschläge hinzublättern und die anmaßenden Referenten in ihren Quark zu stippen. Dann war er wer, er war angesehn am roten Brett. Er entwickelte sich mit der Gesellschaft, sie verlangte nach ihm. Das war schon ein Glück. Man war sich ja einig, heutzutage, man diskutierte frisch, man ging höchst beweglich taktisch miteinander um. Aber zwischen ihnen, hinter ihnen, über ihnen stand etwas, wurde fest, geronnene, rostige Verhältnisse. Nicht daß sie undurchdringlich waren, man erreichte diesen und jenen, man konnte manchmal etwas ausrichten in der Halle. Aber die Mühe, der Kampf! Und draußen stand der Nebel wie eine Wand. Draußen, wo die größeren Dinge liefen, von denen alles abhing, draußen, wo die Weichen gestellt wurden. Er fuhr seine Maschine, seine Anlage, seinen Wagen, auf dem festgeschriebenen Gleis. Natürlich wurde daran gedreht. All diese lebendigen Leute, vom Dreher bis zum Generaldirektor, versuchten die Strukturen zu durchlöchern, sich kurzzuschließen, die Ebenen zu überspringen. Sie setzten die üblichen Waffen ein, die furchtbarste: das Vertrauen. Dagegen half nur ein Mittel: Entzug der Informationen. Die Institutionen, Produkte langjähriger Arbeit von oben herab, die sich in der Landschaft festgesetzt hatten wie ägyptische Pyramiden, wehrten sich mit den alten, plumpen Methoden, Tricks, zu denen ihre Mumien noch fähig waren. Das hat Hinze nie ganz begriffen, diese Dimension des Kampfes ging ihm nicht auf. Er war Detailarbeiter. Und doch ahnte er zuletzt, daß es um das Ganze ging. Er lebte längst in den besseren Zeiten. Er hatte alles, hieß es. Ihm gehörten die Maschinen, jedenfalls nicht Krupp Flick Thyssen. Auf den Stühlen saßen seine Leute, konnte man sagen. Es war, sozusagen, sein Staat. Aber er stand noch immer im Kampf! Der Kampf war nicht entschieden! Es war nicht viel gewonnen! Was herrschte hier? Das Tote, die Dinge, die Pyramide, oder seine Arbeit? Das Tote, oder das Lebendige? Er wechselte die Drehbank, er wechselte den Betrieb, er wechselte den Beruf. Er blieb im Clinch mit den gemachten, den vergangnen, den angehäuften Formen. Die herrschende, die angeherrschte Klasse. Da machte Hinze, gelernter Dreher, Bestarbeiter, in den besseren Zeiten, eine sensationelle Entdeckung. Es gab nichts außer ihnen selbst, was ihrem Leben Sinn gab. Was sie nicht waren und taten und entschieden, war der Tod. Er hielt in der Arbeit inne, sah auf das verbissene Getümmel, das aschgraue, mit Grünpflanzen getarnte Schlachtfeld. Er hatte nie etwas anderes gesehen, Er wußte nicht, wann der Kampf begonnen hatte. Aber alles deutete darauf hin, daß eine Entscheidung fallen mußte. So oder so; denn der Kampf hatte alles und jeden bis in die Fasern ergriffen. Entweder würden sie in den mächtigen eisernen Bedingungen verschwinden, oder sie müßten sie zerbrechen, wie der Falter die Larve sprengt. Nicht mit einem Flügelschlag, aber um zu fliegen, um sich zu entfalten! Er blickte starr in die Halle hinein, er konzentrierte sich auf das Ende. Die ahnungslose Truppe putze die Schlitten vor Feierabend, vom Fight gezeichnete Gestalten. Er stellte sich das Finish vor, ein sagenhaftes Jahrtausend. Er ging durch das Tor hinaus, mit allen anderen durch die akkurate, neonbeleuchtete Unterführung. Er schritt aus, den Kopf zur Seite gedreht, skeptischen Blicks nach hinten, seine Lippen fest aufeinander, die Mundwinkel eine Spur herabgezogen, die Stirn gefurcht, Gesichtsfarbe ungesund gelblichbraun, ein Krieger, der den Tod gesehn hat, am gestreckten Arm die Faust geballt um die Lohntüte.